Wie gestaltet man die Mitte eines Romans?

Jetzt habe ich es versprochen, also muss ich es wohl auch machen. 😉 Auf der el!es-Facebookseite wurde das Problem angesprochen, dass die Mitte eines Romans oft ein großes Loch ist, in dem sämtliche Spannung der Geschichte verschwindet.

Jantana hatte es nicht mehr geschafft, etwas für den LLP einzureichen, weil:

Ich für meinen Teil habe einen Anfang und ein Ende. Nur mit der Mitte hapert es ungemein. Daher bin ich nicht fertig geworden. 🙈

Meine Antwort darauf war:

Da bist Du nicht allein. 🤓 Es gibt ganz viele Autorinnen, die mit der Mitte Probleme haben. Das ist auch sehr schwierig. Denn der Anfang ist der Aufbau des Romans, da ist alles spannend, man entdeckt seine Figuren und seine Geschichte, das geht fast von selbst. Man weiß auch, wo das hinführen soll, nämlich in unserem Fall zu einem Happy End, also hat man auch den Schluss. Aber die Mitte, da muss man richtig arbeiten als Autorin. 😁 Da muss man die Spannung erhalten, den Konflikt entwickeln, die Figuren auch in der Tiefe, also psychologisch glaubwürdig gestalten. Vielleicht sollte ich in der Schreibwerkstatt mal einen neuen Artikel schreiben »Wie gestaltet man die Mitte eines Romans«. Da gibt es nämlich ganz berühmte Autorinnen und Autoren, die das auch nicht können. 😊

Und also löse ich mein Versprechen nun hier ein und schreibe den angesprochenen Artikel.

Zuerst einmal gibt es natürlich wieder zwei Fraktionen: die Bauchschreiberinnen und die Kopfschreiberinnen oder auf Englisch die Pantser oder Discovery Writer und die Plotter oder Outliner. Wer Englisch kann, weiß schon, dass Discovery auf Deutsch Entdeckung bedeutet, und darin liegt der ganze Unterschied zwischen den beiden Gruppen. Wir Discovery Writer entdecken unsere Geschichte beim Schreiben.

Leute, die plotten oder zuerst eine Outline entwerfen, entdecken ihre Geschichte nicht erst beim Schreiben, sondern schon vorher, nämlich dann, wenn sie einen groben Plan dafür entwerfen. Sie tun das jedoch nur skizzenhaft und nicht gleich in druckfertigen Szenen und Kapiteln wie wir Bauchschreiberinnen. Deshalb wäre es also durchaus empfehlenswert, sich zuerst einmal darüber klarzuwerden, welcher Gruppe man angehört.

Die meisten Leute fangen gleich mit Schreiben an, weil sie gar nicht die Geduld und oft auch nicht die handwerklichen Kenntnisse dafür haben, einen Plot für eine Geschichte zu entwerfen, aber das heißt nicht, dass alle diese Leute geborene Bauchschreiber sind. Möglicherweise fehlt es eben wie gesagt nur am Handwerkszeug.

Also ein kleiner Test: Schreibst Du gern im Voraus eine Einkaufsliste und kaufst dann genau das ein, was auf der Liste steht (mit der kleinen Packung Toffifee dazu, die zwar nicht auf der Liste stand, aber irgendwie in Deinen Einkaufskorb gewandert ist 😉), oder gehst Du einfach so los und entscheidest erst im Supermarkt, was Du kochen willst, je nach Lust und Laune und eventuell dem Angebot, was Du dort vorfindest und was Dich vielleicht gerade anmacht?

Das wäre dann so ungefähr der Unterschied zwischen einem Discovery Writer und einem Outliner. Der Outliner ist der mit der Einkaufsliste, der sich einen genauen Plan macht (mit ein bisschen Flexibilität wie dem Toffifee), der Discovery Writer marschiert einfach los und lässt sich vom Angebot inspirieren, zaubert daraus vielleicht ein Menü, das der Outliner schon vorher im Kopf hatte und wonach er seine Einkaufsliste gestaltet hat.

Beide Menüs können zum Schluss wunderbar sein (wenn beide Köchinnen kochen können), also daran ändert die Methode nichts. Aber wenn man eigentlich eine Einkaufsliste braucht und geht dann ohne Einkaufsliste los, könnte es sein, dass man die Hälfte der Sachen vergisst und das Menü dann nachher nicht so lecker ausfällt.

Das könnte also schon mal ein Grund dafür sein, warum es in der Mitte der Geschichte dann ein Loch gibt und es nicht weitergeht, einem nichts dazu einfällt. Man hätte sich vorher eine Einkaufsliste machen sollen, was man für diese Mitte braucht. Dann hätte man dieses Loch in der Spannung mit Leichtigkeit füllen können, und wenn man dieses Problem hat, sollte man zuerst einmal lernen, wie man eine Geschichte plottet, bevor man anfängt zu schreiben, also jede Szene und jedes Kapitel im Voraus in Stichworten aufschreiben.

