Neue Welt 003

Sie war froh, dass ihr die Geschichte mit dem Besuch auf der Erde eingefallen war. Schon früher hatten Thora und sie darüber gesprochen, es war nichts Neues, aber natürlich gab es keine Funkverbindung. Dieser Planet war viel zu weit von der Erde entfernt.

Die Erde erwartete, dass Corey irgendwann im nächsten Jahr zurückkam. Bei der langen Reise würden sie sich einige Zeit keine Gedanken machen, selbst wenn die Rückkehr sich um Monate verschob. Es war zweifelhaft, ob sie innerhalb der nächsten Jahre auch nur einen Suchtrupp nach ihr aussenden würden, falls sie nicht zurückkam. Zwei Personen, die mit einem Mini-Forschungsschiff verloren gingen, brachten nicht gerade die gesamten Streitkräfte auf den Plan.

Auf diesem Planeten gab es keine Waffen. Und nicht viele Menschen. Es wäre ein Leichtes, hier mit den Waffen aus dem Schiff die Überhand zu gewinnen. Aber das war erstens nicht Coreys Stil, und zweitens hatte sie das Gefühl, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen.

Nein, sie wollte überhaupt nicht schießen. Sie hatte Probleme noch nie mit Waffengewalt gelöst, und sie würde jetzt nicht damit anfangen. Wenn sie sich verteidigen müssten ... Aber niemand griff sie an. Es gab keinen Grund.

Sie biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. Und trotzdem hatte Thora so gewirkt, als gäbe es einen. Für sie zumindest.

Auch wenn Corey ihre Zweifel an dem gehabt hatte, was Thora sagte, bis zu dem Kuss war sie nicht sicher gewesen. Schließlich hatte Thora immer schon zurückhaltend und gelassen gewirkt. Sie war eine ausgebildete Diplomatin, die Herrscherin dieses Planeten, sie war nicht dafür geschaffen, impulsiv zu handeln, sondern ausgesprochen wohlüberlegt.

Das war aber nicht das, was Corey gespürt hatte. Es hatte eine Spannung in der Luft gelegen wie noch nie. Sonst war Thora immer Herrin der Lage gewesen, nichts konnte sie erschüttern, aber heute ... heute hatte sie wie eine Gefangene gewirkt, ängstlich, unentschlossen, gar nicht sie selbst.

Und dann diese Geschichte mit der Reise. Die Türsteherin, die Corey noch nie zuvor gesehen hatte, hatte etwas behauptet, von dem Thora offensichtlich nichts wusste. Statt die falsche Behauptung jedoch richtigzustellen, hatte Thora so getan, als hätte sie es vergessen.

Vergessen! Thora! Niemals! Sie hatte ein Gedächtnis wie ein Computer. Millionen von Fakten schlummerten darin. Alles, was sie je gelernt hatte. Sie konnte nichts vergessen, weil ihre Gene das nicht zuließen.

Das alles passte nicht zusammen. Auf diesem Planeten waren Lüge und Falschheit unbekannt. Jede sagte immer, was sie dachte. Verschleierungstaktik hatte Corey hier noch nie erlebt. Genau das hatte sie ja am Anfang so überrascht. Hier brauchte man nicht zwischen den Zeilen zu lesen. Man fragte einfach. Und die Antwort entsprach immer der Wahrheit.

Eine treuherzige Geradeheraus-Gesellschaft, so war das hier.

Corey schüttelte abwägend den Kopf. Thora war heute weder treuherzig noch geradeheraus gewesen. Und diese Türsteherin hatte sie eindeutig belogen.

Nun ja, vielleicht auch nicht. Möglicherweise hatte ihr jemand das erzählt, was sie wiederum Corey erzählt hatte, und sie hielt es für die Wahrheit.

Dennoch hätte ihr auffallen müssen, dass Thora keinerlei Reisevorbereitungen traf.

Corey atmete tief durch. Wie eine Intelligenzbestie hatte diese Boxerfigur nicht gewirkt. Eventuell hatte sie gar nicht darüber nachgedacht.

Aber jemand hatte ihr eine Lüge erzählt, auch wenn sie sich dessen vielleicht nicht bewusst war. Jemand ...

Corey wusste, dass sie voreingenommen war, aber sie konnte sich nur eine einzige Person vorstellen, die das tun würde. Die in der Lage wäre zu lügen. Deren Gene das nicht verhinderten.

Die Herrin der Gene: Dahn.

