Wie schaffe ich es, einen Roman zu Ende zu schreiben?

So einfach ist das mit dem Schreiben eines Romans natürlich nicht, wie ich das gestern scherzhaft am Ende des Artikels gesagt habe. 😉 Aber die geistige Vorbereitung ist auf jeden Fall von Vorteil, wenn man tatsächlich im November jeden Tag mindestens 1667 Wörter schreiben und am Ende des Monats 50.000 Wörter zusammenhaben will.

Der NaNoWriMo ist ein Termin, der einen dazu bringen soll, den Roman, den man immer schon schreiben wollte, auch tatsächlich zu schreiben. Wenn man keinen Termin hat, fängt man vielleicht gar nicht erst damit an, den Roman zu schreiben. Oder man fängt an, aber man bleibt spätestens in der Mitte stecken, schreibt den Roman nie zu Ende.

Für mich bewirken Drucktermine dasselbe. Ich habe viele Bücher nur zu Ende geschrieben, weil es einen Drucktermin gab, an dem das Buch gedruckt werden musste. Weil die Buchhandelsvorschau bereits ein halbes Jahr vorher an die Buchhändler geschickt werden muss, damit sie vorbestellen können, standen dort manchmal Bücher drin, die ich noch gar nicht geschrieben hatte. Meistens hatte ich sie angefangen, aber sie waren noch lange nicht fertig. Wenn der Drucktermin dann immer näher rückte, musste ich die Bücher fertigschreiben. Manchmal wurden sie erst ein paar Tage vor Drucklegung fertig, sodass sie gerade noch so gesetzt werden und die Druckdatei an die Druckerei geschickt werden konnte. Es gäbe wahrscheinlich lange nicht so viele Bücher von mir, wenn es keine Drucktermine gäbe. 😉

Und das ist auch Sinn und Zweck des NaNoWriMo. Insbesondere heutzutage, wo es nicht einmal mehr Drucktermine gibt, man ein Buch schreiben und es dann einfach als eBook hochladen kann, gibt es zu wenig Druck von außen, um ein Buch fertigzuschreiben. (Und auch zu wenig Druck von außen, dass man wenigstens die eigene Muttersprache beherrschen sollte, Rechtschreibung und Grammatik, wenn man Bücher schreiben will. Selfpublishing macht’s möglich. Aber das ist ein anderes Thema.)

Viele Leute, die nicht schreiben, fragen sich wahrscheinlich, warum jemand, der schreiben will, überhaupt Probleme damit hat, ein Buch fertigzuschreiben. Denn er beziehungsweise sie will das doch. Oder nicht?

Oftmals ist es aber so, dass man eine Idee hat, vielleicht sogar nur eine Szene, die einem gut gefällt, aber man hat keine Geschichte. Dann schreibt man diese eine Szene, vielleicht auch noch eine andere, die einem gut gefällt, oder sogar viele einzelne Szenen, die für sich sogar gut sind, aber die Szenen passen nicht zusammen, ergeben keine Geschichte, wo sich von einer Szene zur nächsten, von einem Kapitel zum nächsten etwas weiterentwickelt. Deshalb gibt es dann zum Schluss kein Buch. Im Grunde genommen müsste man aus jeder dieser einzelnen Szene ein eigenes Buch, eine eigene Geschichte machen.

Möglicherweise liegt das daran, wie wir leben, wie unsere Umwelt heutzutage ist. Filme und Fernsehserien enthalten oftmals nur sehr kurze Szenen, schnelle Schnitte, viele Figuren, auf die gar nicht näher eingegangen wird. Während man früher abends mit der Familie zusammensaß, sich gegenseitig Geschichten erzählte, vielleicht auch Geschichten aus Büchern vorlas, einen sehr beschränkten Freundeskreis hatte, der gerade einmal aus ein paar Leuten bestand, die zufällig im eigenen Ort wohnten und auf die man sich ausschließlich konzentrierte, auch in der Schule verlangt wurde, dass man sich lange Zeit auf eine Sache konzentrierte, ist heute fast das Gegenteil der Fall.

Unser Leben ist hektisch, es gibt ungeheuer viele Reize, die fast im Sekundentakt auf uns eintrommeln, auf dem Internet kann man Hunderte oder sogar Tausende von „Freunden“ haben, die man noch nie gesehen hat, die man gar nicht kennt. Mit einem Mausklick wird sich be-freundet oder ent-freundet. Man kann einen Menschen vernichten, indem man mit einem Klick kundtut: „Gefällt mir nicht“. Für den Menschen, der das macht, hat das keinerlei negative Konsequenzen. Früher musste man hart arbeiten, um sich einen Freundeskreis zu erschaffen und zu erhalten, musste etwas für seine Freunde tun, erwartete auch, dass die Freunde einen unterstützten, für einen da waren. Das scheint heute alles keine Rolle mehr zu spielen. „Freunde“ sind wie eine Ware, die von vornherein ein Verfallsdatum hat, eventuell ein sehr kurzes.

Deshalb schaffen es viele vielleicht nicht, einen Roman zu Ende zu schreiben, denn wir sind es allzu sehr gewöhnt, dass alles in sehr kurzen Sequenzen abläuft, sich in sehr kurzen Abständen ändert. Und so schreiben wir dann auch. Eine kleine Szene, wie ein Videoclip, dann die nächste kleine Szene, der nächste Videoclip. Kein Zusammenhang. Ein zerrissenes Leben, das zu nichts führt als zur nächsten kurzen Szene. Meine „Freunde“ sind Wildfremde, und ich bin eine Wildfremde für sie. Keine gefühlsmäßige Verbindung, keine Verpflichtung.

