Ravens Nemesis (Teil 6)

Raven betrat die Kommandantur wie vor – wie es ihr schien – ewigen Zeiten. Alles sah jetzt viel freundlicher aus. Auch fehlte natürlich wie schon beim letzten Mal der lustlose Pennersoldat, der damals hier seinen Dienst versehen hatte. Dafür saß eine adrette junge Frau an einem Tisch und sortierte Papiere.

Die Tür, die ins hintere Zimmer führte, in das Büro der Kommandantin, stand einladend offen.

Die junge Frau erschrak, als sie Raven erkannte. Sie sprang auf und verbeugte sich tief. „Euer Hoheit ...“

„Nicht.“ Raven hob die Hand. Diese Anrede war ihr immer noch fremd und unangenehm, aber viele Menschen benutzten sie. Sie war die junge Do-Lla, die Kronprinzessin des Hauses Thur, und sie wollten ihr Respekt erweisen.

„Komm rein“, hörte sie eine Stimme in ihrem Kopf. „Ich habe dich schon erwartet.“

Sie nickte der jungen Frau, die nicht zu atmen wagte, zu und passierte die Tür. Kaum eingetreten sah sie Zulya in einem Sessel hinter dem Schreibtisch sitzen.

„Raven. Wie schön. Wir haben uns lange nicht gesehen“, begrüßte sie sie lächelnd und diesmal mit gesprochenen Worten. Sie stand auf und kam mit ausgebreiteten Armen auf Raven zu.

Raven zögerte, obwohl sie sich wie immer sofort zu Zulya hingezogen fühlte.

„Hab keine Angst, es ist noch nicht soweit.“ Zulya lachte und blieb vor Raven stehen. „Lektra hat mir Bescheid gesagt, weshalb du kommst, aber wir müssen wohl kaum sofort damit anfangen.“

„Sie hat dir“, Raven räusperte sich, „gesagt, um was es geht?“

„Du kennst doch Lektra.“ Zulya legte einen Arm um Ravens Nacken und schaute sie warm an. „Nur keine Zeit verlieren.“ Mit einem gehauchten Kuss löste sie sich von Raven und ging hinter ihren Schreibtisch zurück.

„Ja.“ Raven räusperte sich erneut. „Und du hast nichts dagegen?“

„Wie könnte ich?“ Zulya zwinkerte, als wäre ihr etwas ins Auge geflogen. „Wer kann sich dem Haus Thur schon widersetzen?“ Sie neigte den Kopf. „Hoheit, Euer Wunsch ist mir Befehl.“

Raven hob die Brauen. „Hat Lektra dir diesen Eindruck vermittelt? Dass du dich nicht widersetzen darfst?“

„Das musste sie nicht.“ Zulya blickte sie ernst an. „Niemand stellt in Frage, dass ihr die neuen Herrscher seid. Alle sind glücklich darüber. Ich auch.“

Raven bemerkte die unentschlossenen Farben, die um Zulya waberten. „Du bist nicht glücklich“, stellte sie fest. „Jedenfalls nicht so glücklich, wie du tust.“

„Ich ...“ Zulya öffnete ziemlich ratlos die Hände. „Ich bin nicht mehr die, die ich war. Das Angebot traf mich etwas ... unerwartet.“

„Lektra und meine Mutter meinten, da wir uns schon kennen ...“ Raven verzog das Gesicht. „Sogar schon sehr gut, und da du zu den Familien gehörst, die in Frage kommen, wäre es vielleicht –“

„Einfacher?“ Zulya runzelte die Stirn. „Das stimmt natürlich. Wir hatten schon Sex. Es wäre nichts Neues. Wenn auch“, sie lachte, „auf eine neue Art.“

„Es wäre aber nicht nur Sex“, bemerkte Raven ernst. „Wenn du dich einmal an das Haus Thur gebunden hast, kannst du nicht mehr zurück. Du wärst nicht nur die Mutter der neuen Do-Lla, du wärst auch –“

„Deine Frau, ich weiß.“ Zulya sah nachdenklich aus.

„Nun sag es ihr schon.“ Eine Stimme, die plötzlich wie ein Kugelblitz von der Tür ins Zimmer fuhr, mischte sich ein.

Raven wirbelte herum, weil sie nicht bemerkt hatte, dass jemand hereingekommen war. „Tyra!“, stieß sie überrascht hervor.

Anscheinend hatte Tyra sich so gut getarnt, dass ihre Aura Raven nicht aufgefallen war. Sie war nun schon lange eine Wächterin, wie Lektra, und ihre Fähigkeiten hatten enorm zugenommen, das spürte Raven deutlich.

„Euer Hoheit.“ Tyra nickte ihr zu.

