Teil 04

Er warf seine Schultasche in die Ecke und ließ sich in einen roten Sitzsack fallen, den sie hauptsächlich für ihn in ihrem Studio hatte.

Das Knirschen der vielen kleinen Kunststoffkügelchen, mit denen er gefüllt war, ließ die feinen Härchen an ihren Armen sich aufstellen. Aber beim Anblick ihres Sohnes vergaß sie das ganz schnell wieder. Das schien nicht die übliche Krise zu sein, sondern schwerwiegender. Zumindest sah sein Gesichtsausdruck wirklich finster aus. Aber sie hatte schon öfter feststellen müssen, dass sie beim Interpretieren von Jungs diesen Alters wirklich ganz schlecht war. Sie kam sich vollkommen unfähig vor.

Nickel setzte sich auf den Boden neben ihn. »Was ist los?«, fragte sie und hoffte, darauf auch eine Antwort zu erhalten. Früher hatte sie ihn in den Arm nehmen dürfen, wenn er traurig war. Aber das war schon lange vorbei. Jetzt war Tristan viel zu cool dafür.

»Ich geh nicht mehr hin. Das war es einfach.« Er sah sie gar nicht an, sondern spielte nur mit seinem Handy.

Dass Tristan ihr Sohn war, sah man sofort. Er sah ihr wahnsinnig ähnlich. Sie hatten beide den gleichen etwas zu großzügig geschnittenen Mund. Die gerade Nase darüber und die großen Augen, die wohl ihr bestes Merkmal waren. Nickel war gespannt, wie diese Kombination später mal in einem Männergesicht wirken würde. Als Frau machte es sie nämlich interessant, aber nicht gerade zu einer wirklichen Schönheit. Vielleicht wäre es später, wenn Tristan erwachsen war, ja durchaus markant. Ihre mausbraunen Spaghettihaare halfen dem Ganzen jedenfalls nicht gerade. Egal ob Mann oder Frau. Trotzdem sah ihr Sohn irrsinnig süß aus. Auch wenn er gerade anscheinend das ganze Elend dieser Welt auf seinen schmalen zwölfjährigen Schultern trug.

»Und erzählst du mir, was passiert ist, dass du zu solch einer dramatischen Entscheidung gekommen bist?« Nickel versuchte es mit einem lockeren Ton.

»Nichts«, lautete die Antwort, die sie erhielt. Es war zum Haareraufen. Aber sie versuchte, sich ihre Frustration nicht anmerken zu lassen.

»›Nichts‹ ist natürlich ein guter Grund. Ja, das seh’ ich ein.« Nickel verzog das Gesicht.

Tristan hatte früher immer lachen müssen, als er noch kleiner war, wenn sie lustige Grimassen schnitt. Aber irgendwie war das abhandengekommen und zog nicht mehr. Er rollte nur genervt mit den Augen. »Gott, du bist so peinlich.«

Ihr Sohn wurde unglaublich schnell groß und war doch noch ein halbes Kind mit zwölf. Jetzt war einer der Momente, in dem Nickel sich eine Partnerin an der Seite gewünscht hätte, die sie unterstützen würde. Sie wusste einfach nicht mehr, wie sie an den Jungen herankommen sollte. Er ließ sie einfach nicht mehr rein.

Meistens saß er am Rechner oder an der Konsole und spielte. Stundenlang. All ihre Versuche, etwas gemeinsam zu unternehmen, blockte er ab. Als ob sie ihm etwas getan hätte. Aber sie war sich keiner Schuld bewusst. Außer der, dass sie ihn allein erzog und sein Vater Samenspender aus einer Samenbank war. Reichte vielleicht schon aus. Aber ob er ihr das nachtrug, wusste sie noch nicht mal. Er hatte es jedenfalls noch nie gesagt. Weil er einfach gar nichts mehr erzählte.

War sie auch so gewesen, als sie in der Pubertät war? Sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, sooo extrem gewesen zu sein. Aber sie hatte sich das als Pflegekind auch gar nicht leisten können. Der Gedanke machte sie wütend auf Tristan, der gar nicht wusste, wie gut er es hatte.

Vielleicht hätte sie einfach einen Moment warten sollen, bevor sie aussprach, was ihr in den Sinn schoss. »Dir ist schon klar, dass es keine Option ist, dass du nicht mehr in die Schule gehst?« Sie wusste sofort, dass das komplett das Falsche war, was sie da gerade gesagt hatte.

