Teil 10

In Tories Gedanken wechselten sich Filmszenen ab, was alles an einem Morgen danach passieren konnte. Insbesondere an dem ersten Morgen danach. Syd war so beschützend und zärtlich. Torie glaubte, dass sie schon wusste, worauf das hinauslief. Frühstück im Bett. Zärtliche Spiele. Die Fortsetzung dieser berauschenden Nacht, nachdem sie sich gestärkt hatten.

Sie kuschelte sich ins Kopfkissen, umarmte es und zog es an sich. Syd. Warum bist du jetzt nicht hier? Ich würde dich so gern umarmen, küssen, dir all das geben, was du dir wünschst und was ich mir wünsche. Sie spürte, wie ihr ganz warm wurde, wie ein zärtliches Gefühl sie erfüllte, das sich nur in diesem einen Namen ausdrücken konnte: Syd. »Ich liebe dich, Syd«, wisperte sie und schloss die Augen.

»Bist du wach?« Syds Stimme schwebte plötzlich über ihr.

Sie öffnete lächelnd die Augen. »Syd«, flüsterte sie. Im Gegenlicht konnte sie Syds Gesicht kaum erkennen.

Syd hatte eine kleine Schüssel in der Hand und setzte sich neben sie auf die Bettkante. »Magst du Erdbeeren?«, fragte sie. Sie hielt eine große reife Frucht direkt an Tories Lippen.

»Deshalb warst du weg? Um Erdbeeren zu holen?« Tories Liebe zu Syd wuchs ins Unermessliche. Sie biss ab und genoss den süßen unvergleichlichen Geschmack im Mund. »Die sind herrlich«, murmelte sie.

»Ehrlich gesagt habe ich sie nicht geholt, sie wurden mir gebracht«, sagte Syd.

Torie schmunzelte. »Du hast einen Lieferservice für Erdbeeren?«

»Ich bin der Lieferservice.« Von der Tür her erklang die Stimme einer anderen Frau, die Torie noch nie gehört hatte.

Erschrocken blickte sie dorthin und riss sich automatisch die Bettdecke an die Brust.

»Du musst dich nicht vor mir verstecken«, sagte die fremde Frau, die nun lächelnd auf das Bett zutrat. »Ich habe so was schon mal gesehen.« Sie stellte sich neben Syd, und Syd legte einen Arm um ihre Taille, blickte mit einem ebensolchen vertrauten Lächeln zu ihr auf. »War’s schön?«, fragte die Frau mit einem Blick auf Torie. »Aber wieso frage ich? Mit Syd ist es immer schön.« Sie beugte sich zu Syd hinunter und hauchte einen Kuss auf ihre Lippen.

Torie wusste nicht, wo sie hinsollte. Sie war nackt und konnte die Wohnung in diesem Zustand nicht verlassen. Außerdem war da diese fremde Frau, die einfach so in Syds Schlafzimmer kam und davon Besitz ergriff. Und auch von Syd. Als wäre sie hier zuhause.

»Also hast du deine Wette gewonnen?«, fuhr die Fremde nun fort, während sie Syd ansah. »Aber das war ja zu erwarten.«

»Tiger hat es nicht geschafft«, wandte Syd ein.

»Tiger . . .« Die Frau rollte die Augen. »Dachtest du wirklich, sie wäre ihr Typ?« Sie musterte Torie skeptisch.

»Nein, dachte ich nicht.« Syd lächelte Torie an. Dann beugte sie sich zu ihr und hauchte einen Kuss auf ihre Lippen. »Du hast Geschmack. Das habe ich gleich gesehen.«

In Tories Kopf drehte sich alles. »Wette . . .?«, stammelte sie, ohne für einen Moment wirklich zu verstehen, was das Wort bedeutete. »Was für eine Wette?«

»Syd hat darum gewettet, dass sie dich gestern Abend noch herumkriegt. An deinem ersten Abend im Ladyface.« Die fremde Frau lachte. »Ist so eine Art Spezialität von ihr. Aber die anderen haben es nicht geglaubt. Tiger meinte, sie selbst schafft das auch. Also haben sie gewettet. Und wie man sieht«, sie wies auf die Bettdecke, unter der Torie sich noch immer halb versteckte, »hat Syd gewonnen.«

Gewonnen. Wette. Ich war nur ein Wettgewinn, drehte es sich in Tories Kopf. Sie schluckte schwer. »Wohnst du . . . hier?«, fragte sie die fremde Frau stockend.

