Teil 07

»Unsere erste Begegnung war einfach nicht die beste.« Ich suchte für mich selbst nach der einzig logischen Erklärung, obgleich ich doch ahnte, dass dies womöglich nicht der Hauptgrund war.

»Sie sind die Detektivin vom Arabella, nicht wahr?« Es wirkte fast so, als ob Rosi mich nun mit noch mehr Interesse unter die Lupe nahm.

»Stimmt«, erwiderte ich überrascht.

»Ja«, Rosi nickte bedächtig. »Ich hab von der Sache mit dem Wecker gehört.« Ihre faltigen Mundwinkel zuckten amüsiert.

Ich blickte sie verständnislos an. Was war denn daran so lustig?

Sie schien es bemerkt zu haben. Entschuldigend hob sie die Hand. »Dass Lotta gestohlen hat, ist natürlich nicht in Ordnung. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen.«

Das Aber? lag mir schon auf den Lippen, doch ich sprach es nicht aus. Mein Blick schwenkte wehmütig zu der kleinen Eingangstür des Bücherladens, hinter der zuerst Lotta und kurz darauf auch Kirsten verschwunden waren. »Ist das Ihr Geschäft?«, fragte ich.

Rosi schüttelte den Kopf. »Nein, nicht mehr. Ich helfe hier nur immer mal wieder aus, wenn Not an der Frau ist.« Sie schmunzelte.

Ich wartete darauf, dass sie weitersprach, aber sie tat es nicht. Doch nun war meine Neugier geweckt. Wenn Kirsten mich hier ohne Erklärung schon stehengelassen hatte, dann musste ich eben ganz nach Detektivmanier selbst nachfragen. »Dann gehört also Sandra der Laden?«

Ich nickte in deren Richtung, wodurch mir auffiel, dass Sandra sich mit der Kundin zwar über ein bestimmtes Buch unterhielt, sie mich aber weiter mit Argusaugen regelrecht verfolgte. Ein mulmiges Gefühl machte sich in mir breit. Es war allzu offensichtlich, dass die Frau mir nicht über den Weg traute.

»Sandra?« Rosi wischte mit dem Lappen beherzt über die Theke. Ihr Mund verzog sich dabei zu einem schmalen Strich. »Na ja, sie . . .«, setzte sie gerade an, als ein älteres Paar neben mir auftauchte. »Guten Abend«, begrüßte sie die beiden freundlich. »Glühwein, Gebäck oder beides? Was kann ich für Sie tun?«

Ich rückte ein Stück zur Seite, um Platz zu machen. Verstohlen blickte ich zu Sandra, weil ich mir nicht sicher war, ob sie etwas mitbekommen hatte. Die schenkte der Kundin, die tatsächlich ein Buch gekauft zu haben schien, zum Abschied ein Lächeln. Doch das Lächeln wirkte auf mich wie eingefroren. Und als spürte sie meinen Blick, ruckte ihr Kopf nach links. Ihre Augen feuerten Blitze ab, die eindeutig mir galten. Der feindselige Ausdruck verursachte bei mir eine Gänsehaut, die wie Eisregen über meinen Rücken wanderte.

Mit einem Schlag erlosch der Ausdruck, und das aufgesetzte Lächeln kehrte zurück. Und dann verstand ich auch warum. Rosi hatte das Pärchen inzwischen bedient und schaute nun ihrerseits zu Sandra hinüber. Womöglich täuschte ich mich, aber es schien, als sendete sie ihr gerade eine eindringliche, wenn auch stumme Warnung. Schließlich zuckte Sandra lässig die Schultern, ehe sie sich wieder mit scheinbarem Interesse den Büchern widmete.

Mir kam das alles höchst merkwürdig vor. Selten hatte ich mich so verunsichert und fehl am Platz gefühlt. Ich musste hier weg. Das hatte doch alles keinen Sinn. Ich murmelte Rosi ein schwaches »Auf Wiedersehen« zu und drehte mich zum Hofausgang. Wie ein gehetztes Fluchttier steuerte ich darauf zu.

»So warten Sie doch«, rief Rosi mir hinterher.

Zwar blieb ich stehen und drehte mich noch einmal zu ihr um. Doch ich schüttelte nur entmutigt den Kopf. Ich wollte nur noch nach Hause. Hoffentlich träumte ich heute Nacht nicht von Glühwein oder kratzbürstigen Kindern.


Ich hatte von nichts dergleichen geträumt. Dafür aber von einer bildschönen Frau mit dunkelblondem Haar und braunen Augen, die Kirsten wie ein eineiiger Zwilling glich.