***

„Du denkst, Dahn will dich von Thora fernhalten?“ Sheribon nahm einen Schluck von ihrem Bier. „Damit hast du wahrscheinlich recht.“

„Ihr Auftritt in der Bibliothek war eindeutig“, sagte Corey. „Und Thoras Verhalten ... Das war nicht normal. Ich hätte es verstanden, wenn sie mir gesagt hätte, Dahn wünscht nicht, dass wir uns sehen, und deshalb würde sie es selbst auch nicht wollen. Um Ärger zu vermeiden. Schließlich lebt sie mit Dahn zusammen, und die hat die älteren Rechte, wenn man so sagen will. Thora hätte das Erlebnis mit mir als Ausrutscher bezeichnen können oder als Experiment, aus Neugier, als einen Seitensprung, der sich nicht wiederholen wird, weil es zwar schön war, sie aber Dahn liebt.“ Sie leerte ihren Becher, behielt ihn jedoch in beiden Händen, als müsste sie sich daran festhalten. „Sie hätte mir sagen können, dass ich ja sowieso wieder abfliegen werde und wir nie eine gemeinsame Zukunft hätten. Dass sie zu ernsthaft für eine Affäre ist, die ohnehin nicht andauern kann. Dass sie nie Gefühle für mich hatte.“ Sie schüttelte den Kopf. „Habe ich alles schon mal gehört und hätte ich alles verstanden.“ Ihr Blick heftete sich auf Sheribons Gesicht. „Aber sie hat nichts davon gesagt. Und sie hat mich geküsst, als ob –“

„Als ob sie dich lieben würde?“ Sheribon lächelte. „Wenn sie das getan hat, hat sie es auch so gemeint.“

Corey nickte. „Das glaube ich auch. Sie hat sich für einen Moment gehen lassen, weil selbst für sie die Anspannung zu groß war. Aber dann hat sie mich zurückgestoßen, sich umgesehen, als ob ... als ob wir beobachtet würden.“ Sie krauste die Stirn. „Das war ganz merkwürdig.“

„Vermutlich wart ihr nicht wirklich allein“, sagte Sheribon. „Dahn wird dafür gesorgt haben, dass sie alles mithören kann.“

Corey hob die Augenbrauen. „Zumindest hatte Thora den Eindruck, das würde ich bestätigen. Hören, aber nicht sehen.“

„Ja.“ Sheribon nickte. „Das ist das übliche Verfahren hier bei uns. Wir haben auch Bildgeräte, aber nur für spezielle Gelegenheiten. Sie funktionieren nicht sehr gut. Irgendetwas in der Atmosphäre verhindert die Übertragung. Und wir haben keine Ressourcen, um das zu erforschen und zu verbessern. Gespräche ohne Bild lassen sich aber sehr gut übertragen.“

„Möglicherweise kann ich mit Thora dann schriftlich Informationen austauschen, wenn ich sie das nächste Mal besuche.“ Corey schmunzelte. „Ich glaube, ich habe sie genug in Angst und Schrecken versetzt mit der Kriegsgefahr durch die Erde, dass sie mich als offizielle Vertreterin noch einmal vorlassen würden.“

Nachdenklich blickte Sheribon in die Luft. „Das klingt tatsächlich danach, als wäre Thora eine Gefangene. Und das kann ich mir nicht vorstellen. Warum? Wie du selbst sagst, bist du nur eine Besucherin auf Zeit. Du wirst wieder abfliegen, und alles wird so sein wie zuvor. Wenn tatsächlich Dahn dahintersteckt, worüber macht sie sich Sorgen? Und warum lässt Thora eine solche Beschränkung ihrer Bewegungsfreiheit zu?“

„Eifersucht“, sagte Corey, „ist für Dahn sicher ausreichend als Motiv. Aber Thora ... Ja, du hast recht. Ich bin da zu sehr von den Gegebenheiten der Erde ausgegangen. Hier ist ihr Verhalten mehr als ungewöhnlich.“

„Könnte man so sagen.“ Sheribon zapfte einen neuen Krug Bier und stellte ihn zwischen Corey und sich auf die Theke. „Thora tut nie etwas ohne Grund. Ohne einen logischen Grund. Ich sehe aber nicht, welche Logik ihr Verhalten in diesem Fall haben sollte. Im Gegenteil. Normalerweise sind hier alle Türen zu jeder Zeit für jede Frau offen. Warum sollte sie das ändern?“

„Nicht alle Türen“, wandte Corey ein. „Im Fortpflanzungsinstitut gibt es einen Bereich, der nur Berechtigten Zugang gewährt.“

Sheribon spitzte die Lippen und nickte. „Weil das die Kernzelle unserer Existenz ist. Es wäre eine Katastrophe, wenn dort jemand hineinstolperte und alles verunreinigte. Eine ganze Generation könnte dadurch vernichtet werden.“

„Ja, es gibt einen logischen Grund“, sinnierte Corey gedehnt. „Aber dieser Bereich könnte wie eine Festung sein. Für Dahn. Sie hat dort das Sagen. Sie bestimmt, wer hinein darf und wer nicht. Sie kann dort tun und lassen, was sie will, ohne dass sie jemand kontrollieren kann.“

Eine Weile saßen sie nur da und starrten beide vor sich in die Luft, als wäre ihnen der Gesprächsstoff ausgegangen.

„Ich glaube, du solltest dich mal mit jemand unterhalten“, sagte Sheribon dann plötzlich. „Bisher hat es mich nicht interessiert, aber langsam habe ich den Eindruck, es steckt mehr dahinter.“

„Wohinter?“ Corey konnte nicht ganz folgen.

„Heute Abend“, sagte Sheribon. „In meinem Haus. Dann erfährst du mehr.“

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