Teil 05

Dann nickte ich der Verkäuferin zu und zog Kirsten ein Stück vom Stand weg. »Ich glaube, sie hat uns die ganze Zeit belauscht«, raunte ich, während ich die ältere Frau hinter dem Tresen im Blick behielt.

»Könnte schon sein.« Kirsten lächelte. »Aber ich denke mal, wenn man den ganzen Tag hier auf dem Weihnachtsmarkt zubringt, erlebt man ganz andere Dramen.«

»Dramen?« Ich zog erstaunt die Augenbrauen hoch. »Unsere Unterhaltung würde ich ja nun nicht gerade als Drama bezeichnen.«

»Nein.« Kirsten machte eine kunstvolle Pause. »Aber es hätte eins werden können.«

Mir musste das Gesicht förmlich eingeschlafen sein, so herzlich, wie sie lachte. Erneut hakte sie sich bei mir unter und führte mich zielstrebig an den hübsch geschmückten Weihnachtsständen, die sich wie an einer Perlenkette aneinanderreihten, vorbei.

Wir verließen den Marktplatz, durchquerten eine Einkaufspassage und gelangten schließlich auf einen kleinen Hinterhof. Hier gab es nur zwei Stände. Einen mit Büchern aller Art, der offenbar zu dem Laden gehörte und der über die Hofseite zu erreichen war, und am zweiten Stand wurden Glühwein und Plätzchen nach Omas Rezept verkauft.

Es war inzwischen später Nachmittag, und die Dunkelheit brach allmählich herein. Eine bunte Lichterkette tauchte den Innenhof in ein warmes Licht. Nur wenige Leute hatten sich hierher verirrt, aber das war kein Wunder, so versteckt, wie dieser Platz auf mich wirkte. Wie ein kleiner Geheimtipp, dachte ich.

»Hier war ich noch nie«, murmelte ich.

Kirsten quittierte es, indem sie mich auf eine liebreizende Art anlächelte, dass ich glatt weiche Knie bekam.

Ich atmete tief die kalte Winterluft ein, die sich mit dem aromatischen Duft der Leckereien vermischte.

»Hallo Kirsten«, wurde meine wunderschöne Begleiterin von der Frau, die den Bücherstand betreute, begrüßt. Sie schien ein paar Jahre jünger zu sein als ich.

Kirsten schenkte ihr ein warmherziges Lächeln. »Hallo Sandra«, grüßte sie zurück.

Ich wusste nicht, warum, aber bei den Blicken, die die beiden miteinander austauschten, kam eine leichte Eifersucht in mir auf. Mein Körper versteifte sich. Ich hasste mich, weil ich keine Erklärung dafür hatte und es auch keinen Anlass dazu gab. Sie kannten sich und waren einfach nur freundlich zueinander. Beherrsch dich gefälligst, wies ich mich zurecht.

Während ich noch mit mir haderte, steuerte Kirsten bereits mit mir im Schlepptau den zweiten Stand an.

»Grüß dich, Rosi«, wurde auch diese Frau von Kirsten sehr herzlich begrüßt.

Nun konnte ich jedoch erleichtert aufatmen, denn bei der – wenn auch augenscheinlich noch rüstigen – Rentnerin hinter dem Tresen witterte ich keine Gefahr.

»Hier gibt es zwar nur eine kleine Auswahl an Glühwein«, erklärte Kirsten mir, »aber dafür ist er besonders lecker. Und dazu kann ich die selbstgebackenen Zimtsterne oder die Spekulatiuskekse empfehlen.«

»Klein, aber fein.« Endlich gelang es mir, mal wieder zu lächeln und mich ein wenig zu entspannen, bevor ich noch einen Muskelkrampf heraufbeschwor. Meine Mundwinkel bogen sich jedenfalls schon mal in die richtige Richtung.

Mit Glühwein und einer Handvoll Keksen zogen wir uns an einen kleinen Tisch in der Ecke zurück. Natürlich hatte ich auf meine Einladung bestanden und bezahlt. Mir schien, die alte Dame war etwas überrascht gewesen. Sie hatte kein Geld gewollt, was mich wiederum verwundert hatte. Vor lauter Irritation hatte ich gleich mal einen Zwanzigeuroschein rüberwachsen lassen und das Rückgeld verweigert.

Es war ja nicht so, dass ich mit Geld um mich werfen konnte, und Kirsten machte auch nicht den Eindruck, als könnte ich sie mit Großzügigkeit für mich gewinnen. Im Gegenteil, sie hatte die Stirn bedenklich gerunzelt. Aber nur bis zu dem Moment, bis ihr aufgefallen war, dass ich sie dabei beobachtet hatte. Unmittelbar war das verschmitzte Lächeln in ihr Gesicht zurückgekehrt.

