Ruth Gogoll: Von der Lust geblendet

9

»Sie arbeiten mit der Polizei zusammen?« Maximiliane Reichardts Sekretärin blickte Sam kurz fragend an, während sie offensichtlich damit beschäftigt war, eine endgültige Ordnung an ihrem Arbeitsplatz zu schaffen. Sie räumte Dinge aus ihrem Schreibtisch, entsorgte sie im Papierkorb oder legte sie zur Seite, um sie mitzunehmen.

»Sie gehen?«, fragte Sam, ohne die Frage, die die andere Frau ihr zuvor gestellt hatte, zu beantworten. »Sie haben gekündigt?«

Die sehr patent aussehende Frau, die einmal blonde Haare gehabt hatte, die sich nun anfingen grau zu färben – Sam schätzte sie auf Ende vierzig – blickte auf und lächelte etwas abschätzig. »Wenn Frau Reichardt nicht mehr da ist, gibt es für mich hier nichts mehr zu tun.«

»Die Firma wird nicht weitergeführt?« Sam hob leicht die Augenbrauen. »Zum Beispiel von Frau Reichardts Frau?«

»Die schöne Adriane?« Ein extrem trockenes und extrem geringschätziges Lachen löste sich von den Lippen der Sekretärin, die in diesem Moment ein Namensschild, das sie zuvor zur Seite gelegt hatte, erneut in die Hand nahm, als würde sie überlegen, es wegzuwerfen, obwohl ihr eigener Name Gabriele Dressler darauf stand. Sie betrachtete es nachdenklich. »Die soll ein Geschäft führen?« Kopfschüttelnd legte sie das Schild wieder hin. »Aber selbst wenn sie das wollte, würde ich nicht hierbleiben. Für sie würde ich nie arbeiten.« Noch einmal lachte sie leicht auf. »Und sie würde mir auch sofort kündigen. Sie konnte mich noch nie leiden.«

»Ich dachte nur, wahrscheinlich hat sie das alles hier jetzt ja geerbt . . .«, sagte Sam.

Gabriele Dressler schüttelte den Kopf. »Ich kenne Frau Reichardts Testament zwar nicht, aber ich weiß, dass sie einmal gesagt hat, dass das Geschäft nur so lange existieren würde, wie sie lebt. Es sei denn, sie bekäme noch einen Sohn oder eine Tochter, die es weiterführen könnten.« Sie verzog das Gesicht. »Da waren die Chancen aber schlecht. Sie selbst war schon zu alt und die schöne Adriane wollte keine Kinder bekommen. Das hätte ihrer Figur geschadet.«

»Das hat Maximiliane Reichardt Ihnen gesagt?« Noch sehr gut erinnerte Sam sich daran, dass Maximiliane eine in privaten Dingen sehr zurückhaltende Frau gewesen war. Obwohl ihre Besprechungen sich eigentlich nur um dieses Thema drehten, hatte Sam ihr fast alle Informationen über ihr Privatleben, die sie für ihre Ermittlungen brauchte, sehr mühsam aus der Nase ziehen müssen. Sie hatte nie etwas freiwillig preisgegeben.

»Nicht direkt«, räumte Frau Dressler ein. »Aber ich konnte nicht verhindern, einen Streit darüber mitzubekommen.« Sie wies mit dem Kinn auf die Tür, die in das Chefbüro von Maximiliane Reichardt führte. »Da drin«, ergänzte sie. »Es war eine sehr laute Auseinandersetzung, und die Tür stand einen Spalt offen. Anscheinend hatte Frau Reichardt unter anderem aus diesem Grund eine so junge Frau geheiratet. Sie wollte eine Erbin oder einen Erben.« Bedauernd hob sie die Augenbrauen. »Da hatte sie sich aber verrechnet. Was ihr sonst nur äußerst selten passiert ist.«

Diese neue Information überraschte Sam gewaltig, denn davon hatte Maximiliane Reichardt nie gesprochen, es noch nicht einmal angedeutet. »In dem Streit«, setzte sie vorsichtig an, »den Sie zufällig mitbekommen haben, ging es genau um was? Dass Adriane Reichardt die Schwangerschaft hinauszögern wollte?«

»Nein, nein.« Erneut plumpste etwas dumpf in den Papierkorb. »Dass sie überhaupt keine Kinder wollte. Obwohl sie sich vor der Eheschließung anscheinend dazu bereiterklärt hatte. Es stände sogar im Ehevertrag, hielt Frau Maximiliane Reichardt ihr vor. Aber so eine Sache kann man natürlich trotzdem nicht einklagen.« Gabriele Dressler schaute Sam so anklagend an, als wäre sie dafür verantwortlich. »Das wusste das kleine Biest ganz genau«, fügte sie verächtlich hinzu. »Deshalb hat sie sich darauf eingelassen, den Vertrag zu unterschreiben.«

