Teil 04

»Ich glaube, Rot würde Ihnen gut stehen«, flüsterte ich dicht hinter ihr.

Ihre Hand, die gerade nach einer schwarzen Mütze gegriffen hatte, zuckte zurück. »Ach, meinen Sie wirklich?«, fragte sie kühl. Sie schaute mich dabei nicht an. Stattdessen griff sie erneut nach der schwarzen Baskenmütze, setzte sie sich auf und begutachtete sich in dem Spiegel, der für diese Zwecke am Rahmen des Verkaufsstandes angebracht war.

Unsere Blicke begegneten sich. Das Feuer in ihren Augen schien jeden Moment das Spiegelglas zu sprengen. Ich schluckte, doch der Kloß in meinem Hals wurde immer größer.

»Also, Schwarz steht Ihnen natürlich auch«, brachte ich mühsam hervor. Ich verpasste mir einen imaginären Klaps auf den Hinterkopf. Plumper ging es wohl kaum.

Langsam drehte sie sich zu mir um. Über ihre Lippen huschte ein spöttisches Lächeln. »Keine Sorge, ich hatte nicht vor zu stehlen«, raunte sie mit einem leicht bissigen Unterton.

»Äh . . . das . . . habe ich auch gar nicht angenommen«, stammelte ich verwirrt. Mit Volldampf schoss mir die Hitze in den Kopf.

»Ach? Und warum verfolgen Sie mich dann?« Sie zog die Augenbrauen in die Höhe.

Je strenger und mürrischer ihr Blick auf mich herniederprasselte, umso verrückter machte mich das. Ich ignorierte das Gefühl, dass ich mich gerade mindestens zehn Zentimeter kleiner fühlte. »Also ich . . . ähm . . . verfolge Sie nicht, zumindest nicht aus diesem Grund«, versuchte ich, witzig zu sein. Anscheinend nicht sehr erfolgreich, denn ihre Miene wurde eher düsterer, falls sie sich überhaupt verändert hatte. »Sie hatten mir meine Frage noch nicht beantwortet . . . Deshalb«, fügte ich entschuldigend hinzu.

»Die da wäre?« Kirsten Kramer machte keinerlei Anstalten, mir ein wenig entgegenzukommen. Warum sollte sie auch? Vielleicht irrte ich mich ja, und ich hatte etwas gesehen und gespürt, das womöglich auf Einseitigkeit beruhte. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass mir das passierte.

»Darf ich Sie auf einen Drink einladen?« Ich merkte selbst, dass ich mich reichlich mutlos anhörte. Ja, ich erwartete den Korb, der mir gleich mit voller Wucht gegen den Kopf knallen würde, regelrecht.

Sie kräuselte die Lippen, bevor sie sich verführerisch ein Stück weit öffneten. Ich starrte auf ihren wunderschönen Mund und fürchtete mich schon vor den Worten, die als Nächstes aus ihm sprudeln würden.

Und die ließen auch nicht lange auf sich warten. »Sie haben meine Tochter, ein zwölfjähriges Mädchen, wegen eines blöden Weckers an die Polizei ausgeliefert. Und jetzt wollen Sie, dass ich mit Ihnen etwas trinken gehe?« Zum Ende hin kletterte ihre Stimme ein Stück weit höher.

Ich nickte voller Überzeugung. »Ja, so in etwa habe ich mir das gedacht. Aber ich habe Lotta nicht an die Polizei ausgeliefert.« Es war mir wichtig, das klarzustellen. »Sehen Sie es doch mal so. Ihre Tochter wurde wegen eines kleineren Deliktes erwischt. Das kann auch eine heilsame Erfahrung sein, um zukünftig nicht wieder vom rechten Weg abzukommen.«

Fast erwartete ich, dass Kirsten Kramer entrüstet aufschreien würde. Doch sie blieb ganz still. Gut möglich, dass ihr gerade bewusst wurde, dass ich mit dieser Einschätzung gar nicht so falsch lag. Schließlich war ihre Tochter auch kein Kleinkind mehr, das nicht in der Lage war, Recht von Unrecht zu unterscheiden.

Innerlich rollte ich mit den Augen, weil ich mich natürlich nicht als Moralapostel aufspielen wollte. Ich wollte eigentlich überhaupt nicht mehr über den Vorfall sprechen, sondern die bezaubernde Dame vor mir einfach nur auf einen Drink einladen. Leider schwand mein Optimismus zusehends. Möglicherweise war ich Kirsten Kramer zur falschen Zeit am falschen Ort begegnet. Resignation machte sich allmählich in mir breit.

»Okay. Einverstanden«, sagte sie vollkommen unerwartet. In ihre Mundwinkel schob sich ein verstecktes Lächeln, das offenbar nur ich erkannte, weil es auch nur für mich bestimmt war.

