5 Wörter – Teil 1

Wie fange ich eigentlich an zu schreiben?

Was muß ich beachten?

Das sind so die zentralen Fragen, die man sich stellt, wenn man die erste Kurzgeschichte oder sogar den ersten Roman schreiben will.

Oftmals scheitert es schon daran.

Deshalb sollte man, bevor man anfängt, »richtig« zu schreiben, ein paar Schreibübungen machen. Wie die Pianistin, die zuerst stundenlang Tonleitern übt, bevor sie das erste Lied spielt.

Eine sehr erprobte Schreibübung ist, sich einfach ein paar beliebige Wörter aus dem Lexikon oder sonstwo herauszusuchen und damit eine Geschichte zu schreiben. Damit ist man der Herausforderung enthoben, sich erst einmal ein Thema suchen zu müssen. Das Thema muß sich aus den zufällig vorhandenen Wörtern ergeben.

Wollen Sie es einmal probieren?

Hier sind die Wörter:

Kellnerin, Restaurant, Schlüsselkette, Labortisch, Auto

Schreiben Sie einen Text (ein paar Sätze sollte er schon lang sein, nicht nur ein einziger Satz), in dem diese fünf Wörter vorkommen.

Nicht schwierig, oder?

Das Ergebnis Ihrer Bemühungen können Sie hier als Kommentar einstellen, damit auch andere etwas davon haben.

Dann los!

Viel Erfolg.

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    3. Anlauf (sehr stark umgedacht)


