Ruth Gogoll: Henrietta Murbel und die Schaufensterpuppe

Das überforderte Dora nun endgültig. Verständnislos starrte sie Henrietta an.

Die seufzte. »Ich frage mich, ob Tassilo inzwischen weiß, wie sie heißt«, bemerkte sie nachdenklich. »Dann könnte man eventuell etwas über sie herausfinden.«

»Frau Sutter muss ihren Namen doch haben«, platzte Dora unerwartet heraus. »Sie wohnt in ihrer Pension.«

»Dora, Sie sind wieder einmal genial.« Henrietta lachte. »Auf das einfachste kommt man immer zuletzt.«

 

»Eva Carstens.« Henrietta lehnte sich lässig an den Empfangstresen in Frau Sutters Pension. »Wie viele es davon wohl in Hamburg gibt?«

»Sie ist doch . . .«, Dora unterdrückte ein Seufzen, »Herrn Paulsens Sekretärin. Da müssen wir nur in seinem Büro anrufen.«

»Woher wollen Sie wissen, dass sie seine Sekretärin ist?«, fragte Henrietta. »Das haben wir nur mal zeitweise vermutet.«

»Er . . .«, Frau Sutter rollte die Augen in Richtung des Ganges, von dem ihre Pensionszimmer abzweigten, »hat jedenfalls behauptet, sie wäre es. Und das hier wäre eine Geschäftsreise.« Hörbar stieß sie die Luft durch die Nase aus. »Wer’s glaubt . . .«

»Geschäftsreise . . .«, murmelte Henrietta vor sich hin. Das hatte Bodo Paulsen auch ihrem Neffen gegenüber angegeben. Allerdings ohne Erwähnung der Sekretärin. Und es hätte keinen Grund gegeben, sie zu verschweigen, wenn Eva Carstens wirklich seine Sekretärin wäre. »Sie haben getrennte Zimmer?«, fragte sie.

»Das schon.« Frau Sutter nickte. Fast etwas widerwillig. »Aber das heißt noch lange nicht«, fügte sie dann weit weniger widerwillig hinzu, »dass sie auch getrennt schlafen.«

Dora schien etwas schockiert über diese Auskunft zu sein. Ihr Gesichtsausdruck spiegelte Unglauben wider, der allerdings mit einer gewissen romanhaften Neugier kämpfte.

»Ein Gentleman genießt und schweigt«, neckte Henrietta sie mit verdächtig zuckenden Lippen. »Ist es nicht so, Dora?«

»Er ist verheiratet«, sagte Dora endlich, nachdem sich die Räder in ihrem Kopf lange genug sichtbar gedreht hatten, bis sie anscheinend zu einem Ergebnis gekommen war. »Aber nicht mit ihr.« Sie sah unglücklich aus.

»Das hat bestimmt wie ein Keuschheitsgürtel gewirkt«, stellte Henrietta schmunzelnd fest. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie auch nur einen Gedanken daran verschwendet haben, Annette Paulsen zu betrügen.«

»Glauben Sie wirklich?« Doras Augen leuchteten auf.

Doch Frau Sutter machte das gleich wieder zunichte. »Die haben nicht nur einen Gedanken daran verschwendet«, versetzte sie trocken.

»Aber jetzt ist Annette Paulsen tot, und er ist Witwer«, murmelte Henrietta. »Ein reicher Witwer.«

»Dann kann ich ja wohl darauf hoffen, dass er seine Rechnung bezahlt. Auch wenn sie ihn heute verhaftet haben«, verkündete Frau Sutter so ganz nebenbei.

»Was . . . wie?« Obwohl ganz untypisch für sie, stammelte Henrietta nun fast wie Dora. »Er ist verhaftet worden?«

Frau Sutter nickte. »Alle beide. Vorhin hat die Polizei sie abgeholt.«

»Und davon haben Sie nichts gesagt?« Mit funkelnden Augen starrte Henrietta sie an.

»Sie haben nicht gefragt.« Gleichgültig zuckte Frau Sutter die Achseln. »Nur nach ihrem Namen.«

Mit aller Gewalt unterdrückte Henrietta ein wütendes Knurren. So nützlich die Damen des Dorfes manchmal auch waren, hin und wieder hätte sie sie auch erwürgen können.

»Dann müssen wir nach Konstanz, Dora«, rief sie Frau Strenger zu, während sie schon mit hochflatterndem Cape zur Tür hinauswehte. »Jetzt sofort!«

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