Wie schreibt man einen Liebesroman? (Teil 2)

2 Die Grundlagen

Die eigene Muttersprache zu beherrschen ist ganz sicher die wichtigste Voraussetzung, wenn man schreiben will. Über Rechtschreibung und Grammatik müssen wir hier jedoch nicht reden, denn das ist selbstverständlich.

Doch selbst mit der besten Beherrschung der Sprache kann man ein langweiliges Buch schreiben, denn Rechtschreibung und Grammatik sind nichts weiter als Werkzeuge. Das wirklich Wichtige kann man nicht in Regeln festhalten, es findet in unserem Kopf statt.

Dennoch müssen wir uns einer Sache bewusst sein: Ein guter Liebesroman benötigt einige unverzichtbare Zutaten. Dazu gehören neben der Beherrschung der deutschen Sprache faszinierende Figuren und eine spannende Handlung.

Die Heldin des Romans muss sympathisch sein, und die Frau, die das Ziel ihrer Träume ist, muss so unwiderstehlich gezeichnet werden, dass jede Leserin sich nichts anderes wünscht, als mit ihr den Rest ihres Lebens zu verbringen.

Genauso wichtig ist jedoch die fesselnde Darstellung der Gefühle und eines emotionalen Konflikts, der die Beiden davon abhält, sofort glücklich zu werden. Dieser Konflikt wird bis auf die Spitze getrieben, wo alles aussichtslos erscheint, um dann in ein Happy End zu führen, das die Leserin mit einem Lächeln auf dem Gesicht und vielleicht auch Tränen in den Augen zurücklässt.

Wie man an erfolgreichen Liebesromanen aller Zeiten sieht, steht und fällt der Erfolg mit den Charakteren. Was wäre Vom Winde verweht ohne Scarlett O’Hara?

Deshalb ist es äußerst wichtig, sehr viel Zeit und Engagement auf die Entwicklung der Charaktere zu verwenden. Wie soll die Heldin sein? Wie soll die Angebetete sein?

Es ist von vornherein klar, dass es keine Geschichte gibt, wenn beide einfach nur nett sind, sich verlieben und dann glücklich Hand in Hand davonschlendern.

In einem Liebesroman dreht sich alles um Gefühle. Gefühle existieren aber nicht einfach im leeren Raum, sie sind verbunden mit Menschen, mit Personen.

Die beiden Hauptfiguren eines Liebesromans sind der einzige Grund, warum der Roman gelesen wird. Da mag es noch so viel Action oder andere Handlung geben, zum Schluss hängt alles davon ab, ob die Leserin diese beiden Personen mag und ob sie sich mit ihnen identifizieren kann.

Die Leserin muss sich vor allen Dingen mit der Heldin identifizieren können, aus deren Perspektive erzählt wird. Diese Heldin ist das Alter Ego der Leserin. Alles, was der Heldin zustößt, stößt auch der Leserin zu. Und alles, was die Heldin empfindet, empfindet auch die Leserin.

Wenn die Heldin sich verliebt, verliebt die Leserin sich auch. Wenn die Angebetete ebenfalls Anzeichen dafür zeigt, sich in die Heldin zu verlieben, verliebt sie sich gleichzeitig in die Leserin.

Deshalb ist es in einem Liebesroman kaum möglich, die Perspektive zu wechseln, denn es ist schwierig, sich in zwei Personen gleichzeitig zu verlieben. Besser ist es, man bleibt bei einer einzigen Perspektive. Plötzlich im Kopf der Angebeteten zu sein ist für die Leserin oft verwirrend. Manche Leserinnen mögen es, aber die meisten nicht.

Wenn man die Perspektive wechselt, ist es auch schwieriger, den Konflikt zu gestalten, denn ein Großteil des Konflikts beruht auf Geheimnis. Nicht zu wissen, was die andere denkt, und deshalb auch nicht zu wissen, wie sie handeln wird. Sobald ich beide Seiten kenne, nimmt das der Geschichte sehr viel Spannung.

Die Heldinnen des Romans müssen interessant genug sein, damit die Phantasie der Leserin in Gang gesetzt wird, sie müssen stark genug sein, die Handlung voranzutreiben, also handeln statt nur dazusitzen und darauf zu warten, dass etwas passiert, und sie müssen auf eine Art bewundernswert sein, die uns nasse Hände bekommen lässt, wenn ihr Happy End in Gefahr gerät.

Dennoch müssen sie, sollten sie keinesfalls perfekt sein. Perfektion kann in ein großes Problem ausarten, egal, ob man schreibt oder liest. Doch Heldinnen müssen es wert sein, die Hauptfiguren des Romans zu sein. Nebenfiguren können böse und unzuverlässig sein, ihr Fähnchen nach dem Wind hängen, doch die Heldinnen dürfen das niemals tun. Sie können nichts anderes sein als moralisch einwandfrei. Alles andere ist nicht akzeptabel.

Das heißt nicht, dass sie keine Fehler machen dürfen. Vielleicht befinden sie sich auch auf dem Weg, Fehler der Vergangenheit zu korrigieren und in der Gegenwart zu vermeiden, etwas wiedergutzumachen, das sie durch einen Fehler angerichtet haben (der natürlich niemals absichtlich geschehen sein darf. Aber wir sind alle menschlich).