    „Heureka“, tönte es durch den Raum.
    Angelika erschrak über die Lautstärke, in der sie es hinaus geschrien hatte.
    Ihr Gesicht ein einziges Strahlen, ihre Wangen vor Aufregung gerötet.
    Sie sah sich in der spiegelnden Scheibe
    Die tausende von Euros, die meine Eltern beim Zahnarzt ausgegeben haben, waren nicht umsonst, ihr lachender Mund ließ zwei Reihen makelloser Zähne sehen.
    Draußen verschluckte die Nacht die Wiese und den nahen Wald. Nur einzelne Laternen, schwebende Licht Tropfen, markierten die Linie der Grundstücks Grenze.
    „Ja“, dazu diese Armbewegung, „das ist es, das Geheimnis des Hefeteigs“. Sie sprach diese Worte laut vor sich hin, war sowieso niemand mehr da, der es hörte. Der Letzte, ihr Vorgesetzter, war vor über drei Stunden gegangen.
    „Machen Sie nicht mehr allzu lange“ hatte er sie mit ernster Stimme ermahnt und wusste doch, dass seine Worte unerhört blieben.
    So war es, mittlerweile schon halb neun.
    Sie war dem Fehler mit allem angegangen, das sie wusste und mehr noch, sie hatte versucht seine Geschichte zu ergründen, hatte ihm aufmerksam zugehört.
    Jeder Fehler hat eine Geschichte, die er erzählen möchte. Es liegt an mir, ihm aufmerksam zuzuhören. Im passenden Moment die richtigen Fragen zu stellen, Angelika war zutiefst überzeugt von diesem Gedanken.
    Kollegen und Freunde sahen sie meist skeptisch und sogar belustigt an, wenn sie davon sprach. Wenn ihre Wangen vor Begeisterung zu glühen begannen, sie sich im Reden verhaspelte, weil sie den dritten Satz schon dachte, während sie den ersten noch nicht zu Ende gesprochen hatte, wenn sie Sätze erst wieder von vorne beginnen musste. Sie verstand nicht, weshalb sich die Anderen oft gelangweilt wegdrehten.
    Ist das denn so schwer zu verstehen?
    Für Angelika war das genauso wichtig, wie ihr Geschick im Umgang mit Werkzeugen.
    Auf ähnliche Reaktionen stieß sie, wenn sie von der Schönheit von Fehlern sprach.
    Warum ist für die ein Fehler immer nur etwas Lästiges, Unschönes?
    Angelika erlebte, wie sie mit ihren Ansichten, dieser Begeisterung, immer weiter ins Abseits geriet. Waren ihre Erfolge auch der Grund für den Neid und die Missgunst, denen sie bei Kolleginnen und Kollegen im Labor immer öfter begegnete? Verdeckt meistens, aber in letzter Zeit manchmal auch ganz offen.
    Mit einer Handbewegung, als wollte sie eine lästige Fliege verjagen, verscheuchte sie diese Gedanken.
    Jetzt war der Moment sich zu freuen. In ihre Begeisterung über die erledigte Aufgabe mischte sich auch eine kleine Prise Stolz.
    Unmerklich war Angelika dieser süßen Droge erlegen, war, ohne es zu merken, mehr und mehr abhängig geworden.
    Angelika erinnerte sich nur ungern an die Anfangszeit hier in der Firma. Sie hatte eben das Studium beendet und war wild entschlossen, allen zu beweisen, wie gut sie sei.
    Mein Ehrgeiz war fast grenzenlos, wohl auch meine Dummheit. Nicht fachlich.
    Sie ließ die letzten Stunden hier im Labor noch einmal an sich vorbeiziehen.
    Jetzt jemanden umarmen, ein kleiner Freudentanz vielleicht?
    „Darf ich bitten?“ Sie verbeugte sich vor ihrem Spiegelbild. Sie war sich die einzige Gesellschaft. Keiner sah ihre Pirouetten, hörte ihr Lachen.
    Wie gerne hätte sie ihre Freude geteilt.
    Mit Caroline war das gegangen. Am Anfang. Dann nicht mehr, wann fing es an? Angelika wusste es nicht mehr.
    Immer, wenn sie diesen Namen dachte, war es das Ende, das am Anfang der Erinnerung stand. Sah sie wieder Carolines wütendes Gesicht, die schmalen Schlitze deren Augen, ihre Fäuste, die sie in die Hüfte gestemmt und wie sie dabei am ganzen Körper gezittert hatte.
    „Es ist doch nur die Bluse, nur für diesen Abend“, hatte Caroline am Ende verzweifelt ausgerufen.
    Und was habe ich gemacht? Fragte sich Angelika. Ich weiß es einfach nicht mehr.
    Es war vorgestern.
    Angelika war nach Hause gekommen, kurz bevor Caroline zur Arbeit musste.
    Statt sie in den Arm zu nehmen und ihr zu sagen, wie gut sie in der Bluse aussieht und sie zu küssen, habe ich ihr vorgeworfen, dass es meine Bluse ist, die sie einfach genommen hat.
    Angelika versuchte sich zu erinnern, seit wann sich dieses ‚Unser’ mehr und mehr in ein ‚Mein‘ und ‚Dein‘ dividierte.
    Wie oft habe ich sie in den letzten Monaten spüren lassen, dass ich es bin, die mit ihrem regelmäßigen Einkommen den Hauptteil des gemeinsamen Haushalts bestreitet, einschließlich der Miete? Ich habe das „Mein“ immer größer werden lassen.
    Angelika spürte in diesen Gedanken, dass Caroline immer kleiner geworden war, immer mehr verschwand.
    Und ich selbst? Bin ich noch Angelika? Wie sehr verbiege ich mich jeden Tag? Was gebe ich ständig von mir her, nur weil ich besser sein will, als meine Kollegen? Für diese Droge Stolz.
    Angelika schnitt verzerrte Fratzen. Sie wollte im Spiegel in ein Gesicht schauen, das alles Schöne und Liebenswerte verloren hatte. Sie wollte sich selbst auf den Grund schauen, dorthin wo sie war, wie sie sich jetzt fühlte.
    Ihr war, als stünde Caroline hinter ihr, als schauten sie gemeinsam in den Spiegel.
    Angelika sah diese Locken, die Augen mit dem traurigen Blick.
    Warum fiel mir der nicht schon längst auf?
    Sie sah diesen wunderschönen Mund, zu einem gequälten, schiefen Lächeln verzogen.
    Danach war Caroline aus dem Zimmer gerannt und Angelika hörte die Wohnungstür zuknallen.
    Seither ein Tag und noch ein Tag ohne sie, ohne Caroline.
    War es wirklich nur um die Bluse gegangen? Angelika schüttelte energisch den Kopf, ihr Spiegelbild tat es ihr gleich.
    Es war mehr.
    Im Spiegel sah sie den entsetzten Blick, den offenen Mund, die weit aufgerissenen Augen.
    Ich bin gierig geworden, bei diesem Gedanken schnürte es Angelika die Kehle zu.
    Ich war es doch, die Caroline fast gezwungen hatte, mit dem Studium zu beginnen. Ich war es, die Caroline versprochen hatte, das Studium und damit auch sie zu finanzieren. Und jetzt?
    Angelika bewunderte Caroline, die lebte sehr bescheiden, vermied Ausgaben, so gut es ging.
    Ich habe sie immer wieder ermuntert sich etwas zu gönnen und jetzt werfe ich ihr genau das vor, Angelika glühte, sosehr trieb ihr die Scham die Röte ins Gesicht.
    Sie dachte an diesen besonderen Abend, Caroline und sie lebten schon einige Monate zusammen, als Caroline ihr die ganze Geschichte erzählte.
    Natürlich wusste Angelika von Carolines Unfall, sah die Narben, an deren rechten Fuß. An diesem Abend hatte Angelika von Carolines Traum erfahren.
    Caroline war dabei, Pianistin zu werden, sie wollte unbedingt Solistin werden.
    „Aber ein Konzertflügel hat nun einmal drei Pedale“ dabei liefen die Tränen über Carolines Wangen. Angelika hatte Angst, sie würden nie mehr versiegen.
    Angelika atmete mehrmals kräftig durch. Sie schüttelte sich wie ein Hund, der aus dem Wasser kam, um diese Gedanken zu verscheuchen.
    Wieder griff sie zum Telefon und rief die eigene Festnetz-Nummer an, wartete, bis der Anrufbeantworter ansprang und sog Carolines dunkle Stimme auf.
    Sie wusste nicht, wie oft sie, das an diesen beiden Tagen gemacht hatte, immer in der Hoffnung, Caroline wäre zurückgekommen, nähme endlich den Hörer ab. Sie hatte immer auf die Ansage des Anrufbeantworters gewartet. Keine Antwort auf SMS, noch WhatsApp und am Handy meldete sich die Stimme der Sprachbox mit der immer gleichen Information, dass der gewünschte Teilnehmer leider nicht erreichbar sei.
    Es wurde Zeit Schluss zu machen. Für heute war es genug.
    Sie sah die Probe noch einmal an: Prüfung bestanden, 100 von 100 Punkten.
    Und mit Caroline? 0 von allen Punkten.
    Sie ließ auf dem Labortisch alles, wie es war, legte nur einen Zettel „Bitte liegen lassen!“ daneben. Es würde sowieso niemand ihren Platz aufräumen. Sie setzte noch ihr Kürzel „AF“ darunter und verlieh so dem Chaos Wichtigkeit.
    Angelika hatte bald den Unterschied zwischen Kürzel und Unterschrift gelernt. Zwischen wichtig und bedeutend.
    Kinderkram!
    Sie hängte den Labormantel an den Haken.
    Jetzt machte sich ihr Magen doch bemerkbar, er knurrte laut und deutlich.
    Wieder allein essen, aber heute nicht zu Hause.
    In der Portiersloge saß Herr Meyerhofer vom Wachdienst. Er war ihr der liebste von den Wachleuten. Die Unterhaltung mit ihm war immer mehr als „Guten Abend“ und „Gute Nacht“. Er war der Einzige, dessen Namen sie kannte.
    „Hallo Frau Fürder, war wieder ein langer Tag“, begrüßte er Angelika.
    Ihre Begeisterung war verflogen und sie war nur noch auf der Suche nach einem Mauseloch, in das sie sich verkriechen konnte.
    Zum Hunger hatte sich, hier an der frischen Luft, Müdigkeit gesellt. Angelika hatte in den letzten Monaten immer wieder das Auto stehen lassen und sich ein Taxi gerufen. Besonders an so anstrengenden Tagen wie diesem.
    „Was vergessen?“ wunderte sich der Wachmann
    „Selber fahren ist jetzt keine gute Idee, doch mein Telefon liegt im Labor. Würden Sie mir bitte ein Taxi rufen.“
    Nachdem er telefoniert hatte, kam er aus dem kleinen Kämmerchen. An einer Schlüsselkette zog er einen mächtigen Schlüsselbund aus der Tasche und schloss ab.
    Die angebotene Zigarette lehnte Angelika dankend ab.
    „Führen Sie mich nicht in Versuchung Herr Meyerhofer. Die letzte war vor über einem Jahr.“
    „Besser so“, dabei sah er sie fast ein wenig schuldbewusst an.
    „Manchmal, wenn es knifflig ist und ich eine dabei hätte, würde ich bestimmt wieder anfangen“, sie fühlte mit ihm und für sie gab es nichts Schlimmeres als militante Nichtraucher.
    Angelika spürte, dass der Mann gerne ein wenig mit ihr geplaudert hätte, aber ihr war nicht nach reden. Das Taxi kam gerade rechtzeitig, bevor das Schweigen peinlich wurde.
    Im Taxi zögerte sie dann einen Augenblick, welche Adresse sie angeben sollte. Sie entschied sich für den Spanier.
    Vor dem Lokal war sie schon fast ausgestiegen, als sie es sich anders überlegte. Jetzt nannte sie den Namen des französischen Restaurants, mehr ein Bistro.
    Beim flüchtigen Blick durchs Fenster des Restaurants sah Angelika, dass noch mehr Gäste da saßen. Sie würde zwar allein am Tisch sitzen aber sie konnte es nicht leiden, der einzige Gast zu sein, wenn das Personal die ganze Zeit um ihren Tisch schlich und auf ihren Teller schaute.
    Sie atmete mehrmals durch, streckte sich und öffnete die Eingangstür.
    Brav wartete sie im Eingangsbereich, bis jemand auf sie aufmerksam wurde. ‚Wait to be seated‘
    „Für eine Person?“ Der junge Mann sah sie aufmerksamer an, als ihr lieb war.
    Sie wollte schon maulen, ließ es bleiben, er würde es nicht verstehen, er war doch so schön. Sie lief hinter ihm her und war erstaunt, dass er ihr einen so guten Platz ausgesucht hatte.
    Mit dem Rücken zur Wand, nicht von allen einsehbar aber mit direktem Blick zum Tresen.
    Angelika hatte die Kellnerin nicht kommen sehen. Plötzlich schoben sich schmale Hände mit langen, schlanken Fingern in ihr Blickfeld und stellten Gläser vor sie auf den Tisch. Angelika hob den Kopf und dann begegneten sich ihre Blicke. Angelikas Herz stolperte. Sie lächelten beide vorsichtig.
    „Guten Abend, Sie haben schon gewählt?“ Dabei galt die Aufmerksamkeit der Kellnerin mehr dem Nebentisch, an dem zwei junge Männer saßen.
    „Ja, also ich, ich …“ stotterte Angelika.
    „Einen großen Salat vielleicht“, jetzt wandte sich die Kellnerin Angelika zu.
    „Vielleicht oder sicher?“ Angelika sah die Ungeduld, spürte sie.
    „Ja, sicher und eine kleine Portion Gemüse-Quiche.“
    Die Kellnerin hatte sich schon umgedreht, als Angelika noch ein „Bitte“ mehr hauchte, als deutlich aussprach.
    Das Essen brachte ihr dann einer der jungen Männer.
    Angelika hatte weniger Augen für ihr Essen, als für das, was um sie herum geschah. Sah immer wieder die Kellnerin, die sich aber nicht weiter für sie zu interessieren schien.
    Einmal nur trafen sich ihre Blicke direkt und Angelika sah ein schüchternes Lächeln.
    Aber das genügte, ihren Herzschlag zu beschleunigen.
    Danach war die Kellnerin wie vom Erdboden verschwunden, Angelika sah sie während des Essens nicht mehr.
    Angelika sah sie dann schnell und direkt auf sich zukommen und mehr noch, das erst ins Wanken kommende und gleich darauf ganz umstürzende Glas. Zum Glück war es schon leer, nur noch ein kleiner Rest. Angelika wusste: das trifft mich.
    So war es auch.
    Die weiße Bluse hatte rote Punkte unterschiedlicher Größe
    „Oh Mist. Entschuldigung“, entfuhr es der Kellnerin. Sie starrte einen Moment hilflos auf die rot gesprenkelte Bluse.
    Ehe Angelika reagierte hatte die Kellnerin eine Serviette in der Hand und tupfte den Rotwein ab. Vergeblich.
    Zufall oder ein Zeichen? Eigentlich glaubte Angelika nicht an Zeichen, aber zweimal eine weiße Bluse und das in so kurzer Zeit.
    So schnell, wie sie gekommen war, verschwand die Kellnerin Richtung Küche und kam gleich danach mit einem T-Shirt zurück.
    „Vielleicht nicht die richtige Farbe, aber besser, als die gesprenkelte Bluse“, sie zeigte in Richtung Damentoilette.
    „Danke“, über all den anderen Gedanken hatte Angelika ihren Ärger wegen der beschmutzten Bluse vergessen.
    Ist das Leben wirklich nur Weiß oder Schwarz? Zumindest was ihre Kleidung im Augenblick anging. Sie trug jetzt ein schwarzes Shirt.
    „Sorry“ hörte sie noch im Vorbeigehen von der Kellnerin und Angelika gelang ein kleines Lächeln in deren Richtung.
    Hatte die das wirklich erwidert? Angelika war so. Schön.
    Sie trank aus und winkte der Kellnerin, sie wollte bezahlen. Endlich nach Hause. Ein anstrengender Tag und jetzt auch noch ein Aufregender.
    „Sie lassen mir die Bluse da und ich gebe sie in die Reinigung. Sie holen sie dann ab“, dabei räumte die Kellnerin den Tisch ab.
    Angelikas Blicke gingen zwischen dem Gesicht und den Händen, die mit flinken, geschickten Bewegungen Teller und Gläser aufeinander stapelten, hin und her.
    Sie selbst stapelte gerade Möglichkeiten in ihrem Kopf aufeinander und sortierte sie wieder um.
    „Nein“, Angelika hatte sich entschieden, ein wenig „Strafe“ musste sein. Sie zog eine Visitenkarte aus ihrer Geldbörse und schrieb auf die Rückseite ihre Adresse.
    „Ich wasche die Bluse selbst und sie holen das T-Shirt bei mir ab.“
    Angelika sah den Kampf im Gesicht der Kellnerin. Hörte das resignierte Ausatmen, sah den Mund kräuseln, als wollte sie sagen: „Kommt gar nicht infrage.“
    Schließlich nickte sie Zustimmung und steckte die Visitenkarte ein, ohne vorher darauf geschaut zuhaben.
    „Rufen sie mir bitte ein Taxi. Zeit zu gehen.“
    „Gerne doch“, die Kellnerin war jetzt wieder ganz Service in einem Restaurant.
    Wenige Minuten später saß Angelika im Fond der großen Limousine, genoss die Kühle des Leders.
    Will ich wirklich so weitermachen? Könnte in der Firma Karriere auch anders gehen, als das, was ich jetzt mache? Angelika schüttelte heftig den Kopf.
    „Na, womit sind sie denn nicht einverstanden?“, Fragte der Fahrer in gebrochenem Deutsch.
    „Mit mir“ entfuhr es Angelika, ohne darüber nachgedacht zu haben.
    „Sie sind jung, sie sind schön. Haben schöne Kleider, einen Mann, der genug Geld verdient und da sind sie nicht zufrieden? Verstehe ich nicht.“
    Angelika hatte keine Lust zu widersprechen oder etwas zurechtzurücken.
    „Ja, sie haben recht. Ich sollte zufrieden sein“, sie gab sich Mühe, ihr Stimme fröhlich klingen zu lassen, gelang ihr aber nicht so gut.
    Der Fahrer musste sich zum Glück auf den Verkehr konzentrieren und schwieg.
    Zufrieden! Das reicht nicht, das klingt so lauwarm, ihr Seufzen ging in der lauten Stimme des Fahrers unter, der ihr ankündigte, sie seien gleich da.
    Angelika war etwas mulmig, als sie die Wohnungstür öffnete. War Caroline vielleicht doch zurückgekommen. Aber schon im Flur erkannte sie: nein.
    Trotzdem ging sie von einem Zimmer ins Nächste. Sie fand keine Ruhe. Diese Anspannung und Nervosität kannte sie von der Schule, die waren immer da, im letzten Moment, ehe die Prüfungen begannen. Sie spürte zwar die Müdigkeit aber auch das Bett, die kuschelige Bettdecke, hatte nicht die gewohnte Anziehungskraft.
    Und dann klingelte es an der Haustür.
    Der Ton traf wie ein elektrischer Schlag. Angelika blieb starr stehen.
    Einatmen, ausatmen. Caroline hat einen Schlüssel, die muss nicht klingeln, Angelika ging zur Gegensprechanlage.
    „Ich dachte, ich hole mein T-Shirt gleich ab“, kam die elektronisch verzerrte Antwort auf Angelikas Frage, wer da sei.
    Angelikas Hand zitterte, als sie den Türöffner drückte und die Wohnungstür öffnete. Sie musste sich an den Türpfosten lehnen, so flau war ihr.
    Klack, klack hörte sie die Schritte im Treppenhaus näher kommen. Ihr fiel eine kleine Asymmetrie im Geräusch auf. War das vielleicht der Grund, warum die Kellnerin im Lokal ins Straucheln geraten war? Angelika beschloss, die Besucherin darauf nicht anzusprechen. Vielleicht war sie eitel und wollte darüber nicht sprechen. Und dann, Angelika stieß die Luft aus, sah sie die ersten Locken, dann kamen die Augen zum Vorschein und endlich das ganze Gesicht.
