Ravens Nemesis (Teil 2)

„Ich hatte genauso wenig die Wahl.“ Elayna drehte sich um und betrachtete sie mit einem zärtlich mitleidigen Blick. „Wir haben unsere Verpflichtungen, weil wir nicht so sind wie die anderen. Diesen Verpflichtungen können wir uns nicht entziehen. Es gibt größere Dinge zu berücksichtigen als irgendwelche menschlichen Gefühle.“

„Tatsächlich?“ Raven verschränkte grimmig die Arme vor der Brust. „Und das soll ich Reola so sagen? Sie ist das personifizierte Gefühl. Sie wird kaum verstehen, dass es etwas Wichtigeres geben kann. Es wird sie umbringen.“

„Wird es nicht. Sie ist stärker, als du denkst.“ Elayna verzog bedauernd das Gesicht. „Es ist nun einmal, wie es ist. Wenn ich sterbe, übernimmst du die Verantwortung. Und jemand muss die Verantwortung übernehmen, wenn du stirbst. Wir leben lange, aber nicht ewig.“

„Dann habe ich ja noch Zeit.“ Raven wollte sich umdrehen und die Gemächer ihrer Mutter verlassen.

„Und was ist, wenn wir beide sterben?“

Mitten in der Bewegung hielt Raven inne. Sie wandte ihren Kopf zurück. „Was ist dann?“

„Dann wird die Welt, wie wir sie kennen, nicht mehr existieren.“ Elayna kam auf sie zu und legte eine Hand auf ihre Wange. „Und das ist etwas, das du dir lieber nicht vorstellen möchtest. Es ist nicht so, wie es war, als Adriana mich gefangenhielt. Ich war immer noch da. Aber wenn ich nicht mehr da bin ... und du nicht mehr da bist ... wird es nichts Gutes mehr auf dieser Welt geben. Gar nichts.“ Sie lächelte liebevoll, aber auch unendlich traurig. „Glaub mir, ich habe dasselbe durchgemacht wie du.“ Ihre Hand streichelte Ravens Gesicht. „Es ist unsere Gabe, die das Böse fernhält. Nichts als unsere Gabe. Wenn sie nicht mehr da ist, braucht es nicht einmal so eine starke Schwarze Magie wie die von Adriana, um die Welt zu zerstören. Dann reicht jeder kleine boshafte Gedanke. Die Menschen werden qualvoll sterben. Menschen wie ... Reola.“

Ravens Knie fühlten sich auf einmal weich an, als ob sie sie nicht mehr halten könnten. Sie sank auf einen reich bestickten Sessel. „Das ist ... das ist ...“

„Das ist die Wahrheit.“ Elayna schaute auf sie hinunter. „Ich weiß, es ist hart. Es ist für uns alle hart, für alle Do-Llas. Deshalb bekommen wir diese Ausbildung, mit all den Techniken, die es uns erlauben, in uns zu versinken und das größere Ganze zu sehen, nicht nur uns selbst.“

„Ich glaube ...“ Raven räusperte sich, aber ihre Stimme klang immer noch kratzig. „Ich glaube, soweit bin ich noch nicht.“

Elayna blickte durch das Zimmer, das von der Größe her eher einem Saal glich, als ob sie nach etwas suchte. Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, während sie ihren Blick in alle Ecken schweifen ließ. „Spürst du etwas?“, fragte sie.

„Außer dass ich mich fühle, als wäre mir gerade der Himmel auf den Kopf gefallen?“, fragte Raven sarkastisch zurück. „Nein, nichts.“

„Spürst du etwas?“, wiederholte Elayna ihre Frage, aber diesmal an Lektra gerichtet, die gerade zur Tür hereinkam.

Lektra blieb stehen und schloss die Augen, öffnete sie wieder, schüttelte den Kopf. „Nein, was?“

„Vielleicht bin ich einfach nur paranoid.“ Elayna seufzte. „Das habe ich manchmal, seit ich eingesperrt war. Ich denke, es könnte jederzeit wieder passieren.“

„Ohne Adriana? Wer sollte dich einsperren, mein Engel?“ Lektra kam fürsorglich auf Elayna zu. „Hast du immer noch diese schlimmen Träume?“

„Manchmal.“ Elayna ließ sich auf die Ottomane sinken und lehnte sich zurück. Sie schloss die Augen. „Aber sie werden weniger.“

„Du hast sehr viel durchgemacht.“ Lektra griff nach einer Decke und breitete sie über Elayna aus. „Versuch dich auszuruhen. Geh das Lo\!Agra durch.“

„Das tue ich jeden Tag.“ Elayna atmete tief ein und aus. „Mehrmals. Das allein hat mich in der Gefangenschaft am Leben erhalten.“

Lektra warf einen Blick auf Raven. „Ich glaube, wir sollten jetzt gehen.“

„Eigentlich ...“ Raven zögerte, stand aber auf.

„Sie hat es dir gesagt.“ Lektra schaute sie mit wachen Augen an. „Dass aus der Do-Lla wieder eine Do-Lla entspringen muss.“

Ein trockenes Lachen schoss aus Ravens Kehle. „Sehr poetisch ausgedrückt! Als ob das so einfach wäre!“

Lektra machte eine Bewegung mit dem Kopf zur Tür hin. „Komm. Wir müssen das nicht hier besprechen.“ Sie warf einen besorgten Blick auf Elayna. „Sie gibt sich stark, aber die lange Zeit im Kerker hat ihre Spuren hinterlassen.“

„Und was ist mit mir?“, fragte Raven mit gedämpfter Stimme, als sie hinausgingen. „Ich hatte so ein tolles Leben, oder was?“

„Oh-oh.“ Lektra schloss die Tür hinter sich, als sie auf dem Gang standen. „So darf eine Do-Lla nicht denken. Niemals. Es geht nicht um das eigene, individuelle Leben. Es geht um das Leben aller.“

„So was Ähnliches hat sie auch gesagt.“ Genervt warf Raven den Kopf in den Nacken. „Die Nachfolge muss gesichert sein. Egal, was es kostet.“

„Ja, das muss sie“, bestätigte Lektra nickend. „Und deine Mutter ist –“ Sie brach ab und musterte Ravens Gesicht. „Ich sagte ja schon, sie ist nicht so stark, wie sie sich gibt. Diese Träume ... Sie ist viel schwächer, als du es dir auch nur vorstellen kannst. Adriana hat ihr gerade nur das Nötigste gegeben, damit sie am Leben bleibt. Und das über eine sehr lange Zeit. Wäre sie ein normaler Mensch, wäre sie schon lange tot.“

„Sie ...“ Raven riss die Augen auf. „Sie ...“ Nun schluckte sie. „Sie ... stirbt?“, brachte sie endlich hervor.

„Es steht zu befürchten, dass sie nicht so lange leben wird, wie es einer Do-Lla üblicherweise vergönnt ist“, antwortete Lektra vage.

„Und dann bin ich allein. Die einzige Do-Lla“, flüsterte Raven erschüttert.

„Und keine Erbin“, setzte Lektra fest hinzu. „Verstehst du jetzt, warum sie so drängt?“

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