Teil 05

Luisa

Auf jeden Fall heißt es jetzt, ein ganz neues Sicherheitskonzept zu entwerfen. Die Kulturbürgermeisterin will es lieber gestern als heute auf ihrem Schreibtisch haben. Es ist also alles ganz genau so gelaufen, wie wir es gewollt haben. Wenn wir jetzt richtig nachlegen, sind wir ganz dick im Geschäft mit den Museen in Deutschland. Vielleicht sogar über die Grenzen hinaus«, schloss Luisa ihren Bericht in den Räumen der Detektei Sander+Frenzel ab.

Flix grinste so breit und selbstgefällig, dass Luisa sich über ihre Freundin innerlich schrecklich amüsieren musste. Aber gegenüber den Angestellten war das ja nicht angesagt. Zumindest in ihrem professionellen Verständnis. Flix hingegen hatte überhaupt keine Bedenken, sich albern zu zeigen und gewohnt idiotische Sachen abzuziehen.

Die Geschäfte liefen schon vor diesem Auftrag sehr gut. So gut, dass sie sich vor einem Jahr diese überdimensionierten Geschäftsräume angemietet hatten. Inklusive Halbtags-Sekretärin. Saskia Bauer saß Flix gegenüber und grinste mit ihr mit. Sie war für jeden Schabernack zu haben. Frédérique Tomme war seit zwei Monaten ihr neuester Zugang und sah fast so ernst aus wie Luisa. Eine Computerspezialistin hatte ihnen noch gefehlt, und Luisa hatte sie über ihre Polizeikontakte aufgetrieben. Sie war zwar bisher noch nicht mit Rike – wie sie sich nennen ließ – warm geworden, aber rein professionell lief es bisher sehr gut. Sie hatten die richtige Wahl getroffen. Flix fand das auch. Die hatte natürlich wie immer sofort Freundschaft geschlossen. Soweit man Freundschaft mit der etwas zurückhaltenden Frau schließen konnte.

Die Stimmung war gelöst, trotz professionellem Setting. Sie saßen mit ihren frisch gefüllten Kaffeetassen und Sandwiches am Besprechungstisch – einem günstigen Ikeamöbel, das absolut seinen Zweck erfüllte. Eine kurze Mittagspause, bevor es genauso hektisch weiterging, wie der Vormittag angefangen hatte. Vielleicht war eine neue Mitarbeiterin einfach zu wenig. Vielleicht sollten sie noch jemanden suchen, überlegte Luisa, während sie einen Bissen ihres Mozzarellatramezzini kaute. Schließlich wollte sie auch noch Zeit mit ihrer Freundin verbringen, in der sie nicht arbeiten mussten.

Flix riss sie aus ihren Gedanken. »Hast du auch gesagt, dass der alberne Kittel, in dem die Frauen putzen müssen, verschwinden muss? Das ist ein Verstoß gegen die Menschenrechte.«

Typisch Flix. Völlig am Thema vorbei. Und so endlos liebenswert, dass Luisa sie am liebsten sofort dafür geknutscht hätte, wenn das nicht ihrem mühsam errichteten Image der sachlichen Chefin vollkommen widersprochen hätte.

»Das habe ich natürlich nicht gesagt! Du weißt genau, dass das Ganze eh schon riskant genug war. Auch ohne dass ich ihnen aufs Brot schmiere, wie genau du an die Flöte gekommen bist.«

Flix warf gekonnt eine Kirschtomate in die Luft, die dann gezielt in ihrem Mund landete. Alte Angeberin, geliebte. Kauend wandte sie ein: »Wir werden es ihnen sowieso sagen müssen. Schon allein damit nicht jemand anderes auf die gleiche Idee kommt.«

Ihre beiden Angestellten hielten sich aus der Auseinandersetzung wohlweislich heraus. Saskia, weil sie sich eigentlich nie inhaltlich beteiligte, wenn es nicht gerade um konkrete Büroangelegenheiten ging. Und Rike musste dezidiert um ihre Meinung gebeten werden. Was sie dann sagte, war immer erschreckend auf den Punkt und durchdacht. Ungefragt mischte sie sich jedoch so gut wie nie ein. Vor allem, wenn sich die Chefinnen ein bisschen kabbelten wie jetzt gerade. Luisa hoffte, dass sich das mit der Zeit noch ändern würde.