    Sie standen sich endlich gegenüber. Die Kellnerin konnte ihre Atemlosigkeit mit dem Treppensteigen erklären aber was konnte Angelika anführen?
    „Permesso“ erlöste die Besucherin die beiden aus der Sprachlosigkeit.
    „Zu viel Commisario Brunetti gelesen?“ lächelte Angelika und wies mit einer Handbewegung in die Wohnung, trat aber keinen Schritt beiseite. Die Besucherin zwängte sich an ihr vorbei, sie mussten sich streifen. Angelika sah nur den Rücken der Frau und wusste daher nicht deren Reaktion, sie selbst spürte einen wohligen Schauer.
    „Ich wollte mich gleich heute noch einmal bei Ihnen entschuldigen. Ich hoffe, die Flecken gehen wieder raus. Es ist so eine schöne Bluse.“
    Angelika spürte bei dem letzten Wort diesen Stich mit dem Dolch in ihrer Brust.
    „Es ist doch nur eine Bluse, ein Kleidungsstück“, die Worte kamen ihr zwar schwer, aber doch über die Lippen. Wichtiger aber, für Angelika, sie waren auch für sie selbst ehrlich. Sollten nicht nur als Trost an die Kellnerin ausgesprochen sein.
    Die öffnete ihre große Umhängetasche und zog eine Weinflasche heraus.
    „Damit sie auch schmecken können, was sie da an Flecken auf der Bluse haben. Vielleicht haben sie zwei Gläser für uns?“
    Angelika kam mit zwei großen, dünnwandigen aber dickbauchigen Gläsern aus der Küche zurück.
    Dunkelrot und undurchsichtig lag der Wein in den Gläsern. Beide hoben das Glas an die Nase und sogen seinen Duft ein.
    „Warm aber doch herb. Kräuter, vielleicht Schwarze Johannisbeeren?“ Angelika hielt das Glas immer noch mit geschlossenen Augen unter der Nase.
    Die Kellnerin beobachtete sie sehr aufmerksam dabei.
    „Auf Caroline“, wurde Angelika aus ihren Überlegungen gerissen und dabei wäre ihr fast das Glas aus der Hand gefallen.
    „Wieso, woher …“ stotterte Angelika.
    „Na auf Caroline Bonville von Mas Karolina, die Winzerin, die diesen Wein macht.“
    Es dauerte, ehe Angelika begriff und sich wieder gefangen hatte.
    Konnte sie schon die einfache Nennung dieses Namens so aus dem Tritt bringen?
    „Ja dann auf Madame Bonville“, sie konnte den Namen Caroline nicht aussprechen.
    Die Besucherin sah sich jetzt sehr aufmerksam im Zimmer um.
    „Schön haben sie es hier. Leben sie allein?“
    „Also ich …“ Angelika war die Frage nicht passend.
    „Eigentlich nicht“, dann die schnell ausgesprochene Antwort.
    Angelika folgte den Blicken der Besucherin und da fiel es ihr so richtig auf, das Meiste von dem, das den Charme der Wohnung ausmachte, trug Carolines Handschrift. Sie war es, die die Gabe hatte, aus scheinbar Nichts, etwas Schönes entstehen zu lassen. Sie hatte die Hände, den Sinn dafür.
    „Im Moment aber schon“, schob Angelika genauso schnell nach.
    Sie sah, wie die Besucherin ihre Hände nach einem Ring abscannte.
    Wer trägt denn heute schon einen Ehering? Ich, ich, ich. Ich würde so gern einen tragen und ich würde ihn jedem, ob er will oder nicht, voller Stolz zeigen. Angelika dachte wehmütig an die andere Hand, an der der zweite Ring stecken müsste.
    Da hätte der Goldschmied ganz schön Arbeit mit enger machen, für diese zierlichen Finger.
    „Ich bin davon gerannt“, fing die Besucherin aus dem Nichts an. „Plötzlich war es zu viel.“
    „Manchmal verändert sich etwas und keiner merkt es, es sind kleinste Kleinigkeiten und es dauert, ehe dafür ein Name gefunden wird. Dann verschwindet es wieder, jeder denkt, es ist alles wieder gut. Dann ist es wieder da, größer, als vorher, aber noch nicht groß genug. Mit einem Mal steht es als Monster zwischen uns und wir kommen nicht mehr daran vorbei. Es ist wie eine Krankheit, gegen die das Immunsystem keine Abwehr kennt.“ Angelika dachte an ihre Gier. Die nach Besitz und die nach Stolz.
    Sie hoffte, ihr Körper und mehr noch ihr Herz, hatten in der kurzen Zeit einen Abwehrmechanismus dagegen entwickelt.
    „Oder wir schauen hilflos zu, wie Stück um Stück von uns verschwindet und wir haben nicht genug Hände, uns fest zuhalten, uns selbst zusammen zuhalten. Wie der Würfelzucker im Teeglas. Immer noch Zucker, aber nicht mehr sichtbar.“
    Angelika staunte über diesen letzten Vergleich. Dieses Neunmalkluge war doch eigentlich ihr Fach.
    Was sie auch gleich unter Beweis stellte.
    „Sie sind also Schadensanalytikerin“, dabei hielt die Besucherin Angelikas Visitenkarte in der Hand.
    „Genauer forensische Schadensanalytikerin“, Angelika hätte sich für diese Worte am liebsten ein Stück Zunge abgebissen
    „Von solchen Dingen habe ich so ganz und gar keine Ahnung“, gestand die Kellnerin.
    „Na ja, ich untersuche nicht nur den Schaden, also das was nicht in Ordnung ist, ich versuche anhand des Fehlers auch herauszufinden, wie er entstanden ist und daraus, in welchem Prozess.“
    „Wow, das klingt ja sehr klug“, die Kellnerin sah Angelika mit aufgerissenen Augen an.
    „Gescheit vielleicht. Aber ich war in letzter Zeit nicht klug“, Angelikas Stimme war auf dem Rückzug
    „Analysieren sie da auch Beziehungen?“ Die Kellnerin fixierte Angelika mit ihrem fragenden Blick.
    „Zum Glück nicht. Dazu habe ich so gar kein Talent. Ich bin sicher, alles würde nur noch schlimmer werden. Ich beschränke mich auf so totes Material, wie Dichtungsringe. Vielleicht sollte ich mit so einem Dichtungsgummi eine Beziehung eingehen. Da weiß ich um seine Festigkeit, wie weit ich ihn dehnen kann, ehe er zerreißt oder warum er spröde wird.“ Angelika verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln.
    Wie zufällig hoben beide das Glas und schenkten sich über dessen Rand ein Lächeln.
    „Mit Menschen ist es manchmal etwas komplizierter“, dabei sah die Besucherin zu einer kleinen afrikanischen Skulptur hin.
    Vier Personen, jede hielt eine andere. Jede hielt, jede wurde gehalten.
    Caroline hatte sie aus einem Eine-Welt-Laden mitgebracht.
    Einander halten – ja. Festhalten – nein. Dabei sah Angelika, wie ihre Besucherin die Skulptur vom Board nahm.
    Deren Hände, die Skulptur, sie flossen ineinander, da war kein Unterschied, beide gleich filigran.
    Die Kellnerin stellte die Figur auf ihren Platz zurück
    „Und sie?“ Angelika fasste Mut auch zu fragen. War sonst nicht ihre Stärke.
    „Haben Sie ja gesehen, Kellnerin.“
    „Ein ehrbarer Beruf, der Frau sicher ernährt?“
    „Ernährt!“ Der Sarkasmus in der Stimme der Kellnerin war nicht zu überhören.
    „Wenn ich jeden Abend einem Gast das Hemd oder die Bluse reinigen lassen muss, bleibt Knäckebrot mit Magerquark über und die Übernachtung bei Freundinnen oder Bekannten. Im Augenblick bei zwei Freundinnen auf dem Sofa im Wohnzimmer, direkt vor dem Fernseher. Wenn eine von denen nachts auf die Toilette muss, wache ich auf. Der Weg geht durchs Wohnzimmer.“
    Die Kellnerin nahm einen kräftigen Schluck. Sie ließ gerne zu, dass Angelika nach goss.
    „Aber nicht schon immer Kellnerin? Oder?“
    Kopfschütteln die einzige Antwort.
    „Gab auch bessere Zeiten und dann viel schlechtere. Und dann glaubte ich, ja, so geht es. Aber vor einigen Tagen zerbrach der Traum. Zumindest bekam er Risse“
    Wie bei mir, bei uns, Angelika träumte mit offenen Augen.
    „Ich glaube, es ist Zeit zu gehen“ dabei wollte die Kellnerin aufstehen.
    „Aufs Wohnzimmersofa?“
    „Besser als unter einer Brücke an der Isar.“
    „Stimmt. Sie sollten jetzt nicht mehr in der Stadt unterwegs sein. Ich hätte ein Gästebett im Arbeitszimmer anzubieten.“
    „Bestimmt bequemer als das Sofa im Wohnzimmer bei meinen Freundinnen. Außerdem wären die bestimmt begeistert, wenn ich sie jetzt wecken würde. Ich habe keinen eigenen Schlüssel. Es macht ihnen wirklich nichts aus?“
    Kopfschütteln von Angelika. Sie holte Bettzeug und ein Shirt aus dem Schlafzimmer und zeigte der Besucherin das Bett.
    Das Arbeitszimmer war in zwei Bereiche geteilt. Einer sehr akkurat eingeteilt, im anderen Teil herrschte buntes, fröhliches Chaos. Und überall lagen Blätter mit Noten.
    „Dichtungsgummis sind bestimmt vorhersehbarer“, dabei lächelte die Kellnerin über das, was sie hier sah.
    Angelika legte der Besucherin eine Einmalzahnbürste auf die Handtücher. Die quittierte das mit einem bittersüßen Lächeln.
    Angelika lag gerade im Bett, als es klopfte und gleichzeitig die Tür geöffnet wurde.
    Da stand sie, im kessen, weil zu kurzem Shirt, mit dem Kopfkissen unter dem Arm
    „Ähm“ mehr brachte Angelika nicht heraus.
    „Ich habe mich vor den Dichtungsgummis gefürchtet. Die standen da wie Soldaten.“
    „Ja, so sind diese Teile. Einer wie der Andere. Und jetzt?“
    „Da habe ich gedacht, du bist doch auch allein und wenn wir uns zusammentun …“
    „Zu zweit ist man weniger allein! Ein schönes Buch.“
    Angelika war ein wenig verwirrt, dass ihre Besucherin so ohne weiteres vom Sie ins vertraulichere Du übergegangen war.
    Aber warum nicht, Angelika hatte nicht wirklich etwas dagegen.
    „Ja, jetzt sind wir jetzt schon zu zweit.“
    „Genau und ohne diese Dichtungen“, die Besucherin sah sich im Zimmer um.
    Sie übersah dabei das eine Buch, das neben dem Bett lag. Ein Fachbuch, das sich natürlich genau mit dem befasste, wovor die Kellnerin davon gelaufen war.
    Angelika nahm es schnell und legte es auf den Boden. Ihre Besucherin sollte es nicht sehen.
    „Ich dachte …“, weiter kam die Besucherin nicht. Angelika rückte ihr Kopfkissen etwas zur Seite und hob die Bettdecke ein wenig. Eine eindeutige Einladung.
    „Du meinst?“ Die Augen der Besucherin waren noch größer geworden, wenn das überhaupt möglich war.
    „Wenn du der Herrin über die Dichtungsgummis traust. Aber ich warne dich gleich vor, ich schnarche“, Angelika hielt die Decke immer noch hoch.
    „Kenne ich von meiner Partnerin und noch schlimmer, die spricht im Schlaf, redet über ihre Arbeit. Manchmal hat sie geschrien und geweint, dann habe ich sie im Arm gehalten wie ein kleines Kind.“
    Bei diesen Worten war Angelika immer weiter unter der Bettdecke verschwunden. Ihr Gesicht unterschied sich nicht mehr vom Weiß der Bettwäsche.
    „Sie hat mit Fachwörtern um sich geworfen. Dabei verstehe ich gar nichts von Technik. Ich habe sie gebeten vor dem Einschlafen keine Fachliteratur zu lesen. Sie hat nicht darauf gehört.“
    Angelika drehte sich mit schlechtem Gewissen ein wenig zur Seite und sah nach ihrem Buch am Fußboden.
    „Hast du schon einmal in der Industrie gearbeitet, so in einem richtigen Produktionsbetrieb?“
    Die Besucherin legte endlich ihr Kopfkissen neben das von Angelika und schlüpfte unter die Decke.
    Beide achteten darauf, genug Abstand zueinander zu halten.
    „Nein. Nur als Ferienarbeiterin, aber das zählt nicht richtig.“
    „Sei froh. Das da draußen ist ein Haifischbecken und ehe du dich versiehst, wirst du gefressen“, Angelika zeigte in ihrem Lächeln die Zähne.
    „Oh ja, eindeutig Haifischzähne. Das hättest du mir vorher sagen können, dann wäre ich bei den Dichtungsringen geblieben.“
    „Zu spät.“
    „Du bist also so richtig in einem Betrieb. Wahrscheinlich auch noch wichtig, ich meine Schadensanalytikerin, das ist doch was.“ Die Kellnerin sah dabei Angelika herausfordernd, neugierig an.
    „Na klar“, Angelikas Stimme der nackte Sarkasmus.
    „Diejenige, die immer alles machen will, die immer besser ist als alle anderen. Über die alle hinter ihrem Rücken lachen, weil sie so blöd ist. Aber ich verdiene dafür verdammt gutes Geld.“
    „Wenigstens das. Als Kellnerin ist es nicht so üppig aber ich kann nichts anderes. Nicht wirklich.“
    Angelika musste den Kopf nicht drehen, um die Traurigkeit im Gesicht der Besucherin zu sehen.
    „Was hast du denn sonst gemacht?“
    „Musik“, die knappe Antwort
    „Jetzt nicht mehr?“ hakte Angelika nach.
    Nur Kopfschütteln, kein Wort.
    „Meine Partnerin auch. Klavier. Aber dann hatte sie einen Unfall und es ging nicht mehr so, wie sie sich das erträumt hatte. Jetzt studiert sie Musikwissenschaft.“
    „Muss sie da auch nebenher jobben, damit ihr Geld reicht? Sowas, wie ich, kellnern oder so?“
    „Eigentlich nicht.“
    „Hat sie ein Stipendium oder zahlen das alles ihre Eltern?“
    Angelika ließ sich sehr viel Zeit mit der Antwort.
    Ich habe ihr quasi mein Stipendium aufgezwungen und sie hat sich darauf verlassen.
    „Ich habe ihr angeboten, sie zu unterstützen. Nicht nur das Studium.“
    „Ganz schön großzügig. Einfach so?“ Die Kellnerin blies die Backen auf und ließ die Luft geräuschvoll entweichen.
    „Eigentlich einfach so“ Angelika war sehr leise geworden.
    „Und nicht eigentlich?“ Die Kellnerin hatte sehr wohl das gehört, was Angelika zwischen den Worten unausgesprochen gelassen hatte.
    „Ich habe angefangen sie spüren zu lassen, dass es mein Geld ist.“
    „Kein schönes Gefühl. Mir ging es auch schon so. Das heißt, wenn sie ein neues Schulheft braucht, dann muss sie zu dir kommen und um Geld dafür bitten“
    „Nicht so direkt.“
    „Aber im Prinzip schon?“
    „Ja, aber ich wollte das gar nicht so“ Angelika biss sich auf die Lippe.
    „Eigentlich haben wir einen Topf, in dem das Geld ist und aus dem wir uns bedienen.“
    „Und du kontrollierst den immer wieder. Wahrscheinlich heimlich!“
    „Nein. Ja“, stotterte Angelika, „manchmal.“
    „Aha. Dann ärgerst du dich, wenn er schon wieder leer ist und du bist sicher, du hast ganz wenig genommen. Sie hat dann bestimmt Angst, dich zu bitten den Topf wieder zu füllen, weil sie etwas braucht.“
    „Du meinst, sie hat Angst?“
    „Ich hätte es auf jeden Fall. Zumindest wäre mir nicht sehr wohl dabei.“
    Angelika nickte nur.
    Ja, das war es, was ich in letzter Zeit immer wieder bei Caroline gesehen hatte und nicht verstanden habe.
    „Ich bin in den letzten Monaten ziemlich blöd geworden“, Angelika war jetzt kleinlaut.
    „Du hast im Beruf immer mehr vergessen?“
    „Nein. Karriere.“
    „Oho. Frau f Dings bums Schadensanalytikerin will hoch hinaus!“
    „Forensisch“ und wieder hätte sich Angelika am liebsten ein Stück Zunge abgebissen.
    „Ja“ Angelikas heraus gepresste Antwort.
    „Da musst du natürlich den Jungs zeigen, dass Frau der bessere Mann ist."
    Angelika hatte sich von der Besucherin abgewandt, sie wollte nicht, dass die ihre Tränen sah.
    Doch die hörte das leise Schniefen.
    „Merde, ja. Ich stand nur noch unter Strom“, Angelika hatte diese Worte hinausgeschrien.
    „Auch wenn es französisch ist, sollte eine Dame dieses Wort nicht gebrauchen“, es war das erste Mal, dass sie gemeinsam lachten.
    Wenn sie lacht, ist sie noch schöner, Angelika sah im Blick der Besucherin, dass die wohl Ähnliches dachte.
    „Hast du mit ihr darüber gesprochen?“
    „Sie ist seit zwei Tagen verschwunden.“
    „Du suchst sie natürlich überall?“
    Angelika schüttelte nur den Kopf.
    „Zu viel Arbeit, zu viel Karriere.“
    „Aber du liebst sie?“
    Diese Worte hörte Angelika schon nicht mehr richtig. Der Damm war gebrochen und die Tränen rannen in Bächen über ihre Wangen, tropften auf das Kopfkissen.
    Sie konnte nur noch nicken. Ihre Stimme reichte nicht einmal mehr für dieses kleine Wort „ja“.
    „Entschuldigung“, schniefte sie nach einigen Minuten.
    „Sehr oft fängt mit diesem Wort etwas an aufzuhören“, dabei sah die Besucherin Angelika so merkwürdig von der Seite an.
    „Ich habe dieses Wort in den letzten Monaten sehr häufig gebraucht. Wenn ich zu spät kam oder eine Verabredung ganz vergessen hatte. Oder wenn ich keine Zeit hatte, das zu tun, was wir ausgemacht hatten. Zu oft.“
    Beide lagen auf dem Rücken und starrten die Decke an. Plötzlich fühlte Angelika diese angespannte Ruhe im Raum, dieser Moment, bevor das Gewitter losbrach und dann traf sie ein gewaltiger Stromschlag. Angelika vergaß zu atmen.
    Die Besucherin hatte ihr unvermittelt die Hand auf den Bauch gelegt.
    Angelika fuhr Achterbahn. Herz, Kopf und Bauch schrien, jeder etwas anderes und alle gleichzeitig.
    Ja! Nein! Aufhören! Weitermachen! Dableiben! Davonlaufen!
    In ihren Ohren rauschte ein gewaltiger Wasserfall.
    Dann plötzlich Stille. Einzig dieser Schmetterling flatterte unbekümmert weiter. Stieß immer wieder gegen die Hand, die auf ihrem Bauch lag.
    Nun streichelte diese Hand Angelika. Nicht in dieser zärtlich, tröstenden Weise ‚es wird alles gut‘, es war etwas ruppiger.
    Angelika hörte von weither ihre eigene Stimme die Worte „geht es auch etwas zärtlicher?“ sagen.
    „Du meinst mehr so ei tei, tei? Wohl von der Zärtlichkeit-Fraktion?“
    Angelika nickte nur.
    Die Hand bewegte sich wieder auf ihrem Bauch, aber nicht anders als zuvor.
    „Hast du eigentlich schon bemerkt, dass das kein Holzklotz ist, was du da in der Hand hast?“
    „Ja, jetzt, wo du es so sagst, fällt mir das auch auf.“
    Im selben Augenblick flog die Bettdecke beiseite und der Mund, diese Lippen, bedeckten Angelikas Oberkörper mit zärtlichen Küssen und Angelika staunte wieder, welche Töne und Melodien diese schlanken Hände mit den langen Fingern in ihrem Körper zum Klingen brachten.
    Bald hing ihr das Nachthemd als loser Schal um den Hals.
    Endlich näherten sich ihre Münder einander.
    „Angelika.“
    „Caroline.“

