Wie schreibt man einen Liebesroman? (Teil 1)

Da die Frage nach der Schreibwerkstatt in Buchform gestellt wurde, hier der Anfang dieses Buches. Das es noch nicht gibt, aber wahrscheinlich geben wird (wenn ich es schaffe, die Schreibwerkstatt hier unterzubringen ;)).

 

Einleitung

Zuerst einmal: Es gibt viele verschiedene Sub-Genres im Bereich des Liebesromans. Das ist für den Anfang sehr verwirrend. Für mich persönlich gab es diese Genrediskussion nie, ich wollte immer etwas schreiben, das im Hier und Jetzt spielt. Deshalb befasst sich dieser Ratgeber auch ausschließlich damit, was im Liebesromanbereich Contemporary heißt, also Gegenwartsliebesroman. Hinzufügen könnte ich als Untereinteilung höchstens noch: mit oder ohne Sex.

Oftmals wird für Sex „Erotik“ eingesetzt, aber ich finde, das ist nicht die richtige Wortwahl. Jeder Liebesroman, auch wenn er keine explizit erotischen Szenen enthält, sollte erotisch sein. Gemeint ist damit, dass es unmöglich ist, nichts Erotisches zu fühlen, wenn man sich in einen Menschen verliebt. Einen Liebesroman ganz ohne erotische Anklänge zu schreiben, ist also ebenfalls unmöglich, wenn man dieses Gefühl des Verliebtseins einigermaßen angemessen wiedergeben will.

Einen Liebesroman ohne expliziten Sex zu schreiben hingegen ist sehr gut möglich. Sei es, weil man es nicht mag, diese intimen Details so ausführlich zu beschreiben, sei es, dass man die genauen Einzelheiten lieber der Phantasie der Leserin überlassen möchte, damit sie die vorgegebene Situation selbst mit den Details füllen kann, die sie am erotischsten findet, ohne dabei von der Autorin bevormundet zu werden.

Liebesromane sind mit sehr, sehr großem Abstand die meistverkauften Bücher im Bereich der Romanliteratur. Wenn man einen Liebesroman schreibt, kann man also davon ausgehen, dass man etwas schreibt, wofür es ein großes Publikum gibt. Und dieses Publikum besteht zum allergrößten Teil aus Frauen. Das heißt, wir müssen uns als Liebesromanautorinnen keine Gedanken um „den Leser“ machen. Wir werden nur sehr wenige Leser haben, dafür aber eine Menge Leserinnen.

Diese Leserinnen haben gewisse Erwartungen, die durch die Unmengen an Liebesromanen, die es bereits gibt, geschult sind. Das ist eine zweite Sache, über die wir uns als Liebesromanautorinnen im Klaren sein müssen: Wir schreiben kein Werk, dessen Idee neu ist, dessen Plot noch nie in irgendeinem Buch zu finden war, für das wir uns als große Genies rühmen können.

Wir können nichtsdestotrotz großartige Schriftstellerinnen sein, aber Originalität können wir für unsere Werke nicht in Anspruch nehmen. Wir schreiben Unterhaltungsliteratur – oder um es noch klarer auszudrücken: Gebrauchsliteratur.

Also vergessen Sie gleich von Anfang an den Genie-Ansatz und alle Überlegungen, dass Sie jetzt eine originelle Geschichte erfinden müssen, die es noch nie zuvor gegeben hat.

Das müssen Sie nicht. Sie müssen nur so gut schreiben, wie Sie können, um die Leserinnen zu unterhalten.

Geben Sie den Leserinnen das, was sie suchen, und sie werden Ihr Buch kaufen. So einfach ist das.

Eine gute Voraussetzung dafür, den Leserinnen das zu geben, was sie suchen, ist, selbst so viele Liebesromane wie möglich gelesen zu haben. Es ist immer am besten, wenn man das Genre in- und auswendig kennt, für das man schreiben möchte.

Aber reicht es, eine hingebungsvolle Liebesromanleserin zu sein, um eine hervorragende Liebesromanautorin werden zu können?

Nein. Definitiv nicht.

Denn wovon alles abhängt, ist das Handwerk des Schreibens, für das ich nun schon mein halbes Leben lang so nachdrücklich werbe. Das Handwerk, überhaupt einen Roman schreiben zu können, wozu dann noch die Anforderungen kommen, die speziell auf Liebesromane bezogen sind: Gefühle so zu beschreiben, dass die Leserin meint, sie selbst zu erleben, wenn sie das Buch liest.

Das ist alles, worum es geht. Liebesromane handeln von Gefühlen, alles andere ist Beiwerk. Es geht um die große Liebe, um das, was uns im tiefsten Inneren berührt.

