Ruth Gogoll: Henrietta Murbel und die Schaufensterpuppe

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Die ganze Nacht über ließ ihr diese Angelegenheit keine Ruhe. Es war so harmlos. Eine Puppe. Aber irgendwie spürte sie etwas dahinter, das nicht harmlos war. Es war nur ein Gefühl, doch sie wusste, dass ihre Gefühle sie selten getrogen hatten, weil sie auf Erfahrung beruhten.

Vor allem Männer nannten diese Gefühle weibliche Intuition und lachten darüber, aber Intuitionen speisten sich immer aus Tatsachen. Es gab keinen Rauch ohne Feuer.

Normalerweise konnte sie einordnen, was in ihrem Dorf geschah. Sie kannte alles und jeden – bis auf die Touristen, die im Sommer die Ufer des Bodensees überfluteten, aber die zählten nicht – und konnte sich immer einen Reim darauf machen.

So etwas wie mit dieser Puppe war noch nie vorgekommen, aber es erinnerte sie an etwas. An jemanden. Ein rothaariger Junge, der anderen immer gern Streiche gespielt hatte, erschien vor ihrem inneren Auge. Der Sohn des Metzgers, der stets mit seinem Bernhardiner herumlief, einem riesigen, aber äußerst gutmütigen Tier. Schon allein deshalb, weil er diesen Hund so liebte, konnte dem Uli Engel – einen unpassenderen Namen hätte sich niemand einfallen lassen können – keiner böse sein. Und Uli war auch nicht böse. Dennoch machten seine Lehrerinnen drei Kreuze, als er auf die höhere Schule in der Kreisstadt wechselte.

War dies wirklich nur ein Dummer-Jungen-Streich?

Irgendwie hatte sie nicht das Gefühl.

Sie musste sich Gewissheit verschaffen.

 

»Sie hatten letztens so ein hübsches Kostüm im Fenster.« Henrietta schaute sich zwanglos in dem kleinen, gepflegten Laden um. Hier wurden hauptsächlich hochpreisige Kleidungsstücke verkauft, vor allem an Touristinnen, aber auch Henrietta selbst hatte hier schon das eine oder andere erstanden. »Ich sehe es nicht mehr. Haben Sie es verkauft?«

»Leider nicht.« Eine Angestellte, die sich bisher diskret im Hintergrund gehalten hatte, trat gemessen – es sollte sicherlich auf keinen Fall so aussehen, als wollte sie die Kundin zu etwas drängen, schon gar nicht zu einem Kauf. So ein Verhalten hatte dieses Geschäft nicht nötig, sie waren ja schließlich kein Ramschladen – auf sie zu. »Es ist verschwunden.«

Henrietta hob die Augenbrauen. »Verschwunden?«

»Wir vermuten, es wurde gestohlen.« Die Angestellte runzelte die Stirn, wurde sich dessen aber sofort bewusst und glättete sie wieder. Sie war bereits über vierzig, und in ihrem Beruf konnte sie sich keine Falten leisten. Sie schüttelte verständnislos den Kopf. »Inklusive der Schaufensterpuppe, die es trug. Niemand kann sich das erklären. Ein teures Accessoire verschwindet vielleicht schnell einmal in einer Handtasche – nicht bei uns natürlich«, schränkte sie sofort ein. »Solche Kundinnen haben wir nicht. Aber wer stiehlt denn eine Schaufensterpuppe mit allem Drum und Dran?«

Mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck schaute Henrietta sie an. »Ja, das ist die Frage.« Sie lächelte leicht. »Sie würden sich sicher freuen, das Kostüm wiederzubekommen, nicht wahr?«

Die Angestellte wirkte erstaunt. »Meine Chefin wäre begeistert. Aber es ist wohl kaum zu erwarten, dass der Dieb die Ware noch hat.«

»Der Dieb vielleicht nicht . . .« Henrietta schmunzelte in sich hinein und nickte der Angestellten dann zu. »Ich komme später wieder.«

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  • Ruth Gogoll
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    Und schon sind wir bei der 3. Folge von Henrietta Murbel - in der Henrietta sich darüber Gedanken macht, wo die Puppe wohl hergekommen sein könnte, und ihre ersten Ermittlungsschritte unternimmt.

    Freitag, 12. Januar 2018 9:54

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