Teil 08

Die Barfrau verschwand wieder in die andere Richtung, wo sie sich mit einer Frau unterhielt, die offenbar wesentlich mehr ihr Interesse weckte als Torie.

Aber Torie war ganz froh darüber, denn so konnte sie die hier Sitzenden und Tanzenden – denn es gab auch eine kleine Tanzfläche in der Mitte, die jedoch noch relativ leer war – erst einmal beobachten, um herauszufinden, was in dieser Umgebung richtig und was falsch war. Sie fühlte Röte in ihr Gesicht steigen, als sie sah, dass ein Tanzpaar sich unter der sich drehenden Discokugel tief und innig küsste und an Stellen berührte, die Torie normalerweise noch nicht einmal gewagt hätte auszusprechen.

Ihre Mutter hatte ihr schon als kleines Kind gedroht, sie würde ihr den Mund mit Seife auswaschen, wenn sie jemals so ein Wort benutzte. Selbst Wörter, die Torie damals noch gar nicht kannte, weshalb sie von diesem Verbot ihrer Mutter sehr verwirrt gewesen war. Woran erkannte man ein Wort, das man nicht benutzen durfte?

Doch hier musste man es gar nicht benutzen. Man sah es. Die eine Frau zog der anderen die Bluse aus der Hose und schob sie dann hoch, um an ihren BH zu kommen.

Torie blickte schnell zur Seite. Zwar war sie so fasziniert von dem Anblick, dass sie sich kaum losreißen konnte, aber sie schämte sich auch. War das denn überhaupt erlaubt? Schnell nahm sie einen Schluck von ihrer Cola, um sich abzukühlen.

»Na, Kleine? Neu hier?«

So eine Frau wie die, die sie auf einmal ansprach, hatte Torie noch nie vorher gesehen. Sie trug Piercings und Tattoos, eine Lederweste, an der Ketten baumelten, und eine zerrissene Jeans, die zum Teil so weit aufgerissen war, dass man ihren halbnackten Po sehen konnte.

Am liebsten wäre Torie geflohen, aber die Frau, die größer und breitschultriger war als sie, platzierte ihre Arme rechts und links neben Torie auf der Bar, sodass sie nicht entkommen konnte. »Ähm, ja«, antwortete sie mit einer Stimme, die sie selbst kaum wiedererkannte. Es war, als würde sie direkt hinter ihrem Mund abgeschnitten. »Ich bin vorhin mit dem Bus gekommen.«

»Mit dem Bus?« Die Frau warf den Kopf zurück und lachte. Nein, sie lachte nicht, sie wieherte laut wie ein Pferd in einem Comic. Aber vielleicht lag das nur an ihren riesigen Zähnen, die an die eines Pferdes erinnerten. »Aus irgendeinem Kaff in der Provinz, nehme ich an.«

»Pleshette«, sagte Torie.

»Noch nie gehört«, erwiderte die andere desinteressiert. »Aber mach dir nichts draus.« Sie winkte ab. »Die meisten von uns kommen aus irgendeinem Kaff. Ist nichts Besonderes.« Sie blickte auf die Dose, um die sich immer noch Tories Hand krallte. Es war das einzige, woran sie sich festhalten konnte. »Was trinkst du? Cola?«

Torie zog den Kopf zwischen die Schultern, als hätte sie gerade ihr Todesurteil erhalten. Hatte sie doch gewusst, dass das falsch gewesen war.

»Hey-hey, Tiger.« Eine andere Stimme mischte sich ein, aber Torie konnte nicht sehen, zu wem sie gehörte, weil die breiten Schultern der Lederweste ihr den Blick versperrten. »Fällst du schon wieder über das Frischfleisch her?«

Die Frau mit dem Pferdegebiss blickte sich grinsend um. »Willste was abhaben, Syd?«

Nun trat die Frau, die gesprochen hatte, in Tories Blickfeld. Am liebsten hätte Torie erleichtert aufgeatmet, denn diese Frau sah für ihre Begriffe vergleichsweise ›normal‹ aus. Sie trug Jeans, die nicht zerrissen waren, ein T-Shirt und darüber eine Art Anzugjacke, deren Ärmel sie ein wenig aufgekrempelt hatte, damit man das farbige Innenfutter sehen konnte. »Ich wollte eigentlich nur eine Cola trinken.« Sie lächelte Torie an und wies mit einer Hand auf ihre Dose. »Hat Liz dir kein Glas gegeben?«

»Ich . . .« Torie musste schlucken, weil ihre Kehle so trocken geworden war, dass sie kaum sprechen konnte. »Ich wollte keins«, antwortete sie.