Diese Berührung sollte die Leserin spüren, wenn sie die Seiten Ihres Buches umschlägt – schneller und schneller, weil sie wissen will, wie es weitergeht.

Wenn Sie das schaffen, werden Sie Erfolg haben.

Einiges an Hinweisen, wie Sie es schaffen können, finden Sie in diesem Buch. Was Sie daraus machen, wird immer Ihre individuelle Art sein, ein Buch zu schreiben.

Handwerk bedeutet nicht, einen Baukasten zu haben, den man einfach nur zusammensetzen kann. Handwerk bedeutet, sich einen Rahmen zu schaffen, den man mit den eigenen Ideen – und noch viel wichtiger: mit den eigenen Gefühlen – füllt.

So wird jedes Buch, so sehr es auch dem Schema entsprechen mag, zu einem ganz besonderen Buch, das Ihre Handschrift trägt.

 

1 Allgemeines

Meines Erachtens kann man nicht zwischen Tür und Angel schreiben. Selbst wenn Sie ein Mensch sind, der sich gut konzentrieren kann, den das klingelnde Telefon oder ständige Unruhe durch hin- und herlaufende Personen nicht stören, sollten Sie sich überlegen, wo Sie schreiben wollen.

Ein Arbeitszimmer ist gut, aber es kann auch eine Wiese sein, eine Bank im Park, ein Café. Nur sollte es ein Platz sein, an dem Sie Ihre Inspiration fließen lassen können. Wir müssen keine Genies sein, um Inspirationen zu brauchen und zu haben. Wenn die Muse uns nicht küsst, geht gar nichts.

Also schaffen Sie die Voraussetzungen dafür, dass die Muse Sie küssen kann. Geben Sie ihr die Möglichkeit, sich bei Ihnen wie ein ständiger Gast einzunisten, vielleicht sogar zur guten Freundin zu werden. Bereiten Sie ihr einen Empfang, wie er einem Menschen, von dem Sie Inspiration erwarten, ebenfalls gebühren würde.

Wenn Sie sich also irgendwo niedergelassen haben und Ihre Muse auf eine Tasse Kaffee vorbeigekommen ist, denken Sie darüber nach, wie Sie gemeinsam die Heldin Ihres Liebesromans gestalten wollen.

Schon Sol Stein sagt in seinem klassischen Ratgeber Über das Schreiben, dass jede Geschichte mit den Figuren steht und fällt, insbesondere mit der Hauptfigur.

Dennoch kümmern sich viele Autorinnen nicht genug darum, dass diese Hauptfigur das Buch auch tragen kann. Vielleicht, weil – vor allem, wenn man Anfängerin im Schreiben ist – die Hauptfigur oft ein Alter Ego des eigenen Selbst ist. Man schreibt also eigentlich sein eigenes Leben auf, mit einigen Abwandlungen, die man sich wünscht, wie z.B. die Frau seines Lebens zu treffen und mit ihr glücklich zu werden.

Das ist ein guter Anfang, um zu üben, aber es ist bei Weitem nicht genug, um gute Liebesromane zu schreiben, die die Leserin mitreißen. Die Leserin möchte nämlich nicht über Sie lesen – selbst, wenn Sie ihre beste Freundin sind –, sondern die Leserin möchte sich selbst in Ihrem Buch wiederfinden, ihre eigenen Wünsche und Hoffnungen. Und sie möchte sie am Schluss des Buches erfüllt bekommen.

Denken Sie also daran, wenn Sie schreiben: Es geht nicht um Sie. Es geht um die Leserin.

Die Heldin Ihres Romans sollte all das widerspiegeln, was Sie und die Leserin sich von einer Frau wünschen:

  1. Sie sollte sympathisch sein.
  2. Sie sollte stark sein.
  3. Sie sollte intelligent sein.
  4. Sie sollte attraktiv sein.
  5. Sie muss eine verletzliche Seite haben, damit wir mit ihr mitfühlen können.

Fazit: Sie muss eine interessante und bewundernswerte Frau sein, mit der die Leserin sich gern identifiziert.

Für einen Liebesroman ist es sehr wichtig, dass die Leserin sich mit der Hauptperson identifizieren kann, denn nur dann wird der Leserin die Liebesgeschichte wie ihre eigene erscheinen und ihre Erwartungen erfüllen.

Die Heldin des Romans wiederum muss sich dann in eine Person verlieben, in die wir uns als Leserinnen ebenfalls verlieben könnten. Also muss auch diese andere Person gewisse Merkmale haben, die uns liebenswert erscheinen. Wenn die Heldin des Romans sich verliebt, müssen wir nachvollziehen können, warum sie das tut, wir müssen uns selbst in den Love Interest, wie es so schön auf Englisch heißt, verlieben.

