Neue Welt 002

„Selbst Dahn muss es akzeptieren, wenn sie ablehnt“, meinte Sheribon beruhigend. „Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.“

„Für Dahn?“ Corey schüttelte zweifelnd den Kopf. „Sie nimmt sich, was sie haben will, denkst du nicht?“

Sheribon starrte sie an. „Aber doch nicht … Nein. Das kenne ich nur aus dem Geschichtsunterricht. Die alten Geschichten von der Erde. Bei uns hier gibt es so etwas nicht. Niemals.“

„Dahn kann doch nicht die einzige sein“, überlegte Corey. „Ich meine, die einzige, die solche heftigen Empfindungen hat. Die hat sie mir heute gezeigt. Und wenn jemand so ist …“

„Ja …“ Sheribon legte eine Hand ans Kinn. „Ich erinnere mich. Da war mal was. Aber das ist schon unheimlich lange her. Es hieß, dass etwas bei der Verschmelzung der Eizellen schief gegangen wäre. Ich meine …“, sie lachte leicht, „das kommt öfter vor. Deshalb sind wir alle hier.“ Sie machte eine Geste in den Raum hinein. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, das wird getestet. Und wenn, dann …“

„Dann gibt es dieses Kind nicht?“, führte Corey den Gedanken fort. „Aber Dahn gibt es.“

„Weil sie den Test bestanden hat“, versicherte Sheribon. „Du musst dir keine Sorgen machen. Niemand, der den Test bestanden hat, kann einem anderen Menschen etwas Böses tun. Dieses Gen ist lange ausgemerzt.“

„Bei Dahn bin ich da nicht so sicher“, wandte Corey ein. „Oder ist es üblich, dass jemand mit den Fäusten auf jemand anderen losgeht? Wenn Dahn so harmlos wäre, warum haben dann alle Angst vor ihr?“

„Weil sie entscheiden kann, wer Kinder bekommen darf und von wem“, erklärte Sheribon. „Sie hat die Macht über unseren Genpool. Sie hat auch die Macht, Ausnahmegenehmigungen zu erteilen, wenn zwei Frauen sich lieben, aber genetisch nicht hundertprozentig zusammenpassen. Niemand möchte sie verstimmen.“

„Ich dachte, Thora hätte das letzte Wort?“, fragte Corey irritiert.

Sheribon nickte. „Natürlich. Aber normalerweise mischt sie sich nicht ein. Genetik ist nicht ihr Spezialgebiet.“

Mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck kniff Corey die Augen zusammen. „Findet ihr nicht, dass das ein bisschen viel Macht ist für eine einzelne Frau? Warum entscheidet nicht ein Gremium? Wäre das nicht besser?“

„So war es früher“, sagte Sheribon, „aber es gibt einfach zu wenige medizinische Fachkräfte. Überhaupt zu wenige Frauen. Zu wenige Kinder. Und wir müssen für die Wahrnehmung jeder Aufgabe sorgen, nicht nur der Fortpflanzung. Viele Frauen sterben viel zu früh beim Rohstoffabbau und ähnlich gefährlichen Aufgaben. Manche noch bevor sie Kinder bekommen haben. Das ist jedes Mal ein herber Verlust, der die ganze Gemeinschaft schwächt. Dahn sorgt dafür, dass wir zumindest so viele Töchter haben, wie wir für die notwendigsten Aufgaben brauchen. Die meisten sind ihr sehr dankbar dafür.“

„Die meisten?“

„Nun ja …“ Sheribon zuckte die Schultern. „Selbstverständlich gibt es auch bei uns Leute, die unzufrieden sind. Besonders die, denen Dahn Ausnahmegenehmigungen verweigert hat. Einige haben sich mit Dahn angelegt und daraufhin nie die Genehmigung bekommen, ein Kind zu haben. Weder selbst noch als Mit-Mutter.“

„Das lässt Thora zu?“ Corey hob erstaunt die Augenbrauen. „Wo ihr jede Tochter braucht?“

„Sie ist Vermittlerin“, sagte Sheribon. „Sie entscheidet, was das Beste für alle ist, nicht nur für einzelne. Dafür ist sie geboren worden, und das macht sie hervorragend. Ich würde mir nicht anmaßen, ihr raten zu wollen. Sie hat mehr gelernt als wir alle. Abgesehen von all ihren speziellen Genen.“ Sie atmete tief durch. „Glaub mir, was du an der Oberfläche siehst, ist nur ein Bruchteil von dem, was sie ist. Niemand kommt auch nur im entferntesten an sie heran. Wenn wir uns auf ihr Urteil nicht mehr verlassen können, bricht alles zusammen.“

„Hm.“ Corey hatte das Gefühl, dass dieser Planet vielleicht doch nicht so paradiesisch war, wie sie zuerst angenommen hatte. Und alles hing an Thora. Trotzdem hatte Dahn einen Einfluss, den anscheinend niemand so richtig erklären konnte.