    Dienstag, 25. September 2018 16:24
  • Ruth Gogoll

    Uli Permalink

    Das hat zum Teil wirklich eine poetische Qualität, Uli. Sehr schön. Schwebende Licht Tropfen. Allerdings ist das ein einziges Wort: Lichttropfen. Das machst Du öfter, dass Du Wörter, die eigentlich zusammengehören, getrennt schreibst. Auch Grundstücks Grenze. Schon allein das Genitiv-s weist in dem Fall darauf hin, dass das ein einziges Wort sein muss: Grundstücksgrenze.

    Und diese Sentenz hier geht mir überhaupt nicht mehr aus dem Sinn: Jeder Fehler hat eine Geschichte, die er erzählen möchte. Es liegt an mir, ihm aufmerksam zuzuhören. Wunderschön ist das, fast philosophisch.

    Du hast einen sehr schönen Stil. Die Rechtschreibung ist im Moment noch nicht perfekt, aber das kann man lernen. Insbesondere die Zeichensetzung in Dialogen ist etwas, das man meistens erst lernt, wenn man Geschichten schreibt. Ich habe das zu Anfang auch erst einmal in meinen Lieblingsbüchern nachgeguckt, weil ich es in der Schule nicht gelernt hatte. :) Dort schreibt man eben keine Geschichten, sondern mehr Abhandlungen, und da gibt es keine Dialoge.

    Das, was Du schreibst, sind aber nicht einfach nur Geschichten. Das hat eine geradezu poetische Kraft. Ich hoffe wirklich sehr, dass Du dranbleibst und mit dem Schreiben weitermachst, denn daraus können wunderbare Geschichten und eines Tages sicherlich auch wunderbare Bücher werden.

    Donnerstag, 27. September 2018 8:31
  • Anja

    Uli Permalink

    Hei, Uli. Da hast Du aber recht an Deiner kleinen Geschichte gefeilt. ;)

    Ich hatte am Anfang auch Mühe damit zu wissen – besser gesagt, ich hab’s echt nicht kapiert ;) –, wann ich nach Gedanken oder einer wörtlichen Rede ein Komma oder einen Punkt machen muss.

    Bei Deinem Satz ... das Geheimnis des Hefeteigs“. Sie sprach diese ... müsstest Du den Punkt (.) hinter das s von „Hefeteigs“ machen. Also so: ... das Geheimnis des Hefeteigs." Sie sprach diese ...
    Der Punkt (.) kommt direkt hinter das letzte Wort vom Satz und noch vor dem Gänsefüßchen oben. Wenn Du aber ein Komma (,) machst, dann kommt es hinter das Gänsefüßchen oben. Also z.B ... das Geheimnis des Hefeteigs", sprach sie diese ...

    Hier hast Du weder Punkt noch Komma nach der wörtlichen Rede gesetzt. Für eines müsstest Du Dich schon entscheiden. ;)
    „Machen Sie nicht mehr allzu lange“ hatte er sie mit ernster Stimme ermahnt und wusste doch, dass seine Worte unerhört blieben.
    Also nach dem ... allzu lange", hatte er sie ... würde ich ein Komma machen. Weil die wörtliche Rede und der folgende Text als ein kompletter Satz genommen werden können.

    Guck mal hier, das ist ein gutes Beispiel. Da hätte ein Punkt nach umsonst besser gepasst. Dann könntest Du mit dem Ihr einen neuen Satz beginnen.
    Die tausende von Euros, die meine Eltern beim Zahnarzt ausgegeben haben, waren nicht umsonst, ihr lachender Mund ließ zwei Reihen makelloser Zähne sehen.
    Also: Die tausende von Euros, die meine Eltern beim Zahnarzt ausgegeben haben, waren nicht umsonst. Das ist ein abgeschlossener Satz. Ihr lachender Mund ließ zwei Reihen makellose Zähne sehen. Das ist auch ein kompletter Satz.

    Auch hier wieder: Jeder Fehler hat eine Geschichte, die er erzählen möchte. Es liegt an mir, ihm aufmerksam zuzuhören. Im passenden Moment die richtigen Fragen zu stellen, Angelika war zutiefst überzeugt von diesem Gedanken.
    Angelika war zutiefst überzeugt von diesem Gedanken. Ist ein kompletter Satz. Deswegen müsstest Du einen Punkt machen. ... Fragen zu stellen. Angelika war zutiefst ...

    Das zieht sich durch Deine ganze Geschichte. Manchmal hast Du es richtig gemacht, manchmal nicht. Aber ich hör jetzt auf damit. ;) Da kriegst Du den Bogen schon noch raus.

    Bitte schreib doch hin, was Deine Angelika da für einen Beruf hat und was für Fehler sie kontrolliert oder herausfinden muss. Du schreibst immer nur von Fehlern. Unter einem Fehler kann ich mir aber nichts vorstellen. Geht es um einen Fehler in einem Computerprogramm, in einer Kaffeemaschine oder in der Herstellung von Plastikblumen? Lass mich nicht dumm sterben und erzähl mir, was sie da für eine Fehlersucherin ist.

    Hier hast Du – so glaube ich zumindest – vergessen, ihre Gedanken kursiv zu stellen, oder Du hast die falsche Zeitform gewählt.
    Und was habe ich gemacht? Fragte sich Angelika. Ich weiß es einfach nicht mehr.

    Denkst Du über Dich selbst in der dritten Person? Wohl eher nicht. ;) Dann müsstest Du aus dem ihrem ein meinem machen. ... dass ich es bin, die mit meinem regelmäßigen Einkommen ...

    Du hast den Teil, wo sie über sich und Caroline nachdenkt, gut dargestellt mit dem Spiegel. Hat mir gefallen. Ihre Gedanken kommen so gut rüber und das lässt mich als Leserin doch ein wenig in Angelikas Seele blicken. Auch Deine Idee, Angelika ihren eigenen Anrufbeantworter anrufen zu lassen, nur um Carolines Stimme zu hören, gefällt mir.

    Du hast ja meinen Rat befolgt und schreibst jetzt den Grund hin, dass Angelika das Auto stehen lässt und sich ein Taxi nimmt. Schön. :) Mit der Erklärung kann ich doch was anfangen.

    Warum hast Du das mit dem spanischen Restaurant eingebaut? Als Leserin erfahre ich nicht, warum sie dort hin will und auch dann später nicht den Grund, warum sie plötzlich dort nicht mehr hin will. Also so gesehen, könntest Du Angelika direkt zum Franzosen schicken.

    Der Zusammenhang, warum er – der junge Mann – es nicht verstehen würde, weil er doch so schön war, erschließt sich mir nicht. Was versteht er – und ich ;) – nicht?

    Was? Was machst Du denn hier? Die Kellnerin kommt, sie stellt Gläser vor Angelika hin, beide lächeln. Und dann guckt die Kellnerin weg und sieht sich Männer an? Seltsam ... Das wäre doch der Moment gewesen für erste zarte Flirtversuche. Und warum bringt dann irgend so einer „der jungen Männer“ Angelika das Essen? Welche jungen Männer rennen denn da noch rum? Warum bringt die Kellnerin Angelika nicht das Essen? Lächelt sie an, zwinkert ihr zu? usw.

    Das trifft mich auch. ;) Angelika wusste: das trifft mich. Also entweder kursiv oder Vergangenheitsform. ;) Angelika wusste: Das trifft mich. Oder: Angelika wusste, das traf sie.

    Zwei Mal eine weiße Bluse? Ok, habe ich das verpasst oder schon wieder vergessen? :o Wo oder was war mit der ersten Bluse? Wann, wo und wie hat sie sich denn umgezogen? Sie sitzt da, bekommt das Shirt – und schon hat sie es an? Zauberei? ;)

    Holla, die Kellnerin hat ja einen Befehlston drauf mit der Bluse. Ich hätte die Gelegenheit genutzt und hätte vorgeschlagen, sie der Kundin nach Hause zu liefern. Persönlich. ;) Aber so rum geht natürlich auch.

    Das ist ja ein abrupter Themenwechsel. Da redet sie mit der Kellnerin und im nächsten Moment denkt sie wieder an ihre Karriere. Nicht noch ein wenig in Gedanken schwelgen an die Kellnerin, an das Vorkommnis mit der Bluse? Da wäre doch noch etwas Zeit auf dem Nachhauseweg im Taxi.

    Ich habe da etwas Angelikas Gefühle vermisst, als die Kellnerin plötzlich bei ihr daheim auftaucht. Was denkt sich Angelika? Hat sie Angst? Fragt sie sich nicht, was die Kellnerin jetzt noch bei ihr will? Was löst die Weinflasche in Angelika aus? Denkt sie sich nichts dabei? Sie geht einfach los und holt zwei Gläser. Ist wohl alltäglich bei Angelika, dass da fast fremde Frauen mit Wein vorbeikommen?

    Ach ja, wenn Angelika mit geschlossenen Augen am Wein schnuppert, kann sie nur sehr schwer sehen, dass sie dabei von der Kellnerin beobachtet wird. ;)

    Hurra! :) Schadensanalytikerin. Na, jetzt nehme ich meine Bemerkung vom Anfang meines Kommentars wieder zurück. Dankeschön.

    Ok, ich gebe es zu, das Ende kapiere ich nicht. Hat Angelika das Ganze nur geträumt und Caroline liegt neben ihr im Bett. Oder küsst die Kellnerin Angelika jetzt tatsächlich und Angelika ruft den Namen von Caroline statt den der Kellnerin? Ich glaub, ich stehe auf dem Schlauch ... :( Hilf mir mal.

