Oh Gott, bloß kein Konflikt! 🤦🏻‍♂️ (2)

Viele Autorinnen scheuen sich vor Konflikten. Das führt dann zu sehr langweiligen Büchern. Schon oft habe ich mich gefragt, wie es kommt, dass Leute Geschichten schreiben, die gar keinen Konflikt enthalten. Das kann man natürlich machen, wenn man Tagebuch führt, wenn an einem Tag einmal nichts Interessantes passiert. Aber was wäre Harry Potter ohne die Konflikte? Würde das irgendjemand lesen wollen?

Das geht schon damit los, dass Harry in nicht besonders komfortablen Umständen lebt. Er hat keine Eltern mehr, er muss sich mit einem Verschlag unter der Treppe begnügen, und seine Verwandten, bei denen er lebt, behandeln ihn wie den letzten Dreck, demütigen und erniedrigen ihn, wo sie können, ignorieren seine nette Art und seine Talente, ganz zu schweigen davon, dass sie ihn in irgendeiner Weise anerkennen oder fördern würden. Dem wird dann sein Cousin gegenübergestellt, der dumm und faul ist, aber von seinen Eltern gepampert wird bis zum Gehtnichtmehr.

Das ist schon mal ein Konflikt, der gleich am Anfang auftaucht. Jedoch so schön der auch von J.K. Rowling beschrieben wird, zum Schluss ist dieser Konflikt nur etwas, das die ganze Geschichte farbiger macht. Inhaltlich hat er eigentlich keine Bedeutung. Dennoch stelle man sich mal vor, Harry wäre der verwöhnte Cousin. Würde die Geschichte dann auch noch funktionieren?

Eher nicht, oder? Das heißt, die Hauptfigur sollte sich schon in einem Konflikt befinden und nicht irgendein verwöhnter Teenager sein, dem seine Eltern alles erlauben und alles bezahlen. Denn so eine Figur wäre superlangweilig. Es geht also nicht nur um den Konflikt an sich, sondern in erster Linie um die Figuren. Sie allein tragen die Geschichte, entwickeln die Geschichte, treiben sie voran. Ein Konflikt ohne Figuren ist gar nicht vorstellbar. Und meistens sind die Konflikte auch nur so gut wie die Figuren.

Wie interessant wäre eine Geschichte um einen Teenager, der ein schönes großes eigenes Zimmer hat, immer den neuesten Computer und das teuerste Handy, immer die neuesten angesagten Marken- und Designer-Klamotten, den seine Eltern lieben und für den sie alles tun? So eine Figur kann nur langweilig sein. Und wenn man ein solches Leben beschreibt, ist auch die Geschichte langweilig. Was für Konflikte kann ein solcher Teenager haben? Wie er am besten sein Geld hinausschmeißt? Wie Harper und Skylar, die nicht wissen, was sie mit ihrem Geld anfangen sollen und denen keiner Grenzen setzt?

Also Harper (oder Paris Hilton) gegen Harry. Wer ist interessanter? Ganz klar Harry. Weil er Probleme hat. Aber auch – und das darf man nicht vergessen – Talente, die er im weiteren Verlauf der Geschichte entwickeln kann, an denen er als Mensch wachsen kann. Ein völlig unbegabter Harry Potter, der immer nur dumm dasitzt und aus der Wäsche guckt, nichts unternimmt, nichts lernt, wäre auch sehr langweilig.

Was ist die Folge dieser Überlegung? Harper muss Probleme haben oder welche bekommen. Sie könnte ihr ganzes Vermögen verlieren, auf der Straße sitzen, sich einem Job suchen müssen (was sich schwierig gestalten würde, weil sie ja nichts kann außer Party machen. Und auch ihr Benehmen lässt zu wünschen übrig, denn Vorgesetzte oder Autorität, Regeln oder Verbote kennt sie nicht und akzeptiert beziehungsweise respektiert sie nicht). Oder sie könnte sogar ihr Geld behalten, aber trotzdem Probleme bekommen. Und da muss man sich jetzt überlegen: Welche Probleme?

