Teil 06

Lotta verzog angewidert das Gesicht. »Voll ätzend, eh.«

Ja, okay, das war nicht gerade die beste Kür von mir. Ich seufzte unauffällig in mich hinein. Gewiss hätte ich für diese Darbietung keine Zehn, höchstwahrscheinlich nicht mal eine Fünf auf der Punkteskala bekommen. Aber woher sollte ich denn wissen, wie ich mit Lotta in solch einer Situation umgehen sollte? Ich hatte keine Ahnung von Kindern, außer ich erwischte sie beim Klauen.

»Nicht in diesem Ton, Lotta«, schaltete ihre Mutter sich nun doch in das Gespräch – auch wenn man es als solches nicht bezeichnen konnte – ein.

Ich wollte ihr einen dankbaren Blick zuwerfen, besann mich aber eines Besseren, weil das bei der Göre ganz sicher nicht gut angekommen wäre.

Lottas Gesichtsfarbe wechselte ins Dunkelrot. Oje, dachte ich nur noch. Fehlte noch, dass sie mit dem Fuß aufstampfte und zu zetern anfing.

Ich verlagerte mein Gewicht auf das andere Bein. Allmählich wurde es ungemütlich, was aber ausschließlich der Situation geschuldet war.

»Mama, wieso hast du sie hierhergebracht?«, wetterte die Kleine auch schon los. »Außerdem will ich nach Hause.«

»Ach, du willst nach Hause?« Kirsten warf ihrer Tochter einen strengen Blick zu, der mir außerordentlich gut gefiel. »Komisch, wo du mich doch heute Morgen noch angebettelt hast, hierbleiben zu können, bis der Weihnachtsmarkt schließt. Weil doch heute Samstag ist«, merkte sie noch mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Und wolltest du Rosi nicht eigentlich helfen?«

Meine Güte, stand ihr das gut. Ich kriegte mich gar nicht mehr ein. Mein Blick wanderte zwischen Kirsten und ihrer Tochter hin und her. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich auch noch, dass Rosi, die ältere Dame, bei der es die leckeren Plätzchen gab, sich hinter vorgehaltener Hand offenbar das Lachen verkneifen musste. Als sich unsere Blicke kurzzeitig begegneten, zwinkerte sie mir erheitert zu. Ich wagte ein Schmunzeln in ihre Richtung, aber nur ganz kurz, um mir nicht noch mehr Lottas Unmut zuzuziehen.

»Es gab nicht viel zu tun. Hier ist doch auch gar nichts los«, grummelte die Kleine. Ihre Schuhspitze bohrte sich zwischen zwei gelockerte Asphaltsteine.

Hauptsache, sie wirft damit nicht noch nach mir. Meine Gedanken waren natürlich reichlich überzogen. Aber irgendwie traute ich der kleinen Rotznase mittlerweile alles Mögliche zu. Ich dachte noch daran, ob ich vielleicht versuchen sollte zu intervenieren. Oder sollte ich besser gehen? Es sah nämlich nicht danach aus, als würde Lotta mich heute noch in ihr Herz schließen. Und ihrer reizenden Mama dürfte jetzt auch die Lust auf – ja, worauf eigentlich? – vergangen sein. Ich drehte mich immer mehr im Kreis.

Kirsten wandte sich Rosi zu, die ihr noch immer lächelnd erklärte: »Es ist wirklich nicht so wild, dass ich das nicht auch allein schaffen würde. Deshalb habe ich Lotta in den Laden geschickt, damit sie sich aufwärmen und ein bisschen lesen kann.«

Lesen? Ich war etwas verwirrt. Der kleine Bücherladen war doch keine Bibliothek, wenn ich mich nicht irrte. Gehörte er zu Rosi? Und wer war die Frau eigentlich? Eine Verwandte der beiden Kramers?

Meine Irritation schien mir auf der Stirn zu stehen, weil Kirsten mir ungefragt antwortete. »Es ist mehr ein Lesecafé, aber man kann hier auch Bücher kaufen, spenden oder tauschen, wenn man das möchte.«

»Ah, ich verstehe.« Ich nickte dazu. »Und was machen wir jetzt?« Ich warf einen Blick in die Glühweintasse, als wäre es eine Glaskugel, die mir die Apokalypse prophezeite. »Vielleicht sollte ich mich verabschieden«, murmelte ich. Eigentlich war es leise genug, aber offenbar laut genug für Lottas Ohren.

»Gute Idee«, zischte sie nämlich zu mir herüber.

»Lotta, das reicht!« Kirsten schien nun endgültig der Kragen zu platzen. »Geh zurück in den Laden. Darüber sprechen wir nachher noch.« Eine kleine Zornesfalte bildete sich über ihrer Nasenwurzel.

