Neue Welt 004

Neoma stellte ein paar ihrer leckeren Brothäppchen auf den Tisch, als Corey nach Hause kam. Sie hatte den ganzen Tag versucht, mit Dahn zu sprechen, ihre Mitarbeiterinnen zu befragen, aber sie war gegen eine Wand gelaufen. Niemand schien ihre Fragen zu verstehen. Und Dahn war angeblich nicht da.

Auch Thora hatte das Rathaus verlassen, davon hatte Corey sich selbst überzeugt. Weder die Bodyguard-Frau noch sie waren irgendwo zu finden.

Bromila, die Corey zufällig über den Weg gelaufen war, meinte, Thora hätte Termine in weiter entfernten Ansiedlungen des Südbereichs. Schließlich musste sie sich um alle Bewohnerinnen kümmern, nicht nur um die, die in der Stadt lebten. Die Minen hätten Beratung angefordert. Anscheinend gab es dort unerwartete Probleme. Bromila empfahl Corey, einfach abzuwarten, bis Thora zurück war. Beunruhigt schien sie nicht. Thora unternahm öfter Ausflüge zu den Minen. Dort gab es immer etwas zu tun. Die Rohstoffversorgung war ein ständig präsentes Thema, denn Rohstoffe waren knapp und schwer abzubauen.

„Sheribon sagte, dass du mit mir reden willst?“, fragte Neoma nun, nachdem der Tisch mit Häppchen und Getränken bestückt war.

Corey blickte sie erstaunt an. „Mit dir?“

Neoma lächelte. Sie hatte ein reizendes Lächeln. „Mit mir und meiner Frau.“

Sie hob eine Hand, und aus dem Schatten der Wand trat eine Frau, die Corey noch nie gesehen hatte. Wie fast alle hier auf dem Planeten war sie eine Mischung aus weiß, schwarz und asiatisch. Sie hatte leicht schräg stehende Augen, dunkle Haare und eine olivfarbene Haut. Bei den Genverschmelzungen gab es keine Unterschiede. Es war wohl eher Zufall, dass Thora blond und blauäugig war.

„Sie ist gerade aus dem Norden zurück“, sagte Neoma.

Corey erinnerte sich. Neomas Frau hatte Kinder mit einer anderen Frau im Norden, und die hatte sie besucht. Fragend hob sie die Augenbrauen.

„Ich bin Luhan“, sagte Neomas Frau. „Du willst etwas über Dahn wissen?“

„Manchmal glaube ich, ich weiß schon mehr über sie, als ich je erfahren wollte“, seufzte Corey. „Eigentlich interessiert sie mich gar nicht.“ Sie lachte. „Sie ist wirklich nicht mein Typ!“

„Aber Thora“, sagte Neoma und setzte sich an den Tisch.

Luhan und Corey folgten ihrem Beispiel.

„Ja.“ Corey grinste schief. „Sehr.“

„Sie ist wirklich ein nettes Aushängeschild, nicht?“ Luhan grinste auch.

Neoma boxte sie in die Seite. „Hörst du wohl auf? Hier geht es um ernsthafte Dinge. Thora ist weit mehr als ein Aushängeschild. Sie ist die klügste Frau auf dem ganzen Planeten.“

„Ist ja schon gut.“ Luhan hob besänftigend die Hände und lächelte ihre Frau an. „War nur eine harmlose Bemerkung. Seit wir verheiratet sind, schaue ich keine andere Frau mehr an, das weißt du doch.“

„Luhan ist Mineningenieurin“, erklärte Neoma. „Deshalb hat sie Thora schon von klein auf gekannt. Ihre Mutter war ebenfalls Mineningenieurin.“

„Sie war eine großartige Frau“, nickte Luhan, nun ernst. „Ich habe sie sehr gemocht. Dahn kam auch manchmal mit, wenn die Auserwählten – inklusive Thora – in die Minen gebracht wurden, zur Ausbildung. Aber Dahn …“ Sie schüttelte den Kopf. „Thoras Mutter mochte sie nie. Sie hatte große Vorbehalte, dass sie gemeinsam mit Thora erzogen wurde. Aber sie konnte nichts machen. Es war eben so vorgesehen.“

„Warum mochte Thoras Mutter Dahn nicht?“, fragte Corey.

