Teil 07

Das war vielleicht ein bisschen gemein gegenüber ihren Ex-Freundinnen, die alle sehr nette Frauen waren. Die drei, die sie vorzuweisen hatte. Aber es hatte ja nie gehalten. Willa war sich bewusst, dass das durchaus ihre Schuld war. Aber das lag eben auch daran, dass die Beziehungen immer nach dem gleichen Strickmuster funktioniert hatten. Ihre Exen hatten alle sie angesprochen, sie war sozusagen ausgesucht worden und hatte ›nur‹ die Gelegenheit ergriffen. Natürlich hatte sie jede ihrer Exen gemocht und auch irgendwie attraktiv gefunden. Sonst hätte sie sich das ja gar nicht vorstellen können. Aber es war immer eine Kopfentscheidung gewesen und keine aus dem Herzen heraus. Sie war nie verliebt gewesen. Nicht so richtig. So über beide Ohren, den Verstand vollkommen verlierend, blind vor Liebe.

Natürlich waren auch Gefühle im Spiel gewesen, sie war ja kein gefühlloser Roboter. Aber es war eben nie das ganz große Gefühl entstanden, wie sie sich das erhofft hatte. Das fehlende Etwas war dann auch immer der Grund für das Beziehungsende gewesen. Zumindest konnte sie das nach reichlich Introspektion so diagnostizieren.

Jetzt war da eine Frau, die ihr Herz schon in der ersten Minute hatte so hochschlagen lassen, wie es keine ihrer Exen jemals geschafft hatte. Sie würde den Teufel tun und nicht alles versuchen, was in ihrer Macht stand. Willa hoffte nur, dass das ausreichte, um irgendwo hinzukommen. Sei es nur herauszufinden, dass Maxi Gnädig im Tageslicht betrachtet nur eine Illusion war.

Aber falls nicht? Willa wagte kaum weiterzudenken, was das bedeuten könnte. Es gab so viele Was-wäre-Wenns. Was wäre, wenn Maxi Gnädig ihre Traumfrau wäre? Was wäre, wenn das umgekehrt nicht der Fall wäre? Was wäre, wenn sie sich komplett blamieren würde? Was wäre, wenn die Feuerwehrfrau sich noch nicht einmal an sie erinnern könnte? Was-wäre-wenn, was-wäre-wenn. Aber sie musste es trotzdem versuchen.

»Ach, noch eine kuriose Begebenheit«, sagte sie wie nebenbei, als ob es nicht um Informationen ginge, die vielleicht ihr ganzes weiteres Leben beeinflussen könnten.

»Ja?«, kam die begierige Aufforderung weiterzureden. Schwiegersohn in spe und Kaffee und alles sofort vergessen. Auf die Tratschsucht ihrer Mutter war einfach immer Verlass.

»Gestern Nacht muss es in Weiler einen Einsatz der Feuerwehr gegeben haben. Waren da irgendwo Pferde ausgebrochen?« Das klang hoffentlich sehr unverfänglich. Sie umschiffte Maxi Gnädig vollständig. Denn wenn eines klar war, ihre Mutter war wie ein Fuchs auf der Fährte einer Feldmaus, wenn es darum ging, Dinge zu erschnüffeln, die nicht für sie bestimmt waren. Willa musste also mit äußerster Vorsicht vorgehen.

»Das war Claudias kleine Herde. Die haben mal wieder den Elektrozaun niedergetrampelt. Dieter sollte es einfach lassen, seinen Vorgarten so liebevoll zu bepflanzen. Diese Frau ist einfach nicht dazu in der Lage, Pferde zu halten. Das ist doch ein Skandal.« Während sie sprach, wischte ihre Mutter mit einem aus ihrer Schürze hervorgeholten Tuch über den makellos sauberen kleinen Tisch im Eingangsbereich.

Willa zuckte die Schultern über die Aburteilung. »Das kommt eben manchmal vor.«

Gertruds Kopf schnellte hoch. »Das darf es aber nicht. Dann müssen die Viecher eben immer im Stall bleiben.«

Ihre Mutter mochte grundsätzlich keine Tiere. Das betraf nicht nur Pferde, sondern auch Hunde und Katzen. Kaninchen oder Meerschweinchen. Sie mochte nur Rinder. Und das nur als Wiener Schnitzel auf ihrem Teller.

Auch das ignorierte Willa aus strategischen Gründen. »Es wurde jemand dabei verletzt.« Ihr war klar, dass sie damit nur Öl ins Feuer goss, weil ihre Mutter die Pferdehalterin offensichtlich bereits auf dem Kieker hatte, aber Willa musste ja schließlich irgendwie aufs eigentliche Thema kommen.

»Mit Blaulicht sind die mitten in der Nacht durchs Dorf gefahren mit ihrem Krankenwagen. Stell dir das mal vor. Diese Unverschämtheit.« Das Tuch wurde unsanft zurückgestopft und bekam den ganzen Unmut ihrer Mutter zu spüren.

