Der Eröffnungssatz muß das Versprechen einer Wahrheit sein, die lesenswert ist

Ist nicht von mir, klingt aber gut, oder? 

Wir sind im el!es-Schreibforum jetzt bei Kapitel 34 des Schreibkurses »Ein Jahr – Ein Roman« angekommen, und hier ein Auszug aus dem 34. Kapitel, wie ich es im Schreibforum geschrieben habe:

Das mit dem Eröffnungssatz haben wir ja nun schon des öfteren diskutiert, aber ich habe immer wieder das Gefühl, dem wird trotzdem zu wenig Bedeutung beigemessen. Man soll sich nicht verrückt machen mit dem ersten Satz, aber der erste Satz ist das, was die Leserin als erstes liest. Er ist in der Tat ein Versprechen.

Wenn der erste Satz noch nicht das ganze Versprechen enthält, kann man auch noch einen zweiten und dritten hinzunehmen. Auch der erste Absatz kann das Versprechen enthalten, wenn der erste Satz nicht ausreicht oder wenn man das Gefühl hat, ein Satz ist zu kurz, um das Versprechen richtig darzustellen.

Als Beispiel hier einmal der Anfang von »Desert Storm«:

Dale Richards hasste es einkaufen zu gehen. Deshalb raste sie an den Regalen im Supermarkt entlang und achtete nicht auf ihre Umgebung.

Wie gesagt, stört mich die auktoriale Perspektive nicht, obwohl wir ja auch schon festgestellt haben, daß eine Änderung eventuell guttun könnte. Dennoch enthält dieser Anfang so einiges.

Die Hauptperson wird mit Namen vorgestellt. Eine ihrer Vorlieben/Abneigungen wird vorgestellt. Sie haßt es einkaufen zu gehen. Und sie haßt es nicht nur, sie versucht dieser ihr unangenehmen Tätigkeit offensichtlich auch zu entfliehen, denn sie geht nicht einfach einkaufen, sondern sie rast an den Regalen entlang. Das ist eine Handlung, die diese Figur sofort charakterisiert. Diese Figur ist offensichtlich energisch.

Dann kommt noch hinzu, daß sie nicht auf ihre Umgebung achtet, das heißt, sie ist nicht an den Dingen interessiert, die sie hier in diesem Supermarkt umgeben, auch nicht an den Menschen. Sie ist offensichtlich sehr selbständig und zielgerichtet. Möglicherweise auch effizient. Obwohl man das jetzt noch nicht so ganz sicher sagen kann.

Was versprechen diese beiden ersten Sätze? Sie versprechen, daß die Hauptfigur der Geschichte eine starke, zielgerichtete, energische Person ist, die sich nicht so leicht durch irgend etwas aufhalten läßt. Und eine solche Hauptfigur läßt die Leserin auf eine ebenso energische Geschichte hoffen. Zumindest keine Geschichte, die nur mit Gerede gefüllt ist oder mit Beschreibungen. Sondern eine Geschichte, in der etwas geschieht. Denn diese Hauptfigur ist nicht der Typ, der nur herumsitzt und nichts tut. Oder mit seinem Schicksal hadert. Sie geht dagegen an.

Das ist erst einmal ein Versprechen, das hier der Leserin gemacht wird. Ob die Autorin es später einhalten kann, weiß man natürlich jetzt noch nicht. Aber das Versprechen ist auf jeden Fall da und läßt die Leserin weiterlesen, um das zu erfahren.

Da Kay ja jetzt schon etwas am Anfang geändert hat, können wir gleich auch noch den geänderten Anfang zum Vergleich nehmen:

„He, Dale, bist du’s wirklich?“ Eine Frau mit auffallend roten Haaren blickte sie strahlend an, als ob sie sich nichts Schöneres vorstellen konnte als Dale bei den Konservendosen gegenüberzustehen. Sie streckte Dale die Hand hin. „Mensch, dass ich dich hier treffe! Das ist ja ein toller Zufall!“ Sie war ganz begeistert.
„Ja, toll“, sagte Dale. Sie gab ihr die Hand und runzelte innerlich die Stirn. Wer zum Teufel war das?

Der Einstieg direkt mit einem Dialog – das gebe ich zu – ist viel besser als der mit der auktorialen Perspektive. Kay überarbeitet das sicher noch, denn da die ersten Sätze nun gestrichen sind, muß das hier noch angepaßt werden, aber was auffällig ist, ist, daß hier durch den Dialog sofort mehr Atmosphäre vermittelt wird als durch die ursprüngliche Beschreibung am Anfang.

Da sind zwei Personen, die offensichtlich irgendeine Beziehung zueinander haben. Zumindest behauptet eine der beiden das, wohingegen die andere anscheinend nichts davon weiß. Das ist schon mal merkwürdig. Ein Rätsel nicht nur für Dale, sondern auch für die Leserin. Und die Leserin möchte erstens wissen, wer ist diese Person, die Dale da überfällt und behauptet sie zu kennen, und zweitens natürlich: Warum erinnert Dale sich nicht an diese Frau?