Auch an ihr bemerkte Raven unentschlossene Farben, aber ganz eindeutig waren sie dunkler als die von Zulya.

„Lasst doch den Quatsch“, verlangte Raven ärgerlich. „Hier gibt es keine Hoheit, nur uns drei.“

„Wie ich höre, kommst du in offizieller Mission. Einer sehr wichtigen. Also ist es wohl nur angemessen, dich mit deinem Titel anzureden. Denn darum geht es hier doch, nicht wahr? Die Erbfolge des höchsten Hauses des Landes.“ Tyra wirkte nicht besonders freundlich.

Raven war erstaunt, dass Tyra Bescheid wusste. „Hat Lektra dich auch eingeweiht?“, fragte sie verwundert. Hatte Lektra diese doch ziemlich intimen Neuigkeiten etwa an allen Plakatwänden anschlagen lassen? Sie spürte Ärger in sich aufsteigen.

„Nein, Lektra nicht. Zulya.“ Tyra warf einen Blick auf Zulya, die ihn auf merkwürdige Art zurückgab, als wollte sie Tyra beschwören, nicht mehr zu sagen.

„Zulya?“ Raven schaute fragend von einer zur anderen. Sie fühlte sich verwirrt. Tyras Ausstrahlung hatte etwas Aggressives, unterschwellig Brodelndes.

„Ich verdanke Raven viel“, erklärte Zulya in Tyras Richtung. Ihr Tonfall klang beschwichtigend. „Wir alle tun das.“

„Du verdankst ihr nicht mehr als andere auch.“ Tyras Augen blitzten Raven an. „Du bist ihr nichts schuldig.“

Raven spürte, wie eine Wand aus Feuer in ihren Kopf eindrang. Sie stöhnte auf, bevor sie ganz automatisch abblockte und das Feuer löschte.

„Tyra! Nicht!“ Bei Ravens Stöhnen war Zulya aufgesprungen und zu Tyra gelaufen, schmiegte sich flehend in ihren Arm. „Sie ist eine Do-Lla! Du kannst sie nicht besiegen!“

Auf einmal fiel es Raven wie Schuppen von den Augen. „Ihr? Ihr beide?“ Es dauerte noch eine Sekunde, dann begann sie zu lächeln. „Ihr seid ein Paar?“

„Als ob das irgendeine Bedeutung hätte“, quetschte Tyra wütend hervor. „Wenn du sie haben willst, nimmst du sie dir einfach. Wer kann eine Do-Lla schon aufhalten? Aber ich werde es zumindest versuchen. Zuerst musst du mich umbringen!“

„Reg dich nicht auf, mein Herz, bitte.“ Zulya versuchte immer noch, Tyras Zorn zu besänftigen. „Ich habe dir gesagt, dass Raven nicht so ist. Ich kenne sie.“

„Das ist ja das Schlimme!“ Tyra riss die Hand hoch und richtete einen Finger anklagend auf Raven. „Du hast nicht einmal bemerkt, wer Zulya ist, als ihr ... als ihr ... Sie war dir völlig egal. Ein Mädchen aus Conams Kneipe. Aber jetzt auf einmal willst du sie haben.“

„Tyra, bitte ...“ Raven trat auf die beiden zu.

„Wag es nicht, sie anzufassen!“ Tyras Feuerwand prallte diesmal auf Ravens Abwehr, ohne weiteren Schaden anzurichten.

„Schon gut.“ Raven hob die Hände. „Nun beruhige dich doch. Du siehst das ganz falsch.“ Sie schaute Zulya an. „Warum hast du nichts gesagt? Du hast getan, als wärst du einverstanden.“

Zulya wirkte hin und her gerissen. Ihr Blick wanderte von Tyra zu Raven und zurück.

„Sie fühlt sich dir verpflichtet“, grummelte Tyra nach einer Weile. „Du hast sie vor einem Leben in Conams Kneipe errettet. Die große Heilsbringerin bist du in ihren Augen. Sie ist dir so dankbar, dass sie alles tun würde, um dir diese Dankbarkeit zu zeigen.“ Es war klar, dass Eifersucht aus ihren Worten sprach, als sie hinzufügte: „Und sie mag dich. Sie mag dich sehr.“

Raven schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Aber sie liebt mich nicht. Das hat sie mir selbst gesagt.“ Ihr Blick umfing Tyra und Zulya wohlwollend. „Da musstest wohl erst du kommen.“

„Ich ...“ Zulya schluckte. „Ich werde mich nicht verweigern, wenn es zum Wohl des Landes ist. Aber ...“, sie schaute Raven fragend an, „was ist denn mit Reola?“