Willa unterdrückte auch hier wieder die Worte, die unmittelbar aus ihr heraussprudeln wollten und die sehr viel aggressiver ausgefallen wären. Sie schaffte eine sachliche Antwort. »Das ist ja wohl verkraftbar, wenn es um eine lebensbedrohliche Verletzung geht.«

Ihre Mutter winkte ab. »Ach was, lebensbedrohlich.« Sie verschwand beim Reden in die Küche und sprach über ihre Schulter hinweg weiter. »Die ist doch schon wieder zu Hause. Woher weißt du das alles? Und wieso interessiert dich das?«

Willa folgte ihr und sagte zu ihrem Rücken: »Weil ich in meiner letzten Schicht das Vergnügen hatte, die Feuerwehrfrau zu behandeln und das schon ein immenser Zufall war.«

Ihre Mutter drehte sich unvermittelt um und sah sie plötzlich sehr misstrauisch an. Das war wohl schon zu viel gewesen. Willa wurde schlagartig klar, dass Maxi Gnädig in Weiler mit Sicherheit so bekannt war wie ein bunter Hund. Wenn ihr Gaydar sie nicht komplett in die Irre geführt hatte, war das natürlich eines der Gesprächsthemen für den Dorfklatsch. Das Geschwätz fand vermutlich kein Ende. Eine Lesbe bei der örtlichen Feuerwehr.

Die jetzt auch noch von der zweiten Lesbe mit großem Tratschfaktor behandelt wurde. Der neuen Hausärztin des Dorfes.

Wie hatte sie nur so doof sein können zu denken, dass ihre Mutter nicht sofort Lunte wittern würde? Ihr Blick allein sagte alles: Misstrauen, Ablehnung, Widerwillen. Ihre Mutter war einfach so vorhersehbar in ihrer Homophobie.

»Halt dich bloß von der fern. Das ist eine ganz furchtbare Person.«

Dieses Mal gelang es Willa nicht, ihre Reaktion hinunterzuschlucken, und sie fiel sehr sarkastisch aus. »Wie kann denn das sein, wenn sie in der Feuerwehr ist?« Sie wusste, welch große Stücke ihre Mutter auf die Weilerer Feuerwehr hielt. Hätte Willa sich nach einem Mann aus der Freiwilligen erkundigt, Gertrud Schneck hätte Freudentänze aufgeführt.

»Da gehen die Frauen nur so ein und aus. Und arbeiten tut sie auch nichts. Ein ganzes Lotterleben führt diese Person. Eine Schande fürs Dorf.«

Wie Willa diese Aussage hasste. Eine Schande. Alles, was nicht in Gertrud Schnecks Weltbild passte, war eine Schande. Viel zu oft hatte dieser Ausdruck auch auf sie schon Anwendung gefunden.

»Wer sagt das?«, fragte Willa, obwohl sie die Antwort bereits wusste. Ihre Mutter sagte das. Ihre Mutter verurteilte Maxi Gnädig gnadenlos. »Eigentlich hatte ich einen soliden Eindruck.« Die pure Provokation. Mehr brauchte es nicht als die paar Worte.

Gertrud verzog das Gesicht zu einer angewiderten Grimasse. »Solide? Wie kann denn so eine solide sein!«

Und genau in diesem Moment bereute Willa ihre Entscheidung, die neue Dorfärztin zu werden, aufs Tiefste. Denn sie war ja auch so eine. Nur dass ihre Mutter das nie akzeptieren würde.

6

Maxi schaffte es nicht einmal unter Aufbietung ihres ganzen Willens, sich aufzusetzen. Nicht einmal so langsam wie eine Schnecke und in Zeitlupe. Sie hatte das Gefühl, dass ein Felsbrocken auf ihrer Brust lag und ihr die Luft abschnürte.

So langsam machte sich eine leichte Panik in ihr breit und sie bereute ihre Entscheidung, die Schmerztablette abgelehnt zu haben, die Elli ihr in der Frühe hatte geben wollen. Sie hatte es zwar gestern Nacht selbst mit Ellis Hilfe kaum geschafft, sich auszuziehen, aber die letzten Stunden hatte sie sich gut gefühlt. Der Schmerz war erträglich gewesen. Kein Vergleich zu jetzt. Dazu kam, dass sie wirklich äußerst dringend pinkeln musste.

»Elli«, sagte sie so laut es ging, aber es kam nur ein heiseres Krächzen heraus, das ihre Schwester vermutlich gar nicht erreichen würde, denn wahrscheinlich war sie eine Etage tiefer.

Im Türrahmen tauchte aber tatsächlich eine Gestalt auf. Allerdings nicht ihre Schwester, sondern ihre Mutter. »Schmerztablette?«, fragte sie, als ob es eh klar wäre und sie auf nichts anderes gewartet hätte, als dass ihr ältestes Kind endlich zur Vernunft kam.

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