Ich konnte es kaum fassen. Hatte sie jetzt wirklich zugesagt? Einfach so? Mein Herz machte Luftsprünge. »Oh, wie schön«, hauchte ich, auf der Suche nach meiner Stimme, die sich irgendwohin verflüchtigt hatte. Später würde ich mit mir mal ein ernstes Wörtchen reden müssen. Von meiner hochgelobten Coolness war nichts mehr vorhanden. Ich tastete mich nur noch vorsichtig wie ein scheues Reh voran.

»Haben Sie . . .«, Gott, diese Förmlichkeit hörte sich gerade schrecklich steif an, »einen bestimmten Wunsch?«

»Kommt darauf an, was Sie damit meinen.« Kirsten Kramer legte den Kopf in den Nacken und lachte lasziv.

Das trug natürlich keinesfalls dazu bei, dass ich meine Lockerheit alsbald wiederfinden sollte. Ich lächelte verschmitzt, wenigstens das klappte noch. »Ich meine den Drink und wo wir uns den genehmigen wollen.« Noch ein kokettes Augenzwinkern von mir, das sie mit einem breiten Schmunzeln zur Kenntnis nahm, und langsam fand ich zu alter Stärke zurück. Ich reichte ihr ein zweites Mal die Hand. »Ich bin Fanny.«

»Freut mich, Fanny.« Ihre Mundwinkel zuckten leicht, während sie mir diesmal noch einen Tick länger Zeit gab, ihre Hand in meiner zu spüren.

Mich erfasste ein Wahnsinnsgefühl, das mit einem angenehmen Kribbeln in den Fingerkuppen begann und sich dann schleichend über meinen Arm bis hinauf in die Haarwurzeln ausbreitete. Jetzt noch ein Kuss und dann sterben. Ich runzelte erschrocken die Stirn. Was bloß stimmte mit mir nicht?

»Kirsten.« Sie lachte entzückend.

Oder lachte sie mich aus? Ich kam nicht dazu, mir länger darüber Gedanken zu machen. Denn sie hakte sich überraschend bei mir unter, als wären wir beste Freundinnen oder auch ein bisschen mehr.

»Selbst auf einem überfüllten Weihnachtsmarkt gibt es noch lausche Plätzchen«, raunte sie mir zu.

Zugegeben, ich fühlte mich ein klein wenig überrumpelt, was ich aber auf meine Nervosität schob, die sich einfach nicht richtig legen wollte.

Als Kirsten losgehen wollte, fiel mein Blick auf ihren Kopf. »Ähm . . .« Mit dem Zeigefinger deutete ich nach oben. »Die Mütze . . .«

Kirsten blickte mich verwirrt an. Dann fasste sie sich an den Kopf. »Oh«, murmelte sie, während eine feine Röte ihr Gesicht überzog. »Beinahe hätte ich ja doch eine Straftat begangen.« Während sie sich die Mütze herunterzog, kicherte sie verlegen.

Ich blieb bei meiner ursprünglich gefassten Meinung, dass auch dieser Zug an ihr mir verdammt gut gefiel.

Die Baskenmütze landete wieder bei den anderen Mützen auf dem Verkaufstresen. Die Verkäuferin schaute Kirsten erwartungsvoll an.

Doch Kirsten zuckte bedauernd die Schultern. Dann schenkte sie der Frau hinter dem Tresen ein freundliches Lächeln. »Vielleicht komme ich später noch mal zurück, aber dann probiere ich eine rote Mütze. Glauben Sie auch, dass mir Rot gut steht?«

Ich konnte sehen, wie sie dabei schmunzelte und mir einen amüsierten Seitenblick zuwarf. Fast hätte ich darüber den Kopf geschüttelt. So was Freches aber auch.

Die Verkäuferin begann ebenfalls zu lächeln. »Ich würde sagen, Ihnen steht nicht nur eine Farbe. Aber definitiv gehört Rot dazu, wie Ihre Begleiterin schon treffend bemerkt hat.«

So, das war nun wirklich zu viel für mich. Augenblicklich überkam mich nämlich das heiße Gefühl, dass meine Wangen den Wettstreit um das intensivere Rot eindeutig gewonnen hatten. Ich fragte mich, wie viel die Frau von unserem Gespräch mitbekommen hatte.

Die beiden Damen glucksten vergnügt und schienen sich diebisch zu amüsieren. Was war das hier? Eine kleine Verschwörung gegen mich?

Zwei gegen eine, das ist unfair, knurrte ich lautlos in mich hinein. Ich zog warnend die Augenbrauen zusammen, doch gegen die Heiterkeit der beiden war ich machtlos. Also tat ich das, was mir am besten schien, und stimmte in ihr Lachen ein.

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