„Reola ist kein Mitglied der Familien“, erklärte Tyra sofort. Sie als Wächterin war sich darüber im Klaren, was das bedeutete. „Sie kommt nicht in Frage.“

„Mein Gott, wie schrecklich“, murmelte Zulya. „Wie hat sie es aufgenommen?“

„Sie ...“ Raven brachte es kaum fertig zu sprechen. „Sie ist nicht mehr im Schloss. Sie hat es verlassen.“

---

Weiterlesen? Hier ist das Ganze als ebook: Ravens Geheimnis (Kindle oder epub aufrufen und dann das entsprechende ebook auswählen)

Ebenso gibt es alle 3 Raven-Bände in einem gedruckten Buch: »Ruth Gogoll, Terry Waiden - Raven«

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4.5 out of 5 stars
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People in this conversation

  • Juli
  • Lara
  • Nanni
  • Angie
  • Ruth Gogoll
  • Ruth Gogoll

    Permalink

    Und da ist sie nun, die ganze Geschichte. Als Kindle: Ravens Nemesis. Selbstverständlich auch als ePub und sogar als gedrucktes Buch! ;) Hier ist die gesamte Raven-Trilogie: Raven – Das Buch.
    Das Buch ist ein ziemlich dicker Wälzer und wird über BoD gedruckt, das heißt: einfach bestellen, dann wird es gedruckt, und ein paar Tage später liegt es im Briefkasten oder bei der kleinen, feinen Buchhandlung Ihrer Wahl.

    Sonntag, 1. März 2015 8:23
  • Das ist klasse! Da freue ich mich. Endlich wieder etwas Fantasy in gedruckter Form. :)

    Sonntag, 1. März 2015 10:36
  • Ruth Gogoll

    Nanni Permalink

    Es gibt jetzt alles in gedruckter Form. :) Wir haben die ganzen Geschichten, die es vorher nur als ebooks gab, jetzt bei BoD im Angebot. Einfach mal nachschauen.

    Es gibt jetzt außer »Raven« noch
    - »Wintertraum« (Das sind alle 3 Weihnachtsgeschichten aus dem Adventskalender 2013 in einem Band)
    - »Das blaue Grab« (So richtig was zum Gruseln :))
    - »Einhundert Absagen«
    - »Love Message«
    - »Ich warte auf dich«
    - »39 Stunden«
    und viele Neuauflagen der alten Titel, die schon lange ausverkauft waren, wie z.B. »Die Liebe hat dein Gesicht« und viele andere.

    Sonntag, 1. März 2015 11:25
  • Das finde ich toll und absolut nett, dass wir – die einfach gerne ein Buch in Händen halten – jetzt auch in den Geschmack von den Geschichten kommen können, die es vorher nur als e-Book gab. :) Denn Kurzgeschichten für mal zwischendurch sind immer gut.

    Sonntag, 1. März 2015 13:48
  • Kann ich die hier über den elles Shop bestellen?

    Sonntag, 1. März 2015 11:55
  • Ruth Gogoll

    Lara Permalink

    ebooks und BoDs gehen nur über den regulären Buchhandel, also entweder über Amazon oder ebook.de oder auch über jede andere Buchhandlung.

    Sonntag, 1. März 2015 11:57
  • Supi, dann gehe ich gleich mal Shoppen.

    Sonntag, 1. März 2015 12:18
  • Angie

    Permalink
    Rated 4.5 out of 5 stars

    Supertolle und spannende Geschichte... Bin sehr gespannt wies weitergeht und ob raven und reola am Ende nicht doch ihre liebe siegt.. Und vielleicht gehört reola nicht doch zur siebten Familie...wäre doch eine gelungene Überraschung...:)

    Montag, 9. Februar 2015 0:06
  • Ruth Gogoll

    Angie Permalink

    Dieser dritte und letzte Teil von »Raven« kommt im März als ebook heraus, und für alle Leute, die die Bücher lieber gedruckt haben wollen, kommt die gesamte Raven-Trilogie dann als Buch heraus. Ein ziemlich dickes Buch. :)

    Montag, 9. Februar 2015 8:44
  • Ruth Gogoll

    Permalink

    Der Titel »Ravens Entscheidung« war nur ein Arbeitstitel, nun haben wir den endgültigen Titel für die Veröffentlichung festgelegt, und der lautet »Ravens Nemesis«. Also nicht verwirrt sein, wenn ein Link nicht zur »Entscheidung« führt. Es ist dieselbe Geschichte, nur der Titel hat sich geändert, weil wir fanden, dass »Entscheidung« zu harmlos klingt für den letzten Band der Raven-Reihe. :)

    Samstag, 17. Januar 2015 9:27

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