Welche Form hat meine Geschichte? (Vonnegut)

Kurt Vonnegut ist ein sehr berühmter Mann in Amerika und wird immer wieder zitiert. Sowohl seine Romane als auch seine Theorie über die (sehr wenigen) verschiedenen Gestalten, die eine Story annehmen kann, sind sehr bekannt. Im amerikanischen Raum wird immer wieder darauf Bezug genommen, und in jedem Schreibkurs sind sie die Grundlage.

Hier eine lustige kurze Zusammenfassung davon:
Kurt Vonnegut on the Shapes of Stories

Etwas besser zum Abspeichern und Analysieren, auch Lernen, geeignet, ist die graphische Darstellung hier:

Das bezieht sich auf alle Geschichten, in erster Linie aber auf Romane, denn nur dort gibt es genug Seiten und genug Wörter, um die Form richtig aufzubauen. Schauen wir uns die Sachen einmal im einzelnen an.

  1. Man (Woman) in Hole (Ein Mensch in einem Loch)
    Die Hauptfigur gerät in eine schwierige Situation, kommt wieder heraus, und es geht ihr zum Schluss besser als am Anfang, weil sie eine Erfahrung gemacht hat, aus der sie etwas lernen konnte.

  2. Boy (Girl) meets Girl (Eigentlich müsste es heißen: Frau trifft Frau, aber die Amis haben das immer gern mit Girl. Aber da wir erwachsen sind ... 😉)
    Die übliche Form, wie eine Liebesgeschichte aufgebaut ist. Die Hauptfigur lernt jemanden kennen, findet das wunderbar, verliebt sich, verliert die andere Person wieder und bekommt sie am Schluss zurück, um für immer und ewig zusammenzubleiben.

  3. From Bad to Worse (Von schlecht zu schlechter)
    Die Hauptfigur startet schon an einem Punkt, an dem es ihr nicht besonders gut geht, aber im Laufe der Geschichte wird es kontinuierlich schlechter, ohne Hoffnung auf Verbesserung oder ein gutes Ende.

  4. Which Way Is Up? (Wo geht’s nach oben?)
    Die Geschichte beschreibt eine dem Leben sehr ähnliche Vieldeutigkeit, sodass wir nie wissen, ob neue Entwicklungen gut oder schlecht sind.

  5. Creation Story (Schöpfungsgeschichte)
    In vielen Kulturen gibt es Schöpfungsgeschichten, in denen die Menschheit durch eine Gottheit oder mehrere Gottheiten alles erhält, was sie braucht. Zuerst so grundsätzliche und auch gewaltige Dinge wie die Erde und den Himmel, später dann kleinere Geschenke wie zum Beispiel Speere für die Jagd und Handys.

  6. Old Testament (Altes Testament)
    Die Menschheit bekommt alles Mögliche von ihrem Gott geschenkt, aber plötzlich wird sie aus dem Paradies geworfen, um in einen enormen Abgrund zu fallen.

  7. New Testament (Neues Testament)
    Die Menschheit bekommt alles Mögliche von ihrem Gott geschenkt, wird plötzlich aus dem Paradies geworfen, aber auf einmal erscheint ein Silberstreif am Horizont, und es gibt doch wieder Hoffnung, und am Schluss sogar eine Belohnung.

  8. Cinderella (Aschenputtel)
    Die Hauptfigur befindet sich quasi am Tiefpunkt ihres Lebens (wobei es ihr früher besser gegangen ist, ziemlich gut sogar) und ist anderen ausgeliefert. Aber dann kommt plötzlich eine Wendung, und die Hauptfigur wird für all ihr Leiden durch ein Leben in Luxus mit dem geliebten Menschen an ihrer Seite belohnt. Diejenigen, die sie gequält und auf ihrem unverdienten niederen Status gehalten (oder dorthin gebracht) haben, werden bestraft und aus ihrem Leben entfernt (im Märchen bedeutet das: grausam verstümmelt und eventuell getötet, aber so brutal müssen wir heute ja nicht mehr sein).

    Wie man sieht, ist die Form praktisch dieselbe wie die für die Neue-Testament-Geschichten. Ist das nicht überraschend? Diese Ähnlichkeit hat Vonnegut sein ganzes Leben lang fasziniert.

 

Was aber auch faszinierend ist, ist, dass auf den ersten Blick zwar nur Punkt 2 und Punkt 8 für eine Liebesgeschichte verwendbar sind, dennoch aber auch Teile der anderen Formen hineinspielen können. Denn wie kann man beispielsweise den Teil in Frau trifft Frau füllen, in dem die beiden sich wieder trennen müssen? In Kürze zusammengefasst heißt Punkt 2: Sie treffen sich - Sie trennen sich - Sie kriegen sich. Habe ich schon mehrmals erwähnt hier auf der Seite. Das ist DIE Formel für jede Liebesgeschichte.