Kann ich mir vorstellen, dachte Sam. Schon dabei hat sie sich ins Fäustchen gelacht. »Aber wenn es einen Ehevertrag gab«, sagte sie, »waren darin doch sicher auch noch andere Dinge geregelt. Es müssen doch Konsequenzen vereinbart gewesen sein, falls Adriane Reichardt sich nicht an ihre Zusage hält.«

Frau Dressler zuckte die Schultern. »Wie gesagt kenne ich weder das Testament noch den Ehevertrag. Das hat Frau Reichardt mit ihrem Anwalt gemacht. Dort sind die Unterlagen auch.«

»Ach?« Sam wunderte sich. »Nicht bei der Polizei?«

»Keine Ahnung«, entgegnete die ehemalige Sekretärin von Maximiliane Reichardt uninteressiert. »Da müssen Sie die Polizei fragen.« Ihre Stirn runzelte sich. »Ich dachte, Sie arbeiten mit der Polizei zusammen?«

»Sie haben recht«, sagte Sam lächelnd. »Ich werde dort nachfragen.« Sie zog einen Zettel aus der Tasche und tat so, als würde sie ihn lesen. »Ihr Anwaltsbüro ist die Kanzlei Schuster, nicht wahr?«

Erstaunt blickte Gabriele Dressler sie an. »Nein, die Kanzlei Münch, Herbert und Köhler. Dr. Ralph Münch.«

»Das muss mir jemand falsch aufgeschrieben haben«, behauptete Sam und steckte den Werbezettel, den sie kurz zuvor unter dem Scheibenwischer ihres Autos hervorgezogen und schnell in die Tasche geschoben hatte, wieder weg. Er hatte seinen Dienst als angebliche Adressenangabe getan.

»Wahrscheinlich.« Frau Dressler wirkte etwas verdutzt.

In diesem Moment betrat eine weitere Person das Vorzimmer.

Kaum hatte sie sie aus dem Augenwinkel wahrgenommen, drehte Sam sich um und ging auf sie zu. »Ach, Kommissarin Majeski, wie gut, dass Sie kommen. Ich muss nämlich jetzt gehen.«

Sie lächelte die ebenso verdutzt wie Frau Dressler blickende Marita hinreißend an und huschte an ihr vorbei hinaus.

10

»Hör auf! Ich muss zum Dienst!« Lachend schob Ker Adriane ein wenig von sich fort. Allerdings nur ein ganz klein wenig, denn mehr konnte sie nicht ertragen, wenn sie beide zusammen im Bett lagen.

»Ach, tatsächlich? Ist dein Dienst so wichtig?« Adrianes Lippen fuhren über ihren Körper, als würden sie mit jeder Berührung ein Netz weben, das sie gefangenhielt.

»Ja.« Erneut schob Ker sie lachend von sich, und doch war es kaum eine entschiedene Geste zu nennen. »Es ist wichtig!«

»Wichtiger als das hier?« Schnell hüpfte Adrianes Mund von einer von Kers Brustwarzen zur anderen und verwöhnte sie jeweils mit einem Zungenkuss, bevor ihre Zunge ihre Arbeit in Richtung von Kers Bauchnabel fortsetzte und eine schlangengleiche Spur hinterließ.

»Nein.« Ker stöhnte auf. »Aber ich muss trotzdem gehen.«

Alles in ihr zog sich zusammen, kribbelte, sehnte sich danach, hierbleiben zu dürfen, obwohl sie die ganze Nacht hier verbracht hatte und kaum eine Sekunde davon geschlafen. Manchmal fragte sie sich, woher Adriane die Energie nahm. Und sie selbst auch.

»Doch nicht sofort«, flüsterte Adriane.

Sie ließ nicht nach, glitt immer weiter nach unten, und irgendwann hatte Ker keine Kraft mehr, sich zu wehren. Sie gab einfach auf und überließ sich einmal mehr Adrianes spürbarer Erfahrung, die ihr heute Nacht schon so viel Lust bereitet hatte.