Ich schloss wieder die Augen und wälzte mich in meinem Bett umher, als könnte ich so den Traum zurückholen. Mein Unterleib zuckte und schob sich verlangend der imaginären Berührung entgegen. Nach ein paar vergeblichen Versuchen sackte ich enttäuscht zusammen, weil mir klar wurde, dass ich auf diese Weise keine Erlösung finden würde. Außer ich legte selbst Hand an, doch ich wischte den Gedanken wütend beiseite. Das fehlte noch.

Vor mich hingrummelnd schwang ich die Beine aus dem Bett und stand auf.

Unter der Dusche kühlte mein Körper allmählich wieder auf Normaltemperatur ab. Mein Geist wandelte jedoch weiterhin irgendwo außerhalb meines Einflussbereiches herum. Und immer wieder schoben sich Bilder von Kirsten in meinen Kopf, derart hartnäckig, dass ich unvermittelt laut aufstöhnte. Ich lehnte die Stirn gegen die Kabinenwand. Mit den Fingerkuppen fuhr ich über die glatte Kunststoffoberfläche und folgte der Wasserspur.

Lottas Worte kamen mir wieder in den Sinn. Da hatte es also eine Jacky in Kirstens Leben gegeben, die ihr allem Anschein nach nicht gutgetan hatte. Aber wieso dachte die Kleine, dass ich ihrer Mutter genauso wehtun würde? War das einfach nur aus kindlicher Überzeugung heraus gesagt, weil sie mich nicht mochte und mich schnellstens wieder loswerden wollte? Aber dann auch dieses seltsam ablehnende Verhalten von Sandra, der Buchverkäuferin.

Wäre ich gestern nicht einfach abgehauen, dann hätte ich vielleicht mehr darüber erfahren, schimpfte ich mich aus. Stattdessen war ich genauso schlau wie vorher. Mittlerweile war ich aber schon mal so weit, dass ich Kirsten als Inhaberin des kleinen Lesecafés vermutete. Und bei Sandra könnte es sich um eine Angestellte handeln. Doch wenn das alles war, wieso war sie mir gegenüber dann so feindselig gestimmt, als hätte ich mich in ihr Leben gedrängelt?

Und Rosi? Auch über sie wusste ich rein gar nichts, während sie über mich erstaunlich gut Bescheid wusste. Doch sie war mir sehr sympathisch.

Irgendetwas verband sie alle miteinander. Aber heute hatte ich keine Kraft, mir weiter den Kopf darüber zu zerbrechen. Eigentlich wollte ich nur eins, nämlich Kirsten wiederzusehen, um wenigstens in die entfernte Nähe meines Traums von letzter Nacht vorzudringen. Ich konnte sie nicht einfach vergessen, auch wenn die Erfolgsaussichten aktuell ziemlich gering waren, was wiederum eine niederschmetternde Wirkung auf mich ausübte.

3

Nach dem Wochenende befand ich mich immer noch in einem desolaten Zustand. Wie Falschgeld hockte ich in meinem Büro des Kaufhauses und starrte missmutig auf die Monitore. Heute hätten es die Diebe vermutlich sehr einfach, sich meinem eigentlich geschulten Blick zu entziehen. Ich war nicht wirklich bei der Sache.

Gerade als ich mich aufraffen wollte, mir in der Kantine einen Kaffee zu holen, hielt mich etwas zurück.

Mein Kopf ruckte so heftig herum, dass es in meinem Genick unangenehm knackte. Ich rieb mir jammernd über den Nacken. Doch der Schmerz war augenblicklich vergessen, als ich auf einem der drei Bildschirme die blondhaarige Gestalt entdeckte, die feenartig im Eingangsbereich der Elektronikabteilung herumschlich.

Sehr verdächtig! Meine Mundwinkel zuckten wild, und ich bekam das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Ich verwarf die Idee mit dem Kaffee und stürmte aus dem Büro. Irgendwie hatte ich jedoch meine Glieder nicht mehr ganz unter Kontrolle, weil ich fast über die Türschwelle geflogen wäre. Aber ich hatte es noch geschafft, mich abzufangen und eine satte Bauchlandung zu verhindern. Dem festarretierten Regal neben der Tür sei Dank.

Ein paarmal atmete ich tief durch, bis ich der Meinung war, wenigstens äußerlich völlig gelassen zu wirken.

»Suchst du jemanden, oder kann ich dir sonst irgendwie behilflich sein?« Meine Stimme gehorchte mir aufs Wort. Ich war ja so verdammt cool.

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