Teil 03

Die Frau, die ihr aus dem Spiegel entgegensah, war auf alle Fälle keine exotische Schönheit, sondern lediglich eine Einundvierzigjährige, die von ihrer langjährigen Lebensgefährtin für eine andere verlassen worden war und deshalb nach fast einem Jahr immer noch vollkommen ausgelaugt und traurig war. Und auch genau so aussah. Wie eine Abservierte, die dadurch ihr ganzes Selbstbewusstsein verloren hatte. Toll. Vielleicht war sie doch nicht so viel anders als die Kuratorin. Vielleicht hatte die ja auch eine fiese Trennung hinter sich.

Rike wandte sich von ihrem Spiegelbild ab und ging zurück zu ihrer neunundzwanzigjährigen blonden Chefin, die, wenn sie lange Haare gehabt hätte und nicht superkurz geschoren wäre, auch Modell hätte sein können. Vielleicht ein bisschen zu muskulös und zu wenig dürr dafür, aber das machte sie definitiv mit ihren großflächigen Tätowierungen wett. Werbung für Motorräder – das wäre es. Luisa wäre perfekt dafür. Aber offensichtlich war sie in ihrem Beruf auch sehr gut. Sonst säßen sie nicht hier. Solche Aufträge bekam nicht jede popelige Detektei. Luisa Sander sah nicht nur gut aus, sie hatte auch noch was auf dem Kasten. Toll. Noch mehr Minderwertigkeitskomplexe gefällig?

Gerade rechtzeitig für den Showdown setzte Rike sich wieder an den Konferenztisch. Der Sicherheitschef legte mit seinen behandschuhten Händen Flix’ Fälschung, wie ein Heiligtum auf ein Polster gebettet, auf den Tisch. Dafür, dass Flix keine Archäotechnikerin war – den Begriff für Menschen, die historische Artefakte mit den Hilfsmitteln der jeweiligen Epoche nachbauten, hatte Rike neulich erst gelernt – sah das Ding wirklich verblüffend echt aus. Selbst die Kuratorin schien zu denken, dass sie das Echte aus der Vitrine gezogen hatten und die Detektei eine Fälschung angebracht hatte. Das sah man an den zuversichtlichen Minen. Bei genauerer Untersuchung würde es natürlich auffliegen. Das war klar. Und Luisa würde diese Seifenblase jetzt zum Platzen bringen.

Aber stattdessen erhielt Rike einen kleinen Stupser mit der Schulter und wertete das als Aufforderung, dass sie sagen durfte, was jetzt gesagt werden musste. Der große Bäng.

Kurz war sie verblüfft, fing sich aber schnell. Es war ihr eine Ehre. »Wir sind uns einig, dass wir dieses Objekt hier«, sie zeigte auf das echte Artefakt, »in der Transportbox mitgebracht haben und Sie das Objekt auf dem grünen Polster«, jetzt zeigte sie auf Flix’ Fälschung, »soeben aus der Vitrine des Museums geholt haben. Korrekt?«, fragte Rike in die Runde.

Die Kulturbürgermeisterin schien wie auf Kohlen zu sitzen, denn sie wedelte sämtliche Einwände und Proteste, die von Seiten der Museumsleute kommen wollten, einfach weg. »Ja, ja, da sind wir uns einig. Und jetzt? Für mich sehen die gleich aus. Aber ich nehme an, sie belehren mich gleich eines Besseren?«

Rike hatte das Gefühl, der Mittfünfzigerin machte das hier so langsam Spaß. Es war ja auch ein herrliches Verwirrspiel. Eine richtige Charade. Wenn der eigene Job nicht auf dem Spiel stand. Das tat er vermutlich beim Sicherheitschef. Zumindest, wenn er sich weiterhin so uneinsichtig zeigte. Fehler zu machen war ja durchaus menschlich, aber so borniert zu sein und sie nicht eingestehen zu wollen, das konnte sich niemand erlauben. Nicht in solch einer heiklen Position. Wäre die Schwanenknochenflöte wirklich gestohlen worden, wäre sie mit Sicherheit in irgendeiner geheimen Privatsammlung gelandet und auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Ein nicht mit Geld aufzuwiegender Verlust. Artefakte wie dieses waren unbezahlbar, weil sie einmalig waren. Das durfte man einfach nicht durch Borniertheit aufs Spiel setzen. Das wusste auch die Kulturbürgermeisterin und hatte dafür die Detektei engagiert, weil es ihr Spezialgebiet war. Kunstexpertisen und Sicherheitslücken.