    Du hast viele von unseren Tipps versucht umzusetzen und hast Dir auch wirklich Mühe gegeben, etwas mehr Gefühle einzubauen. Schön gemacht. Die Geschichte ist dadurch zwar etwas lang geworden, aber ich kann gut erkennen, dass Du hier schon Fortschritte gegenüber Deinen vorherigen Versionen gemacht hast. Bravo. Nur weiter so. :)

    Mittwoch, 26. September 2018 22:12
  • Hallo Anja
    Herzlichen Dank für das Feedback.
    All die Fehler, die Du zurecht anmerkst, sind das Eine. Was mich etwas traurig stimmt, sind die Fragen nach dem was geschieht.
    Deshalb hier eine kurze Zusammenfassung dessen, was ich wollte:
    Angelika und Caroline sind ein Paar. Es gibt Streit, zuletzt um DIE Bluse, die sich Caroline ungefragt ausleiht. Caroline läuft davon, kommt bei Freundinnen unter. Angelika ist besessen, Karriere zu machen und erkennt, was sie dafür aufgeben müsste, was sie zum Teil schon dabei war zu zerstören.
    Sie weiß, Caroline jobbt in diesem Bistro als Kellnerin. Sie zweifelt, ob sie jetzt schon nachgeben soll oder noch warten, daher erst zum Spanier. Eigentlich erwartet sie, dass Caroline den ersten Schritt macht. Schließlich ist Caroline davongelaufen, Aber Angelika hat sie mit ihrem Verhalten dazu getrieben. Das hat sie zuvor im Labor erkannt.
    Caroline unternimmt im Lokal nichts, um auf Angelika zuzugehen. Auch die Überlegung, Angelika kann sich die Bluse bei ihr abholen, deutet in diese Richtung. Mehr noch das „Sie“, das erst Caroline gebraucht und auf das Angelika eingeht. Die Aussage, dass die Kellnerin das Shirt abholen soll, heißt nichts anderes als, Angelika wünscht sich, dass Caroline zu ihr kommt, zurückkommt.
    Als Caroline dann zu ihr kommt, muss sich Angelika nicht fragen: warum. Sie weiß es. Die beiden klären das ja auch noch auf.
    Die gesamte Unterhaltung, die die beiden dann führen, handelt von den beiden. Sie sprechen miteinander übereinander.
    Es ist kein Traum, es ist schlicht Aussprache und Versöhnung.

    Der Wein hat eine andere Bedeutung: die Tage haben wir eine Flasche von Mas Karolina aufgemacht und da kam mir die Idee, den hier einzubauen. Er gab Caroline die Möglichkeit, ihren eigenen Namen auszusprechen. Die Winzerin heißt tatsächlich Caroline Bonville, also keine Fiktion.

    Klar, Sie hätten es auch einfach bei einem Glas Brause und Bratkartoffeln in der eigenen Küche machen können.
    Ich fand diese Variante reizvoll und wollte sie ausprobieren. Es war das bewusste Spiel, der Leserin bis zum Schluss vorzuenthalten, dass die Kellnerin Caroline und damit Angelikas Partnerin ist. Obgleich, am Anfang des Textes sind Hinweise darauf vorhanden. Caroline ist Musikerin. Sie hat einen vernarbten Fuß. Angelika hört beim Treppensteigen der Kellnerin eine gewisse Asymmetrie. Die Kellnerin erwähnt, dass sie Musik macht.

    Ach ja, wenn Angelika das Shirt bekommt und Caroline auf die Damentoilette zeigt, dann muss ich ja wohl nicht schreiben
    … Angelika nahm das Shirt und hielt es so an sich gedrückt, dass möglichst keiner der anderen Gäste das Missgeschick entdeckte. Sie ging in die gewiesene Richtung und wechselte die Bluse gegen das Shirt. …

    Donnerstag, 27. September 2018 11:43
  • Ruth Gogoll

    Uli Permalink

    Das hier

    Was mich etwas traurig stimmt, sind die Fragen nach dem was geschieht.
    muss Dich nicht traurig stimmen. ;) Das ist einfach ein Zeichen dafür, dass Du das Handwerk des Schreibens eben noch nicht gut genug beherrschst, um das der Leserin verständlich zu machen, was Du ihr verständlich machen willst. Dafür gibt es diese Übungen ja. Denn es ist – wie Du gerade merkst – nicht so einfach, wie man sich denkt, der Leserin genau das zu vermitteln, was man ihr vermitteln möchte, ihr den Eindruck von den Figuren zu vermitteln, dass sie die Figuren genauso empfindet und sieht wie man selbst.

    Allerdings hatte ich heute morgen schon das Gefühl, als ich das las, dass die Kellnerin Caroline ist. Also so ganz falsch hast Du es nicht gemacht. :)

    wenn Angelika das Shirt bekommt und Caroline auf die Damentoilette zeigt, dann muss ich ja wohl nicht schreiben
    … Angelika nahm das Shirt und hielt es so an sich gedrückt, dass möglichst keiner der anderen Gäste das Missgeschick entdeckte. Sie ging in die gewiesene Richtung und wechselte die Bluse gegen das Shirt. …
    Warum musst Du das nicht schreiben? Du musst die Leserin durch die Geschichte führen, und dabei musst Du Deine eigene Geschichte immer aus der Sicht der Leserin betrachten. Was braucht die Leserin an Informationen? Was ist nötig, was nicht? Wo wird sie sich gelangweilt fühlen, wenn ich das hinschreibe? Wo wird sie verwirrt sein, wenn ich das nicht hinschreibe?

    Das ist die Kunst beim Schreiben. Wir denken immer, wir wissen das doch alles schon, müssen wir nicht hinschreiben. Aber weiß die Leserin es auch?

    Donnerstag, 27. September 2018 12:52
  • Hallo Frau Gogoll

    danke für die schnelle Antwort.
    Handwerk bei der Rechtschreibung - ok.
    Handwerk beim Schreiben - da ist mir der Kritikpunkt etwas nebulös. Sie ahnen während des Fortgangs der Geschichte, dass die Kellnerin Caroline ist und erfahren es als Schlußpunkt des Textes exakt.
    Hätten Sie dieses Geheimnis in einer eigenen Geschichte vorzeitig aufgelöst?

    Donnerstag, 27. September 2018 15:51
  • Ruth Gogoll

    Uli Permalink

    Nein, ich hätte es einfach besser geschrieben, handwerklich besser. :) (Und damit meine ich nicht die Rechtschreibung. Die ist kein Handwerk, die ist eine Voraussetzung.) Das Handwerk zu beherrschen heißt, eine Geschichte so aufzubauen, dass z.B. eine Auflösung wie am Schluss nicht als nebulös empfunden wird. Das ist alles.

    Deine Geschichte ist so, wie sie jetzt ist, ein Rohentwurf, und wenn Du handwerklich daran arbeitest, kann es eine richtig gute, handwerklich perfekte Geschichte werden. Dazu fehlt aber beispielsweise völlig das Show don't tell. Das hätte die Geschichte handwerklich um einiges besser gemacht. Jede Geschichte. Ohne Show don't tell ist eine Geschichte einfach sehr trocken, mehr wie ein Skelett. Show don't tell ist das Fleisch daran, das Deiner Geschichte jetzt noch fehlt. Das Du aber hinzufügen kannst.

    Überleg Dir einfach mal, wenn Du Deine Geschichte durchliest, wo Du da durch Show don't tell etwas verbessern könntest. Für die Leserin. Damit sie sich ein besseres Bild von Deinen Figuren machen kann.

    Nach dem riesengroßen Lob, das ich oben an Dich gerichtet habe, mit Deiner poetischen Kraft, muss zu dieser poetischen Kraft jetzt einfach noch das Handwerk kommen, dann kannst Du Dein Talent optimal einsetzen und in wunderbare Geschichten umsetzen. Daran habe ich keinen Zweifel, wie ich oben schon in dem anderen Kommentar schrieb. :)

    Donnerstag, 27. September 2018 16:22
  • Hallo Frau Gogoll,

    ich habe nicht, wie hier sehr beliebt, geschmunzelt.
    Ich habe laut und herzhaft gelacht.
    Ich sah Sie, die Stirn in tiefen Falten, aus den Augenschlitzen Feuerblitze auf die Niederen und Gemeinen schleudern. Die Nasenflügel aufgebläht und bebend. Die Fäuste in die Hüfte gestemmt, dass es schmerzte und mit dem Fuß aufstampfend. Der Donnerhall ließ alle Himmel erzittern und dann, dann kamen diese Worte (Originalton Charles Bronson: "Hey Babe, ich kann das besser."
    Na, hoffentlich!
    Darf ich Sie um einen Gefallen bitten? Nehmen Sie sich einen beliebigen Satz aus meinem Text und gestalten Sie ihn so, dass er dem entspricht, was Sie denken, dass er sein könnte.

    PS.: Sie haben ein Nachsehen mit dem Ausbruch meiner ungezügelten Phantasie!

    Donnerstag, 27. September 2018 21:23
  • Ruth Gogoll

    Uli Permalink

    Na, wenn ich es nach über 25 Jahren im Beruf nicht besser könnte als eine Anfängerin, dann wäre ich ziemlich schlecht, oder? ;) Nein, ich habe mich da überhaupt nicht aufgeregt oder so etwas, nur erzähle ich seit 20 Jahren immer dasselbe, das steht auch alles schon hier auf der Webseite, und ich wiederhole mich immer wieder, was ich natürlich reduzieren möchte. Deshalb möchte ich Dich bitten, einfach hier die Suchfunktion auf der Seite zu benutzen und dort Antworten auf Deine Fragen zu suchen. Und wenn Du dann immer noch Fragen hast, die darüber hinausgehen, was schon alles hier in Tausenden Artikeln von mir auf der Seite steht, dann kannst Du gern fragen. :)

    Das gehört nämlich auch zum Handwerk dazu: Recherche. Und hier auf der Seite ist das ja auch wirklich nicht schwierig, es steht alles hier, sogar in mehrfacher Form, weil diese Fragen alle schon hundertmal gestellt und beantwortet wurden. Auch auf anderen Webseiten. Also Du musst nicht alles glauben, was ich hier erzähle. Wenn Du die entsprechenden Stichworte übers ganze Internet googelst, wirst Du genau dasselbe finden, was ich hier auf der Seite geschrieben habe. Insofern: Handwerk ist alles, was über die eigene Faulheit hinausgeht, könnte man sagen. ;)

    Freitag, 28. September 2018 10:02
  • Hallo Frau Gogoll,

    kein Zweifel an Irgendetwas!
    Obiger Kommentar war das Bild, das ich nach dem Lesen der ersten Worte: "Nein, ich hätte es einfach besser geschrieben..." im Kopf hatte.
    Es meinte nicht einmal Sie.
    Danke wollte ich auch noch sagen, für die viele Zeit,die sie bisher für mich aufgebracht haben.
    Für die Ratschläge, die Anregungen und natürlich auch, für die aufmunternden Worte.
    Danke

    Freitag, 28. September 2018 12:21
  • Uli Schlemmer

    Permalink

    Hallo zusammen,
    ich habe die Geschichte nicht überarbeitet, ich habe sie umgearbeitet. Jetzt, da mir ein Schluss dazu eingefallen ist, macht es für mich Sinn, daran weiter zu arbeiten. Ich habe etliches vom Originaltext entfernt, dafür Anderes hinzugefügt. Vielleicht gelingt es mir so, manchen Fragen zu entkommen und andere Fragen kann ich jetzt noch nicht beantworten, da ich selbst noch nicht genau weiß, wohin die Reise geht. Ich kenne meine Protagonistinnen erst kurz und auch noch nicht sehr gut.

