Teil 06

2

»Und warum, denkst du, ist sie wirklich hier?«, fragte Shanelle, Tories Hilfskraft, während sie einer Kundin die Haare wusch. Torie rief sie manchmal an, wenn der Kundenansturm zu groß war. Das war zwar schon lange nicht mehr geschehen, aber es ging auf die Feiertage zu, und da hatte sich der Laden auf einmal ganz unerwartet gefüllt.

»Wer kann das wissen?« Torie zuckte die Achseln und blickte in den Spiegel vor sich, in dem sich unter ihrem eigenen auch das Gesicht der Kundin spiegelte, deren Kopf sie gerade mit einer schicken Kurzhaarfrisur versah. »Du weißt doch, wie die Leute aus der Stadt sind. Die sehen überall Entwicklungspotenzial, wie sie das nennen. Im Klartext bedeutet das: abreißen und neu bauen. Größer, höher, hässlicher.«

Shanelle verzog das Gesicht. »Es ziehen immer mehr Leute weg. Wer soll dann in den Häusern wohnen?«

»Oh, da wird sich schon wer finden«, bemerkte Mrs. Kibbler, die als Immobilienmaklerin mehr über Häuser und Bewohner wusste als alle anderen. Ihre mit Permanent Make-up in eine schwungvolle Form gebrachten Augenbrauen hoben sich im Spiegel vor Torie.

Torie folgte ihrem Beispiel. »Sie haben etwas gehört?«

»Nun ja . . .« Eve Kibbler kräuselte die Lippen, als wäre da etwas, das sie wüsste, aber nicht sagen durfte. »Diese Delia Cavanaugh ist ja nicht allein gekommen. Da war noch ein junger Mann dabei . . .« Sie ließ den Satz genüsslich ausklingen, ohne ihn zu beenden.

»Und den hast du dir natürlich sofort geschnappt, Eve.« Diese amüsierte Bemerkung kam aus der Ecke mit dem Waschbecken, an dem Shanelle jetzt ein Handtuch um die Schultern der Kundin legte, damit das Wasser aus ihren Haaren nicht ihre schöne Bluse benetzte. »Wie könnte es anders sein?«

»Ach was.« Eve Kibbler winkte ab. »Er kam zu mir, weil ich den besten Überblick über die Immobilien hier habe. Sie dachten, ich hätte vielleicht Listen oder so etwas, die sie mit ihren vergleichen könnten.«

»Und? Hast du?«, fragte Marcia Haymes, die sich jetzt von Shanelle eine Zeitung reichen ließ, nachdem sie ihren Standort vom Waschbecken auf einen der Sessel vor den Spiegeln verlegt hatte.

»Natürlich habe ich«, entgegnete Eve und straffte selbstbewusst ihre Schultern. »Aber die gebe ich doch nicht einfach so raus. Das sind ja schließlich vertrauliche Geschäftsunterlagen.« Sie machte eine kleine Pause. »Jedenfalls nicht ohne Gegenleistung«, fügte sie dann mit zuckenden Mundwinkeln hinzu.

»Die kann ich mir schon vorstellen.« Marcia konnte nun, da sie genau am gegenüberliegenden Spiegel saß, Eve in ihrem Spiegel direkt anschauen. »Da du sagst, er ist jung, ist er vermutlich nicht verheiratet?«

»Jedenfalls trägt er keinen Ehering«, gab Eve Auskunft. »Gefragt habe ich ihn noch nicht. So weit«, sie räusperte sich, »waren wir noch nicht.«

Genauso wie Marcia Haymes musste Torie fast grinsen, aber sie versuchte es zu unterdrücken. Eve Kibbler war bekannt dafür, dass kein unverheirateter Mann vor ihr sicher war. Bei verheirateten zog sie die Grenze, weshalb auch keine der Ehefrauen von Pleshette etwas gegen sie hatte, sondern sich höchstens über sie amüsierte.

»Was hast du denn nun von ihm erfahren, Eve?«, knüpfte Marcia an dem Thema an, das Eves herausragendes Interesse für Männer zuvor unterbrochen hatte. »Was planen die?«

»Das, wogegen der alte Henry sich immer gesperrt hat.« Nur allzu gern gab Eve Auskunft. Ihre Augen blitzten vor Vergnügen, diesen Klatsch mit anderen teilen zu können. »Ein Ferienresort in der Wüste. Wie Las Vegas. Nur ohne die Spielhöllen. Ein reiner Erholungsort. Auch für Familien.«

Also hat sie mich doch belogen. Tories Gesichtsausdruck versteinerte, was sie selbst im Spiegel sehen konnte. »So, fertig, Mrs. Kibbler.« Sie sprühte noch etwas Haarspray auf die dauergewellten Locken und wandte sich dann ab. Im Moment wollte sie keinen Spiegel mehr vor sich haben.

