Teil 06

»Hm, ja, gut also«, sagte Doktor Schneck noch immer etwas zögerlich.

»Ja, also, gute Nacht. Danke noch mal«, schloss Maxi die Situation endgültig ab. Nur nicht hierbleiben müssen. Auch wenn der Anblick der Ärztin eine enorme Aufmunterung war und sie ihre Verletzung für die paar Minuten ihrer Anwesenheit fast vergessen ließ.

Wie sie ohne diese Ablenkung wieder in ihr T-Shirt kommen sollte, wusste sie noch nicht. Zur Not musste Elli ihr ein Handtuch aus ihrer gepackten Reisetasche umschlingen. Wie voreilig von ihrer Schwester, gleich eine Tasche für den Krankenhausaufenthalt zu packen. Maxi grinste bei dem Gedanken. Sie durfte heim!

Doktor Schneck schob in diesem Moment die Schiebetür des Behandlungsraumes auf und verschwand mit einem letzten geheimnisvollen Blick, den Maxi nicht deuten konnte, aus ihrem Blickfeld.

Ein Seufzer entfuhr ihr, und sie spürte mit einem Mal wieder ganz deutlich, wo das blöde Ross sie getroffen hatte. Bis auf den Millimeter genau konnte sie es verorten. Hatte Doktor Schneck heilende Hände? Oder irgendeine esoterische Kraft, die Verletzungen unterdrückte? Es war mysteriös. Die Ärztin hatte sie so in ihren Bann gezogen, dass sie fast alles vergessen hatte. Wie schade, dass sie sie nie wiedersehen würde. Wirklich schade.

»Ich verfrachte dich jetzt nach Hause. Auch wenn ich es lieber gesehen hätte, wenn sie dich im Krankenhaus behalten hätten. Zur Beobachtung und so.«

»Nur über meine Leiche bleibe ich hier länger als nötig.«

Auch wenn hier eine gewisse Ärztin durch die Gänge lief. Maxi seufzte wieder und bereute es sofort.

5

Willa betrat am nächsten Nachmittag den gepflasterten Weg, der zum Haus ihrer Eltern in der Ortsmitte von Weiler führte. Ihr Elternhaus lag wunderbar idyllisch neben der alten Kirche unter altem Baumbestand.

Als Kind hatte sie hier in der Straße mit dem Ball gespielt und war mit ihrem Roller rauf- und runtergefahren. Ihr älterer Bruder war immer eher unterwegs bei seinen Freunden gewesen oder in den diversen örtlichen Vereinen. Aber für sie war das schon damals nichts gewesen. Und sie konnte sich auch jetzt, da sie die neue Weilerer Hausärztin wurde, nicht vorstellen, wieder hier zu wohnen. Bei dem Gedanken allein bekam sie schon Beklemmungen. Wie gut, dass sie ihre Wohnung in der Stadt behielt, auch wenn das hieß, dass sie pendeln musste. Fünfundzwanzig Minuten Fahrt waren verkraftbar. Die hatte sie auch jetzt nach der furchtbaren Nachtschicht trotz Übermüdung geschafft.

Eigentlich hatte sie heute nur entspannen wollen, aber die Begegnung gestern mit der Feuerwehrfrau brachte sie hierher nach Weiler.

Sie hatte immer noch den Schlüssel zum Haus und öffnete die Tür mit einem lauten »Hallo« in den Flur.

Ihre Mutter schaute sofort aus der Küche, die ihr Reich war. »Wilhelmine, was machst du denn hier? Ich dachte, du kommst erst übermorgen. Jetzt hab ich überhaupt nichts hier, was ich dir anbieten kann. Dein Vater geht doch jeden Freitag in den Schützenverein, da koche ich nichts.« Über den Rand ihrer Lesebrille schaute sie sie mit einem leichten Vorwurf an. Einen Ausdruck, den sie relativ häufig im Zusammenhang mit ihrer Tochter zur Schau trug. Auch wenn es besser geworden war, seit Willa verkündet hatte, dass sie die Praxis im Ort übernahm. Aber das war vermutlich nur eine kurze Pause, die vielleicht in diesem Augenblick schon wieder vorüber war.

»Hallo, Mama. Das macht doch nichts. Ich hab mich ja auch nicht angemeldet.« Willa bemühte sich um einen freundlichen Tonfall. Bemühen war genau das, was sie mit ihrer Mutter immer machte. Wenn sie sich nicht bemühen würde, könnte sie vermutlich überhaupt keinen Kontakt zu ihr halten.

Ihre Mutter setzte die Brille rasch ab. »Ich geh noch schnell rüber zum Bäcker und hole ein paar süße Stückchen. Vielleicht will ja dein Bruder mit uns Kaffee trinken.«

Willa erstaunte es, dass ihre Mutter ihren Bruder erst im zweiten Satz erwähnte und nicht bereits im ersten, wie es normalerweise der Fall war. Es stellten sich ihr automatisch schon wieder die Nackenhaare auf.