»Oh nein.« Die Frau lachte, und das Erschreckendste daran war, sie war noch nicht einmal unsympathisch. Sie wirkte sehr nett. »Niemand wohnt bei Syd. Wir sind hier alle immer nur mal wieder«, sie beugte sich zu Syd hinunter und hauchte einen Kuss auf ihr Haar, als wäre sie ihre Mutter, »zu Besuch.«

Nun stand Syd endgültig auf. »Ich würde mich freuen, wenn du auch mal wiederkämst«, wandte sie sich freundlich an Torie. »Es war sehr schön letzte Nacht. Dafür, dass du noch nicht so viel . . . Erfahrung hattest.«

»Jungfrau?«, fragte die andere.

Syd nickte.

»Na, da hast du ja doppelt Glück gehabt.« Die so sympathische Frau, die Torie gerade am Boden zerschmettert hatte, lachte. »Mach dir nichts draus.« Sie beugte sich verschwörerisch zu Torie hinunter. »Waren wir alle mal. Aber wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Für immer. Nicht wiederholbar. Also hoffe ich, dass du dich gern an diese Nacht erinnerst. Denn es ist schlimm, wenn die erste Nacht eine Erinnerung ist, die man lieber aus seinem Gedächtnis streichen möchte.« Sie sah tatsächlich leicht besorgt aus, als sie Torie nun noch einmal ansah. »Aber es war schön, nicht wahr?«

Darauf konnte Torie wirklich nicht antworten, und wenn sie noch so oft gefragt wurde. Sie hatte das Gefühl, wenn das hier nicht gleich aufhörte, würde sie nackt aus dem Fenster springen.

Die fremde Frau nahm sich eine Erdbeere und biss hinein. »Wirklich gut«, sagte sie, während sie mit Syd zusammen aus dem Zimmer schlenderte. »Ich war nicht ganz sicher, weil ich in dem Laden noch nie eingekauft habe.«

»Ja, wirklich gut«, bestätigte Syd. Ihre Stimme wurde leiser, weil die beiden sich auf dem Gang entfernten. »Da kannst du wieder einkaufen.«

Endlich fand Torie ihre Beweglichkeit wieder, suchte ihre Kleider zusammen und zog sich schnell an. Sie achtete nicht darauf, ob alle Knöpfe geschlossen waren oder ihr Reißverschluss. Sie wollte nur weg hier.

Stolpernd sammelte sie im Flur noch ihre Jacke und ihre Tasche ein und raste zur Tür hinaus.

Sie nahm den nächsten Bus nach Pleshette, und auf der Rückfahrt schaute sie nicht mehr aus dem Fenster.

»Torie! Was ist denn? Träumst du?« Das war Shanelles Stimme, die so gar nicht zu dem letzten Bild in Tories Kopf, dem Bus, in dem sie gesessen und fast nur auf ihre Füße gestarrt hatte, passte.

Aber dann weckte Shanelles Anblick sie endgültig auf und brachte sie aus der Vergangenheit in die Gegenwart zurück. Sie blickte auf ihre Hände hinunter, die ganz automatisch Mrs. Haymes’ Frisur hatten entstehen lassen. Waren es wirklich nur ein paar Minuten gewesen, dass ihre Gedanken abgedriftet waren? Ihr kam es wie Stunden vor. Wie Tage.

»Was ist?«, fragte sie zurück und blickte Shanelle ganz unschuldig an.

»Kannst du heute noch Mrs. Fletcher drannehmen?«, fragte Shanelle. »Sie ruft gerade an, aber wir sind schon so voll . . .«

Torie schüttelte den Kopf. »Kein Problem. Mrs. Fletcher bringe ich noch unter. Sie kann ruhig kommen.«

»Okay.« Shanelle drückte auf den Knopf, mit dem sie den Hörer stummgeschaltet hatte, und sagte: »Wann wollen Sie kommen, Mrs. Fletcher? In einer Stunde?« Sie hörte kurz zu und bestätigte nickend: »Ist in Ordnung. Wir warten dann auf Sie.« Sie ließ den Hörer sinken und schaute Torie noch einmal irritiert an, sagte aber nichts mehr.

3

»Was hast du da nur angestellt, Brad?« Fast sah es so aus, als wollte Delia sich die Haare raufen. »Warum hast du das getan?«

»Es stimmt doch«, verteidigte Brad, der junge Mann, von dem Eve Kibbler gesprochen hatte, sich. »Die Pläne gibt es.«

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