Luhan verzog das Gesicht. „Genau hat sie das nie gesagt. Sie fand, Dahn hätte etwas Unheimliches. Etwas, das sonst niemand hätte. Aber natürlich …“, sie machte eine wegwerfende Handbewegung, „war das alles Quatsch. Dahn war eifersüchtig auf jeden, der in Thoras Nähe kam. Sie hat sogar Thoras Mutter einmal geschlagen, als die ihre kleine Tochter umarmte. Am liebsten hätte sie Thora irgendwo eingeschlossen, um sie nur für sich allein zu haben.“

Corey zuckte zusammen. „Vielleicht hat sie das jetzt geschafft“, murmelte sie. Dann runzelte sie die Stirn. „Ist das nicht ein ungewöhnliches Verhalten? Normalerweise sind die Leute hier so friedlich.“

„In den Minen nicht!“ Luhan lachte. „Da geht es ganz anders zu als in der Stadt. Wir fanden Dahn nicht so besonders … wenn sie eine Minenarbeiterin gewesen wäre.“ Ihre Stimme bekam zum Schluss einen merkwürdigen Unterton.

„Aber das ist sie nicht.“ Corey schaute Luhan interessiert an. „Sie ist die Top-Genetikerin des Planeten.“

Neoma nickte. „Wie ihre Mutter“, sagte sie.

Für eine lange Sekunde war es still.

„Dahn hat den Job von ihrer Mutter übernommen?“, fragte Corey dann. „Gibt es hier so eine Art … Thronfolge?“

„Nein.“ Nun schüttelte Neoma den Kopf. „Natürlich sind die Fähigkeiten und Begabungen entscheidend. Aber irgendjemand muss schließlich auch die Leiterin des Fortpflanzungsinstituts ersetzen, wenn sie stirbt. Es gibt immer mehrere Kinder, die dafür in Frage kommen, und Dahn hat alle Tests mit Bravour bestanden. Ebenso wie Thora, Bromila und die anderen.“

„Dann müssten doch alle sehr zufrieden sein.“ Corey schaute zuerst Luhan und dann Neoma an.

„Müssten.“ Luhan legte einen Arm nach hinten über den Stuhl und lehnte sich zurück.

Es schwebte etwas Unausgesprochenes im Raum.

„Ihr habt versucht, ein gemeinsames Kind zu bekommen“, sagte Corey. „Hat Sheribon mir erzählt. Und Dahn hat euch die Genehmigung verweigert.“

Neoma lächelte. „Du meinst, deshalb hätten wir etwas gegen sie?“

„Na ja …“ Luhan beugte sich vor, legte ihre Unterarme auf den Tisch und verschränkte die Hände. „Damit hat es irgendwie angefangen.“ Sie warf einen vorsichtigen Blick auf Neoma. „Neoma war nämlich mal mit Dahn … zusammen.“

„Was?“ Corey wäre fast der Mund offenstehen geblieben. „Du?“

„Ich war jung und dumm.“ Neoma zuckte die Schultern. „Und für mich hatte es auch gar nicht diese Bedeutung. Aber für Dahn –“ Sie brach ab und schaute Luhan an, als wollte sie ihr das Wort übergeben.

„Dahn ist äußerst besitzergreifend“, fuhr Luhan fort. „War sie ja schon immer. Das beschränkt sich nicht auf Thora. Neoma war ohnehin nur ein Ersatz, weil Dahn Thora nicht haben konnte.“

„Sie ist mir echt auf den Keks gegangen mit ihren ständigen Vergleichen.“ Neoma seufzte. „Thora hier und Thora da. Ich mag Thora, wirklich, aber damals hätte ich sie manchmal gern –“

Luhan lachte. „Aber Neoma ist natürlich keine Minenarbeiterin. Also hat sie das einzig Logische getan: Sie hat sich von Dahn getrennt.“

Corey hob die Augenbrauen. Sie konnte sich vorstellen, dass Dahn das nicht gut aufgenommen hatte. „Und deshalb verweigert sie euch bis heute die Genehmigung?“

„Sie behauptet, unsere Gene passen nicht zusammen.“ Neoma spitzte die Lippen. „Was natürlich sein kann.“

