Teil 02

Auf den kommenden Moment hatte Flix sich sehr gut vorbereitet. Jetzt würde es noch mal heikel werden. Sie musste die Box mit der Flöte aus dem Putzwasser unbeobachtet in ihre Tasche verfrachten. Als Vorbereitung darauf hatte sie schon seit ihrem ersten Arbeitstag als Raumpflegerin im Museum dafür gesorgt, dass sie für das Auswischen der Putzeimer zuständig war. Sie hatte behauptet, dass sie das gern machte, und da alle anderen Frauen nach Schichtende nichts wie raus wollten, um für die aus der Schule kommenden Kinder zu kochen, überließen sie ihr das nur allzu gern. Wer wischte schon gern die Putzeimer aus, wenn es solch eine Hohlbirne wie Flix gab?

Keine fünf Minuten später stand sie also allein da mit acht geleerten Eimern und ihrem immer noch mit schmutzigem Seifenwasser gefüllten. Die letzte Kollegin winkte ihr noch freundlich und sogar mit einem Dank zu, und Flix hörte die Tür ins Schloss fallen, als sie gerade Eimer Nummer vier auswischte und in seinen Wagen zurückstellte.

In aller Seelenruhe angelte sie die Spezialbox aus dem Schmutzwasser, trocknete sie am Handtuchautomaten ab und huschte eilig zu ihrem Spind im Nebenraum. Ihr Rucksack hatte einen doppelten Boden, und da hinein verschwand die Tausende von Jahren alte Schwanenknochenflöte. Bestens behütet in der Obhut einer der besten Diebinnen der Neuzeit.

Flix grinste. Es war Schichtende, und sie hatte den spektakulärsten Kunstraub der letzten Jahre begangen, ohne geschnappt zu werden. Fast war sie ein wenig enttäuscht darüber, wie leicht das gelaufen war. War sie vielleicht einfach zu gut in ihrem Job?

Sie würde jetzt noch zügig die letzten Eimer auswischen, und dann wäre sie raus hier. Für immer. Putzen war ja so gaaaar nicht ihr Ding.

Rike

Zusammen mit ihrer Chefin Luisa Sander saß Rike in der Besprechung mit der Museumsleitung. Die Schwanenknochenflöte lag vor ihnen auf dem Konferenztisch, und die Herrschaften ihnen gegenüber waren im Zustand schweren Schocks. Sie blinzelten alle ungläubig, und Rike konnte zumindest beim Sicherheitschef den Blutdruck an der stetig röter werdenden Gesichtsfarbe ansteigen sehen.

Es war das erste Mal, dass sie ihre neue Chefin, für die sie erst seit ein paar Monaten arbeitete, so in Aktion sah. Säße sie auf der anderen Seite, sie hätte wohl eine gehörige Portion Respekt vor ihr gehabt. Vielleicht sogar ein bisschen Angst. Die Kuratorin des Museums sah auf alle Fälle so aus, als ob sie in ihrem Businesskostüm schlottern würde. Vielleicht hatte sie aber auch nur Angst um das kostbare Artefakt.

Rike hatte bisher nichts gesagt und hatte auch weiterhin vor sich zurückzuhalten. Das hier war nicht ihr Projekt gewesen. Sie war lediglich für die Imagepflege dabei. Die Detektei Sander+Frenzel nahm das hier sehr ernst, sollte ihre Anwesenheit zeigen. Und Flix hatte aus naheliegenden Gründen nicht mitkommen können.

Rike war noch immer über allen Maßen erschüttert – und zugegebenermaßen auch voller Hochachtung – darüber, mit welcher unglaublichen Frechheit und Genialität Flix das Sicherheitssystem ausgetrickst hatte. Im vollen Einverständnis ihrer Auftraggeber. Den gleichen Herrschaften, die ihnen jetzt gegenübersaßen. Die waren nämlich vor diesem Sicherheitscheck vollständig von ihrem undurchdringlichen und feinmaschigen Schutz überzeugt. Vor allem der rotgesichtige und überhebliche Sicherheitschef. Weshalb Rike auch keinen Funken Mitleid mit ihm verspürte, als jetzt die Kulturbürgermeisterin, die den Sicherheitscheck eingefordert hatte, ein großes Donnerwetter losbrechen ließ. Und es galt nicht Luisa und ihr.

Ihre Chefin schenkte ihr aus ihren kalten grauen Augen einen Blick, den Rike nicht deuten konnte. Überhaupt konnte sie Luisa Sander sehr schlecht einschätzen. Sie war Rike zu unterkühlt. Deren Lebensgefährtin und Geschäftspartnerin Flix war hingegen das totale Gegenteil, und mit ihr hatte Rike gleich einen Draht gehabt. Fast wünschte sie sich, dass die jetzt hier säße. Aber natürlich musste sie lernen, mit Luisa auf professioneller Ebene auszukommen. Sie lüpfte deshalb fragend eine Augenbraue – so subtil, dass das hoffentlich keiner der Anwesenden bemerkte. Aber die waren sowieso zu sehr mit ihrer Standpauke beschäftigt. Worte wie »inkompetent« und »Kindergarten« fielen.