Ein Rätsel am Anfang einer Geschichte ist auf jeden Fall gut. Kaum ein Mensch – und ganz sicher kaum eine Romanleserin – kann einem Rätsel widerstehen. Wir möchten Rätsel unbedingt lösen, wir möchten eine Erklärung für das, was uns unverständlich ist, und deshalb lesen wir weiter.

Aber es ist nicht nur ein Rätsel, es ist gleichzeitig auch eine bekannte Situation. Denn wem von uns ist es nicht schon mal passiert, daß sie von jemand gegrüßt oder angesprochen wurde, an den sie sich nicht mehr erinnern konnte? Der aber offensichtlich etwas mit der Begegnung verband. Und wir wußten noch nicht einmal den Namen.

So etwas ruft sofort Scham hervor über die eigene Unzulänglichkeit, eine peinliche Verlegenheit, und man weiß nicht so recht, was man tun soll. Man will die andere Person nicht verletzen, indem man sagt, ich kenne dich nicht, aber man kann auch nicht adäquat reagieren, weil man sich ja nicht erinnert.

Das ist die perfekte Mischung für den Anfang eines Romans: ein Rätsel, etwas Unbekanntes, das unbedingt ergründet werden muß, und gleichzeitig etwas Bekanntes, das an die Erfahrungen der Leserinnen anknüpft und Gefühle in ihnen wachruft, die sie nun mit der Hauptperson verbinden.

Man hat auf einmal Mitleid mit Dale, oder es kommt Schadenfreude auf, so in dem Sinne von „Aha, nicht nur mir passiert so etwas, auch anderen“, was auch eine gewisse Erleichterung beinhaltet, daß die eigene Unzulänglichkeit wohl doch nicht so groß ist. Und damit hat Dale, ohne daß wir sie hier bereits kennen, schon eine ganze Menge Sympathie, weil man die Situation, in der sie sich befindet, nachvollziehen kann.

Ich würde sagen, das zieht die Leserin sogar noch mehr in den Roman hinein als das Rätsel. Etwas Fremdes mag interessant sein im Verlaufe des Buches, aber wenn man ein Buch aufschlägt und etwas Bekanntes findet, dann ist man sogar noch mehr geneigt weiterzulesen.


Für alle, die außerhalb des Schreibforums beim Schreibkurs mitmachen: 34 Kapitel bedeutet 34 x 1500 Wörter, das heißt, Sie müßten bis jetzt 51.000 Wörter geschrieben haben, um beim Schreibkurs mithalten zu können.

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  • Ruth Gogoll
  • ricky smith
  • Ruth Gogoll

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    Und welche Cover sollen wir dann auswählen für die 52 Wochen? Es gibt ja viel mehr Bücher. Ich glaube, das wäre den Autorinnen gegenüber ungerecht, die dann nicht auf dem Lesezeichen erscheinen. Ich mag Lesezeichen auch, aber ich weiß nicht, ob dafür bei den Leserinnen ein so großer Bedarf besteht, daß sich das lohnt.

    Außerdem würden die Artikel des Schreibratgebers wohl kaum auf die Rückseite eines Lesezeichens passen. Dazu sind sie zu lang. Nette Idee, aber die Umsetzung wäre nicht machbar.

    Samstag, 18. Juni 2011 12:05
  • ricky smith

    Permalink

    Ha ha, das könnten Sie sicherlich, aber wie wäre es denn mal mit einem el!es-Lesezeichenkalender (52 Kapitel = 52 Wochen )? Auf der Rückseite stehen die Tips und auf der Vorderseite die Cover der bisher herausgebrachten Bücher, wobei die Leserinnen abstimmen dürfen, welche Buchumschläge ihnen am besten gefallen haben. Ist keine neue Idee, aber ein el!es-Lesezeichen würde den el!es-Büchern bestimmt gut stehen. :)

    Samstag, 18. Juni 2011 2:26
  • Ruth Gogoll

    Permalink

    Na ja, vielleicht mache ich ja mal ein Buch draus, und dann können es alle kaufen. 8)

    Samstag, 18. Juni 2011 1:13
  • ricky smith

    Permalink

    Fabelhaft, wie der Dialog der Geschichte erst das Leben einhaucht. Klingt absolut vielversprechend und regt die Phantasie an, das Ganze ein wenig weiter zu denken. Schön, dass wir doch noch ein wenig am Schreibratgeber teilhaben dürfen, ich habe heute erst Kapitel 12 der Schreibhilfe gelesen und drücke hiermit mein Bedauern darüber aus, dass die interessanten Ratschläge nicht mehr allen zugänglich sind.

    Freitag, 17. Juni 2011 23:36

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