»Danke für die Einladung, aber das war wirklich nicht nötig«, sagte sie und hob ihre Tasse, um mit mir anzustoßen.

»Na und ob«, entgegnete ich. »Das ist doch selbstverständlich. Und nur weil du die beiden Verkäuferinnen kennst, bedeutet das für mich doch nicht, dass ich mich hier kostenlos bediene.«

»Im Gegensatz zu meiner Tochter. Willst du mir das damit sagen?« Kirsten warf mir einen Blick zu, der eine Eiche hätte zum Entwurzeln bringen können.

Verdammt! Wieso versteht sie das immer falsch? »Überhaupt nicht! Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun«, wehrte ich ab. Meine gerade zurückgewonnene Entspanntheit war wieder dahin. Ich stieß meine Tasse leicht gegen ihre und wollte – sozusagen als Überbrückung – direkt von dem lecker duftenden Glühwein probieren.

»Vorsicht, heiß!«, raunte Kirsten mir mit einer Reibeisenstimme zu, dass sich mir die Nackenhärchen aufstellten.

Ich grinste sie an, wahrscheinlich ziemlich schiefgeraten, aber diese Frau brachte mich gehörig aus dem Takt. Die Tasse schwebte vor meinem Mund, und dann pustete ich doch tatsächlich ein paarmal hinein, um den Glühwein abzukühlen. Geht’s noch?

Kirsten begann lautlos zu lachen, während ihre Lippen vibrierten. Und damit es dabei blieb, presste sie sich die Hand vor den Mund.

Kopfschüttelnd musterte ich sie. Ich könnte ja wütend auf sie sein, weil sie sich offenkundig köstlich über mich amüsierte. Aber natürlich war ich nicht wütend. Denn Kirsten wirkte einfach nur sehr glücklich in diesem Moment. Und dieser Anblick ließ mein Herz erneut höherschlagen. »Ich glaube, jetzt hat er genau die richtige Temperatur«, scherzte ich und nahm nun endlich doch den ersten Schluck. Ich war mir ziemlich sicher, dass es in mir drin heißer brodelte. Selbst ein kochender Glühwein wäre da nicht herangekommen.

Ohne Vorwarnung schaute Kirsten mir tief und ziemlich ernst in die Augen. »Warum wolltest du mit mir etwas trinken gehen? Bislang habe ich dir doch nur Ärger gemacht.«

Ich stieß die Luft, die ich eine gefühlte Ewigkeit angehalten hatte, geräuschvoll nach draußen. Hat sie mich das allen Ernstes gefragt? Jetzt war guter Rat teuer. Sollte ich ihr das eigentlich Offensichtliche nicht einfach sagen? Und dann? Die Fragezeichen türmten sich in meinem Kopf.

»Och . . .« Ich winkte lässig ab und versuchte, ein bisschen Zeit zu gewinnen.

Meine Rettung kam unverhofft. Denn just in diesem Augenblick wurde die Tür des Bücherladens aufgerissen, und ein Mädchen stürmte heraus.

Das ist doch Lotta. Ich traute meinen Augen nicht.

»Mama«, rief sie freudestrahlend. Als die Kleine mich erblickte, blieb sie abrupt stehen. Mit ihren großen Kulleraugen starrte sie mich finster an. »Was macht die denn hier?«, plärrte sie über den Hof.

Ich vermutete zwar, dass die vorwurfsvolle Frage eher an ihre Mutter gerichtet war, doch ich spürte förmlich, dass mir die Aufmerksamkeit aller Anwesenden zuteilgeworden war. Alle schienen sie darauf zu warten, dass ich etwas sagte. Traumhaft!

Meine Hand zuckte unwillkürlich nach oben, weil ich das dringende Bedürfnis verspürte, mich aus purer Verlegenheit am Kopf zu kratzen. Ich konnte mich gerade noch so beherrschen. Aber das hier, mich vor einem kleinen Mädchen erklären zu müssen, war einfach nicht mein Ding. Ich schielte hilfesuchend zu Kirsten hinüber, doch die grinste nur, und sie machte nicht den Eindruck, als wollte sie mir bei der Bewältigung dieser schier unlösbaren Aufgabe helfen.

Was denke ich denn hier für einen Quatsch? Es ist doch nur eine kleine Göre. Hat sie eben Pech gehabt, wenn ihr meine Anwesenheit nicht passt. So oder ähnlich hätte ich mir das gern eingeredet, aber es funktionierte natürlich nicht.

»Ich hab deine Mutter zufällig auf dem Weihnachtsmarkt getroffen, und da sind wir ins Gespräch gekommen. Und gerade wollten wir zusammen was trinken. Magst du einen Kinderpunsch?«

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