Als Adrianes wundervoll warmer und weicher Körper sich wieder an ihr nach oben schob, keuchte Ker immer noch schwer, aber sie nahm sich fest vor, ihre Absicht, aufstehen zu wollen, diesmal in die Tat umzusetzen. Verteidigend hielt sie beide Hände vor ihre Brüste, da Adriane Anstalten machte, sie gleich wieder in den Mittelpunkt ihres Interesses zu stellen. »Nein, nicht mehr«, wehrte sie beinah kichernd ab, weil Adriane sie nun kitzelte. »Ich kann nicht mehr! Und wenn Marita das sieht, macht sie mich fertig.«

»Seid ihr denn nun bald fertig?«, nahm Adriane den Faden auf. »Du sagtest doch, der Fall würde wahrscheinlich demnächst zu den Akten gelegt.«

Ker zuckte die Schultern. »Ich weiß nicht genau, wie weit Marita ist. Ich bin nicht mehr mit dem Fall betraut.«

Adrianes Augen öffneten sich weit zu zwei blau strahlenden Sternen. »Was soll das heißen: Du bist nicht mehr mit dem Fall betraut?«

Etwas bedripst schaute Ker sie an. »Ich musste meinem Chef sagen, dass wir –« Sie machte eine bezeichnende Geste mit einem Finger, der zuerst auf Adriane wies, dann zurück auf sie selbst und zuckte erneut die Achseln. »Und das führt automatisch dazu, dass man vom Fall abgezogen wird.« Nicht ganz unzufrieden lächelte sie. »Aber zumindest muss ich nun kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn wir uns treffen.«

Ernüchtert ließ Adriane sich auf den Rücken fallen. »Warum hast du mir das nicht gesagt?«

Diese Reaktion hatte Ker nicht erwartet. Sie drehte sich auf einen Ellbogen und schaute Adriane an. »Freut dich das denn nicht? Oder wäre es dir lieber gewesen, er hätte mir verboten herzukommen, ich hätte nicht einmal mehr mit dir reden dürfen?«

Die Frage beantwortete Adriane zuerst einmal nicht. Sie schien zu überlegen. »Nein, natürlich nicht«, sagte sie dann, aber es klang mehr wie eine mechanische Erwiderung, weil sie Ker nicht zu lange warten lassen wollte. So wie man »Ach ja?« oder »Wie interessant« sagt, wenn jemand ununterbrochen redet und man eigentlich gar nicht zuhört.

»Marita ist noch nicht zufrieden«, erklärte Ker unbehaglich. »Ich hätte den Fall schon längst zu den Akten gelegt. Schließlich war nach deiner letzten Aussage klar, dass du dich nur verteidigt hast. Das ist Notwehr und kein Grund für eine Strafverfolgung.«

»Aber sie glaubt das nicht?«, fragte Adriane, immer noch wie in Gedanken versunken.

Ker lachte leicht, stand nun aber auf, weil der Zeiger auf der antik gestalteten Uhr, die auf Adrianes Nachttisch stand, immer weiter vorrückte. »Marita glaubt grundsätzlich nichts und niemandem. Das ist ihre Natur. Aber wo nichts ist, kann man auch nichts finden. Sie braucht nur ein bisschen länger, um das einzusehen.«

Mit langen Schritten verschwand sie in dem opulenten Badezimmer, das an Adrianes Schlafzimmer anschloss, und stellte sich unter die Dusche. Noch einmal würde sie Marita nicht so zerknittert gegenübertreten, dass sie sich über sie lustigmachen konnte. Deshalb hatte sie sich auch ein paar Sachen zum Wechseln von zu Hause mitgebracht, bevor sie zu Adriane gefahren war.

Doch kaum hatte sie das Wasser aufgedreht, glitt Adriane zu ihr unter den warmen Regenwaldtropfenstrahl.

»Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.« Ker stöhnte wie gequält auf, weil ihre Brustwarzen sich fast schmerzhaft versteiften, als Adriane sich an sie schmiegte.

»Das ist immer eine gute Idee«, antwortete Adriane, während sie Kers Pobacken auseinanderzog und mit ihren Fingern dazwischenglitt.

»Ich muss gehen«, hauchte Ker schwach. »Ich muss wirklich gehen.« Sie spürte Adrianes Finger, die durch die Nässe glitten, und die Empfindungen, die sie erneut in ihr hervorriefen, obwohl sie gerade erst ein wenig abgeklungen waren. Ihre Knie wurden so weich, dass sie an die gekachelte Rückwand der Dusche zurücksinken musste, um sich abzustützen.

»Ich möchte nur nicht, dass du mich vergisst«, flüsterte Adriane und verschloss ihr dann den Mund mit einem feuchten Kuss, der nach Wasser schmeckte, aber auch mit der Lust auf mehr gewürzt war.

