Ruth Gogoll: Wespennest

Sie legte mit raschen Schritten die Distanz zu der jungen Ärztin zurück und klappte den Stuhl auf. »Hatte sich nur verhakt.« Gleich darauf war sie wieder auf dem Weg zum Notausgang. Die auf einmal überraschten grauen Augen hatten sich ihr eingeprägt. Aber kein Ruf erscholl.

Als sie die Tür nach draußen aufstieß, warf sie einen Blick zurück. Die junge Ärztin stand da, immer noch mit diesem überraschten Ausdruck im Gesicht.

Die schwere Eisentür fiel hinter Bernadette zu. Auf der Straße rollte der Verkehr. Autos, Busse, Fahrräder, Fußgänger. In einer einzigen Bewegung atmete sie tief durch und startete wie von einer Feder geschnellt einen blitzartigen Lauf, sprintete über den Bürgersteig davon, dass die Menschen ihr erstaunt nachsahen. So etwas hatten sie außerhalb der Olympischen Spiele wohl noch nie gesehen.

Sie lief und lief, bis Seitenstiche sie davon abhielten weiterzulaufen. Sie musste sich umziehen. Dieser weiße Kittel war zu auffällig, damit würden sie sie sofort finden. Kurzentschlossen bog sie in eine schmutzige Gasse ein. Müllcontainer. Sie zog den Kittel aus, öffnete eine der großen Klappen und verzog das Gesicht. Der Geruch, der ihr entgegenschlug, ließ sie fast ohnmächtig werden. Wenn da etwas drin war, würde sie es kaum tragen können. Aber loswerden konnte sie den Kittel so schon. Schnell ließ sie ihn in die stinkende Tiefe fallen und schlug die Klappe wieder zu.

Sie drehte den Kopf. Ihr Blick nahm alles in sich auf. Auf der großen Straße, die hinter dieser Gasse lag, gab es ein Kaufhaus, das wusste sie. Man musste den Stier bei den Hörnern packen, wenn man gewinnen wollte. Wer hatte das immer gesagt? Für einen Moment verdunkelten sich ihre Augen.

Emmi. Sie hatte es gesagt. Und dabei gelacht. Dieses wunderbare Lachen . . .

Bernadette riss sich zusammen. Es war verschwunden. Genauso wie Emmi. Nie mehr würde sie lachen oder so etwas sagen. Blut. Rot. Bilder blitzten in ihr auf, die ihr Unterbewusstsein gleich wieder unterdrückte. Aber ihr Bewusstsein wusste, dass Emmi umgebracht worden war. Schließlich war sie, Bernadette, dafür verurteilt worden.

Aber sie hatte es nicht getan. Auch wenn sie keine Erinnerung daran hatte, was geschehen war, aber das hatte sie nicht getan. Niemals. Niemals ihre schöne, zarte, wunderbare Emmi.

Ihre Lippen pressten sich zusammen. Welches Schwein auch immer das getan hatte, er würde es büßen.

Als ob sie nur auf dem Weg zu einem Einkaufsbummel wäre, betrat sie das Kaufhaus, blickte sich wie zufällig um. Aha, da war der Hausdetektiv. Den musste sie im Auge behalten. Sie nahm einen Schuh in die Hand, drehte ihn. Falsche Größe.

Während sie herumschlenderte, suchte sie sich alles zusammen, was sie brauchte. Dann ging sie auf die Toilette und zog sich um. Sie riss die Diebstahlsicherungen aus den Kleidungsstücken heraus. Auch eine Perücke hatte sie so nebenbei in ihren Korb gelegt. Nun war sie blond, obwohl ihre Haare sonst dunkel wie die Nacht schimmerten.

Die Sonnenbrille verdeckte ihre Augen, die neuen Kleider ließen sie wie eine völlig andere Frau erscheinen. Geschmack hatte sie immer gehabt, aber diesmal hatte sie nach pragmatischen Gesichtspunkten ›eingekauft‹: dunkle, unauffällige Sachen.

Langsam ging sie zum Ausgang. Sie hoffte, sie hatte keine der Diebstahlsicherungen übersehen, sonst würden alle Alarmglocken schrillen, wenn sie das Kaufhaus verließ. Sicherheitshalber stieß sie beiläufig ein paar Parfümfläschchen auf dem Glasverkaufstisch am Eingang um. Auch eine Vase. Sie zerbrach mit splitterndem Knall auf dem Boden.

Alle Augen richteten sich auf das Unglück. Sie glitt hinaus wie eine Schlange im Dschungel, die zufrieden damit ist, dass sie Beute gemacht hat, und niemand belästigte sie.

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