In jedem anderen Ratgeber würde es an dieser Stelle nur um Männer als Love Interest gehen, aber da auf diesem Buch Ruth Gogoll draufsteht, muss auch Ruth Gogoll drin sein, und das bedeutet: Für mich kann der Love Interest nur weiblich sein.

Das ändert jedoch grundsätzlich nichts an der Struktur des Liebesromans oder des Handwerks, das man beachten und anwenden muss. Ob die Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen spielt, zwischen einem Mann und einer Frau oder zwischen zwei Männern, spielt überhaupt keine Rolle. Es geht immer um ein Liebespaar.

Da ich nur über Dinge schreibe, die ich kenne, werde ich mich hier in spezifischeren Fragen hauptsächlich auch auf das beziehen. Für den Anfang gibt es jedoch viele grundsätzliche Dinge, die eine Liebesromanautorin beachten muss, und da ich nicht nur Autorin, sondern auch Verlegerin bin, spreche ich aus Erfahrung, wenn ich die Hinweise gebe, die ich gebe. Denn alles, was ich anspreche, ist schon einmal (oder sagen wir lieber hundertmal) in irgendeinem der Manuskripte, die auf meinem Schreibtisch gelandet sind, falsch gemacht worden.

Was standardmäßig dazu führt, dass das Buch nicht veröffentlicht wird, weder in meinem Verlag noch in einem anderen.

Falls Sie dieses Schicksal für Ihr Manuskript vermeiden wollen, wäre es gut, wenn Sie einige Dinge beachten.

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Weiter zu Teil 2: Wie schreibt man einen Liebesroman? (Teil 2)

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People in this conversation

  • Ruth Gogoll
  • Sima
  • Ellen
  • Sima

    Permalink

    Eindrucksvoll dargestellt und somit eigentlich unmöglich, es falsch oder gar nicht zu verstehen ;). Jetzt wird mir einmal mehr bewusst, wie viele Dinge ich in meinem Manuskript nicht berücksichtigt habe, woran ich schlichtweg einfach nicht gedacht habe. Die Kritiken beim LLP haben den Anfang gemacht, und je mehr ich mich hier in der Schreibwerkstatt bewege, umso klarer bekomme ich eine Vorstellung davon, was ich ändern will und auch muss. Ich hoffe, es gelingt mir.

    Sonntag, 3. Mai 2015 20:04
  • Ruth Gogoll

    Sima Permalink

    Daran habe ich keinen Zweifel. ;) Der entscheidende Punkt ist eine sympathische Heldin. Sobald die da ist, entwickelt sich ganz von selbst auch eine sympathische Geschichte.

    Ich hacke immer wieder auf diesem Punkt herum, weil die eingereichten Manuskripte immer wieder zeigen, dass die Autorinnen sich darüber keine Gedanken machen. Mir persönlich ist es ein absolutes Rätsel, wie man auf den Gedanken kommt, eine unsympathische Heldin zu erschaffen, denn man muss ja sehr viel Zeit mit ihr verbringen, und da ist es doch unangenehm, wenn sie ein Miststück ist. Das scheint viele Autorinnen aber nicht zu stören.

    Es stört jedoch auf jeden Fall die Leserinnen. Warum sollte ich als Leserin ein Buch kaufen, in dem eine Frau die Hauptrolle spielt, die ich niemals zu mir nach Hause einladen würde? Oder in dem sogar zwei Frauen die Hauptpersonen sind, vor denen ich schreiend weglaufen würde, wenn ich sie kennenlernen würde?

    In einem Nicht-Liebesroman kann das ein Grund sein, warum man diese Figuren wählt, warum man sie beschreiben will, aber in einem Liebesroman ist das ein absolutes No-Go.

    Montag, 4. Mai 2015 8:22
  • Ellen

    Permalink
    Rated 5 out of 5 stars

    Das erste Sachbuchaus Ihrer Feder - ich stelle mir gerade vor, dass Sie an einem Pult stehen und über das Schreiben dozieren. Ein Hörsaal, bis auf den letzten Platz besetzt mit wissbegierigen Frauen, die gebannt zuhören ... die förmlich an Ihren Lippen hängen. :D
    Daraus könnte man vielleicht auch einen Roman machen, in dem die Schreibwerkstatt das Thema einer Vorlesung ist. Zwei Fliegen mit einer Klappe: Wissen und Unterhaltung.

    Freitag, 24. April 2015 15:08

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