In Romanen – und ganz besonders in Liebesromanen – geht es aber um etwas anderes. Es geht um Gefühle, es geht um Verbindungen, es geht um den Aufbau von Beziehungen, und zwar für eine lange Zeit. Bis ans Ende des Lebens, das wünschen wir uns. Trotz unseres hektischen, stressigen Lebens wünschen wir uns das immer noch. Unsere Gene sind einfach nicht so schnelllebig wie unsere Zeit, wie die Entwicklung, die die Menschheit in den letzten hundert Jahren durchgemacht hat.

Vielleicht ist das Leben unter anderem auch deshalb so stressig, ist es so schwierig für uns, Dinge zu Ende zu bringen, wenn wir keinen Druck haben. Manche können sich diesen Druck selbst machen, aber für die meisten von uns gilt das nicht. Wir sind Gruppentiere, das darf man nicht vergessen. Menschen sind nicht dazu geschaffen, allein zu sein und auch nicht nur zu zweit oder zu dritt in einer Kleinfamilie. Früher hatten wir einen Stamm oder eine Herde, der wir uns zugehörig fühlten, und da gab es Anführer oder Anführerinnen – das sind vermutlich die, die heutzutage keinen Druck von außen brauchen, sondern sich selbst motivieren können –, die für uns entschieden haben. Die uns gesagt haben, was wir tun sollten und was nicht. Wie und wann.

Und so ist es im Prinzip heute noch. Wenn also ein Drucktermin ansteht oder der NaNoWriMo, dann gibt es so eine Art Anführer oder Anführerin, der oder die uns sagt, jetzt musst du schreiben. Jetzt musst du diesen Roman zu Ende bringen. Genau an diesem Termin musst du fertig sein und so und so viel geschrieben haben. Das machen wir dann eher, als wenn wir das für uns selbst entscheiden müssten.

Deshalb ist der NaNoWriMo wirklich eine gute Sache. Was jedoch immer noch unsere eigene Verantwortung ist, ist, eine gute Geschichte zu entwickeln, einen guten Roman zu schreiben. Eine Geschichte, die nicht nur wie eine Aneinanderreihung von zusammenhanglosen Videoclips ist, sondern die die Leserin in ihrem tiefsten Inneren berührt. Weil die Figuren, die Personen, die Frauen, die sich in dem Roman ineinander verlieben, uns wie lebendige Menschen erscheinen. Weil sie sich mit ihren Gefühlen herumschlagen und Entscheidungen treffen müssen wie wir auch. Weil sie uns in gewisser Weise ähnlich sind, in anderer Hinsicht aber auch nicht.

Wenn wir uns wirklich mit diesen unseren Figuren be-freunden – und zwar nicht nur mit einem Mausklick, sondern mit unserem Herzen, mit unserem Innern, mit unserer Seele –, wenn wir uns ihnen verpflichtet fühlen wie wirklichen Menschen, wenn wir sie betrachten wie wirkliche Freundinnen, wenn wir genau wissen, wie unsere Freundin sich in dieser oder jener Situation verhalten wird, dann entwickelt sich die Geschichte ganz von selbst, denn jede Entscheidung hat Konsequenzen, im wirklichen Leben wie in einem Buch.

Viele Leute, die Schwierigkeiten haben, ein Buch zu Ende zu schreiben, ziehen das vielleicht zu wenig in Betracht. Deshalb habe ich versucht, das einmal ein bisschen aufzuzeigen in den Artikeln der letzten Tage.

Wenn Tiffany und Harper zusammenkommen sollen, dann muss etwas passieren, dann darf die Geschichte nicht einfach so vor sich hinplätschern ohne Konsequenzen. Wenn Harper etwas tut, muss das Konsequenzen für sie haben. Der nächste Tag muss dann anders verlaufen, als der Tag verlaufen wäre, wenn sie eine andere Entscheidung getroffen hätte.

Für Tiffany gilt dasselbe. Ihre Entscheidung, Harper den Scheck zurückgeben zu wollen, setzt einiges in Gang, das sowohl für sie selbst als auch für Harper Konsequenzen hat. Logischerweise ist Tiffanys Entscheidung jedoch wiederum nur eine Folge von Harpers Entscheidung, zuerst einmal mit Skylar ins Lager zu gehen und dort diesen Schlamassel anzurichten und dann Tiffany mit einem Scheck dafür entschädigen zu wollen.

Dass die Geschichte so verlaufen würde, wusste ich vor ein paar Tagen noch nicht. (Ehrlich gesagt kannte ich Harper und Tiffany vor dem Schreiben des ersten Artikels ja noch nicht einmal und wusste gar nicht, dass sie überhaupt eine Geschichte haben würden. 😎) Diese Ideen sind mir alle erst gekommen, während ich versucht habe, diese Artikel zu schreiben.

Das spricht sehr für die Einrichtung des Preptober. Denn so hat man einen Termin, an dem man sich Gedanken über seine Geschichte machen muss. Und man hat auch noch einen anderen Termin, denn am 1. November geht der NaNoWriMo los – und dann ist Schluss mit Gedanken machen, dann muss man schreiben. 😀

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