Rike war keine Kunstexpertin. Dafür gab es Flix in der Detektei. Sie selbst war Computerspezialistin. Eine perfekte Ergänzung für die junge Detektei, wie ihre neuen Chefinnen beim Einstellungsgespräch erklärt hatten. Und sie musste zugeben, sie hatte einfach Spaß beim Arbeiten. Jetzt gleich mit Sicherheit noch sehr viel mehr als sonst.

»Wenn Sie bitte das Objekt vom grünen Polster aufnehmen würden«, bat Rike.

Dieses Mal wollte die Kuratorin protestieren, aber auch sie wurde weggewedelt. Die Kulturbürgermeisterin fieberte geradezu mit. »Tun Sie es einfach. Ich nehme an, Frau Tomme weiß genau, warum sie Sie darum bittet. Und ich muss sagen, ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, was jetzt kommt.«

Rike holte die spitz zulaufende Pinzette aus ihrem Mäppchen, die sie dort für genau diesen Anlass gebunkert hatte, und reichte sie über den Tisch. »Jetzt greifen Sie bitte mit Hilfe der Pinzette in das dritte Schallloch und holen den Zettel heraus, der da drinsteckt.«

Die Kuratorin schaute sie an, als ob sie nicht ganz knusper wäre und sie ihr kein Wort glauben würde. Auf ein Räuspern der Kulturbürgermeisterin trat sie jedoch in Aktion. Es bedurfte keiner großen Mühen. Sie hatte den Zettel sofort und zog ihn heraus.

Die Spannung im Raum war fast zum Greifen. Alle starrten auf den Zettel. Luisa Sanders Gesicht zierte ein Lächeln, das besagte, dass sie wusste, was darauf stand und sie sich auf die Reaktionen freute.

Die Kuratorin faltete ihn auf ein ungeduldiges Zeichen der Kulturbürgermeisterin hin auseinander und hielt ihn in die Runde. Drei mal drei Zentimeter groß. Darauf stand in schöner Schreibschrift und in Neongrün ÄTSCH! und darunter made in Berlin. Flix’ Humor war einfach rotzfrech. Und würde ihr irgendwann mal noch Ärger einhandeln.

Aber heute war nicht der Tag. Die Kulturbürgermeisterin lachte röhrend los, dass die Wände wackelten.

Nickel

Nicola ›Nickel‹ Morell nutzte die tote Zeit in ihrer Galerie, um das zu tun, was sie am besten konnte. Sie nannte es lapidar immer Malen nach Zahlen. Aber natürlich war das weit von der Wahrheit entfernt. In Wirklichkeit schuf sie wahrhafte Kunstwerke, die ihresgleichen suchten. Es wusste nur niemand. So gut wie niemand. Und das war ganz genau so, wie es sein sollte. Denn sonst wäre ihrer ›Kunst‹ im wahrsten Sinne des Wortes ein Riegel vorgeschoben worden. Nämlich der an der Tür zu ihrer Gefängniszelle.

Sie musste bei dem Gedanken grinsen, und ihr Mund verzog sich schief. Sie wusste, ihr Grinsen verriet ziemlich genau, wie es mit ihrem Innersten bestellt war. Man konnte ihrem Gesicht dann, wenn sich ihr großzügig geschnittener Mund so schief verzog, angeblich ansehen, dass sie eine Art Dämon in sich trug. Zumindest hatte es so ihre Ex formuliert, bevor sie sie und ihren gemeinsamen anderthalbjährigen Sohn verlassen hatte.

Die Jahre seither – ziemlich genau zehn Jahre und sechs Monate waren das – hatte Nickel immer wieder in den Spiegel gestarrt und das versucht zu verifizieren. Sie musste zugeben, dass ihr Grinsen nicht gerade schön war. Eher etwas, das zeigte, dass sie schon allerhand gesehen hatte und nicht mehr jung und naiv war. Aber einen Dämon hatte sie noch nicht sehen können. Vielleicht brauchte man auch einfach eine gute Ausrede, um die Partnerin mit einem Kleinkind sitzenlassen zu können.

Nickel wischte ihren Pinsel ab, weil sie völlig aus dem Takt geraten war bei diesen dämlichen Gedanken.

Sie wollte gerade mit einem frisch gemischten Klecks dunkelgrüner Farbe neu ansetzen, als Tristan zur Tür ihres kleinen Ateliers in den Hinterzimmern der Galerie hereingestürmt kam.

Sie hatte ihm schon oft gesagt, dass er damit mal noch ihren plötzlichen Herztod auslösen würde, aber die Pubertät schlug bei ihm mächtig auf das Gehör.

»Das war’s. Ich geh nie wieder in die Schule.«

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