Jetzt führte sie ihren Sachstreit mit Flix eben allein aus. »Im Zuge der Neustrukturierung ihrer Sicherheitsmaßnahmen«, konterte sie ihrer Freundin, die wie immer alles zu locker nahm, »ist das natürlich angebracht. Aber heute hätte es die Gemüter nur noch mehr in Wallung gebracht.«

Das ließ Flix aufhorchen. »Die Gemüter waren in Wallung?«, fragte sie erfreut. »Besonders nach meinem Zettel, was? Ich hätte die Gesichter zu gern gesehen.«

Rike musste über Flix’ kindliche Schadenfreude lachen. Und jetzt endlich erlaubte sie sich einen Kommentar. Wie immer brauchte es Flix und ihre unbesorgte Art, um sie aus der Reserve zu locken. »Das hättest du wirklich sehen müssen. Ich dachte, der Kuratorin fallen ihre Inlays raus. Und das Lachen der Kulturbürgermeisterin hätte fast die Fensterscheiben zum Bersten gebracht. Aber dem Sicherheitschef hättest du in dem Moment nicht gegenübersitzen wollen. Der hätte dich garantiert erwürgt.«

Flix sprang übermütig auf und rannte um den Besprechungstisch herum. »Das hätte er mal versuchen sollen. Ich bin nicht zu fassen.«

Wie recht sie hatte, konnte Rike nicht wissen. Aber Luisa wusste es und konnte auch nicht länger an sich halten. Sie musste über ihre geliebte Flix und ihre Albernheiten einfach lachen. Rike sah sie an, als ob sie plötzlich Hörner hätte oder zwei Köpfe. Vielleicht sollte sie doch öfter mal lachen im Büro? Sie wollte ja nicht die Angestellten verstören, wenn sie es mal tat. Oder zu ihrem Vater mutieren. Dieser Gedanke ernüchterte sie. Zumal sie ein Treffen mit ihm anstehen hatte.

Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass es langsam Zeit wurde zu gehen. Sie musste das erste Treffen nach ihrem Abgang aus seiner Detektei vor zwei Jahren ja nicht gleich durch Unpünktlichkeit ruinieren. Egon Sander hasste Unpünktlichkeit. Dann bräuchte sie gar nicht erst aufzutauchen.

Luisa verließ Knall auf Fall und in Gedanken die Besprechung. Sie fuhr mit dem Auto in ihr altes Revier. Oder besser gesagt, das Revier rund um die alte Detektei Sander, die sie wie ihre Westentasche kannte, aber nicht mochte.

Sie betrat das Sportwettencafé und sah ihren Vater sofort. Ein furchtbarer Treffpunkt, aber es war sein Vorschlag gewesen. Es passte zu ihm wie die Faust aufs Auge.

Die Raucherkneipe beherbergte mehrere Spielautomaten, zwei riesige Fernseher, auf denen durchgehend Sky Sport lief, und die Sorte männliche Klientel, mit der sich ihr Vater schon seit Jahren am wohlsten fühlte.

Luisa erwartete nicht besonders viel von dieser Begegnung. Eigentlich wappnete sie sich sogar für alles Schlechte, was da kommen konnte. Es konnte eigentlich nichts Gutes sein, war es schließlich noch nie. Warum war sie eigentlich überhaupt gekommen? Fast ärgerte sie sich über sich selbst. Sie hatte sich doch bei ihrem Abgang geschworen, dass sie mit ihm fertig war. Aber er war eben ihr Vater.

Egon Sander saß an einem Spielautomaten und schien sich nicht darum zu kümmern, was um ihn herum vor sich ging. Aber sie wusste, das täuschte. Ihr Vater war einer der besten Observierer, den sie kannte. Er hatte Augen am Hinterkopf und wusste mit Sicherheit schon, dass sie die Örtlichkeit betreten hatte.

Sie ging zu ihm. »Du wolltest mich sprechen«, kam sie sofort auf den Punkt. Auf Höflichkeitsfloskeln hatte er noch nie Wert gelegt.

Er zuckte noch nicht einmal mit der Wimper, dass seine Tochter, die er fast zwei Jahre nicht gesehen hatte, ihn noch nicht einmal begrüßte und nach seinem Befinden fragte. »Hol dir ein Bier, du fällst sonst auf.« Sein üblicher schlechtgelaunter Tonfall. Er schenkte ihr nicht einmal einen Blick.

Warum es etwas ausmachte, dass sie auffiel, war ihr zwar schleierhaft, aber okay. Luisa tat, wie ihr geheißen. Aber nur, weil sie heute gnädig gestimmt war nach ihrem Termin im Museum für alte Kulturen. Sie brachte ihm auch ein frisches mit und stellte es neben den rasselnden und blinkenden Spielautomaten, dem allem Anschein nach Egon Sanders ganze Aufmerksamkeit gehörte.

Seit ihrem Abgang aus seiner Detektei hatten sie keinen nennenswerten Kontakt mehr gehabt. E-Mails – das war’s. Sehr, sehr knappe E-Mails. Wenn es eine Kontaktaufnahme gab, ging sie stets von ihm aus.

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