Ihr Bruder war das goldene Kind. In den Augen ihrer Mutter konnte er nie etwas falsch machen. Seit jeher wurde er ihr als hehres Vorbild hingehalten. Schon ihr ganzes Leben lang. Ihr Verhältnis zu ihrem Bruder Wilhelm – ja, wie bitter, sogar ihr Name war ein Abklatsch von seinem – hatte das nicht gerade positiv beeinflusst. Natürlich war Wilhelm im Dorf geblieben, hatte hier heterosexuell geheiratet und Kinder gezeugt. Er war zwar inzwischen schon wieder geschieden, aber selbst das wurde ihm nicht angekreidet. Das lag, laut ihrer Mutter, nur an der schrecklichen Ex-Schwiegertochter, die alles in der Ehe falsch gemacht hatte, wenn sie solch einen Mann wie Wilhelm nicht hatte halten können.

Willas Sympathien lagen hingegen bei ihrer Ex-Schwägerin Larissa, mit der sie immer noch Kontakt hatte, was aber niemand aus ihrer Familie wissen durfte, weil sonst der dritte Weltkrieg ausgebrochen wäre.

»Ich wollte eigentlich nur kurz bleiben und dann in die Praxis rübergehen.«

Aber so schnell ließ sich Gertrud Schneck nicht von einem eingeschlagenen Kurs abbringen. »Einen Kaffee wirst du ja wohl mit uns trinken können. Wilhelm soll seinen Freund Bernd mitbringen. Den kennst du noch nicht. Ein sehr netter junger Mann.«

Und Bingo. Da waren sie bereits im Hausflur wieder bei einem Thema, das noch in jedem Gespräch irgendwie vorgekommen war: der Wunsch ihrer Mutter nach einem Schwiegersohn. Das war vollkommen abwegig, und trotzdem gab ihre Mutter nicht auf. Willa hatte noch nie etwas mit einem Mann gehabt, noch nicht einmal ansatzweise, sodass das die Hoffnungen ihrer Mutter irgendwie nähren könnte. Sie war so maximal homosexuell, wie es nur ging, aber das interessierte Gertrud Schneck nicht.

Als Willa mal gesagt hatte, dann solle eben ihr Bruder Wilhelm in zweiter Ehe einen Mann heiraten, kam das gar nicht gut an. Sie hatte schon alle Strategien gefahren: geduldiges Erklären bis zum Abwinken, wütende Retouren bis hin zur Aggression, schnippische Antworten, Gleichmütigkeit, Witz. Aktuell war sie beim Ignorieren angekommen. Das machte sie auch jetzt wieder so. »Ich habe einen Kaffee in meinem Thermosbecher dabei. Ich werde also gleich rüber in die Praxis gehen. Ich wollte nur kurz Hallo sagen.«

Und ein paar Infos aus ihrer Mutter herausquetschen, die grundsätzlich alles aus dem Dorf wusste. Da würde sie ja wohl auch wissen, was es mit der Feuerwehrfrau Maxi Gnädig auf sich hatte und wo sie zu finden war. Willa wusste zwar noch nicht, wie sie auf elegante Art mit ihr in Kontakt kommen konnte, aber das würde sich vielleicht noch zeigen.

Ihre Mutter zog erwartungsgemäß einen Flunsch, aber Willa ließ sich davon nicht beeinflussen. Hatte sie nicht mehr, seit sie fünfzehn war.

»Wenn du meinst«, sagte Gertrud Schneck reichlich pikiert, was Willa nur am Rande wahrnahm, da ihre Gedanken sich schon wieder nur um die Feuerwehrfrau drehten.

Eigentlich hatte sie noch gestern Nacht irgendwie das Gespräch auf Privates lenken wollen. Ihr war nur absolut nichts eingefallen. Im Gehen hatte sie nach Worten gesucht, hatte fallenlassen wollen, dass sie bald in Weiler praktizieren würde, dass man sich doch mal sehen könnte. Irgendwas.

Nur leider war das ihr Waterloo. Mit schönen Frauen das Gespräch beginnen. Willa war darin so mies, dass es schon peinlich war. Ihr versagte dabei grundsätzlich der Verstand, der Mut verließ sie komplett, und sie machte sich meist lächerlich, indem sie albernen Blödsinn daherredete und sich auch sonst wie ein Tölpel benahm.

Wie sie das also anstellen sollte, mit Maxi Gnädig in Kontakt zu treten, stand in den Sternen. Sie wusste nur, dass sie es wollte. Sehr dringend. Dringender als bei allen anderen Frauen in der Vergangenheit. Sie wusste auch, dass sie diesmal nicht einfach den Schwanz einziehen und sich damit zufriedengeben würde, aus einer Ecke heraus zu beobachten, wie andere das taten, was sie so sehr wollte und begehrte. Die Gelegenheit an sich vorbeiziehen lassen und sich dann mit dem begnügen, was ihr in den Schoß plumpste.

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