Teil 07

Tories Mund wurde zu einem schmalen Strich. Wenn sie sich nicht so furchtbar gefühlt hätte, hätte sie gestern fast gelacht, als Delia ihr dann einzureden versuchte, sie könnte über ihren Frisiersalon bestimmen, weil sie ihn gestaltet hatte. Weil sie sich mit harter Arbeit ganz allein dieses Geschäft aufgebaut hatte.

Trotzdem gehörte ihr nichts davon, und das war eine Tatsache. Auch wenn Delia das mit süßem Anwältinnengerede hatte verschleiern wollen. Aber darin waren Anwältinnen ja groß: die Wahrheit so zu verdrehen, bis sie ihnen passte.

Sie hatte gemerkt, wie Delia sie ansah. Und sie hatte genau gewusst, was sie von ihr, Torie, wollte. Hätte Torie eine Couch besessen, auf der sie sich für den Kaffee nebeneinander hätten niederlassen können, hätte sie vielleicht sogar schon einen Versuch in diese Richtung gestartet. In die Richtung der Umsetzung ihrer Wünsche.

Was Torie daran ärgerte, waren aber weniger Delias Wünsche, die sie ihr von den Augen abgelesen hatte, sondern ihre eigenen. Die leider in dieselbe Richtung gingen.

Sie war sich dessen bewusst, dass sie in ihrem ganzen Leben noch nie so eine interessante Frau wie Delia Cavanaugh getroffen hatte. Wie sollte das auch gehen in einem Dorf wie Pleshette, wo jeder jeden kannte? Um sich einmal mit einer Frau treffen zu können, musste sie nach Henderson fahren. Oder gleich nach Reno oder Vegas. Was sie nicht gern tat, obwohl sie sich dort wesentlich weniger auffällig fühlte, weil blond oder braun nicht die einzige Haarfarbe war, die sie auf der Straße sah.

Bisher hatte sie bei ihren Ausflügen in die lesbische Welt, die es in Pleshette nicht gab, jedoch noch nie viel Glück gehabt. Sex, ja. Aber kein Glück. Und schon gar keine Liebe. Es schien, als ob das ein Wort wäre, das im Wortschatz vieler Frauen, die sie in den Bars getroffen hatte, gar nicht existierte.

Torie erinnerte sich noch sehr genau an die erste Begegnung dieser etwas merkwürdigen Art damals in Reno. Zwar war Torie nach dem Gesetz schon erwachsen gewesen, aber sie war immer noch Jungfrau. Außer ein bisschen Rumgefummel im Teenageralter mit einer ehemaligen Schulfreundin, die dann aber weggezogen war, war nie etwas gewesen. Es gab Jungs, die sich für Torie interessiert hatten, aber keine Mädchen. Jedenfalls keine, die es offen zeigten. Und Torie traute sich auch nicht. Mit Pat war es etwas anderes gewesen. Da hatte Pat den ersten Schritt gemacht.

Aber kaum waren sie sich nähergekommen, hatte ihr Vater einen Job in einer anderen Stadt bekommen, und Pat war Geschichte. Zu Anfang schrieben sie sich noch, aber auch das hatte sich dann schnell verlaufen. Das Letzte, was sie von Pat gehört hatte, war ein kurzer Brief gewesen, in dem sie davon schwärmte, wie toll ihre Lehrerin war. Sie hatte sich in sie verliebt. Aber Torie hatte nie erfahren, was daraus geworden war.

Erst ein paar Jahre später, als ihr Ausweis es ihr erlaubte, eine Bar zu betreten, war es dann endgültig dazu gekommen. Torie wusste noch nicht einmal mehr, ob sie das überhaupt vorgehabt hatte. Sie hatte einfach nur nach Gleichgesinnten gesucht, sich in Pleshette einsam gefühlt, mit niemandem reden können. Ihre Mutter war nicht dazu geeignet, denn sie rannte immer nur in die Kirche, und ihr Vater war kaum zu Hause, er fand sein Vergnügen anderswo. Torie liebte ihren Vater, aber er nahm sie kaum wahr. Er hatte sich immer einen Sohn gewünscht, und es schien manchmal fast, dass er Torie böse wäre, weil sie keiner war.

