Teil 06

Luisa war klar, dass er darauf setzte, dass sie scheitern und reumütig zu ihm zurückkehren würde. Aber ihre Detektei hatte seine längst Längen hinter sich gelassen. Sie waren in ganz anderen Sphären tätig. Ohne Flix hätte sie das zwar nie geschafft, aber das musste sie ihrem Vater ja nicht auf die Nase binden. Und Flix hätte es wiederum auch nicht ohne sie geschafft. Sie ergänzten sich einfach perfekt. Und das nicht nur professionell.

»Was gibt’s?«, fragte sie, als ob es sie nicht weiter interessieren würde. Als ob es nicht ihre erste Begegnung wäre, sondern ein Treffen wie jedes andere. Ihre innere Anspannung strafte das allerdings Lügen. Um sich etwas abzulenken, trank sie einen Schluck Bier. Frisch gezapft und gar nicht übel, wenn man das Ambiente hier bedachte. Und herrlich beruhigend.

»So einiges.« Auch Egon Sander nahm einen Schluck und zögerte hinaus, konkret zu sagen, was er von ihr wollte.

Luisa ließ sich nicht anmerken, dass sie dieses Spiel schon wieder ankotzte. Ganz genau so hatte er sie jahrelang am Gängelband geführt. Es wurde ihr schlagartig wieder bewusst, warum sie damals gegangen war. Die ganzen miesen Gefühle rund um ihren Vater waren mit einem Mal wieder da. Sie hatten bisher nur an die Hintertür geklopft, aber mit dieser Hinhaltetaktik waren sie sofort wieder präsent und schnürten ihr den Hals zu.

Ihr Vater dehnte es aber heute nicht so weit aus, wie er es früher manchmal getan hatte. Er stellte sein Bier ab und sagte immer noch ohne sie anzuschauen: »Dschafarow ist wieder frei.«

Luisa verschluckte sich fast an ihrem zweiten Schluck. Der Kloß in ihrem Hals wurde fast unüberwindbar riesig. Das Bier wollte sich nicht an ihm vorbeizwängen lassen.

Egon Sander sprach weiter. »Er sinnt auf Rache. Will wissen, wer hinter seiner Verhaftung steckt.« Er warf einige Münzen in den Automaten, der zum Stillstand gekommen war.

»War zu erwarten«, versuchte sich Luisa an einer supercoolen Reaktion. Aber innerlich raste ihr Herz. Dschafarow war ein Gangster, wie er im Buche stand. Ihr Vater arbeitete schon seit Jahren für ihn. Offiziell nur für seine legalen Geschäftsbereiche, aber Luisa war lange genug involviert gewesen, um zu wissen, dass sich das nicht trennen ließ.

Als Flix, die damals noch eine Meisterdiebin de luxe war, ihm ungewollt vor zwei Jahren mit einer Einbruchsserie in die Quere kam, hatte Luisa endlich die Seiten gewechselt. Gemeinsam mit Flix hatte sie es geschafft, Dschafarow an die Staatsanwaltschaft zu liefern. Das wusste niemand außer ihren Kontakten bei der Polizei. Und davon hing ihrer beider Leben ab. Offenbar heute mehr denn je. Sie hatte ihren Vater nicht auch ausliefern wollen und ihm damals einen Tipp gegeben, dass er seine Unterlagen verschwinden lassen sollte. Nur deshalb saß er jetzt hier.

»Er hat mich beauftragt«, legte er noch eine Schippe drauf.

Dschafarow hatte also ihren Vater beauftragt, ihr auf die Schliche zu kommen. Was wusste ihr Vater? Was vermutete er? Warum sagte er ihr das überhaupt?

Sie hatte ihm damals den Hals gerettet, bevor sie gegangen war und der Polizei sämtliche Beweise für Dschafarows Verhaftung serviert hatte. Ihr Vater wäre sonst mit Sicherheit auch dran gewesen. Entweder juristisch oder selbst als eines von Dschafarows Säuberungsopfern. Bei all den illegalen Aufträgen, die er für den Gangster erledigt hatte, wusste er einfach zu viel.

Jedenfalls war sie nicht so abgebrüht gewesen, ihren – zwar sehr entfremdeten – Vater dranzuhängen. Das war ihre letzte Tat als seine Tochter gewesen. Würde ihr das jetzt das Genick brechen? Gut möglich.

Luisa wäre am liebsten sofort losgerannt, um sich mit Flix zu beraten. Aber sie blieb äußerlich vollkommen gelassen neben ihrem Vater stehen und wartete darauf, dass er vielleicht noch etwas sagen würde.

