Ruth Gogoll: Henrietta Murbel und die Schaufensterpuppe

Kurze Zeit darauf betrat sie die Stadtbücherei. »Frau Strenger!« Sie blickte hinter die Theke, wo Dora Strenger normalerweise saß. Ihr Platz war leer. »Wo sind Sie denn?« Sie reckte den Kopf wie ein neugieriger Papagei, um eventuell hinter die Regale schauen zu können.

»Ich komme . . . Komme ja schon«, keuchte die atemlose Stimme der Bibliothekarin, die wie eine taumelnde Blüte im Wind aus den Tiefen der dicht zugestellten Gänge auftauchte. »Bin schon da, Frau Murbel. Ich war ganz hinten –«

Mit einer Handbewegung schnitt Henrietta ihr das Wort ab. »Wo ist die Puppe?«

»Puppe?« Dora Strenger sah aus, als hätte sie das Wort noch nie gehört.

»Die Schaufensterpuppe«, drängte Henrietta ungeduldig. »Die Sie mir gestern gezeigt haben. Die mit dem weißen Kostüm.«

»Ach so, die. Ja . . .« Dora blickte sich argwöhnisch um, als müsste sie sich vor ungewollten Lauschern hüten. Dann senkte sie ihre Stimme zu einem Flüstern. »Es hat sie noch niemand abgeholt.«

»Das dachte ich mir.« Henriettas Ungeduld wuchs. »Ich glaube, ich weiß, wo sie hingehört.« Sie blickte Dora auffordernd an, die aber nicht verstand. »Könnten Sie sie vielleicht holen?«, fügte sie seufzend hinzu.

»Holen? Ja. Holen.« Dora Strenger drehte sich um und taumelte gehorsam in den Gang zurück, aus dem sie gekommen war.

Henrietta atmete tief durch. Manchmal war es schon mühsam.

 

»Da ist sie ja!« Es war fast, als würde Regine Ducker-Hemringhausen eine alte Freundin begrüßen. Mit ausgebreiteten Armen kam die Boutiquebesitzerin auf Henrietta und Dora zu.

Letztere trug die Puppe und stolperte fast über deren Füße ebenso wie über ihre eigenen.

»Passen Sie doch auf, Frau Strenger!«, blaffte Henrietta. »Ich dachte, ich bringe sie Ihnen zurück«, wandte sie sich etwas freundlicher an die Herrin des Ladens, den sie gerade betreten hatten. »Ich hörte, Sie haben sie bereits vermisst.«

Regine Ducker-Hemringhausen blieb stehen und betrachtete das Kostüm, das die Puppe trug, entsetzt. »Mein Gott, das ist ja völlig ruiniert!« Sie warf einen vernichtenden Blick auf Dora.

Die sank sofort in sich zusammen, aber Henrietta erklärte entschieden: »Dafür sind wohl diejenigen verantwortlich, die die Puppe gestohlen und dann einfach in der Stadtbücherei auf den Boden geworfen haben. Wir . . . das heißt, Frau Strenger . . . haben sie nur gefunden. Und zurückgebracht.«

»Na ja . . .« Die äußerst elegant zurechtgemachte Boutiquenbetreiberin in mittleren Jahren blickte fast etwas mit Widerwillen erneut auf das Kostüm, nahm den Stoff am Ärmel in die Hand, prüfte ihn und bemerkte: »Da fehlt ein Finger.«

»Er ist abgebrochen«, nickte Henrietta. »Das habe ich auch festgestellt. Er befand sich jedoch nicht neben der Lei- . . . ich meine: neben der Puppe. Er muss auf dem Transport verloren gegangen sein. Oder vielleicht schon hier im Laden.« Sie blickte sich suchend um.

»Sicher nicht! Der Laden wird jeden Tag peinlichst gesäubert!«, protestierte Frau Ducker-Hemringhausen empört. Unwillig schweifte ihr Blick zu den Füßen der Puppe, die Dora immer noch festhielt, damit sie nicht umkippte. »Wo ist der Ständer?«

»Der Ständer?« Es kam selten vor, aber Henrietta wirkte tatsächlich verblüfft.

»Die Puppe kann allein nicht stehen, das sehen Sie doch. Sie braucht dafür eine Stütze. Die ist auch verschwunden«, klärte Regine Ducker-Hemringhausen auf.

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  • Alexa
  • Anja
  • Ruth Gogoll
  • Alexa

    Permalink

    Und auf der Facebookseite hat Frau Murbel auch schon so eine Art "Cover" bekommen. :D Die neue Homepage hat da wohl ganz neue Kreativität freigesetzt. ;)

    Samstag, 13. Januar 2018 12:20
  • Ruth Gogoll

    Alexa Permalink

    Wenn man in der Titelleiste auf »Alle Folgen auf einen Blick« klickt, ist das »Henrietta-Logo« auch da. Es ist noch kein Cover – dafür wäre es denn doch etwas zu schlicht ;) –, aber wenn man genau hinsieht, hat die Grafikerin ein paar Blutspritzer darauf verteilt. :o Auch wenn das hier kein blutiger Krimi ist, aber immerhin gibt es eine Leiche. Und sie fand, das wäre passend. :)

    Sonntag, 14. Januar 2018 6:13
  • Sieht gut aus mit den Blutspritzern. :) Da sehe ich doch gleich ein Stück altes Pergamentpapier vor mir, die Blutspritzer spritzen aufs Paper und werden sogleich davon aufgezogen. ;)

    Sonntag, 14. Januar 2018 8:50
  • Alexa

    Anja Permalink

    Das könnte aber auch eine Tapete sein. Wobei es dann allerdings eine seltsame Farbe ist. Geschmack ist ja verschieden. ;) Dass es Pergament ist, passt von der Farbe her besser.

    Sonntag, 14. Januar 2018 13:26
  • Anja

    Permalink

    Also dafür, dass die Boutique-Besitzerin ihre Puppe und Kleid quasi wieder Frei Haus geliefert bekommt, ist sie ja eine Ausgeburt der Freundlichkeit. ;) Ich glaube auch nicht, dass das die grosse Liebe für Henrietta wird. ;)

    Samstag, 13. Januar 2018 9:07
  • Ruth Gogoll

    Anja Permalink

    Ja, ist es nicht gemein, wie undankbar die Menschen sind? ;)

    Samstag, 13. Januar 2018 9:26
  • Ruth Gogoll

    Permalink

    Aus Henrietta und der Boutique-Besitzerin wird wohl kein Paar, so wie es aussieht. ;)

    Samstag, 13. Januar 2018 8:17

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