Also fuhr sie nach Reno, nachdem sie im Internet Bilder von einer Bar gefunden hatte, die ihr sehr einladend erschien. Die Frauen auf den Bildern lächelten sich an, schienen sogar Torie anzulächeln und sie einzuladen, zu ihnen zu kommen.

Ganz laut hatte Tories Herz gepocht, als sie in den Bus stieg. Ein Auto besaß sie nicht. Die ganze Fahrt über hatte sie vor Aufregung gelächelt und zum Fenster hinausgeschaut, weil sie nicht in eines der Gesichter ihrer Mitreisenden blicken wollte, die ihr die Träume, die sich für sie da draußen vor dem Fenster abspielten, nur zerstört hätten.

In Reno angekommen wurde es schon dunkel, und sie hatte einige Mühe, sich in dieser großen Stadt zurechtzufinden. Aber sie kannte die Adresse der Bar, und wozu gab es Google Maps? Hätte sie sich wie in früheren Zeiten durchfragen müssen, wäre ihr sicherlich jedes Mal fast das Herz stehengeblieben, wenn sie einen Passanten hätte fragen müssen, weil sie erwartete, dass er sie hämisch anblicken und sagen würde: »Ach, so eine bist du. Da willst du hin.« Aber so kam niemand auf die Idee.

Als sie endlich die Tür mit dem stilisierten Frauengesicht erreichte, hatte sie dann noch mindestens eine halbe Stunde draußen herumgestanden, diejenigen, die hineingingen und herauskamen, beobachtet, als wollte sie feststellen, ob sie wirklich zu ihnen gehörte. Ob sie sie akzeptieren würden. Ob sie sie nicht gleich wieder nach Hause schicken würden, weil sie ihr sofort ansahen, dass sie nicht in der Stadt aufgewachsen war.

Zum Schluss war sie durch eine Gruppe mit hineingezogen worden, die lachend ankam, als sie in der Nähe der Tür hin- und herlief und zum x-ten Mal vor dem Eingang zurückschreckte. Die Frauen und Mädchen gehörten offenbar zu einer Art Clique, die den Abend immer hier im Ladyface begann. Jedenfalls entnahm Torie das ihren Bemerkungen. Da sie alle gemeinsam auf die Tür zustürmten, geriet Torie in ihren Sog, und schon stand sie im Innenraum der Bar.

Dort löste sich der Pulk, mit dem sie hereingekommen war, schnell auf. Viele begrüßten andere, die schon hier waren. Sie schienen alle eine große glückliche Familie zu sein. Torie fühlte sich entschieden ausgeschlossen, weil sie niemanden hier kannte.

Allerdings war das Gefühl des Ausgeschlossenseins kein unbekanntes für sie, und so gewöhnte sie sich schnell daran, hier nicht weniger fremd zu sein als in manchen Gegenden von Pleshette. In denen, in denen die Reichen wohnten.

Sie suchte den Punkt an der Bar, von dem sie die Bilder im Internet gesehen hatte. Die Frauen, die sie aus den Bildern heraus angelächelt hatten. Die waren heute anscheinend nicht hier. Jedenfalls nicht an der Bar und nicht alle zusammen.

Langsam bewegte Torie sich auf die Bar zu und schlich sich fast auf einen der Barhocker. Aber die Frau, die an der Bar bediente, sah sie natürlich trotzdem und kam zu ihr herüber. »Was kann ich dir bringen?«, fragte sie freundlich, aber auch sichtlich uninteressiert.

»Cola?« Torie wusste nicht, wie man sich in einer Bar zu verhalten hatte, da sie noch nie in einer gewesen war. Hätte sie lieber einen Whiskey bestellen sollen?

Doch die Barfrau nickte nur, entfernte sich ein paar Schritte, griff in einen Kühlschrank, nahm eine Cola heraus und stellte sie vor Torie hin. »Glas?«, fragte sie.

Obwohl das eine sicherlich ganz harmlos gemeinte Frage war, fühlte Torie sich davon in die Ecke gedrängt. Sie hatte das Gefühl, es entsprach eventuell nicht den hier herrschenden Regeln, aus einem Glas zu trinken, und sie würde sich gleich als Newbie zu erkennen geben und sich fürchterlich zum Affen machen, wenn sie eins verlangte. Deshalb tat sie es nicht, obwohl sie es hasste, aus Dosen zu trinken.

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