Ruth Gogoll: Henrietta Murbel und die Schaufensterpuppe

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»Was für ein Blödsinn! Verhaftet!« Kommissar Bluhms Gesichtsausdruck war fast wie eine Mischung aus Lachen und Weinen. Er schüttelte missbilligend den Kopf. »Da sieht man mal wieder, wozu Klatsch und Tratsch führen. Ich habe sie zu dem Fall befragt, weiter nichts.«

»Und warum wurden sie dann von einem Beamten in Uniform abgeholt?«, fragte Henrietta.

»Weil euer kleiner Polizeiposten da drüben anscheinend nicht genug zu tun hat.« Tassilo seufzte. »Ich hatte den Kollegen nur gebeten, Frau Carstens und Herrn Paulsen Bescheid zu sagen, dass sie bitte einmal bei mir vorbeikommen sollen. Aber er ist gleich hingefahren, und da sie anscheinend sowieso nach Konstanz wollten, hat er sie auf ihre Bitte hin mit zur Fähre genommen.«

»Da bin ich aber froh.« Henrietta atmete fast wie ein Kind mit dicken Backen aus. »Ich hatte schon Angst –« Sie nickte nachdenklich. »Es wäre ein absoluter Fehler, sie jetzt zu verhaften.«

»Ach, was du nicht sagst.« Tassilo warf einen indignierten Blick auf sie. »Das entscheidest du jetzt? Vielleicht sollte ich dem Polizeipräsidenten sagen, dass er zurücktreten kann. Da meine Tante Henry seinen Job mit links übernehmen könnte.«

»Nein, danke.« Henrietta lächelte zuckersüß. »Den Job wollte ich gar nicht haben. Viel zu viel Papierkram.«

»Das kannst du wohl laut sagen«, murmelte Tassilo und ließ seinen Blick fast schon etwas resigniert über die Aktenberge auf seinem Tisch schweifen.

»Und? Was hat deine Befragung ergeben?« Mit neugierig geöffneten Augen schaute Henrietta ihren Neffen an.

Tassilo zögerte. »Nichts, was ich nicht schon vorher wusste«, behauptete er dann.

»Hmhm.« Zweifelnd stülpte Henrietta ihre Lippen vor. »Und warum kannst du mir dann nicht in die Augen sehen?«

»Ich bin kein Kind mehr, das du beim Lügen ertappt hast, Tante Henry!«, fuhr Tassilo auf.

»Kein Kind«, bestätigte Henrietta. »Aber trotzdem eine Lüge.«

»Verschweigen ist keine Lüge«, wollte Tassilo sich herauswinden.

»Darüber kann man verschiedener Meinung sein.« Erneut blickte Henrietta ihn auffordernd an. »Also?«

»Du hast überhaupt kein Recht –« Er brach ab und seufzte. »Ich habe ein bisschen herumgestochert, und wie es scheint, wollte Annette Paulsen sich scheiden lassen.«

Überrascht runzelte Henrietta die Stirn. »Da muss Eva Carstens ja vor Begeisterung in die Luft gesprungen sein.«

»Nicht so ganz vermutlich.« Nun tat Tassilo es seiner Tante nach und stülpte die Lippen vor. »Da gibt es nämlich so einige Widerhaken in der Scheidungsvereinbarung, die ihr sicherlich nicht gepasst hätten.«

»Ich dachte, das wäre alles gesetzlich geregelt«, meinte Henrietta.

»Bis zu einem gewissen Grade, ja, natürlich.« Tassilo nickte langsam. »Aber reiche Leute haben immer noch so ihre Hintertürchen. Und Steuerberater und Anwälte, die sich darum kümmern. Er hätte nicht gut dagestanden nach der Scheidung.«

»Und somit Eva Carstens auch nicht«, ergänzte Henrietta. Sie hob die Augenbrauen. »Beim Tod seiner Frau erbt er alles?«

»Nicht alles, aber doch eine ganze Menge mehr als bei einer Scheidung«, bestätigte Tassilo.

»Das ist ein Mordmotiv«, stellte Henrietta trocken fest.

Widerwillig presste Tassilo die Lippen zusammen. »Ja«, gab er dann zu. »Ist es.«

»Für ihn auf jeden Fall.« Sinnierend lehnte Henrietta sich in dem Bürostuhl vor dem Schreibtisch ihres Neffen zurück, in dem vielleicht vor einer Stunde noch Bodo Paulsen gesessen hatte. »Möglicherweise für Eva Carstens auch, wenn sie erwartet hat, dass sie etwas davon abbekommt.«

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People in this conversation

  • Anja
  • Ruth Gogoll
  • Anja

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    Das wird ja immer interessanter. Das wäre natürlich ein Mordmotiv. Wenn es ums Geld geht, vergessen viele ihre gute Kinderstube. Aber wäre das nicht zu einfach und zu offensichtlich? Ausserdem, Doras Welt würde doch aus den Fugen geraten, wenn der scharfe Graf es tatsächlich gewesen wäre. Das kannst Du der armen Seele doch nicht antun 😉

    Dienstag, 13. Februar 2018 7:16
  • Ruth Gogoll

    Permalink

    War es doch der Ehemann? Oder seine Geliebte? Oder beide zusammen? Keine Sorge, demnächst kommen noch mehr Verdächtige. 😎

    Dienstag, 13. Februar 2018 6:50

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