»Wirklich?« Syd bezweifelte das eindeutig. »Trinkst du gern aus Dosen? Ich nicht.« Sie hob eine Hand und schnippte mit den Fingern. »Hey, Liz! Bring mir ’ne Cola, bitte. Und zwei Gläser!« Sie grinste in Richtung der Barfrau.

Die hob zwar etwas erstaunt die Augenbrauen, brachte dann jedoch eine zweite Dose Cola und dazu die gewünschten Gläser. »Seit wann trinkst du Cola?«, fragte sie leicht schnippisch. »Mit nichts drin?«

»Seit heute«, entgegnete Syd selbstbewusst.

»Ach so.« Kurz fuhr Liz’ Blick über Torie. »Zahlst du ihre Cola dann auch?«

»Klar«, sagte Syd. Sie lächelte Torie so hinreißend an, dass Torie fast vom Stuhl fiel. »Du bist eingeladen«, teilte sie ihr mit. »Der erste Drink hier ist immer umsonst.«

»Haha«, machte die Lederweste spöttisch. »Seit wann das denn?«

»Seit ich es sage?« Mit einem tadelnden Gesichtsausdruck musterte Syd Tories ›Verehrerin‹ von oben bis unten. »Und ich glaube, dein Typ wird dahinten am Tisch verlangt.«

Zuerst schien es, als wollte die Frau mit den Piercings protestieren, aber dann stieß sie sich von der Bar ab und gab Torie frei. »Lässt du mir was übrig?«

Diese Geschmacklosigkeit beantwortete Syd gar nicht mehr, sondern sah die andere nur an. Die starrte zwar zurück, aber Syd gewann den Wettbewerb, und grummelnd trollte die Lederfrau sich zu einem Tisch, an dem sie von anderen begrüßt wurde, die ähnlich wie sie gekleidet waren. Im Weggehen hatte Torie wahrgenommen, dass auf der Rückseite der Weste tatsächlich Tiger stand. Das war dann wohl ihr Name.

»Tut mir leid«, sagte Syd. »So sollte das nicht ablaufen, wenn jemand zum ersten Mal hierherkommt.« Sie hob ihr Glas mit Cola und hielt es in Tories Richtung. »Herzlich willkommen im Ladyface

»Sieht man mir das wirklich so an?«, fragte Torie verlegen. »Dass ich das erste Mal hier bin?«

»Oh ja.« Syd lächelte wieder ihr hinreißendes Lächeln. »Aber einmal ist ja immer das erste Mal. War es für uns alle.« Sie ließ ihren Blick kurz durchs Lokal schweifen. »Jetzt kennt hier schon jede. Deshalb fällt es auf, wenn jemand Neues dazukommt.«

Torie musste lachen. »Fast wie in Pleshette. Da kennt auch jeder jeden.«

»Du kommst aus Pleshette?«, fragte Syd interessiert.

»Du kennst es?«, fragte Torie zurück. Langsam entspannte sie sich, weil Syd einfach diese Ausstrahlung hatte. In ihrer Gegenwart fühlte Torie sich schon fast zuhause, nicht mehr so fremd und allein.

»Bin nur mal durchgefahren«, sagte Syd. »Nettes kleines Städtchen. So ordentlich und sauber.«

Zweifelnd verzog Torie das Gesicht. »Ja, das ist es wohl«, gab sie zu. »Viel mehr aber auch nicht.«

»Klar, diese kleinen Städte sind nichts, wenn man sich amüsieren will.« Syd lächelte verständnisvoll. »Deshalb bist du hergekommen.«

Syds Lächeln nahm Torie völlig gefangen. Es war so freundlich und warm, so beschützend und mitfühlend. Es vermittelte Geborgenheit wie ein weiches Hundefell an einem kalten Winterabend. »Das . . .«, Torie räusperte sich heftig und senkte den Blick, »das ist peinlich.«

»Was? Dass du hergekommen bist, um dich zu amüsieren?« Syd lachte leise. »Sind wir das nicht alle? Wozu geht man sonst in so ein Lokal wie dieses?« Ihr Finger legte sich unter Tories Kinn und hob es hoch. »Und ich bin froh, dass du gekommen bist«, fügte sie sehr weich hinzu, während sie ihr tief in die Augen sah.

Im nächsten Moment hauchte sie Torie einen Kuss auf die Lippen, der so angedeutet war, dass Torie sich fragte, ob sie sich das nicht nur eingebildet hatte, als Syd sich wieder zurücklehnte. Verwirrt nahm sie einen Schluck Cola, weil sie für alles andere viel zu durcheinander war.

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