Egon Sander war in den zwei Jahren, seit sie gegangen war, unglaublich alt geworden. Sie würde sich selbst schmeicheln, wenn sie das ihrem Verschwinden zuschreiben würde. Solch eine Beziehung hatten sie nie gehabt. Sie war immer lästig gewesen für ihn. Hatte nie dem entsprochen, was er sich von einer Tochter erwartet hatte. Luisa war zu androgyn, zu tätowiert, zu lesbisch und vielleicht auch zu klug für Egon Sanders Geschmack. Wahrscheinlich war einfach die geschäftliche Lage ohne seinen generösen Auftraggeber nicht besonders rosig gewesen, und das hatte die Falten tiefer in sein Gesicht eingegraben. Kein Grund, sich etwas einzubilden.

Luisa sagte also erst einmal gar nichts mehr und trank einen weiteren Schluck Bier.

Ihr Vater warf wieder Münzen in den Spielautomaten, dann drehte er sich ihr zum ersten Mal zu und sah sie an. Der Blick in diesen harten steingrauen Augen, die sie von ihm geerbt hatte, erschreckte sie kurz.

»Danke für damals. Ich bin dir was schuldig.« Dann drehte er sich schon wieder weg.

Luisa trank ihr Bier aus und ging ohne ein weiteres Wort. Ihr Vater sah ihr nicht nach oder reagierte irgendwie sonst auf ihr Gehen.

Luisas Gedanken rasten, als sie aus dem verrauchten Sportwettencafé an die frische Luft trat. Hatte er ihr damit sagen wollen, dass er Bescheid wusste und es als seine Schuldigkeit ansah, sie zu decken? Oder war es eine Warnung gewesen? War damit schon seine Schuldigkeit abgeleistet? Sie musste dringend mit Flix sprechen, sonst würde sie noch durchdrehen. Alles, was sie schon lange hinter sich geglaubt hatte, brach plötzlich wieder auf. Ihre normale Coolness und emotionale Distanziertheit gegenüber allen Dingen außer Flix war wie weggewischt.

Rike

Auf die Abdeckhaube der Mikrowelle hatte jemand ein Zitat von Virginia Woolf geschrieben: Man kann nicht gut denken, gut lieben, gut schlafen, wenn man nicht gut gegessen hat.

Wohl wahr. Rike konnte ein Lied davon singen. Aber umgekehrt funktionierte das ja genauso: Man konnte nicht gut essen, wenn man nicht gut geliebt wurde. Sie war auch dafür das beste Beispiel. Ihr Appetit war verschwindend klein, seit Gerhilt sie verlassen hatte. Sie hasste sich selbst dafür, dabei wollte sie doch Gerhilt hassen. Im Grunde war sie ja auch darüber hinweg. Es war ja nicht so, dass sie Gerhilt zurückwollte. Nicht einmal dann, wenn sie zurückgekrochen käme. Was jedoch ganz abwegig war, denn sie war mit ihrer Neuen anscheinend sehr glücklich, was sie in der einen oder anderen E-Mail, die sie Rike aufs Auge drückte, immer wieder betonte.

Die Mikrowelle plingte kurz, das Mittagessen war fertig. Irgendein Fertiggericht aus dem Supermarkt. Rike hatte noch nicht einmal richtig darauf geschaut, was es war. Irgendwelche Nudeln.

»Komm mit. Notfalltermin bei der Kulturbürgermeisterin. Luisa ist noch außer Haus.«

Rike unterbrach ihre Pläne, sich die Nudeln ohne Appetit hinunterzuzwingen. Selten war ein ungeplanter Arbeitstermin so willkommen gewesen.

Eigentlich hätte ihre Aufgabe heute ja darin bestanden, damit zu beginnen, die Computersysteme des Museums auf Sicherheitslücken zu kontrollieren. Rike hatte ja schon bei einem ersten Check gesehen, dass sie löchrig wie ein Schweizer Käse waren. Sonderlich Spaß wäre dabei also eh nicht im Spiel gewesen. Zu wenig Herausforderung.

Dass sie jetzt zum zweiten Termin des Tages musste, entsprach so überhaupt nicht ihrem üblichen Arbeitsalltag. Hätte sie bei der Einstellung gewusst, dass sie so oft unterwegs sein würde und nicht einfach hinter ihrem Rechner hocken konnte, hätte sie vielleicht nicht zugesagt. Aber als sie jetzt neben der quasselnden Flix im Auto saß, hätte sie es nicht anders haben wollen. Es tat ihr offensichtlich gut, ab und zu mal ihre Komfortzone zu verlassen.

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