Auch reiche Leute haben Probleme, auch wenn man sich das kaum vorstellen kann, wenn man nicht so reich ist. In der Tat verursacht Geld manchmal mehr Probleme als arm zu sein. Nur sind die Probleme anderer Art.

Was hätte Tiffany beispielsweise finanziell zu verlieren? Gar nichts. Denn sie ist arm und hat nichts. Was hätte Harper finanziell zu verlieren? Eine Menge. Das kann einem schon Sorgen machen, wenn man einmal darüber nachdenkt. Denn durch viel Geld wird man für eine ganze Menge Leute auf eher unerwünschte Art interessant. Für Diebe und Betrüger, wie man sich gut vorstellen kann. Auch für Liebesbetrügerinnen, Goldgräberinnen, die nur das Geld wollen, denen der Mensch aber egal ist.

Selbstverständlich gibt es auch noch andere Probleme als nur finanzielle. Auch wenn Tiffany arm ist, kann sie in ihrem Privatleben vergleichsweise glücklich sein. Wenn ihr Geld nicht so viel bedeutet, dass sie die ganze Zeit darum trauert, keins zu haben. Aber wenn man nie Geld hatte, vermisst man es auch nicht so sehr wie jemand, der immer reich war und gewöhnt, sich alles kaufen zu können. Dennoch ist der eigene Lebensunterhalt wichtig, und Tiffany ist auf ihren Job angewiesen, um überhaupt ihre Rechnungen bezahlen zu können wie Miete, Strom und Wasser. Und vielleicht einen sparsamen Lebensmitteleinkauf, der sich nur auf Dinge beschränkt, die man tatsächlich essen muss, um am Leben zu bleiben, nicht auf Süßigkeiten oder sonstige Extras. Jedoch sogar das Wasser aus der Leitung, das Tiffany trinkt, muss sie bezahlen.

Diese Probleme hat Harper natürlich nicht. Wenn sie überhaupt Wasser trinkt, dann das teuerste importierte Mineralwasser aus Frankreich. Auch wegen dieser großen Unterschiede lasse ich diese Geschichte in Amerika spielen, denn dort gibt es die soziale Hängematte, an die man in Deutschland gewöhnt ist, nicht. Der amerikanische Staat schert sich nicht im geringsten um das Wohlergehen seiner Bürger, und Sozialleistungen gibt es nur in sehr geringem Umfang. Während in Deutschland jeder eine Krankenversicherung hat, haben die in Amerika nur reiche Leute, weil arme Leute es sich nicht leisten können, eine Krankenversicherung zu bezahlen. Ganz zu schweigen von Arbeitslosengeld, Krankengeld, Urlaubsgeld und Rente. Wenn in Amerika Schulferien sind, müssen die Lehrer sich während der Zeit einen anderen Job suchen, weil sie während der Ferien nicht bezahlt werden. Das sollte man mal von einem deutschen Lehrer oder einer deutschen Lehrerin verlangen. 😉 In Amerika wird man nur bezahlt, wenn man arbeitet. Wenn man krank ist oder im Urlaub, nicht. Weshalb es auch keine so langen Urlaube gibt. Die meisten müssen sich mit ein oder zwei Wochen im Jahr begnügen. Wenn sie denn überhaupt das Glück haben, die ein oder zwei Wochen bezahlt zu bekommen. Oder überhaupt Urlaub zu bekommen. Denn manche Arbeitgeber erwarten einfach, dass man immer da ist. Nach einer Woche Urlaub könnte man zurückkommen und keinen Job mehr haben.

Deshalb also Amerika als Schauplatz, denn dort ist das Leben verglichen mit Deutschland für arme Menschen sehr, sehr hart. Das heißt nicht, dass es in Deutschland nicht auch hart ist, kein Geld zu haben, aber mit Amerika lässt sich das trotzdem immer noch nicht vergleichen. Dort leben alte Leute, alte Frauen, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben, auf der Straße, weil sie nicht genug Geld haben, sich eine Wohnung leisten zu können oder auch nur Essen. Keinen kümmert das. Wenn man kein Geld hat, existiert man einfach nicht und sollte doch besser gleich sterben. Amerika ist in vieler Hinsicht immer noch ein Pionierland, nicht wirklich zivilisiert. Das Recht des Stärkeren gilt fast überall, und das bedeutet, nur der hat das Recht zu überleben, der dieses darwinistische Prinzip erfüllt, entweder weil er körperlich stark ist oder reich.