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    Es war wieder spät geworden.
    Ich bin wohl die Einzige der Abteilung, die die Mitarbeiter des Reinigungsdienstes überhaupt zu Gesicht bekommt, lächelte Angelika vor sich hin. An diesem Abend hatte sie sich um neunzehn Uhr vom Letzten von denen verabschiedet.
    Nur einmal noch hatte das Telefon geklingelt, es war der Wachmann. Er wollte sicher gehen, dass niemand vergessen hatte das Licht zu löschen.
    Ihre Kollegen waren nach und nach verschwunden und nach siebzehn Uhr war sie mit ihrem Chef allein im Labor.
    „Machen sie nicht mehr allzu lange“, hatte er ihr augenzwinkernd zugerufen und war dann mit raschen Schritten davongegangen.
    Ha, ha, ha! Er wusste genau, dass sie wieder lange bleiben würde. Er kannte ihre Neugierde, ihr Jagdfieber.
    Am frühen Nachmittag war endlich die Probe zur neuesten Reklamation auf ihrem Schreibtisch gelandet. Immer wieder ärgerte sie sich darüber, wie viel Klebeband und Verpackungsmaterial verwendet wurde. Sie hatte jedes Mal ihre liebe Mühe, beim Auspacken nichts zu zerstören.
    Und da lag nun das gute Stück, das Objekt der Begierde.
    Mit spitzen Fingern hielt sie es sich nahe vor die Augen, nahm sogar die Brille ab, um es besser sehen zu können.
    Ich sollte unbedingt einen Termin beim Augenarzt ausmachen, aber das dachte sie in solchen Augenblicken immer und jedes Mal war der Gedanke gleich wieder vergessen, verdrängt von dem, was sie zu sehen bekam.
    Sie hatte das Teil erst von allen Seiten und auch unter dem Mikroskop ausführlich fotografiert, bevor sie es auf den Labortisch legte. Ehe sie ihm mit Pinzette, Skalpell und Präpariernadel vorsichtig zu Leibe rückte, las sie noch einmal aufmerksam die Reklamationsbeschreibung.
    Als sie mit dem Skalpell einen entschiedenen Schnitt durch einen Dichtungsgummi setzte, spürte sie den Schnitt ins eigene Fleisch.
    Dachte an den Tag vor etwa drei Jahren, als Cornelia ihr eröffnete, dass sie nicht mehr mit ihr zusammen leben könne. Cornelia hatte ihr vorgeworfen, ihre Arbeit, das Labor mehr zu lieben als sie. Ja, Cornelia war so weit gegangen, von ihr zu fordern sich zwischen ihr und dem Labor zu entscheiden.
    Cornelia wusste doch, was mir meine Arbeit bedeutete und mehr noch sie. Aber Cornelia hatte recht, ich hatte sie über Monate vernachlässigt.
    Angelikas Augen schimmerten feucht und sie konnte nichts mehr klar sehen.
    „Du kannst doch gar keine Menschen lieben“, diese allerletzten Worte Cornelias, bevor sie aus dem Zimmer rannte und dann die Wohnungstür hinter sich zuschlug, waren dieser Schnitt mit dem scharfen Messer.
    Jedes Mal, wenn sie an diese Szene dachte, spürte sie den Schmerz, der ihr Tränen in die Augen trieb. Auch jetzt liefen ihr wieder Tränen über die Wangen.
    Als sie sich wieder gefangen hatte, sah sie auf die Uhr, ihr Magen knurrte immer öfter und lauter. Halb zehn, sie hatte wieder einmal die Welt um sich vergessen.
    Das Teil, da war sie sich sicher, würde ihr an diesem Abend sein Geheimnis nicht mehr erzählen und so beschloss sie, für heute ein Ende zu machen. Ihren Schreibtisch beließ sie, wie er war, fuhr nur den Rechner herunter und legte ein großes Blatt auf den Labortisch, neben die Probe „Bitte liegen lassen und nicht berühren“ darunter ihr Kürzel AF.
    An der Pforte begrüßte sie den Mann vom Wachdienst.
    „Guten Abend Frau Fürder. Wieder mal etwas spät geworden?“
    „Sie wissen ja, die jugendliche Neugier.“
    Ein Scherz, den sie immer wieder teilten.
    Die andere Variante als Antwort war „Ich musste halt nachsitzen.“
    Sie wandte sich schon um, um zu ihrem Auto zu gehen. Es stand bestimmt als einziges und verlassen mitten auf dem großen Parkplatz.
    Jetzt spürte sie die Erschöpfung nach dem langen Tag und sie wusste, selbst fahren wäre jetzt keine gute Entscheidung. Ihr Kopf war noch zu voll von anderen Gedanken.
    Sie griff in ihre Handtasche, fand das Handy aber nicht.
    Liegt bestimmt auf dem Schreibtisch.
    Sie hatte jetzt weder Lust noch die Kraft, drei Etagen hinauf zu laufen und es zu holen.
    Sie ging zurück zur Portiersloge.
    „Etwas vergessen?“
    „Mein Handy, ich will jetzt aber nicht mehr ins Labor gehen. Könnten Sie mir bitte ein Taxi rufen?“
    Nachdem er telefoniert hatte, kam er aus dem kleinen Kämmerchen, zog an einer Schlüsselkette einen mächtigen Schlüsselbund aus der Tasche und schloss ab.
    Die angebotene Zigarette lehnte Angelika dankend ab.
    „Führen Sie mich nicht in Versuchung. Die letzte war vor über einem Jahr.“
    „Besser so“, dabei sah er sie fast ein wenig schuldbewusst an.
    „Manchmal, wenn es knifflig ist und ich eine dabei hätte, würde ich bestimmt wieder anfangen“, sie fühlte mit ihm und wollte ihm ihr Verständnis zeigen. Für sie gab es nichts Schlimmeres als militante Nichtraucher.
    Er begleitete sie dann noch bis zur Straße und ging erst zurück, als sie ins Taxi eingestiegen war und das Ziel genannt hatte.
    Wahrscheinlich notiert er sich die Adresse. Für den Fall aller Fälle. Ich bin eine Frau von dreißig Jahren und bestimmt in der Lage auf mich aufzupassen.
    In ihren Ärger mischte sich aber noch ein anderes Gefühl, insgeheim dankte sie ihm seine Fürsorge.
    Sie hatte dem Taxifahrer den Namen eines spanischen Restaurants gegeben. Hierher kam sie besonders oft dann, wenn es bei der Arbeit wieder spät geworden war. Sie bekam, hier auch um diese Zeit, immer noch etwas zu essen. Nicht nur etwas Kaltes.
    Schon als das Auto in die Straße einbog, sah sie, die Fenster des Lokals waren dunkel.
    Heute ist doch Dienstag und das Lokal hat seinen Ruhetag am Donnerstag. Oder haben sie schon geschlossen? Einen Augenblick war sie ratlos.
    Der Fahrer spürte das wohl und empfahl ihr ein kleines italienisches Restaurant, gleich hier in der Nähe.
    „Italiener“, nörgelte Angelika missmutig.
    „Keine große Küche aber auch keine Pizzeria“, beschwichtigte er, als er den Protest in ihrer Stimme hörte.
    Nach weniger als fünfhundert Metern hielt der Wagen. Als sie bezahlt hatte, stieg der Fahrer aus und öffnete ihr die Tür. Fast wäre ihr in ihrer forschen Art diese kleine Aufmerksamkeit entgangen. Es passierte ihr immer wieder. Sie war gewohnt, das Meiste selbst zu tun und übersah dabei oft die kleinen, wohlgemeinten Gesten. Sie dankte ihm mit einem offenen, herzlichen Lächeln und verabschiedete sich. Auch das tat gut.
    Ein flüchtiger Blick durch ein Fenster des Lokals beruhigte sie, sie würde nicht der einzige Gast sein. Wenigstens das nicht.
    Sie war es gewohnt allein zu essen, zu Hause und auch immer wieder im Restaurant und so öffnete sie ohne Scheu die Tür und trat ein. Das ‚Wait to be seated‘ war ihr mittlerweile so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie gar nicht auf die Idee gekommen wäre, sich an irgendeinen freien Tisch zu setzen.
    Ein Mann so um die sechzig kam nicht schnell aber zielstrebig auf sie zu.
    „Buona sera Signora.“
    Er sah sie nur kurz an und wusste, woher nur, dass sie alleine essen würde. Von einer Ablage neben der Tür nahm er eine Speisekarte und bat sie, ihm zu folgen. Ohne sich im Raum umzusehen, führte er sie an den genau für sie passenden Tisch. Sie saß mit dem Rücken zur Wand und ihr Platz war nicht für alle einsehbar, aber sie hatte einen guten Blick auf den Tresen. Perfekt.
    Ein Profi, nicht nur seines Faches auch bei der Beurteilung seiner Gäste und deren Bedürfnisse.
    In ihren Gedanken hinein reichte er ihr die aufgeschlagene Karte.
    „Das Mineralwasser mit oder ohne Gas?“, fragte er, bevor Angelika diesen Wunsch überhaupt äußern konnte.
    „Nach einem langen Arbeitstag wirkt ein Glas Prosecco Wunder. Darf ich Ihnen eines bringen?“
    „Ja bitte. Danke.“
    Angelika wunderte sich, was war das für ein Abend? Erst der Wachmann, dann der Taxifahrer und jetzt auch noch er. Sah sie denn so hilfsbedürftig aus? Egal, es fühlte sich gut an.
    Die Getränke wurden gebracht und als Angelika aufschaute, spürte sie, dass die Erde aufhörte sich zu drehen, die Zeit angehalten worden war.
    Schwarze Locken, braune Augen und dieser Mund.
    „Sie kommen spät“, begrüßte die Kellnerin sie.
    Angelika hörte aus dieser Stimme etwas ganz anderes. Nicht, dass es schon spät sei, sie hörte, dass die Frau schon lange auf sie wartete. Aber warum? Wieso? Sie war noch nie hier gewesen. Aber ja, die Frau hatte recht. Es war Zeit zu kommen.
    „Ja“, war daher ihre knappe, aber nicht unhöfliche Antwort.
    „Ich hatte so viel zu tun und …“, Angelika spürte, dass die Angesprochene nicht nach einer Erklärung und schon gar nicht einer Entschuldigung verlangte.
    „Fleisch, Fisch oder vegetarisch?“, fragte die Frau und Angelika war berauscht von dieser Stimme. Sie hing ihr an den Lippen. Nicht wegen der Worte oder um den Inhalt zu verstehen. Sie spürte plötzlich das unbedingte Verlangen diese Lippen zu berühren. Mit dem Finger deren Form zu folgen, ihre Beschaffenheit zu fühlen.
    Die Frau wiederholte ihre Frage ohne Hast und Angelika hatte auch nicht das Gefühl, dass die Frau darüber ungeduldig wäre.
    „Fleisch“ kam es von Angelika. Ihre Stimme bebte unsicher.
    „Fleisch bitte“, diesmal mit möglichst fester Stimme.
    Sie sah der Frau nach, als die Richtung Tresen ging. Hatte sie das mit offenem Mund getan? Sie wusste es nicht.
    Was war das? Angelika war sich sicher in eine andere Welt eingetaucht zu sein.
    Es dauerte, bis sie in den Raum zurückkehrte, ehe sie die Stimmen der anderen Gäste hörte, deren Bewegungen sah.
    Aber eigentlich hatte sie nur Augen für die Kellnerin. Sie sog jede deren Bewegungen und Gesten auf. Aber was war das Besondere daran? Sie stellte ein Tablett auf die Theke und Gläser darauf. Ihre schlanken Finger, die die Gläser umschlossen. Jetzt stand diese Frau mit dem Rücken zu Angelika und hob mit beiden Händen ihre Haare nach oben, entblößte diesen schlanken, langen Hals. Angelika sah diese Linien vom Ohr bis zum Ausschnitt des Kleides. Wie sie die Augen niederschlug, wenn sich ihre Blicke wie durch Zufall begegneten. Angelika war, als spräche diese Frau in einer Sprache zu ihr, die nur sie beide verstanden. Am liebsten hätte Angelika ‚ja‘ geschrien und ausgerechnet in diesem Augenblick fiel ihr Cornelias Satz, du kannst Menschen nicht lieben, ein.
    Angelika senkte den Kopf, niemand sollte ihre Traurigkeit sehen, ihre feuchten Augen.
    Bestimmt war die Vorspeise hervorragend, genauso wie die Pasta mit dem Wildschweinragout. Angelika achtete nicht auf das, was auf dem Teller vor ihr lag. Es war diese Frau, die ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Auf den Hauptgang verzichtete sie. Aber nicht auf das Dessert, Profiteroles sie liebte diese kleinen, gefüllten Windbeutel.
    Vorsichtig und verwirrt sah sie immer wieder zu der Kellnerin hin. Merkte, dass auch deren Blicke eher schüchtern wurden.
    Sie bat den Patron um die Rechnung und gleichzeitig ihr ein Taxi zu rufen.
    Es war dann aber die Frau, die ihr die Rechnung brachte. Sie legte das Mäppchen auf den Tisch und entfernte sich gleich wieder.
    Angelika stockte der Atem, als sie das Mäppchen öffnete. Auf dem Zettel standen keine Zahlen, nur die Worte: 'ich warte vor der Tür auf Sie'.
    Angelika griff aus ihrer Handtasche Geldbeutel und Stift. Sie legte einen Schein in die Mappe, vorher schrieb sie unter die Botschaft nur ein Wort, zwei Buchstaben. Ja.
    Wenige Minuten später öffnete sich die Tür des Lokals und ein Mann kam herein. Er ging gleich zum Patron und sprach leise einige Worte mit ihm.
    Der Patron kam zu Angelika an den Tisch, um ihr mitzuteilen, das Taxi sei da.
    Vor der Tür, ein wenig im Schatten der Hauswand, stand Sie. Sie hatte nur eine dünne Jacke übergezogen.
    Die beiden Frauen sahen sich kurz in die Augen, nickten sich mit diesem Blick zu.
    Gemeinsam stiegen sie hinten in das Taxi. Wieder nur ein schneller Blick, dann gab Angelika dem Fahrer ihre Adresse.
    Während der Fahrt saß jede in einer Ecke. Nur, wenn die Straßenlampen ihre Gesichter erleuchteten, sahen sie ihre Gesichter. Sah jede den Blick der Anderen. Angelika spürte immer wieder Gänsehaut.
    Im Auto sprachen die beiden kein Wort.
    Die Fahrt dauerte nicht lange und dann standen sie sich allein auf dem Gehsteig gegenüber.
    Erst jetzt wurde Angelika bewusst, sie war dabei ihre Anonymität aufzugegeben. Hier wohnte sie, ihr Name stand in gut lesbaren Buchstaben auf dem Schild an der Tür. Von ihrer Begleiterin wusste sie nichts. Nur, dass von ihrer Selbstsicherheit, die sie bei der Begrüßung gezeigt hatte, nichts mehr geblieben war. Sie spürte Verunsicherung und Schüchternheit.
    „One night stand“, war es das, was sie wollte? Sie verabscheute diesen Ausdruck. Er erinnerte sie an Worte wie, Einmalzahnbürste oder Einmalrasierer.
    Einmal benutzt und dann weggeworfen. So hatte sie sich bisher immer danach gefühlt. Sie war benutzt worden, hatte die Partnerin benutzt und dann tschüss. Die Leere danach war immer größer gewesen, als die Sehnsucht davor.
    Angelika holte den Schlüssel aus der Handtasche.
    Ihre Begleiterin sah sich aufmerksam aber schüchtern in der Wohnung um.
    „Schön haben sie es hier“, waren erst einmal ihre einzigen Worte.
    Angelika nickte dankbar über das Kompliment.
    Sie ging in die Küche und kam mit einer geöffneten Flasche und zwei großen Rotwein Gläsern zurück.
    Zum Essen hatte sie nur Wasser getrunken, aber jetzt war ihr noch nach einem Glas Rotwein. Es musste ein schwerer, gehaltvoller sein. Südfrankreich. Sie entschied sich für einen aus dem Languedoc. Sie goss wenig in jedes der Gläser und reichte eines ihrer Besucherin.
    „Danke“, mehr erst einmal wieder nicht.
    Sie hoben die Gläser gegeneinander, stießen aber nicht an.
    Angelika sah wie die schlanken, langen Finger den Stiel des Glases umfassten. Sah die kleine Schwenkbewegung und dann schloss die Frau die Augen und führte das Glas vorsichtig zur Nase.
    Sie macht das nicht zum ersten Mal. Sie kennt sich aus mit Weinproben.
    Wieder senkte ihr Gegenüber den Kopf ließ Angelika diese Wimpern sehen. Die erleuchtete Linie ihres Kinns vor dem dunklen Hintergrund.
    Wie gerne wäre Angelika in diesem Moment Malerin gewesen, hätte diesen Augenblick auf Leinwand einfangen können.
    „Ein nicht endend wollender heißer Sommer, karger, steiniger Kalkboden.
    Syrah ist ganz sicher dabei. Vielleicht ein wenig Merlot. Aber da ist auch noch etwas anderes. Der Wein erzählt von der Mühe und dem Fleiß der Menschen, die ihn gemacht haben. Er schmeichelt nicht mit süßen Fruchtaromen. Es ist der herbe Duft von Kräutern.“
    „Ja, das ist es, was ich an ihm mag. Er drängt sich nicht auf, umschmeichelt einen nicht. Man muss sich auf ihn einlassen, dann verrät er sein Geheimnis. Sie kennen sich aus mit Wein?“ Angelika staunte.
    „Mein Großvater hat ein Weingut auf Sizilien. Manchmal habe ich da geholfen und vor allem, er hat mir früh beigebracht Weine zu probieren. Natürlich durfte ich am Anfang nur riechen, nicht trinken. Das kam erst später. Ich weiß noch als ich einmal den Wein schluckte und das eklige Zeug sofort wieder ausspuckte. Ja, sagte damals mein Großvater, genau so macht man es bei einer Weinprobe. Man schluckt nicht, man spuckt aus.“ Sie lachten gemeinsam über diese kleine Geschichte. Beide fühlten, wie schön gemeinsam Lachen war.
    Angelika sah verstohlen nach der Uhr, viertel nach zwei. Zeit schlafen zu gehen.
    Ihre Besucherin hatte die Geste bemerkt.
    „Zeit für mich zu gehen.“
    Angelika schüttelte den Kopf und verließ den Raum. Sie kam mit Bettzeug und einem Shirt zurück und führte die Besucherin in ihr Arbeitszimmer, das auch als Gästezimmer diente.
    Was auch immer sie sich möglicherweise erhofft hatte oder ihre Besucherin, Angelika konnte nichts anderes. Nicht heute und es lag nicht an der Uhrzeit. Es lag tief in ihr verborgen.
    Sie zeigte der Frau noch das Bad.
    „Ich muss leider den Wecker auf sieben Uhr stellen“, sie standen sich Blick in Blick gegenüber und wandten sich fast gleichzeitig um. Jede verschwand in einem anderen Zimmer, schloss die Tür hinter sich. Schloss alles aus.
    Angelika dachte an diesen letzten Satz Carolines und ihre Tränen rannen. Die Wunde war sehr tief und immer wieder frisch, wie am ersten Tag. Sie weinte sich in den Schlaf.
    Das Frühstück war eher italienisch, für jede ein Espresso und ein kleines Stück Brot.
    „Mehr geben Brotkorb und Kühlschrank leider nicht her. Ich muss wieder einkaufen gehen“, entschuldigte sich Angelika.
    „Schon in Ordnung“ lächelte sie die Frau an.
    Wenig später standen sie vor dem Haus und keine der beiden wusste jetzt so genau, wie sie sich verabschieden sollten. Die Hand geben, das wäre nicht das richtige gewesen. Einfach tschüss sagen und davon gehen, das wäre zu wenig. Gleichzeit fasste jede die andere am Arm, die erste Berührung der beiden überhaupt. Ihre Bemühung sich zu umarmen, der Anderen einen Kuss auf die Wange zu geben scheiterte. Ging die eine mit dem Kopf nach rechts, ging die andere nach links und umgekehrt. Noch während sie darüber lachten berührten sich ihre Lippen.
    Eine elektrische Entladung auf die keine der beiden vorbereitet war. Verwirrt und erschrocken ließen sie voneinander ab.
    „Ja, also dann“, schon wandte sich die Frau zum Gehen.
    „Ja dann“, Angelika drehte sich in die andere Richtung.
    Keine der beiden schaute sich noch einmal um. Im Gegenteil, jede ging zügig in ihre Richtung davon.
    Angelika kaufte in einer Bäckerei noch etwas für die Pause und bat die Verkäuferin, ihr ein Taxi zu bestellen.
    Die fünfzig Cent, die sie ihr dafür geben wollte, lehnte die Frau mit den Worten „passt schon“ ab.
    Passt nicht, Angelika dachte dabei an die letzte Nacht.