Hatte sie vielleicht die Macht über alles, und Thora war nur ihre Marionette? Aber warum? Wie? Alle schienen davon überzeugt zu sein, dass sie Thora nichts tun konnte. Trotzdem hatte Corey einen ganz anderen Eindruck.

Sie musste mit Thora sprechen.

***

„Die Erste Beraterin darf nicht gestört werden“, verkündete eine junge Frau, die wohl so eine Art Türsteherposten im Rathaus innehatte. Sie wirkte ziemlich kompakt.

„Das erzählst du mir nun schon seit drei Tagen“, stöhnte Corey. „Es kann doch nicht sein, dass sie ununterbrochen beschäftigt ist.“ Sie versuchte, einen Blick in den hinteren Teil zu erhaschen. Ob eine Tür offenstand. Einen Hauch von Thoras Kaftan, der um die Ecke wehte. Aber nichts.

„Sie bereitet sich auf eine Reise in den Norden vor“, klärte die junge Frau sie auf. „Sie wird eine Weile abwesend sein.“

„In den Norden?“ Das kam Corey komisch vor. Thora hatte gesagt, sie hätte keine Zeit, solche weiten Reisen zu unternehmen. Und dass niemand sie hier ersetzen könnte. Und jetzt auf einmal doch? „Wann?“

„In ein paar Tagen“, war die etwas unbestimmte Antwort.

„Und wer wird sie hier vertreten?“

„Die Wissenschaftsbeauftragte.“

„Dahn?“ Nun war Corey noch misstrauischer. Das ging doch nicht mit rechten Dingen zu. „Ich will sie vor ihrer Abreise sehen“, beharrte sie. „Offiziell. Als Vertreterin der Erde. Sonst sind die diplomatischen Beziehungen gefährdet. Das könnte unvorhersehbare Auswirkungen haben. Die Erde hat schon Kriege wegen geringerer Beleidigungen geführt.“

Die kompakte Türsteherin schaute sie verständnislos an. „Kriege?“

„Es wäre gut, wenn du das in euren Geschichtsbüchern nachschlagen würdest“, empfahl Corey. „Ein Krieg könnte den ganzen Planeten vernichten. Euch alle.“

„Ein starker Sandsturm?“, fragte die andere. Sie benutzte einen Spezialausdruck, der den zerstörendsten Sandsturm bezeichnete, der je auf dem Planeten vorgekommen war.

„Schlimmer“, sagte Corey. „Viel schlimmer.“

Die stämmige junge Frau sah ungläubig aus, aber sie drehte sich um und ging nach hinten.

Es dauerte eine Weile, dann kam sie mit Thora zurück.

„Du bist ja doch da“, sagte Corey. Ihr Herz schlug schneller. Sie wusste, dass sie sich nach Thora gesehnt hatte, aber erst jetzt wusste sie, wie sehr.

„Ich bin immer da.“ Thoras Stimme klang ausdruckslos. „Du willst mich sprechen?“

Corey merkte, dass eine Spannung in der Luft schwebte, die sie bisher noch nie gespürt hatte. „Ja“, bestätigte sie. „Ich habe Nachricht von der Erde.“

„Von der Erde?“ Thora runzelte die Stirn. „Es gibt eine Funkverbindung?“

„Ja“, log Corey. „Sie haben einen neuen Verstärker eingesetzt, eine weit vorgeschobene Relaisstation.“

„Aha.“ Thora wirkte unschlüssig. „Und was wollen sie?“

Corey warf einen Blick auf die kompakte Türsteherin, die ihr jetzt mehr wie eine Gefängniswärterin erschien. „Das kann ich dir nur unter vier Augen sagen. Es ist streng geheim.“

Thora zögerte. „Du bleibst hier“, sagte sie dann entschieden zu der jungen Frau, die neben ihr stand. „Ich muss allein mit der Vertreterin der Erde reden.“

Die junge Frau öffnete den Mund, schloss ihn dann jedoch wieder. „Ich bin hier“, sagte sie dann, und es klang fast wie eine Warnung.

Thora drehte sich um, und Corey schlüpfte an der Aufpasserin vorbei, die ihr bisher immer den Eintritt verwehrt hatte, und folgte der großen, aufrechten Gestalt.

Sie traten in Thoras Zimmer, und die Tür schloss sich hinter ihnen.

„Thora …“, sagte Corey weich und wollte auf sie zugehen.