Sie wäre fast vom Stuhl gekippt, als ein triumphierendes kleines Lächeln zurückkam. Ein fast unmerkliches Zucken der Mundwinkel, aber es war ganz eindeutig. Luisa Sander freute sich offensichtlich tierisch, was für ein Coup ihnen geglückt war, und wollte sie daran teilhaben lassen. Vielleicht würde das doch noch was werden mit dem Arbeitsverhältnis zwischen ihnen.

Rike zwinkerte unauffällig hinüber. Ihre tiefbraunen Augen konnten ihre Erheiterung sehr gut widerspiegeln. Wenn sie gut drauf war. Was sie im letzten Jahr nicht wirklich oft gewesen war, aber jetzt hier in diesem Moment, als ihnen die Anwesenden aus der Hand fraßen und sie für Sicherheitsgenies hielten, da ging es ihr richtig gut.

Dank Flix’ Expertise waren sie sogar tatsächlich Sicherheitsgenies. Rike hätte es wirklich interessiert, woher ihre zweite Chefin dieses ganze Spezialwissen hatte. Wobei . . . bei genauerer Überlegung . . . vielleicht war es besser, sie wusste das nicht allzu genau.

»Woher wissen wir denn, dass das hier das Original ist? Das könnte genauso gut eine geschickte Fälschung sein, und das Original liegt weiterhin gut gesichert in seiner Vitrine«, fragte die Kuratorin, die bisher vorwiegend geschwiegen hatte. Sie war eine für den Job noch sehr junge Frau, und Selbstbewusstsein war kein herausragender Wesenszug bei ihr. Sie schien sich in allen Fragen, die nicht die Ausstellungsstücke selbst betrafen, vollkommen auf den Sicherheitschef zu verlassen, der so viel testosterongesteuerte Selbstüberzeugung ausstrahlte, dass die Kuratorin neben ihm ganz verblasste.

Nicht so die Kulturbürgermeisterin. Sie war eine Frau, der man nicht so schnell das Wasser abtrug. Luisa anscheinend auch nicht, deshalb ließ sie die Kuratorin kaum ausreden und dem Sicherheitschef keine Chance, direkt reinzugrätschen.

»Dann schlage ich vor, Sie sehen mal nach. Holen Sie es doch her«, erwiderte Luisa gelassen.

Die Kulturbürgermeisterin war nicht begeistert von diesem Vorschlag, musste aber wohl erlauben, dass diese Möglichkeit ausgeschlossen wurde. »Tun Sie das. Aber zügig, wenn ich bitten darf.«

Während der Sicherheitschef zusammen mit der Kuratorin verschwand, versorgte sich der Rest der Runde mit Getränken.

Rike nahm die Gelegenheit wahr, auf die Toilette zu gehen. Das war ihre große Schwäche: Sie hatte ein Pennälerbläschen. Eine ihrer Schwächen, die in Besprechungen und anderen Geschäftsterminen immer sehr lästig war. Ein Freund, mit dem sie exzessiv Spiele am Computer und der Konsole spielte, hatte ihr mal Windeln vorgeschlagen. Damit sie länger durchhielt. Aber das war ein Schritt in ihrer Spielsucht, den sie nicht gehen würde. Auf gar keinen Fall.

Rike trat wieder aus der Kabine und überprüfte ihr Äußeres, das ihr in letzter Zeit gar nicht gefiel. Aber Hauptsache, sie sah aus wie eine ernstzunehmende Mitarbeiterin der Detektei.

Die Klamotten jedenfalls stimmten. Sie hatte einen dunklen Pulli an und eine dunkle Bluse darunter. Die Stoffhose saß perfekt, seit sie ein paar Kilo abgenommen hatte. Wofür Trennungen alles gut waren. Die dunklen Augen und ihre kaffeefarbene Haut hatte sie von ihrem Vater geerbt, der aus Martinique stammte. Zusammen mit ihrem französischen Namen: Frédérique. Meist wurde er in Deutschland für einen Männernamen gehalten. Aber das ärgerte sie nur noch selten. Sie kürzte ihn einfach zu Rike ab, und das Problem war gelöst.

Rike zog ein unteres Augenlid herunter und starrte in ihr Auge. Sie fand sich blass, ihre Augen hatten ihr Strahlen verloren. Auch der Trennung zu verdanken. Früher war sie immer zufrieden gewesen mit ihrer Optik. Wenn Frauen ihr Komplimente machen wollten, hatten sie sie immer als exotische schwarze Schönheit tituliert. Was natürlich krass rassistisch war, aber sie hatte es trotzdem auch genießen können. Auf schräge Art. Irgendwie. So wie manche Frauen es angeblich gut fanden, wenn ihnen Bauarbeiter lüstern hinterherpfiffen. Sie hatte zwar noch keine getroffen, der das tatsächlich schmeichelte, aber die sollte es hypothetisch geben.

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