Teil 12

Manchmal kam Delia sich so vor, als wäre sie das schwarze Schaf der Familie, denn sie passte so gar nicht zum Rest davon. Auch ihr Vater, dem sie von Anfang an näher gewesen war als ihrer Mutter, einer Societyschönheit, die den Frauen glich, die David immer anschleppte, war ihr nicht unbedingt ähnlich. Er war ein Mann, der die Natur mehr liebte als die Stadt und sich schon seit ihrer Kindheit oftmals für Monate in die Weiten der Wälder zurückgezogen hatte, wo immer er sie fand. Er hielt sich für einen Schriftsteller, hatte aber noch nie etwas veröffentlicht. Wenn Delia das richtig sah, hatte er den großen amerikanischen Roman, den er immer hatte schreiben wollen, noch nicht einmal beendet. Vielleicht hatte er ihn gar nicht angefangen. Niemand wusste das.

Wenn nicht ihre exzentrische Tante Apollonia, genannt Polly, gewesen wäre, eine der sieben Schwestern ihres Vaters, von denen die meisten das Kindheitsalter nicht überlebt hatten, weil sie einer Epidemie zum Opfer gefallen waren, die auch die Reichen nicht verschonte, hätte Delia immer gedacht, etwas an ihr wäre falsch, weil sie nicht so war wie die anderen.

Tante Polly war das aber noch viel weniger als sie. Sie hatte nie in ihrem Leben geheiratet, und selbst Delia gegenüber hatte sie nie erklärt, warum. Als sich herausstellte, dass Delia mehr Interesse an Mädchen hatte als an Jungs, hatte sie sie darin unterstützt, sich aber selbst nicht dazu geäußert, ob es bei ihr genauso war. Sie wurde von allen respektiert, weil sie eine sehr kluge Frau war, und deshalb nahm sie sich auch das Recht heraus, ihr Leben so zu führen, wie es ihr gefiel. In ihrem Fall hieß das nicht, mit dem Geld um sich zu werfen, sondern sie kümmerte sich sehr um karitative Einrichtungen, die vor allem Mädchen und deren Bildung förderten.

Delia bewunderte ihre Tante Polly sehr, obwohl sie das Gefühl hatte, dass immer ein Geheimnis um sie schwebte. Vielleicht ein Erlebnis aus ihrer Jugend, das sie mit niemandem teilen wollte.

Als Delia sich entschlossen hatte, Jura zu studieren, hatte Cynthia sie ausgelacht und David sie verständnislos angeschaut – ihr Vater war einmal wieder in den Wäldern verschollen gewesen, und ihre Mutter trieb sich irgendwo in einer der Metropolen des Jet Sets herum –, aber Tante Polly hatte nur ernst genickt und gesagt: »Tu das. Das ist etwas Sinnvolles.«

Das war so etwas wie eine Art Auszeichnung für Delia. Sie fühlte sich fast, als hätte sie einen Ritterschlag erhalten, denn sie wusste ganz genau, dass Tante Polly alles, was der Rest der Familie tat, für völlig sinnlos hielt. Was es ja zum größten Teil auch war.

Dass Delia arbeitete, obwohl sie es nicht nötig hatte, entfernte sie immer mehr von ihren Geschwistern ebenso wie von vielen ihrer Altersgenossen aus befreundeten reichen Familien. Sie bezeichneten sie als langweilig, weil sie sich weigerte, mit ihnen zu den Veranstaltungen zu gehen, die sie für unverzichtbar in ihrem Leben hielten. Dass Lernen für die Uni oder gar ein Examen sie von ihrem Vergnügen abhalten konnte, war für diese Partyhüpfer völlig unverständlich.

Irgendwann störte es Delia nicht mehr, von diesen Leuten, die ihr ohnehin nichts gaben, als Freak betrachtet zu werden, aber zu ihrem Leidwesen musste sie mit der Zeit feststellen, dass wahre Freunde zu finden gar nicht so einfach war. Schließlich wusste jeder, wer sie war, und auch wenn man die Schmarotzer nicht mehr so leicht erkannte, hielten sie doch immer noch nach ihr Ausschau.

Deshalb nahm sie als Anwältin sehr oft Pro-Bono-Fälle an, auch wenn die angesehene Kanzlei, in der sie arbeitete, das nicht gern sah. Doch Delia zog sehr viel Befriedigung daraus, Leuten zu ihrem Recht verhelfen zu können, die sich selbst keinen guten Anwalt leisten konnten. Sie brauchte das Honorar nicht.

Durch die Kreise, in denen sie sich seit ihrer Kindheit bewegte, hatte sie viele Frauen kennengelernt, die einem Flirt nicht abgeneigt waren. Sie hatten viel Geld, aber kaum etwas zu tun, und Sex half wenigstens kurz gegen die Langeweile.

Am Anfang hatte Delia – jung, wie sie gewesen war – das für wirkliches Interesse gehalten, sie hatte sich sogar in die eine oder andere dieser Frauen verliebt. Bis sie endlich merkte, dass das völlig aussichtslos war. Sie würden ihre reichen Ehemänner nicht verlassen, und selbst, wenn es eine der Erbinnen war, die es gar nicht nötig hatten, wegen Geld zu heiraten, waren sie nicht an einer tatsächlichen Beziehung interessiert. Das einzige, was sie interessierte, war Abwechslung. Immer wieder neue Reize in ihrem zwar wohlsituiert sorglosen, aber doch so belanglosen und einförmigen, sich in allem, selbst den Lastern, immer nur wiederholenden Leben.

Sie hatte einmal einen Roman gelesen, Bonjour Tristesse, der genau das widerspiegelte. Der Titel beschrieb das Leben vieler reicher Leute absolut zutreffend. Geld machte nicht glücklich, und etwas tristeres als ein Leben, in dem man keinerlei Ziel hatte, keine Herausforderungen, weder Belohnungen noch Verluste, konnte man sich wirklich kaum vorstellen. Deshalb hatte sie beschlossen, so ein Leben auf keinen Fall zu führen.

Sie hatte die freie Wahl gehabt, sie hätte jeden Beruf wählen können, aber schon immer hatte sie die Gerichtsserien im Fernsehen geliebt. Das wollte sie tun. Das wollte sie sein. Vor Gericht stehen und der Gerechtigkeit mit flammenden Plädoyers zum Sieg verhelfen.

Ganz so war es dann zum Schluss doch nicht. Bevor man ein flammendes Plädoyer halten konnte, musste man erst einmal eine Menge Papierkram erledigen. Aber immer noch war sie sehr zufrieden mit ihrem Beruf, der ihr stets wieder die Genugtuung verschaffte, ein wenig an den Rädchen zu drehen, die sonst oft vom Sand im Getriebe zum Stillstand gebracht wurden.

Tief innerlich hatte sie das Gefühl, auch Torie Simmons war ein solches Rädchen, dem sie gern weitergeholfen hätte. Gleichzeitig erschien es ihr aber so, als ob Torie das gar nicht wollte. Warum sonst hätte sie zum Schluss so ablehnend reagiert? Sie wusste nichts von Delia, kannte weder sie noch ihre Familie, den ganzen Hintergrund ihres Hierseins. Und trotzdem hatte sie sich so verhalten, als ob sie sich von Delia abgrenzen müsste, ihr quasi den Stuhl vor die Tür gesetzt. Warum?

ENDE DER FORTSETZUNG

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