Thora blickte sie genauso ausdruckslos an, wie sie zuvor gesprochen hatte. „Und? Was ist die Nachricht?“

Die Kühle in Thoras Blick stoppte Coreys Bewegung. Das war nicht die Thora, an die sie sich erinnerte, mit der sie am See gelegen hatte. „Sie … sie wollen, dass du auf die Erde kommst“, erfand sie schnell. „Und sie wollen eine rasche Antwort. Am liebsten hätten sie, dass ich sofort mit dir losfliege.“

Thora stand da wie eine Statue, bewegungslos, regungslos. Fast schien es, als hätte sie aufgehört zu atmen. „Das geht nicht.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich kann den Planeten nicht verlassen.“

„Dahn kann dich vertreten“, schoss Corey ins Blaue. „Ich hörte, das ist ohnehin geplant für deine Reise in den Norden. Deine Reise zur Erde wäre nichts anderes, nur ein bisschen länger.“

„Meine Reise in den Norden?“, fragte Thora. Sie schien nicht zu verstehen.

„Die junge Frau da draußen sagte, du bist mit den Vorbereitungen beschäftigt, deshalb bist du nicht zu sprechen. In ein paar Tagen würdest du aufbrechen.“

Eine unliebsame Stille breitete sich aus. „Ach so, ja“, sagte Thora dann. „Meine Reise in den Norden. Natürlich.“

Corey betrachtete ihr versteinertes Gesicht. „Thora.“ Sie trat einen Schritt vor. „Du fährst doch gar nicht in den Norden. Bis eben wusstest du noch nicht einmal etwas davon.“

„Oh doch, doch“, widersprach Thora schnell, drehte sich um und setzte sich hinter ihren Schreibtisch, als brauchte sie einen Verteidigungswall vor sich. „Ich hatte es nur vergessen.“

„Du?“, fragte Corey kopfschüttelnd. „Deine Gene lassen gar nicht zu, dass du etwas vergisst. Und außerdem bereitest du dich angeblich seit Tagen auf die Reise vor. Das hättest du wohl mitbekommen.“ Sie holte tief Luft. „Du lügst. Ich hätte nie gedacht, dass deine Gene das überhaupt erlauben.“

Wieder war es eine Weile still. „Diplomatie ist immer zum Teil Lüge“, erwiderte Thora dann langsam. „Habe ich gelesen.“

„Absolut richtig.“ Corey nickte. „Nur nicht deine Art der Diplomatie. Die der Erde, das ja, aber deine nicht.“

„Vielleicht habe ich dazugelernt“, behauptete Thora. „Das ganze Leben ist ein einziger Lernprozess, der hört nie auf.“

„Irgendetwas hast du gelernt, das sehe ich.“ Corey trat auf sie zu.

„Bleib stehen! Bitte …“, flüsterte Thora.

„Was ist, Thora?“ Corey fühlte es fast wie einen Schmerz, was von Thora zu ihr herüberschwappte. „Liebling …“, fügte sie zärtlich hinzu.

„Nicht …“ Thoras Stimme versickerte. „Tu das nicht …“

„Warum nicht?“, fragte Corey. „Ich habe es zu dir gesagt, als wir – Und du hast es zu mir gesagt. Es ist eine wunderbare Erinnerung. Und nicht nur eine Erinnerung, hatte ich gehofft.“

Thoras Mundwinkel zuckten fast unmerklich. „Es wird nie mehr sein als eine Erinnerung“, sagte sie. „Es ist vorbei.“

Corey wusste nun endgültig, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Sie konnte sich zwar keinen Reim darauf machen, aber Thora hatte sich verändert. „Hat dich das Erlebnis so erschüttert?“, fragte sie. „Dass du etwas empfunden hast?“

Nun fielen Thoras Mundwinkel nach unten. „Wer sagt das?“, fragte sie. „Wie kommst du darauf?“ Sie wirkte abweisend, fast verächtlich. Ein Ausdruck, den Corey noch nie an ihr gesehen hatte.