Tiffany ist also am untersten Ende dieser Skala, Harper am obersten. Aber trotzdem soll Harper Probleme bekommen, es muss Konflikte geben. Geld kann es nicht sein, also was dann? Da bleiben fast nur noch psychische Probleme. Was nicht bedeutet: eine psychische Krankheit, sondern Gefühle. Gefühle sind ein Ausdruck der Psyche (und unserer Hormone, die aber auch die Psyche steuern), und da kann man so reich sein, wie man will, weder seinen Hormonen noch seiner Psyche kann man entfliehen. Das könnte auch Harper schon einmal bemerkt haben. Oder sie bemerkt es jetzt. Mit Tiffany.

Da wir hier bei el!es sind, geht es logischerweise um einen ganz besonderen Teil der Psyche, um ein ganz besonderes Gefühl: die Liebe. 😃

Denn das ist etwas, das sich Harper selbst mit all ihrem Geld nicht kaufen kann. Was sie kaufen kann, ist vorgespielte Liebe. Leute, die sich ihr an den Hals werfen, weil sie reich ist. Und vielleicht hat sie das am Anfang sogar für echt gehalten. Aber dann musste sie erkennen, dass es keinem von diesen Leuten um sie geht. Wer sie ist, wer Harper Collins wirklich ist, was sie denkt, was sie fühlt, was sie sich wünscht und wovon sie träumt, das interessiert niemanden. Das einzig an ihr Interessante ist ihr Geld. 

Egal ob das ihre „Fans“ aus dem Internet sind oder Leute, die sie persönlich kennenlernt, ihre sogenannten „Freunde“, für Harper interessiert sich niemand wirklich. Auch Tiffany kennt sie nicht, bewundert sie aber, das jedoch nur aufgrund all der Äußerlichkeiten, die sie im Internet mitbekommt. Das Unwichtigste überhaupt.

Wenn Harper dadurch zynisch geworden ist, könnte das schon mal zu einem Konflikt führen. Denn Tiffany ist eindeutig ein Fan. Wenn Harper das erfährt, rollen bei ihr alle Jalousien runter. Bewunderung dieser Art hält sie grundsätzlich für gespielt, und selbst wenn Tiffany ihr sagen würde, dass sie sie liebt, würde Harper das nicht glauben. Weil sie denkt, Tiffany sagt das nur, weil Harper reich ist und Tiffany arm. Weil Tiffany von Harpers Reichtum profitieren will.

Nun, da haben wir doch einen Konflikt, oder?

Tiffany verliebt sich in Harper, aber Harper glaubt, dass Tiffany sie nur belügt, um an ihr Geld zu kommen.

Sehr klassisch, aber trotzdem immer wieder gut. 😎 Über diesen Konflikt können wir uns jetzt also weiter Gedanken machen.

Das geht aber nur, weil wir uns zuerst einmal überlegt haben, wie unsere Figuren sind.

Und das ist jetzt ein Hinweis an alle Autorinnen: Wenn Ihr Euch nicht über Eure Figuren im Klaren seid, sie ganz genau kennt, zu jedem Zeitpunkt wisst, wie Eure Figuren reagieren würden, dann bekommt Ihr Probleme beim Schreiben.

Dann wird es weder einen interessanten Konflikt geben noch eine interessante Entwicklung in der Geschichte, die die Leserin gespannt jede Seite umblättern lässt, um zu erfahren, wie es weitergeht.

Dann legt die Leserin das Buch schon nach den ersten Seiten zur Seite und greift sich ein anderes, spannenderes.

Und das wollen wir doch nicht, oder? 😉

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