Ravens Geheimnis 07

7

In ihren weiten Umhang gehüllt, die Kapuze über den Kopf gezogen, durchmaß Raven mit langen Schritten die enge Gasse, so dass der voluminöse Stoff wie die Flügel eines Fabelwesens hinter ihr aufflog. Sie sah sich nicht um, und der Dolch an ihrem Gürtel wirkte mehr wie ein Schmuckstück denn wie eine Waffe.

Tief in Gedanken versunken strebte sie ihrem Ziel zu, als auf einmal ein kleiner hutzeliger Mann aus einem Toreingang trat und sie fast über ihn gestolpert wäre.

Automatisch fuhr ihre Hand zum Griff des Dolches, beließ ihn aber in der Scheide, als sie merkte, dass keine Gefahr von dem gnomenhaften Bettler ausging. Sie wollte mit einem großen Schritt zur Seite ausweichen, jedoch spürte sie sofort, dass dies den Wünschen des Mannes zuwiderlief. Sie blieb stehen und schaute ihn an. „Ich kaufe nichts“, sagte sie.

„Dies wird Euch bestimmt interessieren, junger Herr“, versprach die in Lumpen gehüllte Gestalt, und Raven bemerkte, dass er die Höflichkeitsform des Nordens in der Anrede verwendete, die hier im Süden nicht üblich war.

Obwohl Raven keinerlei Anstalten unternommen hatte, als Mann zu erscheinen, hielten viele sie dafür, weil sie weiche lederne Beinkleider, halbhohe Stiefel und ein ledernes Wams trug, wie es für männliche Reisende üblich war. Außerdem legte auch ihre Größe kaum eine Frau nahe, und die Kapuze verbarg die feinen, blonden Haare, die ihre Weiblichkeit vielleicht verraten hätten.

„Das glaube ich kaum.“ Sie schüttelte den Kopf und wollte weitergehen.

„Seid Ihr da ganz sicher?“ Der Bettler öffnete eine schmutzstarrende Hand, und Raven sah etwas darin blinken.

Glas, dachte sie, aber fast im selben Augenblick erstarrte ihre Miene zu Stein. Sie umfasste das dreckige Handgelenk des Bettlers mit hartem Griff und fauchte ihn mit einer Stimme, die vor unterdrücktem Zorn heiser war, an: „Woher hast du das?“

„Ich wusste, dass es Euch interessieren würde“, grinste der Bettler aus einem schiefen Mund, in dem die meisten Zähne fehlten, so dass er wie eine schwarze Höhle wirkte, in dem die wenigen, die übriggeblieben waren, wie wahllos hingeworfene gelbe Kieselsteine kreuz und quer lagen.

„Und woher willst du das wissen?“ Diesmal umfasste Raven nicht nur sein Handgelenk, sondern mit der anderen ihrer langen, schmalen und doch so kräftigen Hände auch seinen Hals und drückte ihn gegen die Wand neben dem Tor. „Du kommst aus dem Norden, das höre ich. Hast du es von dort?“

Krächzend antwortete der Gnom: „Ihr kommt auch – aus dem Norden“, obwohl er es kaum schaffte, die Worte aus seiner zugedrückten Kehle hervorzuquetschen.

Raven ließ ihn los. Sie hatte es ohnehin nicht nötig, ihn so festzuhalten, ihr standen andere Mittel zur Verfügung, aber die Wut hatte sie übermannt. „Wie kommst du darauf?“

Der Mann hatte recht, aber Raven benutzte schon lange nicht mehr den Dialekt, der im Norden gesprochen wurde, und die Redewendungen, die für jenes Land so typisch waren, in dem sie aufgewachsen war. Sie kleidete sich auch nicht so. Für Außenstehende war nicht zu erkennen, dass sie von dort stammte.

„Die Frau, die mir dies hier gab, sagte es mir“, antwortete der kleine Gauner. Raven erkannte jetzt, dass er nicht mehr war als das. Er wusste nichts. „Und sie sagte mir auch, dass Ihr das Kleinod wiedererkennen und mir dann folgen würdet. Sie will Euch sprechen.“

In Raven kämpften widerstreitende Gefühle miteinander. „Du hast das Amulett gestohlen“, sagte sie kalt. „Die Frau, der es gehörte, lebt nicht mehr.“

„Ich habe es nicht gestohlen.“ Die armselige Erscheinung richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, wodurch er Raven gerade einmal bis ans Kinn reichte. Anscheinend fühlte er sich in seiner Ehre als Dieb verletzt. Denn ein Dieb war er, für einen Mörder war er zu unentschlossen, und es gab nicht viel mehr, was er hätte sein können. „Vielleicht ist es eine andere Frau, aber sie hat es mir gegeben, um es Euch zu zeigen. Ich könnte es behalten, wenn ich Euch finde, sagte sie.“

„Dann kann es nicht –“ Raven unterbrach sich selbst. Sie hatte diesem kleinen Lumpengesellen schon viel zu viel mitgeteilt, was ihn nichts anging. „Gib es mir.“ Sie streckte die Hand aus.

Die Hand des Bettlers verschwand hinter seinem zerrissenen Gewand. „Sie hat gesagt, es gehört mir.“

„Gut.“ Raven seufzte und griff in ihre Tasche. „Hier“, sie hielt dem Männlein ein Geldstück vor die Nase, „ich kaufe es dir ab.“

Seine Augen wurden groß und größer, während er auf das glitzernde Gold in Ravens Hand starrte. „Wer sagt mir, dass das echt ist?“

Raven drückte ihm das Geldstück in die Hand. „Gib mir das Amulett, oder ich nehme es mir. Du wirst wohl kaum mit mir darum kämpfen wollen.“ Ihre Mundwinkel zuckten amüsiert, während sie auf ihn hinunterschaute.

