1. Lesbischer LiteraturPreis – 3. Platz

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Was lange währt, wird endlich gut. In den nächsten Tagen werden wir hier die ersten drei Plätze aus unserem Literaturwettbewerb veröffentlichen. Hier ist der erste Beitrag aus unserem Wettbewerb, der 3. Platz. Die Autorin möchte anonym bleiben.

* * *

Ich muß zugeben, daß ich von der Aufgabenstellung bei diesem Wettbewerb etwas überrascht war. Über die Schwierigkeit, lesbische Literatur zu schreiben.

Was ist das überhaupt: lesbische Literatur?

Schreibt eine Autorin, weil sie lesbisch ist, grundsätzlich lesbische Literatur, selbst wenn sie einen Brief schreibt oder eine Anleitung zum Eierkochen?

Das heißt also, alles, was Daphne du Maurier oder Patricia Highsmith geschrieben haben, ist lesbische Literatur?

Oder ist es lesbische Literatur, wenn eine der Protagonistinnen lesbisch ist oder beide? Müssen alle Figuren in einer Geschichte lesbisch sein, damit es ein »lesbisches« Buch ist? Sollte das Thema sich mit dem Alltag als Lesbe beschäftigen oder reicht es, wenn eine Lesbe in dem Buch vorkommt?

Wie schreibt man/frau/lesbe lesbische Literatur? Was ist die Schwierigkeit dabei? Schreibt man lesbische Literatur nicht wie jede andere Literatur, Wort für Wort, Satz für Satz?

Das alles sind so Fragen, die ich mir gestellt habe.

Zuerst einmal: literaturwissenschaftlich betrachtet gibt es keine Gattung, kein Genre, das »lesbische Literatur« heißt. Das haben die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen wohl bislang übersehen.

Was kein Wunder ist, denn die meisten Wissenschaftler sind Männer, von den Wissenschaftlerinnen sind die meisten naturgemäß heterosexuell veranlagt, und die wenigen Lesben, die übrigbleiben, wollen sich nicht outen oder stürzen sich dann auf so etwas wie Gender Studies, zu deutsch Geschlechterforschung, und schon der Plural zeigt an, daß es da um beide Geschlechter geht, nicht nur um eines.

Ich habe das auch schon gemacht, muß ich ehrlich zugeben, denn das ist die einzige Möglichkeit, den lesbischen Aspekt wenigstens zu einem kleinen Teil in die Forschung einzubringen, wenn auch unter dem Deckmantel »Frau«.

Somit ist es also wissenschaftlich betrachtet eigentlich unmöglich, von »lesbischer Literatur« zu sprechen. Sie existiert nicht.

Was aber lesen Lesben dann? Wird ein Buch vielleicht dadurch zu einem lesbischen, daß es von Lesben gelesen wird?

Nein, das geht auch nicht. Dann wäre also mein Do-it-yourself-Ratgeber »Ich repariere mein Auto jetzt selbst«, auf dem eine Frau abgebildet ist, die sich sofort die Fingernägel abbrechen würde, wenn sie nur versuchte die Motorhaube zu öffnen, lesbisch, weil ich ihn lese?

Oder meine Fachbücher zur Geschlechterforschung? Oder die Klassiker wie Goethe, Heine, Morgenstern, die in meinem Bücherregal stehen? Gerade männliche Autoren würden sich dagegen wohl vehement verwahren.

Liegt darin vielleicht die Schwierigkeit, lesbische Literatur zu schreiben? Darin, daß sie nicht definiert ist, daß sie wissenschaftlich betrachtet nicht existiert?

Dann wäre es allerdings unmöglich, überhaupt etwas Lesbisches zu schreiben. Das entspricht aber nicht der Realität. Zumindest Ruth Gogoll und ihr el!es-Verlag haben schon lange das Gegenteil bewiesen. Was könnte lesbischer sein?

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