»Wie könnte ich das?«, keuchte Ker in einer kurzen Pause, als sie beide nach Luft schnappen mussten. »Wie könnte ich das je?«

»Das weiß man nie.« Adriane drang mit ihren Fingern in sie ein, schleckte über ihre Brustwarzen wie über ein Eis, das zu schmelzen begonnen hatte, und trat dann schnell zurück. Sie lächelte verführerisch. »Wenn du mehr willst, musst du wiederkommen.« Als ob ihr plötzlich Amors Flügel gewachsen wären, drehte sie sich um und schwebte davon.

Ker blieb um Atem ringend an der Duschwand zurück. Nur langsam fand sie wieder zu sich, starrte jedoch immer noch durch die offene Duschentür hinaus, als würde sie erwarten, dass Adriane zurückkäme. Dann endlich konnte sie sich dem eigentlichen Zweck dieser Wasserspiele zuwenden, die Tür schließen und sich rasch abseifen.

Als sie ins Schlafzimmer zurückkehrte, war von Adriane nichts mehr zu sehen als ein paar feuchte Fußabdrücke auf dem Teppich.

Sie zog sich schnell an, stopfte ihre getragene Kleidung in die Satteltasche des Motorrads, warf sich die Tasche über die Schulter und lief in großen Sprüngen die lange, geschwungene Treppe hinunter.

Kurz vor der Tür erwartete Adriane sie mit einem Glas frischgepresstem Orangensaft und einem Müsliriegel in der Hand, den sie ihr lachend entgegenhielt. »Etwas anderes habe ich leider nicht, und ich fürchte, für ein ausgedehntes Frühstück hast du keine Zeit.«

Verblüfft ließ Ker ihren Blick über Adrianes nur in ihren Morgenmantel gehüllte Gestalt wandern. »Das hast du in den paar Minuten gemacht?«

Adriane hob schelmisch die Augenbrauen. »Da war nicht viel zu machen. Die Orangenpresse arbeitet fast von allein. Und eine Packung Müsliriegel habe ich immer im Schrank. Für den Notfall.«

»Das ist furchtbar süß von dir.« Lächelnd griff Ker nach dem Glas und trank den Orangensaft aus. »Marita wäre begeistert.«

Diesmal hoben Adrianes Brauen sich fragend.

»Sie will mich immer zu gesünderem Essen überreden«, erklärte Ker. »Und so ein gesundes Frühstück wie das hier hatte ich glaube ich noch nie.« Sie konnte sich kaum von Adrianes Anblick losreißen, aber das musste sie. Seufzend gab sie Adriane das Glas zurück und nahm den Müsliriegel in Empfang. »Wenn ich jetzt nicht gehe, reißt es das gesunde Frühstück aber auch nicht mehr raus.«

Sie lachte, beugte sich kurz vor und hauchte einen Kuss auf Adrianes Wange. Irgendwie hatte sie gedacht, das wäre ungefährlich, aber sie spürte, dass es das nicht war. Nichts, was Adriane betraf, war das. Deshalb hechtete sie etwas überstürzt zur Tür hinaus. »Bis heute Abend!«, rief sie zurück.

Als sie ihren Helm aufsetzte, sah sie Adriane mit dem leeren Glas in der Tür stehen, im Morgenmantel wie eine brave Hausfrau, die ihren Mann morgens zur Arbeit verabschiedet, um sich dann der Hausarbeit und den Kindern zu widmen.

Ker musste über sich selbst und ihren Einfall grinsen. Abgesehen davon, dass Adriane gar keine Kinder hatte, war sie wohl auch das Gegenteil von einer braven Hausfrau.

In dem Moment, als Ker sich auf ihre Maschine schwang, kam ein kleines Auto die Auffahrt heraufgerollt. Es blieb neben dem Eingang stehen, und eine junge Frau stieg aus.

Stirnrunzelnd beobachtete Ker, wie Adriane die junge Frau mit einem Nicken begrüßte und ihr dann sofort das leere Glas in die Hand drückte. »Sie können gleich in der Küche anfangen«, hörte Ker sie sagen.

Aha, Adriane hatte eine neue Haushälterin engagiert, wie es schien. Dass sie selbst das ganze Haus putzte, hätte Ker sich auch nicht vorstellen können.

Sie drückte den Starterknopf, und im selben Moment schaute Adriane zu ihr herüber – zugegeben, die Maschine machte so einen Krach, dass man sie kaum überhören konnte – und winkte kurz. Dann folgte sie der jungen Frau, die an der Tür auf sie gewartet hatte, ins Haus.

Ker zog die Kupplung und legte lächelnd den Gang ein. Immer noch voll euphorischer Gefühle, so dass sie beim Umdrehen fast noch umgekippt wäre, bevor sie die Maschine einfangen konnte, fuhr sie los.