    Montag, 3. September 2018 13:48
  • Ich sehe Du hast nochmals kräftig an Deiner Geschichte gearbeitet. Schön. :)

    Also etwas mit einem Dichtungsgummi liegt da auf dem Labortisch. Der Übergang vom Schnitt durch den Gummi und weiter in ihren Finger hast Du gut benutzt um zu Cornelia hinüber zu schweifen.

    Aha, sie war also zu erschöpft um noch zu fahren. ;)

    Liegt bestimmt auf dem Schreibtisch.

    Heute ist doch Dienstag und das Lokal hat seinen Ruhetag am Donnerstag. Oder haben sie schon geschlossen?

    Dachte sie sich das? Dann bitte kursiv Ansonsten müsstest Du die Sätze in die Vergangenheitsform schreiben.

    Schön, jetzt nörgelt sie ja wirklich wegen dem Italiener.

    Hier hast Du einen kleinen Denkfehler drin.
    Erst der Wachmann, dann der Taxifahrer und jetzt auch noch er. Sah sie denn so hilfsbedürftig aus?

    Wenn Du über Dich selbst nachdenkst, denkst Du dann von Dir in der Sie Form oder denkst Du in der ich Form? Also statt Sah sie denn so hilfsbedürftig aus? Vielleicht: Sehe ich denn so hilfsbedürftig aus?

    Jetzt hast Du auch schön beschrieben, was die Kellnerin denn da vorne macht und was Angelika sieht. Das zeigt mir als Leserin was Angelika denn an der Kellnerin gefällt und lässt mich ein wenig teilhaben an dem Film, der in Deiner Vorstellung ablief, während Du die Szene geschrieben hast.

    Oh, dass ist ja ein passender Vergleich mit der Einmalzahlbürste. Das habe ich noch nie so gesehen.

    WAS? :o Da nimmt Angelika eine hübsche Kellnerin mit zu sich nach Hause. Sie trinken ein Glas Wein, gucken einander tief in die Augen und dann muss die Dame im Gästezimmer schlafen? Ich glaube Du hast nicht verstanden wie das mit dem On Night stand funktioniert. ;) Ähm, jetzt weiss ich gar nicht, was ich dazu sagen soll. Bin baff. Zumindest hast Du hier gut eine ungeahnte Wendung eingebaut, das muss ich Dir lassen...

    Du hast noch einige kleine Perspektivenfehler drin, aber das ist nicht weiter schlimm. Wenn Du Dich noch etwas weiter mit dem Schreiben beschäftigst -und das hoffe ich doch- dann sind auch die schnell Geschichte. ;)

    Alles in Allem kann ich nur sagen, dieser Text liest sich schon um einiges besser. Du hast unsere Vorschläge schön umgesetzt. Vielleicht hast Du ja lust noch eine andere Übung zu machen. Ich würde mich jedenfalls freuen mal wieder was von Dir zu lesen.

    Dienstag, 4. September 2018 22:11
  • Hallo Anja
    Danke für Deine Mühe mit meinem Text.
    Wäre es ein Schnitt in den Finger gewesen, hätte ich Angelika lauthals wie einen Kutscher fluchen lassen.
    Dieser Schnitt ins Fleisch ist eine Metapher und sie findet weitere Erläuterung in den folgenden Sätzen.

    Wahrscheinlich käme es bei der Leserin besser an, wenn es so geschrieben wäre?

    Sie setzte mit dem Skalpell einen entschiedenen Schnitt durch einen Dichtungsgummi. Jedes Mal, wenn sie auf diese Weise eine Probe zerstörte fühlte sie fast körperlichen Schmerz, spürte den Schnitt ins eigene Fleisch.

    Ich habe mir die Passage im Text noch einmal angesehen und, ja, da habe ich geschrieben „…, waren dieser Schnitt mit dem scharfen Messer.“
    Ist nicht eine Trennung zuweilen so etwas, wie das Herausschneiden eines Teiles von einem selbst? Ein Schnitt ins Fleisch, ein Riss in der Seele?

    Doch, Anja, die Bedeutung des Begriffs ‚One Night Stand‘ ist mir geläufig. Aber ich finde es fast schon amüsant, dass sowohl Du, als auch Frau Gogoll, in den Kommentaren meine Protagonistinnen an dieser Stelle unbedingt ins Bett schicken wollt – gemeinsam. Nicht die Eine ins Bett im Gästezimmer, die Andere ins Eigene. Die beiden bitten um etwas Geduld!
    Die anderen Fehler, lässliche Sünden, der Ungeduld beim Schreiben geschuldet.
    Ich werde jetzt die Geschichte vollständig schreiben und mich dann damit wieder melden.

    Deshalb sollte man, bevor man anfängt, »richtig« zu schreiben, ein paar Schreibübungen machen. Wie die Pianistin, die zuerst stundenlang Tonleitern übt, bevor sie das erste Lied spielt.

    Genau das war es, was ich mit meinem ursprünglichen Text wollte. Aber jetzt ist daraus eine Idee geworden, die zu mehr taugen könnte.

    Mittwoch, 5. September 2018 12:15
  • Anja

    Uli Permalink

    Es geht auch mir nicht darum, dass ich unbedingt Angelika und die Kellnerin im Bett haben will. Also gemeinsam. ;) Es geht hier mehr darum, dass Du uns erzählen musst, warum Angelika es dann doch nicht tut, wenn sie schon auf alles vorher eingeht. Also was ist in Angelika abgegangen, dass sie im Restaurant noch wollte, sie auf das Angebot der Kellnerin eingegangen ist, sie mit nach Hause nimmt und sie dann im letzten Moment doch zurückweist?