Das Treffen, das Sich-Kennenlernen ist eine glückliche, eine aufregende Zeit. Dann aber muss das Schicksal zuschlagen, und zwar so hart, dass es keine andere Möglichkeit als Trennung gibt. Denn die Trennung ist die Voraussetzung dafür, dass sie wieder zusammenkommen können. Wenn sie sich nur treffen und dann gleich für ewig zusammenbleiben würden, ist das langweilig. Die Trennung ist also ein entscheidender Faktor für die Spannung, die durch den ganzen Roman erhalten bleiben muss.

Wie könnte man also die Trennung zweier Frauen bewerkstelligen, die sich noch gar nicht so lange kennen und eigentlich im ersten Überschwang der Gefühle glücklich miteinander sind? Wie wäre es da beispielsweise mit Woman in Hole? Wenn eine von beiden plötzlich in ein Loch fällt, aus dem sie so leicht nicht wieder herauskommt? Der Kampf, da wieder herauszukommen, könnte sehr gut für den Mittelteil eines Liebesromans geeignet sein, um die Spannung auf den Höhepunkt zu treiben. Auch Wo geht’s nach oben? könnte ich mir sehr gut als Spannungsträger vorstellen.

Es gibt also schon eine ganze Menge Kombinationsmöglichkeiten, denn jede Geschichte kann sich auch in verschiedene Richtungen entwickeln, also durchaus auch einmal eine andere Form annehmen. Liebesromane haben da verglichen mit anderen Romanen einen schweren Stand, denn bei uns ist das Happy End vorgegeben. Ein Liebesroman, der die Form Von schlecht zu schlechter hat, ist undenkbar. Es sei denn, es geht am Ende wieder nach oben.

Wenn man jedoch eine Geschichte schreibt, sollte man sich diese Formen hier einmal anschauen. Es ist kaum möglich, eine Geschichte zu schreiben, die nicht in eine dieser Formen hineinpasst, das liegt in der menschlichen Natur, denn in all diesen Geschichten spielen die Menschen die Hauptrolle. Wir können der Form gar nicht ausweichen, wenn es eine in sich logische Geschichte sein soll. Das heißt jedoch nicht, dass man sich nach diesen Formen richten muss oder seine Geschichte da mit Gewalt hineinpressen muss. Es wird sich beim Schreiben ganz von selbst ergeben, weil Geschichten nun einmal Geschichten sind, die dem menschlichen Gefühl und der menschlichen Art der Wahrnehmung folgen. Das hat Vonnegut festgestellt, indem er Geschichten analysiert hat, die es schon gab. Nichts anderes ist das hier: eine Analyse von schon bestehenden Geschichten beziehungsweise Geschichtenmustern, nicht umgekehrt.


Und hier noch einmal die speziellen Anforderungen für eine Short Story oder Kurzgeschichte (aber auch für Romane, mit wenigen Ausnahmen, die unten gekennzeichnet sind):

8 Regeln, wie man eine Kurzgeschichte schreibt

  1. Benutze die Zeit einer völlig Fremden (das ist die Leserin) so, dass sie nicht das Gefühl hat, ihre Zeit wäre verschwendet (wenn sie deine Geschichte liest).

  2. Gib der Leserin wenigstens eine Person, mit der sie sich identifizieren kann.

  3. Jede Figur in deiner Geschichte sollte etwas wollen (auch wenn es nur ein Glas Wasser ist). 

  4. Jeder Satz muss eines von zwei Dingen bewirken: Entweder etwas über den Charakter verraten/enthüllen oder die Handlung voranbringen.

  5. Beginne so nah wie möglich am Ende der Geschichte. (Im Gegensatz zum Roman, der ruhig einen Vorlauf haben kann.)

  6. Sei sadistisch. Ganz egal, wie lieb und nett deine Hauptfigur ist oder deine Hauptfiguren sind, lass ihnen absolut grässliche Dinge zustoßen. Damit die Leserin erkennen kann, aus welchem Stoff sie gemacht sind, wozu sie fähig (oder auch nicht fähig) sind.

  7. Schreib immer, um genau eine Person zu erreichen. Wenn du das Fenster aufmachst und die ganze Welt erreichen willst, wird dich niemand hören, du wirst zum Schluss niemanden erreichen. (Im Original sagt Vonnegut, dann bekommt deine Geschichte Lungenentzündung. 😄 ) Also ist es am besten, wenn man die Geschichten, während man sie schreibt, nur seiner Frau erzählt oder wer auch immer die Person ist, der du sie erzählen möchtest. Das kann man sogar selbst sein.

  8. Gib deinen Leserinnen so viel Information so schnell wie möglich. (Wiederum im Gegensatz zum Roman, wo man damit zurückhaltend sein sollte.) Was passiert? Wer, wo und wann?


Das steht auch alles schon hier in der Schreibwerkstatt auf der Webseite, es ist nichts Neues, aber man sollte es sich immer wieder ins Gedächtnis rufen. Es ist viel einfacher, eine Geschichte zu schreiben, wenn man sich an diese simplen Regeln hält.

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