Die schlechtesten Bücher sind autobiographische Bücher

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Und dann geht es weiter, Jahr für Jahr. Was war 1972, was 1973, was 1974 – mindestens ein Ereignis pro Jahr sollten Sie aufschreiben, bis zum heutigen Jahr. Und dann vergleichen Sie Ihre eigene Biographie mit der von Beate. Streichen Sie alles in Beates Biographie, was mit Ihrer eigenen übereinstimmt. Die beiden Biographien sollten sich grundsätzlich voneinander unterscheiden.

Es wird noch genug aus Ihrer eigenen Erfahrung in den Roman, den Sie schreiben, einfließen (das kann man gar nicht vermeiden), deshalb sollten wenigstens die Biographien unterschiedlich sein, möglichst weit voneinander entfernt.

Wir haben schon ein wenig Einblick in Beates Charakter erhalten, in Teil 6 der Schreibschule, aber bis jetzt ist Beate noch zu »normal«. Normale Menschen sind langweilig.

Ich bin zur Schule gegangen, habe eine Lehre gemacht (habe studiert), und jetzt gehe ich jeden Tag zur Arbeit, bekomme am Ende des Monats mein Gehalt, und davon zahle ich meine Miete, mein Essen, meinen Urlaub, mein Auto ab. Samstags gehe ich in die Disco.

Gibt es etwas Langweiligeres? Das ist ein Leben, das keinerlei Höhepunkte bietet, das zu viele Leute leben, als daß es interessant sein könnte. Nein, eine Romanfigur sollte schon etwas Exzentrisches haben, sie sollte anders sein als andere Menschen, in irgendeinem Aspekt nicht »normal«.

Also was hat Beate, was andere Leute nicht haben? Oder was will sie, was andere nicht wollen? Welche Träume hat sie, die anderen vielleicht bizarr erscheinen würden?

Wir könnten zum Beispiel annehmen, daß Beate ihr Traumland, in dem sie Urlaub gemacht hat, nie vergessen hat. Daß sie den Traum hat, dorthin auszuwandern, eines Tages, wenn sie es sich leisten kann. Wir könnten uns ausmalen, wie es wäre, wenn Beate ihr ganzes Leben auf diesen Traum abstellen würde. Sie lernt die Sprache des Landes, sie spart dafür, sie liest alles darüber, sie versucht über das Internet Leute kennenzulernen, die in dem Land leben.

Sie hat überhaupt nur Kontakt über das Internet mit Menschen, das könnte auch eine bizarre Eigenschaft sein. Sie hat kein Sozialleben, keine Freunde, keine Familie (die hat ja schon ihre Mutter im Stich gelassen), sie ist ganz allein, aber auf dem Internet findet sie Menschen, mit denen sie reden kann. Aber eben nur dort. Das ist sicherlich leicht exzentrisch, denn selbst Menschen, die viel im Internet unterwegs sind, haben meist auch noch persönliche Kontakte zu anderen Menschen, treffen sich mit Freunden und haben meist auch eine Familie.

Natürlich könnte sie sich auch Krankheiten einbilden, immer wieder zu Ärzten rennen und sich untersuchen lassen, cholerische Anfälle bekommen, wenn die nichts finden, jeden Tag annehmen, daß sie stirbt. Auch das wäre reichlich exzentrisch.

Also denken Sie darüber nach, welche exzentrische Eigenschaft Ihre Figur haben könnte. Sammelt sie merkwürdige Dinge, lebt sie lieber nachts statt tags, geht morgens ins Bett und steht abends auf, bildet sie sich Dinge ein, spricht sie lieber, umgibt sie sich lieber mit Tieren als mit Menschen? Und, und, und.

Wie überrascht Ihre Figur andere Menschen (und damit auch die Leserin)? Positiv, negativ? Was tut sie, was andere nicht tun würden, was man nicht erwarten würde? Was an Ihrer Figur ist übertrieben oder unwahrscheinlich?

Wie wollen nichts über Menschen lesen, die immer nur das tun, was man von ihnen erwartet. Das ist langweilig und uninteressant. Wir wollen in einem Roman besondere Figuren vorfinden, die eben genau das nicht tun, die etwas anderes tun, etwas, das sich von unserem Leben und dem Leben der Leserin unterscheidet.

Deshalb darf ein Roman niemals autobiographisch sein oder nur, wenn man ein extrem aufregendes, sich vom Normalen unterscheidendes Leben hatte. Sonst ist die Leserin gelangweilt.

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