Das ist relativ einfach. Überleg Dir, was in jedem Kapitel passieren soll, und schreib es auf. Denk dabei auch daran, dass sich die Spannung von Kapitel zu Kapitel steigern soll, also in jedem Kapitel irgendetwas am Ende stehen sollte, das die Spannung aufrechterhält, am besten ein Cliffhanger, der die Leserin ganz gespannt umblättern lässt, weil sie wissen will, wie es weitergeht.

Es kann aber auch sein, dass man eine geborene Bauchschreiberin ist und trotzdem ebenfalls ein Loch in der Mitte der Geschichte hat, wo die Spannung herunterfällt. Nicht ungewöhnlich. Da muss man sich dann überlegen (wenn man nicht zur Plotterin werden und gleich die oben beschriebene Methode benutzen will), warum fehlt mir in der Mitte da etwas? Was habe ich bis hier geschrieben und warum geht es nicht weiter? Wie sieht das Ende aus und wie komme ich da hin?

Viele Bauchschreiberinnen kennen das Ende ihrer Geschichte nicht, wenn sie anfangen, und auch noch nicht, wenn sie in der Mitte sind (ich bekenne mich da selbst schuldig, ich schreibe Kapitel für Kapitel, ohne dass ich weiß, was im nächsten Kapitel passieren wird, geschweige denn, wie das Ende aussehen wird), und da liegt ein großes Problem. Denn wie soll ich die Geschichte gestalten, wenn ich gar nicht weiß, was mit den Figuren passiert, wohin das führen soll? Da wäre also die Lösung, sich zuerst einmal ein Ende zu überlegen und dann die Geschichte so zu gestalten, dass sie zu diesem Ende passt. 

Jantana hat ja aber nun schon ein Ende, das kann also nicht das Problem sein. Was ist dann das Problem? Nun, da kommt die Psychologie ins Spiel (da ich nicht immer nur vom Handwerk des Schreibens reden will 🧐), die Psychologie der Figuren. Jede Figur hat ihre eigene Biographie, ihr eigenes Profil und kann sich nur im Rahmen dieses Profils bewegen. Jemand, der keine Fremdsprachen kann, wird nicht plötzlich anfangen, Chinesisch zu reden, so einfach aus dem Blauen heraus. Und genauso wenig kann eine meiner Figuren (oder eine von Jantanas Figuren) anders handeln, als die Autorin es angelegt hat.

Also überlege ich mir, was ist der nächste Schritt, den diese Figur nur machen kann? Was ist da psychologisch überhaupt möglich? Nehmen wir einmal an, zwei Frauen haben sich verliebt (ganz was Neues bei el!es 😄), sie schweben eigentlich auf Wolke 7, da stellt sich plötzlich heraus, dass eine der beiden verheiratet ist, eine ganz liebe Frau hat und die auch gar nicht verlassen will, ihr auch nicht sagen will, dass sie noch so ein kleines Techtelmechtel nebenher hat. Tja, was kann da nur die logische Folge sein? Konflikt. Sehr wichtig für jede Geschichte. Ohne Konflikt gibt es keine Geschichte. 

Und nun kommt es darauf an, wie ich meine Figuren psychologisch angelegt habe. Wie wird Figur A, diejenige, die gerade erfahren hat, dass ihre große Liebe verheiratet ist, reagieren? Geht sie auf das höchste Haus in der Stadt und springt hinunter? Schlägt sie ihre große Liebe oder stampft sie verbal in Grund und Boden? Geht sie zu der Ehefrau und klärt sie auf, will erfahren, was sie dazu sagt bzw. von ihr verlangen, dass sie ihre große Liebe freigibt?

Da gibt es natürlich noch Dutzende andere Möglichkeiten und daraus, für welche dieser Möglichkeiten ich mich entscheide, ergibt sich der weitere Verlauf der Geschichte, die Mitte.

Aber da ich es gerade erwähnt habe, es gibt auch noch einen anderen Grund, warum die Mitte des Romans quasi leer ist, nämlich: Es gibt keinen Konflikt. Das ist selbstverständlich das allergrößte Problem, denn ohne Konflikt keine Geschichte und ohne Geschichte kein Roman.

Doch auch da gibt es eine ganz einfache Lösung: Erfinde einen Konflikt zwischen den beiden Hauptfiguren, der sie für die ganze Mitte des Romans trennt und ihnen viel Leiden und Sehnsucht beschert, sie vor fast unüberwindliche Hindernisse stellt, bevor sie dann am Ende wieder zusammenkommen. 😎

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