Teil 08

Aus lauter Bockigkeit wollte Maxi fast schon ablehnen, der Schmerz war aber zu groß für solch dumme Spielchen. »Zuerst eigentlich Klo, aber ich glaube, das schaff ich nicht ohne«, gab sie also zu, und ihr schmerzverzerrter Gesichtsausdruck musste wohl sämtliche Mutterinstinkte angesprochen haben, denn im Nu hatte sie eine Tablette vor dem Mund und ein Glas Wasser mit Strohhalm in der Hand.

»Kriegst du die so runter?«

Maxi grummelte bejahend und schluckte das Ding kurzerhand. Elli hatte sie gestern Nacht so hoch aufgebettet, dass sie zuversichtlich war, den riesigen Klumpen Schmerztablette ihre Speiseröhre hinunterquetschen zu können, ohne daran zu ersticken.

Ihre Mutter blieb auf der Bettkante sitzen, und gemeinsam warteten sie endlose Minuten. Maxi konnte gar nicht sagen, wie dankbar sie um die Gesellschaft war. Ihre Mutter konnte ebenso wie sie im richtigen Moment schweigen. Das war wunderbar. Sie hielt nur Maxis Hand und schaute sie immer wieder aufmunternd an.

Wer sie nicht kannte, machte immer wieder erstaunte Bemerkungen über ihre Ähnlichkeit. Bei ihrer Mutter überwog zwar so langsam das Grau in den dunklen Locken, und sie war insgesamt eine rundlichere, weichere Version, aber man konnte es nicht leugnen – sie sahen sich verdammt ähnlich. Außerdem hatte Ingrid Maxi mit sechzehn bekommen, der Altersunterschied war wirklich eher wie bei Geschwistern. Ingrid sah sogar mehr aus wie ihre Schwester als Elli. Die kam nach ihrem verstorbenen Vater. Ihr Bruder Robert, das Küken, war hingegen eine perfekte genetische Mischung.

Maxi lenkte sich mit lauter solchen Gedanken ab von den Schmerzen, dem Druck und der dazugehörigen Panik.

Nach gefühlten Ewigkeiten merkte sie, wie alles nachließ – die Schmerzen waren gedämpfter, und sie bekam auch wieder besser Luft. »Ich glaube, jetzt können wir es versuchen.«

Sie wünschte, sie hätte auf die Ärztin gestern Nacht gehört und sie nicht nur angeschmachtet. Jesus, Maria und Josef, war das eine Lehre. Eine sehr schmerzhafte. Sie würde in Zukunft pünktlich wie verordnet das Zeug brav schlucken, auch wenn sie kein Fan von Medikamenten war, deren Beipackzettel einmal um den Äquator reichte.

Ihre Mutter sagte kein Wort, sondern schritt zur Tat. Gemeinsam schafften sie es mit mehreren Anläufen, Maxi einigermaßen schmerzfrei zuerst zum Sitzen am Bettrand zu bringen, und danach war das Aufstehen gar nicht mehr so schwer.

Sie ging so schnell es eben ging zur Toilette – also seeehr langsam. In ihrem Hexenhäuschen gab es glücklicherweise keine großen Strecken zurückzulegen.

Ihre Mutter blieb kommentarlos draußen stehen. Maxi nahm sich fest vor, ihr keinen Anlass zu geben, zu ihrer Rettung ins Klo kommen zu müssen. Wobei es von Minute zu Minute dank der Tablette besser ging. Wieso war sie nur so idiotisch gewesen und hatte Heldin spielen müssen?

Maxi stellte sich Doktor Schnecks Reaktion auf diese Selbsterkenntnis vor. Sie würde vermutlich dieses faszinierende Lächeln auflegen und irgendetwas furchtbar Trockenes dazu sagen.

Warum ging ihr eigentlich diese Ärztin nicht mehr aus dem Kopf? Maxi schob das beiseite und machte sich an die praktischen Dinge des Lebens: auf die Kloschüssel zu kommen.

Sie war noch dabei, sich wieder anzuziehen, da hörte sie die Türklingel, und nur Sekunden später sprach ihre Mutter mit jemandem. »Komm rein. Sie ist auf dem Klo.«

Na toll, würde jetzt auch noch verkündet werden, was sie dort genau tat? Und wem sagte ihre Mutter das eigentlich?

»Immerhin das scheint ja zu funktionieren«, hörte sie Carolina antworten, und ihre Stimmung hellte sich sofort auf. Ihre Ex-Freundin war einer ihrer Lieblingsmenschen.

Elli machte sich ja immer darüber lustig, dass sie mit fast allen ihrer ehemaligen Beziehungen befreundet blieb und sich ihr Freundinnenkreis mehr oder weniger daraus zusammensetzte. Aber Maxi hatte dafür nur ein Schulterzucken übrig. Sie hatte die Frauen eben einfach gut ausgesucht. Grundsätzlich passten also alle zu ihr, nur halt nicht für eine dauerhafte Liebesbeziehung. Sie verstand Menschen nicht, die sich fast ausschließlich in Arschlöcher verliebten – männlich oder weiblich oder alles dazwischen.