»Das würde tatsächlich Aufschwung für die Stadt bedeuten«, stellte Marcia Haymes interessiert fest. »Wieso sind sie damit zuerst zu dir gekommen statt zu meinem Mann?« Marcia war die Frau des Bürgermeisters.

»Oh, das war wohl eher Zufall«, wiegelte Eve ab. »Oder Sympathie.« Ihre Mundwinkel zuckten.

»Auf jeden Fall wird Amos sich sehr freuen, das zu hören.« Marcia nickte in den Spiegel hinein. »Wenn ich wieder zu Hause bin, werde ich ihm sofort davon erzählen.« Auffordernd warf sie einen weiteren Blick in den Spiegel, der Torie einfing. »Bin ich jetzt dran?«

»Oh, ja, natürlich«, beeilte Torie sich ihr schnell zu versichern und trat hinter den Frisierstuhl. »Wie immer?«

Marcia nickte erneut. »Leider hat Amos nichts für Experimente übrig.« Sie lächelte Torie kurz an und musterte ihre Haare. »Und die Wähler auch nicht. Deshalb bleibt es bei der Frisur, die ich schon immer habe.« Sie seufzte entsagungsvoll. »Dabei würde ich so gern einmal etwas anderes ausprobieren.«

»Es gibt auch Haarfarbe, die man wieder auswaschen kann«, schlug Torie vor.

»Oh ja, ich weiß.« Marcia lächelte. Sie war nett und patent, was man von ihrem Mann nicht unbedingt behaupten konnte. Ohne sie wäre er wahrscheinlich nie zum Bürgermeister gewählt worden. »Zu Halloween habe ich das auch schon mal gemacht. Aber da war Amos nicht da.« Sie verzog das Gesicht. »Also wieder das Übliche.«

Torie blickte sie im Spiegel mitfühlend an, nickte und begann ihr wieder genau die Frisur zu verpassen, mit der sie gekommen war, Dauerwelle toupiert. Da sie das im Schlaf konnte und Marcia sich auch bereits ihrer Zeitung zugewendet hatte, also nicht unbedingt Unterhaltung von Torie erwartete, wanderten Tories Gedanken in eine ganz andere Richtung, hinaus aus dem Salon.

Diese Delia. Was für ein Miststück! Wie hatte sie ihr die Harmlose vorgespielt. Und kein Wort davon verlauten lassen, was hier geplant war.

Aber klar, sie war ja Anwältin. Die sagten schließlich nie die Wahrheit. Keinem von diesen Aasgeiern konnte man trauen.

Eigentlich hätte es keinen Grund gegeben, sich über so eine bekannte Tatsache aufzuregen, wenn da nicht diese Gedanken gewesen wären, die Torie die ganze Nacht nicht hatten schlafen lassen. Es waren genau die Gedanken, die sie auch dazu bewogen hatten, Delia praktisch hinauszuwerfen. Sie fühlte sich so angezogen von ihr, dass sie sich kaum mehr hatte beherrschen können, als sie da gemeinsam in ihrem Wohnzimmer saßen. Weil das Sitzkissen es erforderte, hatte sie fast rückwärts darauf gelegen, und jedes Mal, wenn Delia sie ansah, hatte sie sich gewünscht, sie würde herüberkommen und sie küssen, sich auf sie legen, ihre Hände würden sie streicheln –

Beschämt brach sie den Gedankenfluss ab. Genauso hatte sie ihn gestern abgebrochen, als ihr wieder bewusst geworden war, dass Welten sie und Delia trennten. Nicht nur Welten, sondern auch die Pleshettes. Delia passte zu ihnen in ihrem feinen Anzug, mit ihrer feinen Ausbildung, ihrem feinen Job und ihren feinen Manieren. Aber Torie?

Das hatte ihr Claire schon als Kind klargemacht, dass Leute wie die Simmons nie dazugehören würden. Dass sie immer diejenigen sein würden, auf die die Pleshettes herabsahen. Und viele andere auch. Als Delia Henry Pleshette den König der Welt nannte, war Torie wieder zu Bewusstsein gekommen, dass es genauso war. Jetzt war es nicht mehr Henry Pleshette, sondern sein Nachfolger, den Delia ihr nicht hatte verraten wollen, aber ein Pleshette war es auf alle Fälle. Und genau für diese Leute arbeitete Delia. Sie war eine von ihnen.

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