Sie freute sich schon auf heute Abend, wenn sie hierher zurückkehren würde.

11

Sam schreckte fast etwas hoch, als es plötzlich an die Scheibe ihres Wagens klopfte. Als sie zur Seite blickte, sah sie einen Kopf mit hochgezogenen Augenbrauen zu sich hereinschauen. Seufzend fuhr sie die Seitenscheibe herunter.

»Sie schon wieder«, sagte Marita. »Was tun Sie hier?«

»Nützt es etwas, wenn ich sage, ich bin zufällig hier vorbeigekommen?«, fragte Sam und hob ebenfalls die Augenbrauen.

»Kaum«, erwiderte Marita trocken.

»Dann wissen Sie doch, warum ich hier bin. Nachdem ich Ihnen die Adresse gegeben hatte, habe ich darüber nachgedacht, dass der Junge vielleicht doch –« Sam brach ab. »Aber das ist ja Unsinn.«

»Jeder Mann, selbst so ein Junge, hat mehr Kraft als eine Frau«, stellte Marita fest. »Und da dachten Sie, er könnte die Schüsse abgegeben haben?«

»Er schreibt Gedichte!«, schoss es aus Sam heraus. »Wahrscheinlich würde er nie eine Waffe anfassen. Früher hätte er bestimmt den Wehrdienst verweigert und dafür lieber alte Mütterchen in einem Heim betreut.«

»Sehr lobenswert, wenn man so etwas tut«, bemerkte Marita, und es schien Sam, als blitzte eine Art von Amüsiertheit in ihren Augen auf. Diese Polizistin war definitiv mehr als das, wonach sie aussah.

»Ganz sicher«, stimmte Sam zu. »Sie haben recht. Es war eine dumme Idee herzukommen. Er hat bestimmt nichts damit zu tun.«

»Womit?«, fragte Marita ziemlich hintergründig.

Sam lachte ertappt auf. »Ja, ich weiß. Es war ein Unfall. Und Adriane Reichardt hat gestanden.« Sie schürzte die Lippen. »Mein Vater war Polizist«, fuhr sie fort. »Daher kommt wahrscheinlich mein Misstrauen bei solchen … Szenarios.«

»Szenario ist gut.« Maritas Kopf wippte nachdenklich leicht auf und ab. »Sie denken, das Ganze wurde aufgeführt wie ein Theaterstück?«

»Oder wie eine Filmszene.« Sam machte eine Geste, dass sie die Tür öffnen wollte, und Marita trat zurück, um sie aussteigen zu lassen. »Finden Sie nicht auch? Adriane Reichardt sieht ja schon so aus. Das typische Hollywood-Blondchen. Hat eine ältere Frau mit Geld geheiratet, um ein gemütliches und luxuriöses Leben zu führen. Aber das war nie auf Dauer angelegt. Sie wollte nur absahnen.«

Marita lachte fast etwas überrascht auf. »Na, ich mag Adriane Reichardt ja schon nicht, aber Sie –« Sie schüttelte ungläubig den Kopf. »Sie haben ja persönlich etwas gegen sie. Hat Sie Ihnen mal etwas getan?«

»Nicht dass ich wüsste.« Sam zuckte die Schultern. »Aber ich habe etwas dagegen, wenn Leute, die etwas …«, sie zögerte, »Schlimmes getan haben, einfach so davonkommen, weil die Polizei ihnen nichts beweisen kann.« Ihre Kiefer pressten sich aufeinander. »Mein Vater wurde von so jemandem erschossen. Und der läuft bis heute frei herum, weil es angeblich … Notwehr war.«

»Ihr Vater war Polizist, sagten Sie?« Maritas Brauen zogen sich fragend zusammen. »Wurde er im Dienst –?«

»Nein.« Sam schüttelte den Kopf. »Als er erschossen wurde, hatte er schon die Detektei. Er hatte den Dienst … quittiert, weil –« Sie blickte an Marita vorbei. »Das wollen Sie als Polizistin nicht hören.«

»Verstehe schon«, sagte Marita. »Aber Polizisten sind auch nur Menschen, wie alle anderen. Und anfällig für alle Arten von … Versuchungen.«

Weitere Artikel, zufällig ausgewählt

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
  • 11
  • 12
  • 13
  • 14
  • 15
  • 16
  • 17
  • 18
  • 19
  • 20
  • 21

Suche

Kontaktformular
Diese Webseite verwendet Cookies, um vollständig zu funktionieren.
Datenschutzerklärung Einverstanden