Tristans Kopf schnellte wütend hoch, und er funkelte sie aus verwaschenen blauen Augen an. »Und dir ist schon klar, wenn ich dich verpfeife, dass du dann in den Knast kommst und ich tun und lassen kann, was ich will?«

Das war natürlich völlig absurd. Trotzdem war Nickel echt schockiert, dass er so was sagte. Es verletzte sie wirklich. »Willst du deiner eigenen Mutter drohen?«, fragte sie deshalb und hörte, wie ihre eigene Stimme ganz atemlos klang.

Aber Tristan bockte einfach nur weiter. »Willst du deinen eigenen Sohn zu etwas zwingen, was er nicht will?« Er sprang auf, bevor sie reagieren konnte, schnappte sich seine Tasche und rannte hinaus. Nickel hörte Türen knallen, dann Getrampel auf der Treppe und Schritte oben in der Wohnung.

Bravo. Das war ja wunderbar gelaufen.

Sie war als Mutter ein Totalausfall. Auf ganzer Linie hatte sie versagt. Sie wusste noch nicht einmal, was sie jetzt wieder falsch gemacht hatte. Na ja, gut, der eine Satz war nicht gerade feinfühlig gewesen. Sie hatte daher wohl ein Stück weit verdient, was er gesagt hatte. Doch sie wusste, dass er das nie machen würde, sie anzeigen. Im Grunde waren sie doch immer noch ein Zweiergespann gegen den Rest der Welt.

Sie würde ihn erst einmal seinen Ärger am Computer wegballern lassen und dann später in aller Ruhe versuchen herauszufinden, was los war. Auch wenn es ihr gerade schwerfiel.

Aufgewühlt wandte Nickel sich wieder ihrem Gemälde zu. Ein amerikanischer Maler des ausgehenden neunzehnten, beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts. Eher unbekannt in Europa. Bretonische Fischerboote im Hafen. Ein hübsches Bild. Kein Meisterwerk, aber gut, solide.

Sie fragte nie, wofür ihre Auftraggeber die originalgetreuen Fälschungen brauchten. Sich damit herauszureden, dass sie für die Wohnzimmerwand waren, würde ihr aber trotzdem nichts helfen. Denn wieso konnte sie dann nicht selbst ihr eigenes Kürzel daruntersetzen und das Bild signieren? Warum musste sie sogar die Unterschrift der gefälschten Kollegen bis aufs Kleinste kopieren? Doch nur aus einem Grund. Sie musste sich nichts vormachen. Schon oft genug hatte sie aus den Medien erfahren, dass eines der Bilder, die sie kopiert hatte, als gestohlen gemeldet wurde. Oft erst Jahre später.

Dieser Gedanke lockte ein Schmunzeln hervor, trotz der düsteren Gedankengänge. So gut waren ihre Kunstwerke. So nah am Original. Dass es erst bei genauen Untersuchungen auffiel, dass sie ausgetauscht worden waren. Von wem und wie ging sie nichts an. Das war nicht ihre Sorge.

Grundsätzlich war sie sowieso der Ansicht, dass es irre war, dass manche Gemälde riesige Millionenbeträge bei Versteigerungen einbrachten. Ein Jackson Pollock, von dem sie als Maler sowieso nicht viel hielt – weil Tristan das in einem seiner Tobsuchtsanfälle ebenso auf die Leinwand hätte schmieren können, rein technisch betrachtet –, hatte hundertvierzig Millionen Dollar bei einer Versteigerung eingebracht. Hundertvierzig Millionen! Das war doch nicht mehr an der Realität gemessen. Die Künstler, die die Bilder gemalt hatten, waren eh schon lange tot, und wer daran verdiente, waren die Kunsthändler und sonst niemand. Ein perverses Geschäft. Von dem sie eben auch ein paar Krumen abbekam. So war das.

Hätte sie von ihren eigenen Bildern und denen der anderen unbekannten Künstler, die sie in ihrer Galerie ausstellte, leben wollen, wären sie und Tristan schon längst verhungert. Das war Realität. Nickel fand es moralisch absolut gerechtfertigt, was sie tat. Auch wenn es rein juristisch betrachtet eine Straftat war. Was nur mal wieder zeigte, wie weit die Gesetze von den Menschen entfernt waren. Mehr nicht.

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