Ein Jahr – Ein Roman (Kapitel 1-12) - Kapitel 11

Ab jetzt geht es ans Eingemachte:

Wie löse ich mich von meiner eigenen Erfahrung und erweitere meine Vorstellungskraft?

Wie ich schon des öfteren hier im Blog bemängelt habe, erhalten wir oft Geschichten, angebliche »Romane«, die aber gar keine Romane sind, sondern lediglich eine Art Tagebuch, eine Geschichte, die die Autorin selbst erlebt hat, nicht erfunden.

Diese Art Geschichten lösen immer ein unbehagliches Gefühl in mir aus, denn erstens ist es oft schwierig, daran etwas zu ändern, weil die Autorin protestiert: »So ist es doch gar nicht passiert!«, und selbst wenn man etwas daran ändern darf, geben die Geschichten oft nicht viel her. Das tägliche Leben ist meistens einfach nicht interessant genug, um daraus einen Roman zu machen.

Viele solcher »Autorinnen« sind oft dann auch gar nicht in der Lage, einen zweiten oder dritten Roman zu schreiben, weil ihnen eben die Phantasie fehlt, sich etwas auszudenken. Sie müssen alles erlebt haben, was sie niederschreiben. Das hat natürlich nichts mit Schriftstellerei oder Literatur zu tun, das ist einfach nur Tagebuch, wie gesagt, keine Kunst.

Wenn Sie so etwas schreiben wollen, wenn Sie meinen, daß sich Ihr eigenes Leben in dem, was Sie schreiben, widerspiegeln sollte, ja sogar ein Roman ein genaues Abbild Ihres Lebens sein sollte, dann ist dieser Kurs und diese Seite nichts für Sie. Hier wende ich mich an Autorinnen, die wirklich Autorinnen sein wollen, ohne ihr eigenes Leben als Grundlage zu nehmen.

Bis auf gewisse Details selbstverständlich. Die Grundlage all meiner Romane ist, daß ich lesbisch bin. Ich schreibe nicht über Heteroliebesbeziehungen, sondern über lesbische Liebesbeziehungen, weil das in der Tat mein Alltag ist. Ich liebe meine Frau.

Und meine Vorstellungen davon, wie man im täglichen Leben miteinander umgehen sollte, gehen ebenfalls in meine Werke ein. Ich halte sehr viel von Höflichkeit und Respekt, und ich denke, daß Liebe nicht daraus besteht, sich gegenseitig anzuschreien oder zu beleidigen. Andere Details, wie daß ich Nichtraucherin bin und deshalb eigentlich alle meine Figuren nicht rauchen, sind nicht so wichtig, aber auch meinem eigenen Leben geschuldet.

Auch Alkohol gehört nicht zu meinem täglichen Leben – obwohl ich durchaus nichts gegen ein Glas Bier oder ein Gläschen Wein habe, und nach einem schweren Essen trinke ich auch einmal einen Schnaps – und ebensowenig Drogen. Somit wird wohl kaum je eine meiner Hauptfiguren eine starke Raucherin oder Trinkerin sein, von Drogenabhängigkeit ganz zu schweigen. Wenn, wie beispielsweise bei »Simone«, ist es höchstens der Ausgangspunkt für einen Entzug und ein Grund für die Darstellung der Probleme, die Alkohol- und Tablettenmißbrauch mit sich bringt.

Somit ist also nichts gegen das Einfließenlassen eigener Erfahrungen und Werte zu sagen, sofern sie nicht nur und ausschließlich die eigene Erfahrung widerspiegeln und beschreiben. Wir alle können uns nicht völlig von unserem Hintergrund lösen. Wenn wir aus einem Arbeiterhaushalt stammen, werden wir nie nachvollziehen können, wie es gewesen wäre, in einem Akademikerhaushalt aufzuwachsen, und umgekehrt. Und hier greift ganz klar »Schuster, bleib bei deinem Leisten« oder auch »Beschreibe das, was du kennst«. Es ist sehr viel einfacher, auf eigene Erfahrungen zurückzugreifen als immer alles erfinden zu müssen.

Wenn man jedoch ein Fundament von Werten und Erfahrungen hat, muß man darauf ein Haus bauen. Das Fundament allein reicht nicht, darin kann niemand leben.

Deshalb kommt jetzt einmal eine Übung, mit der man darauf aufbauen kann, was man kennt, aber trotzdem seine Phantasie bemühen muß, um aus dem Fundament ein Haus, das heißt einen Roman zu machen.

Haben Sie schon einmal überlegt, in einem Land zu leben, von dem Sie eigentlich nichts wissen? In dem Sie noch nie waren? Ein fremdes, exotisches Land, dessen Gebräuche Sie nicht kennen und in dem Sie Schwierigkeiten hätten sich zurechtzufinden?

Ist es nicht ähnlich, einen Roman zu schreiben?

Und um das fremde Land des Romanschreibens zu erobern, muß man vielleicht einmal überlegen, wie man ein reales Land »erobern«, sich zu eigen machen würde.

Hier ist die Übung: Suchen Sie sich ein Land aus, über das Sie praktisch nichts wissen. Schlagen Sie einen Atlas auf und tippen Sie einfach irgendwo hin.

Und dann schreiben Sie so, als ob Sie dort geboren wären.

Mal angenommen, das Land ist irgendwo in Afrika, dann könnten Sie so beginnen:

Mein Name ist Ndela, und ich sitze hier an der Ecke der Hauptstraße und bettele. Ich bin erst 15 Jahre alt, aber ich sehe aus wie 50. Als ich geboren wurde, war mein Schicksal besiegelt. Meine Eltern hatten beide AIDS und starben kurz nacheinander, als ich erst zwei Jahre alt war. Eine Großmutter nahm mich auf, aber auch sie starb, denn sie war schon sehr alt. So gelangte ich mit 5 Jahren in die Hauptstadt, wo ich seitdem versuche zu überleben.

Und nun: Schreiben Sie weiter. Versuchen Sie, sich das Leben dieses jungen Mädchens vorzustellen. Was könnte ihr passieren? Womit hat sie zu kämpfen? Welchen Gefahren ist sie jeden Tag ausgesetzt? Und wie überwindet sie sie? Oder überwindet sie sie nicht? Wenn sie überleben will, muß sie das auf die eine oder andere Weise.

Ich bin überzeugt, niemand von uns weiß, was Überleben wirklich bedeutet in einem Land, in dem es keine Sozialversorgung gibt, kein Essen, kein Dach über dem Kopf, keine Anlaufstelle in Form von Ämtern und Behörden.

Erweitern Sie Ihre Vorstellungskraft. Überleben Sie in einem Land, in dem Sie ganz auf sich allein gestellt sind, ohne jegliche Unterstützung.

Ich würde mich wirklich freuen, wenn ein paar Geschichten dieser Art hier eingestellt würden.

Sind Sie in der Lage, das Überleben in einem fremden Land, das Sie überhaupt nicht kennen, zu beschreiben?

Wenn Sie das können, dann haben Sie den ersten Schritt zur Schriftstellerin gemacht.

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