Zögernd holte er seine zweite Hand hinter dem Rücken hervor und hielt Raven das Amulett hin.

Raven nahm es und betrachtete es nachdenklich. „Und wo ist nun die Frau, die dir das gegeben hat?“

Overall Rating (0)

0 out of 5 stars
Add comment
  • No comments found

»Raven« im Überblick

  • Ravens Geheimnis 01 +

    1 Als Raven in dieser Nacht die Stadt betrat, nahm sie den silbernen Zauber des Mondes kaum wahr, der jedem Weiterlesen
  • Ravens Geheimnis 02 +

    2 Raven fühlte, wie sie die Sonne an der Nase kitzelte. Der Morgen war schon da. Sie streckte sich mit Weiterlesen
  • Ravens Geheimnis 03 +

    3 „Der Stadtkommandant ist nicht da.“ Eine höchst desinteressierte Stimme kam aus einem höchst desinteressierten Mund, während der Hilfspolizist – Weiterlesen
  • Ravens Geheimnis 04-06 +

    4 So weit, so schlecht, dachte sie. Ob sie das Permit überhaupt bekommen würde, war mehr als fraglich. Die stellvertretende Weiterlesen
  • Ravens Geheimnis 07 +

    7 In ihren weiten Umhang gehüllt, die Kapuze über den Kopf gezogen, durchmaß Raven mit langen Schritten die enge Gasse, Weiterlesen
  • Ravens Geheimnis 08 +

    8 „Ich bringe Euch hin. Folgt mir.“ Das Grinsen, mit dem der Gnom Raven einlud, aus diesem Mund mit kaum Weiterlesen
  • Ravens Geheimnis 09 +

    Ihre Hand wanderte langsam tiefer. „Und dass es eine schöne, junge Frau war, ist noch viel länger her.“ Ihre Hand Weiterlesen
  • Ravens Nemesis (Teil 1) +

    Für alle Raven-Fans: Es geht weiter. --- „Mutter? Was hast du?“ Raven betrat ihre Räume im Schloss, in dem sie nun Weiterlesen
  • Ravens Nemesis (Teil 2) +

    „Ich hatte genauso wenig die Wahl.“ Elayna drehte sich um und betrachtete sie mit einem zärtlich mitleidigen Blick. „Wir haben Weiterlesen
  • Ravens Nemesis (Teil 3) +

    Sie hob eine Hand und strich mitfühlend über Ravens Arm. „Das ist im Moment alles ein bisschen viel für dich, Weiterlesen
  • Ravens Nemesis (Teil 4) +

    Reola hob die Augenbrauen. „Nicht? Wie meinst du das?“ „Die Mutter der nächsten Do-Lla muss ein Mitglied der sieben Familien Weiterlesen
  • Ravens Nemesis (Teil 5) +

    „Dafür kann ich doch nichts.“ Raven breitete hilflos die Arme aus. „Meine Mutter hat es mir heute erst gesagt ... wie Weiterlesen
  • Ravens Nemesis (Teil 6) +

    Raven betrat die Kommandantur wie vor – wie es ihr schien – ewigen Zeiten. Alles sah jetzt viel freundlicher aus. Weiterlesen
  • 1

Geschichten im Überblick

  • Nach Lesbos +

    „Nach Lesbos? Du willst nach Lesbos in Urlaub fahren?“ Imke riss die Augen auf. „Ja. Darüber haben wir doch schon Weiterlesen
  • Alice im (neuen) Wunderland +

    „Alice, Alice, was machst du denn da?“ Humpty Dumpty rollte heran und rollte gleichzeitig die Augen. „Ich muss hier raus! Weiterlesen
  • Henrietta Murbel und die Schaufensterpuppe +

    1 „Frau Murbel! Frau Murbel!“ Aufgeregte Rufe hallten durch die Dorfstraßen von Oberbahldingen. „Was ist denn, Frau Strenger?“ Henrietta Murbel, Weiterlesen
  • Nanni: Auf der Flucht, mit der Gefahr glücklich zu werden +

    Die schrille Sirene des Alarms ertönte laut durch die kalten und langen Gänge. Nein, oh nein, nicht jetzt, das ist Weiterlesen
  • Sag niemals nie +

    Aus Anlaß der Frauenfußball-Weltmeisterschaft in Deutschland veröffentlichen wir mal eine Geschichte, die auch mit Frauenfußball zu tun hat, von einer Weiterlesen
  • Archiv +

    Jede Autorin schreibt oftmals kürzere Texte, die entweder nie zu einer vollständigen Geschichte reifen oder aber nicht gedruckt werden – aus Weiterlesen
  • Das Ostergeschenk +

    Diese Geschichte hatte ich vor Jahren schon einmal unter »Was ich mir so denke« veröffentlicht, aber da sie so gut Weiterlesen
  • Zeitreisen +

    Zeitreisen gibt es nicht, das wissen wir alle. Dennoch reizt das Thema immer wieder, auch mich. Deshalb habe ich dazu Weiterlesen
  • Golden Girls +

    Eine kleine Geschichte, um sich an einem Sonntag ganz zwanglos zu amüsieren. Blanche, Dorothy, Rose und Sofia sind allen Fans Weiterlesen
  • Miss Marple +

    Ich habe schon lange einmal mit dem Gedanken gespielt, Geschichten über die »Miss Marple«-Figur zu schreiben, die im Film von Weiterlesen
  • 1

Weitere Artikel

  • 1
  • 2
  • 3

Suche