„Ich bin weder blind noch taub“, sagte Corey. „Ich habe es gesehen und gehört. Außerdem hast du es gesagt.“

Thora stand auf, als hätte sie sich wieder gefangen. „Sagen kann man viel.“

Corey schüttelte den Kopf. „Was ist passiert? Du sagst nie etwas, das du nicht meinst. Das liegt einfach nicht in deiner Natur. Und Sheribon hat mir erzählt –“

„Sheribon?“, unterbrach Thora sie schnell. „Du hast mit Sheribon gesprochen?“

„Sie braut das beste Bier in der Stadt“, erklärte Corey. „Und außerdem wohne ich bei ihr.“

Thoras Augen huschten durch den Raum. „Dann geh zu ihr zurück. Dort bist du gut aufgehoben. Komm nicht mehr her. Ich habe keine Zeit für –“

„Für die Vertreterin der Erde?“ Corey legte den Kopf fragend zur Seite. „Du hast mir immer noch keine Antwort gegeben. Die Erde erwartet deinen Besuch. Bald.“ Das letzte Wort klang drängend. „Die junge Frau dort draußen wusste nicht, was das Wort Krieg bedeutet, aber ich denke, du weißt es. Und du weißt, dass die Erde mehr als einen davon geführt hat. Gegen abtrünnige Kolonien.“

„Ich weiß“, sagte Thora. Auf einmal wirkte sie fast erleichtert. „Du meinst, die Erde würde uns angreifen?“

„Du hast Hartmann gesehen“, sagte Corey. „Die Erde hat Millionen wie ihn. Sie bedienen die Kanonen in Raumschiffen, die hundertmal größer sind als meins. Dem hättet ihr nichts entgegenzusetzen.“

„Ich …“ Thora verschlang die Hände ineinander. „Ich kann hier nicht weg. Das musst du ihnen klarmachen. Bitte …“ Wieder huschten ihre Augen durch den Raum, als würde sie etwas suchen.

Corey nickte. „Ich kann versuchen, sie davon zu überzeugen, dass es länger dauert. Dass du hier noch wichtige Regierungsgeschäfte zu erledigen hast. Aber ich fürchte, ewig werden sie sich nicht damit zufriedengeben.“

„Aber im Moment“, fragte Thora hoffnungsvoll, „kannst du sie davon abhalten, meine Ablehnung als einen Affront zu betrachten?“

Als müsste sie darüber eine Weile nachdenken, spitzte Corey überlegend die Lippen. Dann nickte sie langsam. „Im Moment“, sagte sie. „Die Erde ist Ablehnungen nicht gewöhnt. Sie werden nicht sehr erfreut sein. Überleg dir einen Termin. Dann kann ich ihnen sagen, wann du kommst. Das wird ihnen genügen.“

„Gut.“ Thora atmete aus, als hätte sie vor Anspannung die Luft angehalten. „Wir werden schon eine Lösung finden.“ Diese Bemerkung schien nicht an Corey gerichtet zu sein. Sie hob leicht die Mundwinkel, aber es schien ihr schwerzufallen. „Danke für die Einladung“, sagte sie. „Bitte teil das der Erde mit. Und auch mein Bedauern darüber, dass ich nicht gleich kommen kann.“ Sie verzog das Gesicht. „Sie konnten zweihundert Jahre auf uns verzichten, und jetzt soll alles so schnell gehen. Sie müssen doch verstehen, dass –“

„Werden sie schon“, sagte Corey. „Sobald ich ihnen den Termin mitteile.“ Sie blickte Thora ernst an. „Wann, denkst du, könnte es soweit sein? Immerhin dauert die Reise zur Erde ja auch noch eine Weile.“

Thora wirkte erneut angespannt. „Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Wirklich nicht.“

„Hmhm.“ Corey suchte Thoras Blick. „Ich verstehe.“

Thoras Augen hingen an ihren, als wollten sie sich nie mehr davon lösen. „Hoffentlich die Erde auch“, sagte sie.

„Ich werde mit ihnen reden“, sagte Corey. Sie machte eine kleine Pause, dann fügte sie hinzu: „Mach dir keine Sorgen. Ich kümmere mich darum.“

„Nein!“, formten Thoras Lippen, ohne dass ein Laut von ihnen kam, und ihre Augen öffneten sich weit.

Nun war Corey endgültig sicher, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Sie trat auf Thora zu, zog sie in ihre Arme und küsste sie.

Sie fühlte, wie Thora die Augen schloss, sich in diesen Kuss fallen ließ, als wäre sie eine Ertrinkende, die nach langer Zeit endlich einmal wieder Wasser bekam.

Das dauerte jedoch nur eine Sekunde, dann stieß sie Corey heftig von sich. „Ich habe dir gesagt, es ist vorbei“, stieß sie hervor. „Respektier das, bitte.“ Sie trat einen großen Schritt zurück.

Corey lächelte sie an. „Aber natürlich.“ Sie machte eine Verbeugung. „Erste Beraterin.“

Dann drehte sie sich um und verließ Thoras Raum. Draußen in der Halle nickte sie der jungen Frau mit der Boxerfigur freundlich zu. „Die Erde sagt ihren Dank. Schönen Tag noch.“

Und pfeifend ging sie hinaus.

Draußen vor der Tür brach das Pfeifen abrupt ab. Was zum Teufel war hier los?

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