Ich merkte, dass ich hier nicht ganz im Bilde war. Glaubte ich bislang, dass Lotta ein Problem ausschließlich mit mir hatte, weil ich sie beim Diebstahl erwischt hatte, so kamen mir allmählich Zweifel.

Und dann platzte es aus dem Kindermund heraus, dass mir vor Schreck die Kinnlade nach unten klappte: »Sie wird dir wehtun, Mama, genau wie Jacky. Und ich kann sie nicht ausstehen!« Bevor noch irgendwer darauf hätte etwas erwidern können, machte Lotta auf dem Absatz kehrt und stapfte wutentbrannt ins Lesecafé zurück.

Wow. Vom Temperament her schienen die beiden sich in nichts nachzustehen. Ich wusste nicht, ob es Entsetzen oder Verblüffung war, dass ich sekundenlang auf die Stelle starrte, auf der eben noch Lotta gestanden hatte.

»Es tut mir leid«, flüsterte Kirsten.

Ich klappte meinen Mund wieder zu und schaute sie an. Ihre Arme hingen schlaff an ihr herunter, und sie wirkte unfassbar betrübt, dass ich sie am liebsten getröstet hätte. Aber ich fühlte mich einfach nur hilflos. Und das Einzige, was mir wie ein Orkan durch den Kopf schoss, war: Kindermund tut Wahrheit kund.

Sie strich mir kurz über die Hand, die immer noch die Tasse umklammert hielt. Ich erschauerte. Dann nickte sie mir mit einem bedauernden Lächeln zu und verließ mich. Einfach so!

Wie ein Depp stand ich da, zumindest fühlte ich mich wie einer. Ich konnte den Blick nicht von meiner Hand lösen, weil ich noch immer Kirstens zarte Berührung darauf spürte. Es kostete mich einiges an Überwindung, überhaupt erst mal die Tasse abzustellen, bevor der Glühwein noch ein weiteres Mal aus seinem Behältnis schwappte. Es reichte ja schon, dass er erneut kalt geworden war. Aber mir war der Appetit sowieso vergangen.

Zögernd hob ich den Kopf. Die Frau am Bücherstand – Sandra hieß sie, wenn ich mich recht erinnerte – tat sehr geschäftig und stapelte die Bücher von einer Seite zur anderen. Ein System konnte ich da nicht erkennen, vermutlich weil es keins gab. Es glich eher einer Beschäftigungstherapie.

Als eine potentielle Kundin vor ihrem Stand stehenblieb, strahlte Sandra übers ganze Gesicht. Nicht, weil sie die Frau kannte, nein, davon ging ich nicht aus. Sie schien einfach nur froh zu sein, dass ihr eine Alternative geboten wurde, um sich abzulenken. Und dabei war ich doch diejenige, die hier in eine unangenehme Situation geschlittert war.

Ich beobachtete sie ein Weilchen, während ich krampfhaft darüber nachdachte, was ich jetzt tun sollte. Doch urplötzlich schaute sie an der Kundin, die sich gerade in ein Buch vertieft hatte, vorbei, und unsere Blicke trafen sich. Ich konnte ihren nicht richtig deuten, weil die bunte Dekobeleuchtung seltsam anmutende Schatten auf ihr Gesicht warf. Doch eines konnte ich dann doch erkennen, nämlich dass ihr Blick, mit dem sie mich bedachte, nicht gerade freundlich war. Vielmehr musterte sie mich argwöhnisch. Was hatte ich denn nur verbrochen? Ich fühlte mich zunehmend unwohl in meiner Haut.

Rosi vom anderen Stand schien wenigstens ein aufmunterndes Lächeln für mich übrig zu haben.

Ich sammelte die beiden noch halb gefüllten Glühweintassen ein und ging zu ihr hinüber. »Es liegt definitiv nicht am Geschmack, dass ich . . . ähm, wir nicht ausgetrunken haben«, entschuldigte ich mich etwas verlegen.

»Ich weiß.« Rosi lachte leicht und räumte die Tassen vom Tresen. »Es ist nicht Ihre Schuld«, sagte sie. »Aber Lotta hängt sehr an ihrer Mutter. Es ist für beide nicht leicht, nach allem . . .« Abrupt verstummte sie.

Sicherlich hatte sie nicht vorgehabt, dieses Thema überhaupt anzusprechen. Ich war schließlich nur eine Fremde, die mal kurzzeitig auf der Bildfläche erschienen war, aber den Ansprüchen eines Beinahe-Teenagers ganz offensichtlich nicht gerecht wurde.

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