    Z.B
    Als Angelika im Restaurant sass, da dachte sie die Kellnerin gefällt ihr und es ist schon lange her seit sie eine Frau hatte. Also denkt sie sich: Ok, einen One-night-stand mit der Kellnerin wäre was Tolles. Die Erinnerung an die Ex könnte kurz aufblitzen und ihre Aussage, aber das wischt Angelika schnell wieder weg und verdrängt den Gedanken.
    Zu Angelikas Überraschung macht die Kellnerin den ersten Schritt und macht ihr ein ziemlich eindeutiges Angebot. Da Angelika ja bereit auch schon an Sex mit der Kellnerin gedacht hat, willigt sie ein und nimmt die Kellnerin heim.
    Auf dem Weg heim im Taxi, könnte Angelika das erste Mal zweifeln. Kann sie einfach mit einer fremden Frau Sex haben? Ist sie mutig genug dazu? Sie hat das noch nie gemacht oder sie könnte aus der Übung sein usw. Aber auch diese Gedanken verdrängt Angelika, weil sie insgeheim ihrer Ex beweisen will, dass sie sich geirrt hat und Angelika fähig ist zu lieben oder zum Sex oder was auch immer.
    Dann stehen die beiden vor der Tür, sie gehen hoch, Angelika wird nervös. Sie guckt die Kellnerin an, sie ist attraktiv und flirtet mit ihr. Die Kellnerin streichelt ihren Arm, Angelika wird heiss, es kribbelt, aber gleichzeitig steigt Panik in ihr hoch. Was hat sie sich nur dabei Gedacht, dass sie einfach so eine Frau mit nachhause genommen hat? Jetzt dreht sie am Rad. Sie sieht ein, dass ihre Ex recht hatte, dass sie wirklich nicht fähig ist zu lieben oder was immer ihre Ex behauptet hat.
    Angelika weicht zurück, die Kellnerin versucht sie zu küssen, ihr näher zu kommen. Angelika in innerer Panik bleibt nichts mehr übrig als die Kellnerin von sich weg zu stossen. So und jetzt, glaubst Du wirklich, dass Angelika einfach so das Zimmer verlässt, Bettwäsche holt und die Kellnerin sich dann ohne mit der Wimper zu zucken ins Gästebett legt und schläft? Ich glaube nicht. Ich glaube die Kellnerin wäre als erstes sehr verwundert über die Zurückweisung, würde Angelika fragen was los ist und ob sie etwas falsch gemacht hat. Sie würden darüber reden. Dann könnte Angelika ihr etwas vorlügen oder ihr ehrlich den Grund nennen. Und dann könnte Angelika der Kellnerin anbieten ihr ein Taxi zu rufen, da ich mir fast sicher bin, dass die Kellnerin nicht bei Angelika übernachten will nach so einer Zurückweisung, auch wenn Angelika die ganz höflich rübergebracht hat.

    Das sind alles Dinge, die Du in Deiner Geschichte rüberbringen musst. Du kannst es Deine Figuren denken lassen oder sie können darüber sprechen. Du kannst es durch ihre Körperhaltung ausdrücken usw. Aber es reicht nicht, wenn Du es für Dich in Deinem Kopf weisst, Du musst es mir, der Leserin erzählen.

    Auch wenn sich das nach viel anhört, es ist es nicht. Das ist Handwerk und Du bist auf dem besten Weg das zu lernen. Nur Mut und weitermachen.

    Mittwoch, 5. September 2018 16:24
  • Ruth Gogoll

    Uli Permalink

    (...) meine Protagonistinnen an dieser Stelle unbedingt ins Bett schicken wollt – gemeinsam. Nicht die Eine ins Bett im Gästezimmer, die Andere ins Eigene. Die beiden bitten um etwas Geduld!
    Das liegt daran, weil wir hier bei el!es sind. 😉 Aber Du kannst das ganz nach Deinem Geschmack gestalten. Dann würde ich mir allerdings noch etwas mehr Gedanken dazu wünschen, warum etwas, was nach dem Hergang der Geschichte zu erwarten war, jetzt nicht passiert. 😎

    Warum ist die Kellnerin doch relativ aggressiv mit ihrem Annäherungsversuch im Restaurant (wer tut so etwas, wenn sie nichts von der anderen Frau will?), und dann geht sie überhaupt nicht mehr darauf ein? Warum lässt die andere Frau sich darauf ein, sie mit nach Hause zu nehmen, tut dann aber auch nichts mehr? Und keine von Beiden macht auch nur den Versuch zu testen, ob sie die andere richtig verstanden hat. Warum jetzt nichts passiert.

    Und sie reden auch nicht darüber? Es gibt auch keine Gedanken der Hauptperson dazu, dass sie ihr Begehren zurückhalten muss, dass ihr gleich fast der Kopf platzt vor Sehnsucht und vor Verlangen? Wozu war das Ganze dann gut? Dann erscheint das alles ziemlich ziellos. Darum geht es.

    Also warum bietet die eine sich für einen One-night-stand an, verzichtet aber darauf, und warum nimmt die andere die Einladung zu einem One-night-stand an, besteht dann aber ebenfalls nicht darauf, unternimmt noch nicht einmal einen Versuch, die andere zu küssen? Was wollen die Beiden voneinander, wenn es nicht Sex ist? Das musst Du klarmachen.

    Mittwoch, 5. September 2018 13:01
  • Hallo Frau Gogoll

    Ich verstehe Ihre Ungeduld, sogar den Unmut, den ich Ihren Zeilen entnehme.
    Was die Ungeduld betrifft, geht es mir genauso. Ich möchte die Geschichte so schnell wie möglich weiterschreiben, zum Ende bringen.
    Der Plot, der mir im Kopf umgeht, verbietet es, auf all das, was Sie hier einfordern, vorzeitig einzugehen, es würde das Ende überflüssig machen und jegliche Spannung aus der Geschichte
    nehmen.
    Es geht um Liebe, Vertrauen, Veränderung. Nicht um Sex, jetzt nicht. Sex kommt möglicherweise gar nicht vor. Ist für die Geschichte nicht notwendig.

    „One night stand“, war es das, was sie wollte? Nein, unmöglich.

    Vielleicht ist mit diesem kleinen Zusatz ein wenig geholfen oder ich streiche einfach den ganzen Passus.

    Mittwoch, 5. September 2018 14:58
  • Ruth Gogoll

    Uli Permalink

    Nein, nein, nein, darum geht es nicht. 😄 Und Unmut ist das letzte, was ich empfinde. Im Gegenteil. Ich freue mich, dass Du Dich so mit der Schreiberei beschäftigst und Dich auch verbessern willst. Hast Du auch schon getan durch die Überarbeitung. Mir geht es immer nur um das Handwerk, darauf laufen alle meine Hinweise hinaus.

    Mir ist aufgefallen, dass Du schon von Anfang dann immer noch so einen zusätzlichen Satz anbietest, als hätten wir irgendetwas falsch verstanden. Darum geht es nicht. Es geht darum, dass Du die Spannung und die Dramaturgie handwerklich korrekt aufbaust. Wenn die Leserin etwas anderes erwartet als das, was Du ihr vermitteln willst, hast Du handwerklich etwas falschgemacht. Das ist absolut nicht schlimm. So ist es uns allen als Anfängerinnen gegangen. Mir geht es aber darum, dass Du diesen Fehler erkennst und verbesserst. Natürlich wäre es auch schön, die Geschichte zu Ende geschrieben zu lesen, aber auch die fertiggeschriebene Geschichte muss dramaturgisch korrekt aufgebaut sein, und das geschieht eben schon hier.

    Ein zusätzlicher Satz ist es nicht, was hier fehlt. Was hier fehlt, ist die Charakterisierung der Figuren, aus der wir entnehmen könnten, warum sie so handeln, wie sie handeln. Was hier auch noch fehlt, ist Show don't tell. Aber das ist sogar fast nebensächlich gegenüber der fehlenden Charakterisierung der Figuren. Die Figuren machen die Geschichte. Das heißt, Du musst uns ganz genau vermitteln, was die Figuren fühlen, wie sie sind, warum sie etwas tun, was sie tun. Aber nicht, indem Du es sagst, also einfach noch einen Satz hinzufügst, sondern indem Du sie durch alles, was sie sagen, und noch mehr durch das, was sie tun, so charakterisierst, dass wir wissen, warum sie sich so verhalten, wie sie sich verhalten, ohne dass Du es konkret sagen musst.

    Das ist das, wozu diese Übungen hier da sind. Und das ist auch das, was wir im richtigen Forum jeden Tag tun: unser Handwerk überprüfen und verbessern. Ohne Ungeduld, wenn es geht, denn das ist ein langwieriger Prozess. Aber ich denke, es lohnt sich. Du hast sehr großes Potenzial, und ich hoffe, dann nächstes Jahr oder so mal einen Roman von Dir zu lesen, der dieses ganze Potenzial ausschöpft. Darauf freue ich mich schon. 😎

    Mittwoch, 5. September 2018 15:28
  • Uli

    Permalink

    Hallo Anja

    Dein Kommentar ist ja fast so lang wie der Text.
    Mein erster Gedanke dabei war: nicht gut. Nicht gut für mich.
    Dank aber trotzdem dafür.
    Du hast den Text also nicht einfach so gelesen, Du hast Dich sehr ausführlich damit beschäftigt. Mit der Technik und dem Inhalt. Und was Du alles vermisst!
    Zur Technik: ich habe den Text in Word geschrieben, habe ihn korrigiert und dann kopiert. Dabei ging kursiv verloren und die Silbentrennungen stehen jetzt verloren und unmotiviert mitten in den Zeilen. Sollte so nicht wieder vorkommen. Beim Kampf mit oder gegen Satzzeichen werde ich wohl immer auf der Seite der Verlierer stehen.
    Zu der Vielzahl Deiner Fragen! Ich schwanke zwischen es jetzt und hier beantworten oder die Geschichte überarbeiten.
    Dabei hätte es nur eine Fingerübung sein sollen. Was kann ich aus diesen vorgegebenen Wörtern in kurzer Zeit machen?
    Mal schauen ob ich noch etwas Butter bei die Fische gebe.

    Die Frage nach dem, was die Kellnerin macht, ist einfach zu beantworten. Alles das, was Du beobachtest, wenn Du in einem Restaurant bist und Blick auf den Tresen hast. Und nein, die beiden flirten nicht, zwinkern sich nicht zu, berühren sich nicht zufällig. Das würde nicht zur Begrüßung durch die Kellnerin passen. Aber gerade darin liegt für mich der Zauber dieser Begegnung.

    Viele andere der von Dir so empfundenen Leerstellen sind Teil eines Fehlers, der mir immer wieder unterläuft: wenn ich es weiß, dann wissen andere es doch auch. Aber nicht immer und in einer Geschichte sollte es erzählt werden.

    Allerdings was den Sprung mit der Zeit angeht, der ist Absicht.
    Die beiden sitzen gemeinsam im Taxi und wissen nichts voneinander, nicht einmal die Namen. Sie sind auf dem Weg zu Angelikas Wohnung. Sie gibt also ihre Anonymität auf, ohne Gegenleistung, lässt alle Vorsicht außer Acht. Die Aussage, dass sie es am Tag danach denkt und dass es da für beide zu spät ist, steht für mich für eine Zukunft der beiden und damit möglicherweise der Geschichte.
    Ach ja, Sex wäre an dieser Stelle einer ausführlichen Geschichte noch zu früh.


    Aber ich habe doch einen allerletzten Satz, vielleicht versöhnt er etwas?

    Dann dachte sie nur noch an das Geheimnis, das auf Armlänge neben ihr saß.

    Freitag, 31. August 2018 16:32
  • Ruth Gogoll

    Uli Permalink

    Silbentrennung in Word abschalten, und die Kursivstellen im Worddokument mit „Suchen und Ersetzen“ so markieren, wie sie dann hier im Kommentar markiert sein müssen, damit sie als kursiv erscheinen.

    [i]kursiv[/i]
    Das kann man in Word als Makro abspeichern und jedes Mal wieder aufrufen, wenn man etwas hier in einem Kommentar einstellen will. Man kann das Makro auch so aufnehmen, dass die Silbentrennung zum Schluss wieder eingeschaltet wird, wenn man gern mit der Silbentrennung arbeitet. Dann wird das alles mit nur einem Klick erledigt.

    Die Frage nach dem, was die Kellnerin macht, ist einfach zu beantworten. Alles das, was Du beobachtest, wenn Du in einem Restaurant bist und Blick auf den Tresen hast.
    Das steht aber nicht im Text. Dazu müsste Angelika sich Gedanken machen. Anscheinend findet sie die Kellnerin ja attraktiv, also beobachtet sie sie und nimmt alles wahr, was sie tut. Das erzeugt wiederum eine Reaktion in Angelika, die Du – ebenso wie ihre Beobachtungen – als Autorin der Leserin mitteilen musst.

    Ach ja, eine Kleinigkeit noch: »Ich warte vor der Tür auf Sie«? Wirklich? Siezen sie sich nachher im Bett dann auch noch? 😏 Ich denke, diese Art Einladung erfordert doch eher ein »Du«. 🙂

    Anfängerinnen und unerfahrene Autorinnen machen jedoch alle genau dieselben Fehler, die Du hier gemacht hast. Das ist überhaupt nicht schlimm. Deshalb habe ich die Schreibwerkstatt hier ja eingerichtet und biete die Schreibübungen an. Dadurch kommen diese Fehler zutage und man kann daran arbeiten.

    Insbesondere wenn man so gut schreiben kann wie Du, lohnt sich das auf alle Fälle. Deshalb freue ich mich schon auf die überarbeitete Fassung, in der Angelika sich Gedanken über die Kellnerin macht und in der der Zeitsprung so beschrieben wird, dass man als Leserin nicht verwirrt ist. 😎

    Samstag, 1. September 2018 11:00
  • Ich habe eine technische Frage (Neuling): wenn ich an einem Text weiterarbeite und diesen einstelle, ist es dann sinnvoll, den gesamten vorherigen Text wieder mit einzustellen oder einfach nur den neuen Teil?

    Danke für die Antwort

    Montag, 3. September 2018 18:02
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