Teil 11

»Ja, die Pläne gibt es«, gab Delia zu und ließ sich seufzend in den Schreibtischstuhl sinken, der in dem Büro stand, das sie für ihren Aufenthalt in Pleshette gefunden hatte. »Aber das heißt noch lange nicht, dass sie auch umgesetzt werden müssen. Und wir«, sie blickte Brad strafend an, »sind nicht deshalb gekommen. Es geht nur um den Nachlass.«

»Ich würde gern an einem neuen Las Vegas mitarbeiten.« Brads Gesicht rötete sich leicht. »Das wäre aufregend. So wie damals, als sie Vegas aus der Wüste gestampft haben.«

»Das waren Kriminelle, Brad!«, erinnerte Delia ihn an die Geschichte. »Die einen Platz für ihre Spielhöllen gesucht haben, um die Leute abzocken zu können.«

»Ja, schon, aber in den neuen Plänen gibt es keine Spielhöllen.« Brads jugendliche Begeisterung ließ nicht nach. »Und kriminell sind wir auch nicht.« Er verzog fast etwas schmollend den Mund.

»Wir sind aber auch kein Architekturbüro«, hielt Delia dagegen. »Wir sind ein Anwaltsbüro. Selbst wenn dieses Resort gebaut würde, wir haben nichts damit zu tun. Aber du hast den Eindruck erweckt, das hätten wir.«

»Sie hat es aus mir herausgeholt«, verteidigte Brad sich.

»Oh Mann, Brad . . .« Delia schüttelte den Kopf. Man sollte nicht glauben, dass Brad voll ausgebildeter Anwalt war. Man hätte ihn fast noch für einen Studenten halten können, so wie er sich verhielt.

Allerdings war er das vor gar nicht langer Zeit auch noch gewesen. Delia hatte ihn erst kürzlich eingestellt, um ihr bei dem Nachlass, der sich doch als sehr umfangreich erwies, zu helfen. Es gab auch noch andere, die daran arbeiteten, aber hier vor Ort waren es nur Brad und sie.

Sie fragte sich, ob sie das vielleicht bedauern sollte. Hatte sie einen Fehler gemacht, indem sie nicht ihre zuverlässige langjährige Rechtsanwaltsgehilfin, sondern Brad mitgenommen hatte? Aber irgendwann musste ja jeder mal anfangen. Ihr erster Auftrag hatte sie auch gleich ins kalte Wasser geworfen.

»Hast du dich wenigstens um die Listen gekümmert?«, fragte sie, nun etwas ruhiger. »Wegen der du dich eigentlich an sie wenden solltest?«

Er schluckte. »Demnächst«, setzte er vorsichtig an, »will sie sie mir geben.«

Delia schüttelte etwas resignierend den Kopf. »Sie hat alles aus dir herausgeholt, doch du nichts aus ihr.« Aber daran konnte sie jetzt auch nichts ändern, also fuhr sie fort: »Dann schau dir doch bitte mal die Mietverträge an. Die sind zum Teil schon so alt, dass sie nicht mehr der aktuellen Gesetzgebung entsprechen. Markier das entsprechend, damit wir da einen Überblick bekommen.«

»Mach ich sofort«, versicherte Brad ihr eifrig, froh, dass er sich endlich von ihrem durchdringenden Blick entfernen konnte. Er verließ Delias Büro und ging hinüber zu seinem eigenen Schreibtisch, der in einem offenen Raum davor stand. Zuletzt war dies hier ein Ladengeschäft gewesen, weshalb es nicht mehr als ein abgetrenntes Büro gab. Der Rest hatte ursprünglich als Verkaufsraum gedient.

Durchatmend lehnte Delia sich in ihrem Sessel zurück. Warum noch mal hatte sie sich überreden lassen, das hier zu übernehmen? Aber sie wusste es natürlich. Es war einfach nötig gewesen.

Auf einmal überzog ein Lächeln ihr Gesicht. Und sie hatte Torie Simmons dadurch kennengelernt. Den stachligen Nevada-Kaktus. Fast hätte sie aufgelacht. Torie war eine erfrischende Abwechslung verglichen mit den Frauen, mit denen Delia normalerweise zu tun hatte. Frauen, die so viel Geld hatten – meist durch ihre Männer, oder sie waren selbst reiche Erbinnen –, dass sie noch nicht einmal wussten, was es bedeutete, für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten.

Torie Simmons wusste das. Sie musste jeden Tag ums Überleben kämpfen, und dennoch strahlte sie allein durch die Farben, mit denen sie sich umgab, Fröhlichkeit aus. Eine Art von Lebenshunger, der nichts mit den faden Vergnügungen zu tun hatte, die das Leben der oberen Zehntausend bestimmten und die Delia furchtbar satt hatte.