„Ich habe da selbst mal Nachforschungen angestellt.“ Luhan erhob sich und machte ein paar Schritte, als ob sie zu nervös wäre, um weiter sitzenzubleiben. „Schließlich haben sowohl Neoma als auch ich Kinder mit anderen Frauen.“ Sie verzog grimmig die Lippen. „Ich glaube, es war Dahn ein besonderes Vergnügen, uns mit Kindern zu versorgen, die nicht unsere gemeinsamen sind.“ Sie lächelte. „Nicht dass es mir etwas ausmacht, dass Kiri nicht meine Tochter ist.“ Ihr Lächeln legte sich zärtlich auf Neoma. „Ich empfinde es so, als wäre sie es. Genauso wie es normal ist, dass meine Kinder bei der anderen Mutter aufwachsen. Wir sind alle so aufgewachsen. Niemand findet etwas dabei. Kinder sind Kinder, und wir sind ohnehin alle verwandt.“

Neoma nickte. „Ich empfinde alle Kinder dieses Hauses als meine Kinder, und genauso geht es den anderen Müttern. Aber erzähl weiter, was du herausgefunden hast.“ Sie schaute Luhan auffordernd an.

„Es gibt da einige Ungereimtheiten“, nahm Luhan den Faden wieder auf. „Es werden mehr Ressourcen verbraucht, als verbraucht werden dürften. Es gibt erstaunlich viele Mehrlingsgeburten, bei denen Kinder sterben, obwohl es zuvor keine Auffälligkeiten gab. Nur zwei von drei überleben, oder nur eins von zweien.“

Corey dachte sofort an Thoras Zwillinge.

„Natürlich sind Mehrlingsgeburten immer ein Risiko“, fiel Neoma ein. „Das Fortpflanzungsinstitut arbeitet auf Mehrlingsgeburten hin. Je mehr Kinder bei einer einzigen Geburt, desto besser.“ Sie lachte. „Nimm zum Beispiel Sheribon. Sie hat drei Kinder, aber sie war nur einmal schwanger.“

„Und selbstverständlich wird unser Genpool nicht besser, so abgeschnitten, wie wir bis jetzt von außen waren“, ergänzte Luhan. „Eine Auffrischung täte sicher gut.“ Sie schaute Corey an.

Neoma lächelte. „Ich habe mich um ein Kind von dir beworben.“

„Ja, Dahn …“, Corey schluckte, „erwähnte so etwas.“ Die ganze Situation kam ihr äußerst komisch vor. Immerhin waren Luhan und Neoma verheiratet. „Aber ich hatte eigentlich nie … ich meine, es ist mir nie in den Sinn gekommen, Kinder zu haben. Ich fliege immer im Weltraum herum …“

„Du musst sie ja nicht bekommen“, sagte Neoma. „Das mache ich schon.“

„Neoma ist eine begeisterte Mutter“, erklärte Luhan. „Sie will noch eine Menge Kinder.“ Es schien sie nicht zu stören, dass das immer bedeutete: von einer anderen Frau. Und dass Neoma Corey geradezu Avancen machte, obwohl eine körperliche Vereinigung für diesen Vorgang nicht erforderlich war.

Corey räusperte sich. „Das ist ja alles schön und gut, aber ich glaube, das ist jetzt nicht das Thema. Wir waren bei: Es werden zu viele Ressourcen verbraucht und zu viele Kinder sterben.“

„Ja.“ Luhan kehrte an den Tisch zurück und setzte sich. „Schon seit langem haben wir keine andere Wahl, als unsere Ressourcen optimal zu nutzen, die Ausnutzung des wenigen Vorhandenen zu verbessern.“ Jetzt sprach die Ingenieurin. „Und natürlich ist die Fortpflanzungstechnik dabei bevorzugt. Niemand erhält so viele Ressourcen wie das Fortpflanzungsinstitut. Dort muss alles immer perfekt temperiert sein, es darf keine Verschmutzungen geben, es darf keine Ausfälle geben. Das könnte katastrophale Folgen haben.“

Corey nickte. So weit, so gut.

„Aber …“, fuhr Luhan fort, „wenn man sich einmal die Aufzeichnungen anschaut, dann ist das Verhältnis statt besser schlechter geworden. Das heißt: mehr Ressourcen, weniger Kinder. Das war eigentlich nicht so gedacht. Dahn hat aber auch keinerlei Eingaben gemacht, dass es technische Probleme gegeben hätte. Offiziell läuft alles perfekt.“

Overall Rating (0)

0 out of 5 stars
Add comment

People in this conversation

  • Ruth Gogoll

Weitere Artikel

  • 1
  • 2
  • 3

Suche