Was hatte das denn für einen Sinn? Maxi mochte nette Menschen. In allen Lebenslagen. Auch im Bett. Elli lachte darüber immer nur. Sie war mehr die Art Hete, die auf ›Bad Boys‹ stand. Geheiratet hatte sie dann aber gar keinen Möchtegern-Gangster, sondern das genaue Gegenteil. Gerald war ein braver Finanzbeamter – solider und freundlicher ging gar nicht. Womit für Maxi alles gesagt war.

Ganz langsam schlich sie sich aus dem Klo. Ingrid und Carolina hatten es sich bereits an ihrem kleinen Tischchen gemütlich gemacht und plauderten. Sie kannten sich ja schon lange genug. Ihre Mutter war immer sehr aufgeschlossen gegenüber ihren vielfältigen Bekanntschaften und Freundschaften. Bei der Freiwilligen Feuerwehr war sie auch neulich dabei gewesen. Sehr zur Erheiterung ihrer Kameraden. Wer brachte denn schon seine Mutti zum abendlichen Bier mit? Nach drei Stunden hatte das dann aber keinen mehr gestört. Manchmal nervte sie das fast. Dass ihre Mutter überall so gut ankam. Sie konnte dann einen Funken Eifersucht fast nicht unterdrücken. Es war aber allemal besser als das Gegenteil.

Als sie angeschlichen kam, hörten die beiden auf zu reden und verfolgten gebannt, wie Maxi sich im gesteigerten Schneckentempo wieder zum Bett bewegte. Sie winkte ab, als ihre Mutter aufstehen wollte, um ihr zu helfen. Sie würde es allein schaffen.

»Gibst du jetzt also zu, dass dein Projekt Landleben gescheitert ist?« Carolina war wie immer direkt. Viel zu direkt für Maxis Gemütszustand und ihre gedämpft schmerzende Seite.

Sie antwortete einfach gar nicht und widmete sich vollständig der Aufgabe, wieder ins Bett zu kommen. Langsam und vorsichtig.

»Lass sie. Sie wird schon noch von allein draufkommen. Oder auch nicht.«

Diese Haltung schätzte Maxi so. Dieses Laisser-faire ihrer Mutter. Ihr Vater war eher aufbrausend gewesen, und deshalb waren sie in ihren Teenager-Jahren auch oft aneinandergeraten, aber Ingrid hatte immer ausgeglichen. Jetzt wünschte Maxi sich oft ihren Vater zurück, um mal so einen richtigen Streit vom Zaun zu brechen und sich danach wieder versöhnen zu können.

Carolina riss sie aus ihren abschweifenden Gedanken. Sie lief aufgeregt hin und her, ein echtes Unterfangen in ihrem superkleinen Häuschen und seinen Minizimmern. Wie immer war Carolina übermäßig dramatisch. »Was braucht es denn noch? Reicht ein Pferd nicht aus? Musst du auch noch bei einem echten Brand verletzt werden?«

Maxi sah sie als Antwort einfach an. Hochgezogene Augenbrauen inklusive. Sie musste es nicht aussprechen, Carolina wusste auch so, was sie dachte: Drama Queen. Oft genug hatte sie ihre Freundin schon so betitelt.

Carolinas selbstironisches Lächeln zeigte ihr, dass sie verstanden hatte. Sie legte entsprechend nach: »Oder sonst irgendwas passieren, was einem nur auf dem Land passieren kann?«

Ingrid schnaubte erheitert darüber. Carolinas Vorstellungen vom Landleben waren doch sehr eingeschränkt und kamen wohl großteils aus der Landlust oder Fernsehdokumentationen über die Ausbreitung von Zecken.

Maxi und sie grinsten sich an.

Dann setzte Carolina einen Babyflunsch auf und kullerte übertrieben mit ihren großen, ausdrucksstarken Augen. »Komm einfach wieder zurück«, sagte sie mit Kleinkindstimme.

Süß. Aber Maxi war immun dagegen. Sie konnte sich zwar noch an Zeiten erinnern – in der grauen Vorzeit ihrer Beziehung – zu denen das bei ihr funktioniert hatte wie antrainiert, aber das war lange vorbei. Es schmeichelte ihr trotzdem, dass Carolina zu solchen Mitteln griff, um sie in die Stadt zurückzulocken.

Das hieß aber nicht, dass sie sie nicht provozieren durfte. Und Carolinas eingleisige Denkweise – Stadt cool, Land doof – lud geradezu ein, das zu tun. »Wieso bist du überhaupt hier, wenn es hier so schrecklich ist? Ich bin mir sicher, in zwei, drei Wochen kann ich auch wieder in die Stadt kommen, und wir treffen uns dort. Du sollst ja nicht kontaminiert werden mit zu viel Landleben und Natur.« Maxi klimperte mit ihren Wimpern zurück.

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