Ruth Gogoll: Henrietta Murbel und die Schaufensterpuppe

»Langsam erinnern Sie mich an meine Mutter«, bemerkte Eva Carstens ohne die Spur eines Schmunzelns. »So etwas Ähnliches hätte sie auch sagen können.«

»Sehen Sie.« Henrietta nickte. »In meiner Generation war das den meisten noch bewusst, heutzutage –« Sie hob resignierend die Hände.

»Heutzutage geht es nur noch um Geld«, setzte ihr Gegenüber fort. Ihre Mundwinkel zuckten. »Wollten Sie das sagen?« Sie machte eine kleine Pause, um zu überlegen. »Geld ist wichtig«, fuhr sie dann fort. »Deshalb sollte man so viel wie möglich davon haben.«

Diese Aussage bestätigte Henrietta in ihrer Vermutung, dass Eva Carstens für Geld fast alles tun würde. Oder vielleicht sogar tatsächlich alles? Ohne Ausnahme? Oder gab es irgendwo eine Grenze? Zum Beispiel bei Mord?

»Ja, das kann nie schaden«, stimmte sie der blonden Frau zu, als ob das auch ihre Meinung wäre. »Dann muss man sich über viele Dinge keine Gedanken machen.«

Einen Augenblick schienen Eva Carstens’ Gedanken in die Vergangenheit zu schweifen, während sie zum Fenster des Cafés hinausblickte. »Mein Vater hat sich immer nur Gedanken über die Rente gemacht. Was er dann alles tun würde. Was er sich gönnen würde. Was er sich kaufen würde.« Sie lachte hohl auf. »Als ob er sich von seiner mickrigen Rente überhaupt etwas hätte kaufen können, was es wert ist.« Sinnend nahm sie einen Schluck von ihrem Tee. »Und dann konnte er sich gar nichts kaufen. Denn er hat das Rentenalter überhaupt nicht erreicht. Sein von der schweren Arbeit zerschundener Körper hat einfach nicht mehr mitgemacht.«

»Das tut mir leid«, sagte Henrietta, und sie musste zugeben, dass sie das Schicksal von Herrn Carstens wirklich berührte. Schwer arbeitende Menschen hatte sie schon immer bewundert und respektiert. Wenn sie dann jedoch um den Lohn ihrer Arbeit betrogen wurden, war das sehr traurig.

»Ja, allen tat es leid. Er hatte viele Freunde. Dadurch wurde der Leichenschmaus nach der Beerdigung sehr teuer.« Eva Carstens teilte ein kleines Stück von ihrem Apfelstrudel ab und steckte es sich in den Mund. Genüsslich begann sie zu kauen.

Selbst unter diesen Umständen hatte die damals sicherlich noch junge Frau offenbar hauptsächlich an Geld gedacht. Dass ihr Vater gestorben war, hatte sie wohl weit weniger berührt. So, wie Henrietta sie einschätzte, hatte sie das wahrscheinlich gar nicht als Verlust empfunden, vielleicht sogar eher wie eine Befreiung.

Für einen Moment verharrte sie in Schweigen und folgte dem Beispiel ihrer Tischnachbarin, sich dem Apfelstrudel zu widmen. Essen half ihr immer beim Denken.

»Ihre Mutter hat nicht außer Haus gearbeitet?«, fragte sie so ganz nebenbei zwischen Kaffee und Kuchen.

»Nein.« Eva Carstens schüttelte den Kopf. »Sie war immer der Meinung, das wäre Aufgabe des Mannes. Eine verheiratete Frau muss nicht arbeiten gehen. Er hat sie zu versorgen.«

»Haben Sie noch Geschwister?«, fragte Henrietta, wieder in einem äußerst beiläufigen Ton und während sie so tat, als würde der Apfelstrudel sie immer noch weit mehr interessieren als irgendeine Antwort von Eva Carstens. Sie plapperte eben so vor sich hin und tauchte dabei vor allem in Familienangelegenheiten ein, wie das alte Frauen eben so taten. Meistens fanden die Leute das in keiner Weise auffällig, höchstens lästig.

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  • Anja
  • Ruth Gogoll
  • Anja

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    Geld erleichtert wohl so einiges im Leben, aber glücklich macht es wohl auch nicht. So wie Eva Carstens da erzählt, würde sie wohl wirklich noch einiges für Geld tun und da zähle ich Mord dazu. Sie will wohl kaum so Enden wie ihr Vater und wenn ein Mord ihr ein hübsches Sümmchen einbringt, wird sie es sich kaum zwei Mal überlegen. Oder da sie ja die Buchhalterin ist, hat sie eine Lücke im System gefunden und sich Jahrelang was vom Unternehmensgeld abgezweigt. Annette Paulsen ist ihr auf die Schliche gekommen und musste zum Schweigen gebracht werden...

    Samstag, 31. März 2018 14:53
  • Ruth Gogoll

    Permalink

    Die letzte Henrietta-Folge vor dem LLP ... Es sieht nicht rosig aus für Eva Carstens, so verdächtigenweise. 😉

    Samstag, 31. März 2018 13:45

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