Sie fragte sich nur – nachdenklich legte sie eine Hand an ihr Kinn –, was das gewesen war, das plötzlich Tories Stimmung hatte umschlagen lassen. Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie irgendetwas gesagt hatte, das diesen Stimmungsumschwung hätte verursachen können. Sie hatten sich eigentlich doch nur ganz allgemein unterhalten. Selbst die erotische Spannung, die Delia in der einen oder anderen Sekunde davor gespürt hatte, war zu diesem Zeitpunkt verschwunden gewesen.

Ehrlich gesagt hatte sie gerade angefangen gehabt, sich mit Torie richtig wohlzufühlen. Sie hatte ihre Gegenwart genossen und ja, sie hatte gehofft, dass mehr daraus werden würde. Aber das alles hatte sie doch überhaupt nicht angesprochen. Und Torie hatte es auch nicht getan. Delia wusste noch nicht einmal, ob sie überhaupt auf Frauen stand. Obwohl sie glaubte, da etwas gespürt zu haben . . . Aber so etwas konnte man sich immer auch einbilden.

Es war nicht ihre Art, sich irgendwo rauswerfen zu lassen, ohne darauf zu reagieren. Als Anwältin stand Aufgeben nicht unbedingt in ihrem Wörterbuch. Dann hätte sie sehr alt ausgesehen bei ihren Fällen.

Andererseits war dies hier kein Fall. Unter anderen Umständen hätte sie sich einfach für die Auskunft bedankt, dass die Wohnung bereits besetzt war, und wäre gegangen.

Dass es den Geschäftsleuten des Städtchens nicht besonders gutging, hatte sie schon festgestellt, als sie kurz nach ihrer Ankunft die Hauptstraße entlanggefahren war. Sie hatte es sich allerdings nicht so schlimm vorgestellt. Immerhin gab es die Silberminen, in denen noch ungehobene Schätze ruhten. Aber der technische Fortschritt hatte viele der Bergarbeiter ihren Job gekostet, ohne den Reichtum der Minenbesitzer zu schmälern. Das Silber floss sozusagen in Strömen, ohne dass viel menschliche Arbeitskraft dafür erforderlich war. Die Konten von Henry Pleshette hatten sich wie von selbst gefüllt.

Es war die übliche Ungerechtigkeit der Welt, die sich im Abstieg dieses Städtchens hier niederschlug. Die Reichen gewannen selbst dann noch, die Armen konnten sehen, wo sie blieben.

Nicht dass Delia arm war. Sie stammte aus einer Familie, die schon seit Urzeiten Geld gehabt hatte. Darüber wurde gar nicht mehr gesprochen. Es war einfach selbstverständlich. Ihr Bruder und ihre Schwester machten sich deshalb auch keinerlei Gedanken, wie viel Geld sie ausgaben. Delia war in der Beziehung schon immer anders gewesen. Sie machte sich Gedanken.

Zwar hatte sie nach einigen Fehlversuchen eingesehen, dass es keinen Sinn hatte, sein Geld einfach so zu verschenken. Das zog nur Schmarotzer und Glücksritter an, von denen einige ihr einen Heiratsantrag gemacht hatten, als sie noch jünger gewesen war.

Ihre Schwester war auf einen solchen Glücksritter hereingefallen, und er hatte einiges von ihrem Geld in angeblich so wahnsinnig vielversprechende Unternehmungen investiert, immer wieder neues dafür aus ihr herausgeholt, bis die Familie, das hieß Delias Vater, dem endlich einen Riegel vorgeschoben hatte.

Als der Goldregen aus Cynthias Vermögen zu fließen aufhörte, war der Mann, der sie zuvor täglich seiner Liebe versichert hatte, von jetzt auf gleich verschwunden. Nicht ohne noch einige ihrer wertvollsten Schmuckstücke mitzunehmen.

Delias Zwillingsbruder David brauchte solche Liebesversprechungen noch nicht einmal, um sein Geld mit gutem Wein und schlechten, aber teuren Frauen durchzubringen. Zudem verlor er ganz gern einmal Unsummen in einer Nacht am Spieltisch.

Auch dort hatte Delias Vater einen Riegel vorgeschoben, indem David ebenso wie Cynthia nur noch über die Zinsen aus einem Treuhandfond verfügen konnte, aber dann machte David eben Schulden. Irgendwann würde er ja doch erben, das war seine Devise, und all seine Schuldner schienen sich auch darauf zu verlassen.

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