Ruth Gogoll: Wespennest

»Gab es denn welche?«, fragte Ingo überrascht. »Ich dachte, es wies alles nur auf die Ernst.«

»Auf den ersten Blick schon.« Nachdenklich zogen sich Rennis Augenbrauen zusammen. »Und eins ist klar: Bernadette Ernst hat Ahrens auch noch in die Hände gespielt mit ihrem Verhalten. Sie hat ihr die Verurteilung praktisch auf dem Silbertablett präsentiert. So ein Angebot auszuschlagen ist nicht Ahrens’ Art.«

Ingo überlegte. »Aber wenn sie es nicht war, wer soll es denn sonst gewesen sein?«

»Das«, erwiderte Renni gedehnt, »ist die große Frage. Ich habe das Gefühl, dass dieser neue Fall mit dem alten zusammenhängt. Aber nicht so, wie Ahrens uns das glauben machen will. Dennoch – um diesen neuen Fall zu lösen, müssen wir wohl auch den alten lösen.«

»Der ist schon gelöst«, stellte Ingo fest. »Die Akte ist geschlossen.«

»Hmhm.« Für einen Moment blickte Renni gedankenverloren in die Luft und dachte an die Akte, die sie ganz unten in ihrem Schreibtisch versorgt hatte, damit nicht jemand zufällig darüber stolperte. »Heißt aber nicht, dass der aktuelle Fall nicht trotzdem etwas damit zu tun hat. Schließlich hat Ahrens oft genug darauf hingewiesen, dass Klaus Fellbach damit in Zusammenhang stand. Obwohl sie ihn offensichtlich nie als Verdächtigen betrachtet hat. Was sie meiner Ansicht nach hätte tun müssen, denn er ist der damals Ermordeten nachgestiegen. Aber wenn unsere allseits geliebte Staatsanwältin zumindest jetzt meint, dass der Zusammenhang so wichtig ist, sollten wir diesen Aspekt auch nicht vernachlässigen.« Sie grinste.

»Klaus Fellbachs Frau«, nickte Ingo.

»Richtig.« Renni legte die Unterlagen, die sie für die Besprechung gebraucht hatte, auf ihren Schreibtisch. »Ich bin ziemlich gespannt, was die jetzt vielleicht ganz lustige Witwe uns zu sagen hat.«

6 – Tag 2 – Früher Nachmittag

»Von welcher Zeitung sind Sie?«

Erstaunt blickten Ingo und Renni sich an. »Kriminalpolizei. Hauptkommissarin Schneyder. Und das ist mein Mitarbeiter, Herr Lohse«, stellte Renni sie vor.

Die Frau mit den halblangen braunen Haaren wirkte überrascht. »Ach so«, sagte sie. »Können Sie einen Moment warten?«

»Wir haben ein paar Fragen an Sie Ihren Mann betreffend. Ihren geschiedenen Mann«, sagte Renni. »Das kann nicht warten.«

Widerstrebend wich die Frau von der Wohnungstür zurück, und sie traten ein. Es war eine nette Wohnung, groß und hell, vermutlich die Wohnung, in der die Familie gemeinsam gelebt hatte, als die Fellbachs noch verheiratet waren. Kein Vergleich zu dem doch etwas heruntergekommenen Loch, in dem Klaus Fellbach allein gehaust hatte.

Es lag Spielzeug herum. Eindeutig war hier ein Kind im Haus.

»Ich bin gerade in einem Interview«, bemerkte Frau Fellbach abweisend mit einem leicht überheblichen Tonfall in der Stimme. Ihre fünf Minuten Ruhm wollte sie sich nicht nehmen lassen. »Ihre Fragen kann ich ja dann danach beantworten.«

Renni verzog die Mundwinkel. »Das glaube ich nicht.«

Sie folgte Frau Fellbach ins Wohnzimmer, wo eine junge Frau in einem Sessel saß, ein Handy vor sich auf dem Tisch, das vermutlich als Aufnahmegerät diente.

»Das Interview ist beendet.« Renni griff nach dem Handy und steckte es ein.

Die junge Frau sprang auf. »Was machen Sie da? Das dürfen Sie nicht!«

»Wie kommen Sie hierher?«, fragte Renni scharf zurück, ohne auf die Reaktion einzugehen. »Woher wissen Sie von Frau Fellbach? Der Name des Opfers wurde nicht veröffentlicht.«

Die junge Frau grinste. »Ich habe meine Quellen.«

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  • Ellen
  • Ruth Gogoll
  • Ruth Gogoll

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    Ich habe das Gefühl, dass dieser neue Fall mit dem alten zusammenhängt.

    Montag, 11. Juni 2018 10:24
  • Ich stolpere immer wieder über ein Wort, das nicht so richtig in den Satz passt. Undzwar in diesem:

    "Für einen Moment blickte Renni gedankenverloren in die Luft und dachte an die Akte, die sie ganz unten in ihrem Schreibtisch VERSORGT hatte, damit nicht jemand zufällig darüber stolperte."

    Hat vielleicht was mit der automatischen Worterkennung zu tun?

    Mittwoch, 13. Juni 2018 8:52
  • Ruth Gogoll

    Ellen Permalink

    Wieso? Sie hat die Akte doch im Schreibtisch versorgt. Sie könnte sie natürlich auch im Aktenschrank versorgt haben, aber in diesem Fall ist die Akte ja im Schreibtisch.

    Mittwoch, 13. Juni 2018 9:13
  • Entschuldige, Ruth, der Ausdruck war mir bisher nicht so geläufig. Wie peinlich 😬
    Aber man lernt ja gern dazu.

    Mittwoch, 13. Juni 2018 13:05
  • Ruth Gogoll

    Ellen Permalink

    Ich glaube, das sind einfach regionale Unterschiede. Ich habe als Kind z.B. oft gehört: „Wo hast du das denn wieder versorgt?“, wenn ich etwas nicht an den üblichen Ort getan oder verlegt hatte. 😉
    Bevor ich meine Frau kennenlernte, wusste ich auch nicht, was eine „Leberwurstbemme“ ist. 😎 Das ist eben in verschiedenen Teilen Deutschlands (und Österreichs und der Schweiz) zum Teil sehr unterschiedlich, wie Dinge bezeichnet werden. Das ist in keiner Weise peinlich. Denn, wie Du sagst, man kann ja immer dazulernen. 👍

    Mittwoch, 13. Juni 2018 14:27

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