Menschlich müssen auch die Heldinnen sein, aber deshalb müssen sie nicht unbedingt direkt aus der Realität unseres Alltags stammen. In der Tat sind Realität und Alltag das Langweiligste, was es gibt. Somit müssen die Heldinnen in der Realität verankert sein (selbst wenn es die Realität eines Fantasy-Romans ist), damit man sich mit ihnen identifizieren kann, aber sie müssen mehr widerspiegeln als das, was wir täglich erleben.

Ein Liebesroman erfordert mehr als ein liebenswertes und faszinierendes Paar. Das ist natürlich die wichtigste Voraussetzung, aber nicht nur muss die Leserin die beiden Liebenden interessant finden, die Beiden müssen sich auch gegenseitig interessant finden. Jede der beiden Personen muss etwas haben, das die andere fasziniert.

Dieses Interesse wird von mindestens zwei Voraussetzungen gespeist: Die erste ist das romantische Interesse, dieses besondere Gefühl, das Elektrizität durch den Raum fließen lässt, die Funken zwischen den Beiden überspringen lässt, bis sie sich nicht mehr dagegen wehren können, sich unwiderstehlich zueinander hingezogen fühlen.

Ebenso ausschlaggebend ist jedoch die zweite Voraussetzung: der Konflikt. Jeder gute Konflikt wird von den Figuren bestimmt, deshalb ist es wichtig, Figuren zu entwerfen, die einen Konflikt erzeugen können.

Der Schlüssel jedes guten Liebesromans ist die Heldin, die Hauptperson, die Person, aus deren Perspektive erzählt wird. Es ist ihre Geschichte.

Das Ende der Geschichte ist ein glückliches, ein Happy End, wenn die Heldin ihre Frau bekommt. Nur dann.

Die Heldin, ihre Art zu denken und zu fühlen, zu handeln und Entscheidungen zu treffen, ist der Dreh- und Angelpunkt des Romans. Was sie fühlt, fühlt auch die Leserin. Was sie sieht, sieht die Leserin. Was sie denkt, denkt die Leserin. Wie sie Menschen beurteilt, so beurteilt auch die Leserin das Umfeld des Romans und dessen Figuren.

Die Heldin des Romans ist nicht nur eine Frau, die die Leserin gern kennen würde, sie ist eine Frau, die die Leserin gern sein würde.

Bewusst oder unbewusst identifiziert sich die Leserin mit der Heldin. Alles, was der Heldin passiert, passiert auch der Leserin. Es ist nicht fiktional, sondern real.

Deshalb ist es wichtig, dass alle Reaktionen der Heldin realistisch sind, wie wenig realistisch auch immer die Situation ist, in der sie sich befindet.

Die Heldin wird vielleicht in etwas hineingeworfen, das sie noch nie zuvor erlebt hat. Und höchstwahrscheinlich hat es auch keine der Leserinnen erlebt, denn deshalb werden Liebesromane schließlich gelesen.

Die Reaktion muss jedoch dem entsprechen, was wir uns vorstellen können. Wenn es eine sehr bedrohliche Situation ist, darf die Heldin nicht einfach dastehen und die Schultern zucken, als ob sie sich in einem Spieleumfeld im Internet befinden würde. Sie muss angemessen reagieren. Entsetzt sein, Angst haben oder auch fieberhaft nach einer Lösung suchen, im Kopf oder mit handfesten Versuchen, beispielsweise aus einem Keller zu entkommen oder ihrer Angebeteten zu helfen, daraus zu entkommen.

Das wäre ein sehr konkreter Konflikt, mehr äußerlich als innerlich, aber die meisten – und die wichtigsten – Konflikte in Liebesromanen sind emotionaler Natur. Ein emotionaler Konflikt entsteht aus dem Charakter der Heldin.

Eine selbstsichere Heldin, die immer genau weiß, was zu tun ist, die sich nie in Frage stellt, sich höchst attraktiv und begehrenswert fühlt und keinen Zweifel daran hat, dass sie alles erreichen kann, was sie erreichen will, wird kaum je in einen emotionalen Konflikt geraten, und damit gibt es keine Geschichte.

Scarlett O’Hara ist am Anfang eine solche Heldin. Sie ist ein attraktives junges Mädchen, ein Teenager, und sie hält sich für den Nabel der Welt, um den sich alles drehen muss. Sie hat keinerlei Sorgen als die, was sie auf der nächsten Party anziehen soll und wen sie mit ihren flirtenden Blicken verrückt machen will.

Wenn es so bliebe, wäre sie eine langweilige Figur, und niemals hätte sie so viel Faszination ausüben können, wie es in „Vom Winde verweht“ der Fall ist.

Dann jedoch bricht ihre ganze Welt zusammen, der Krieg beginnt, und ihr Leben wird nie mehr so sein, wie es einmal war. Sie muss mit Dingen zurechtkommen, die sie sich auch nicht im entferntesten hätte vorstellen können. Lebensgefahr, Blut, Krieg, Tod, Verlust der liebsten Menschen und all dessen, was ihr Leben bisher ausgemacht hat.

Sie wird gezwungen, erwachsen zu werden. Und das schon in sehr jungen Jahren.

Dadurch wird sie zur Heldin – wenn auch wider Willen, denn sie hat nur die Absicht zu überleben und am liebsten all das wieder zurückzubekommen, was sie vor dem Krieg hatte.

Trotz all der äußeren Konflikte, die um sie toben, ist der tragende Konflikt des Romans dennoch ein innerer, ein emotionaler. Es ist die Liebe, die sie nicht haben kann.

So etwas ist für einen Liebesroman immer ein guter Konflikt.

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