Ruth Gogoll: Wespennest

Janina Fellbach verzog die Mundwinkel. »Er war schon lange nicht mehr mein Mann.«

»Also Ihren Ex-Mann«, korrigierte Renni bereitwillig. »Sie hatten doch noch Kontakt zu ihm?«

»Wieder«, antwortete Janina Fellbach verdrießlich. »Seit kurzer Zeit. Wegen unserem Sohn.«

»Haben Sie ihn mit Ihrem Sohn besucht?«, fragte Renni.

»Ha!« Frau Fellbach gab ein abschätziges Geräusch von sich. »Das hätte er gern gehabt. Er war ganz verrückt mit dem Kleinen. Sein Fleisch und Blut nannte er ihn immer. Das einzige, was an unserer Ehe gut gewesen wäre.«

»Er hat Sie also gedrängt?«, fragte Renni weiter. »Er wollte seinen Sohn sehen?«

Sie lachte wieder geringschätzig auf. »Er hat sogar das Sorgerecht beantragt. Allein.« Sie schüttelte den Kopf. »Und dabei habe selbst ich lange darum kämpfen müssen. Die Gerichte heutzutage schwärmen ja so für das gemeinsame Sorgerecht.« Sie zog abfällig die Mundwinkel herunter. »Man darf einem Kind nicht den Vater vorenthalten und all dieser Schmarrn. Dabei hat er sich nie um den Jungen gekümmert, solange wir verheiratet waren. Nur ich. Und dann plötzlich . . .«, erneut lachte sie hohl, »entdeckt er, dass er Vater ist. Hatte wohl eine Tusse, die keine Kinder haben konnte und nun meinte, sie wollte unbedingt meins.«

»Das war bestimmt nicht einfach für Sie«, bemerkte Renni mitfühlend. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass Zeugen sich eher öffneten, wenn man sie nicht zu scharf anging. »Er war also in einer neuen Beziehung?«, fragte sie.

Janina Fellbach verzog verächtlich das Gesicht. »Wenn man das so nennen kann . . .«

Renni erinnerte sich daran, dass in Klaus Fellbachs Wohnung keinerlei Hinweise auf eine Frau vorhanden gewesen waren. »Wie meinen Sie das?«, fragte sie.

»Keine Ahnung. Irgendwas war komisch“, meinte Janina Fellbach. „Er hat mir die Frau nie vorgestellt. Hab sie nur mal von weitem mit ihm gesehen.« Ihr Gesichtsausdruck wurde noch verächtlicher. »Wahrscheinlich irgendeine Schlampe, für die er sich geschämt hat. Sah ziemlich aufgedonnert aus.«

»Waren Sie am 1. August in seiner Wohnung?«, fragte Renni, bevor irgendwelche eifersüchtigen Tiraden sie davon abhalten konnten. »Am späten Vormittag?«

»Vormittags arbeite ich«, entgegnete Janina Fellbach sofort. »Rückt ja nicht genug raus, der Kerl. Sorgerecht haben wollen, aber keine Alimente zahlen. Wenn der Kleine im Kindergarten ist, bin ich bei ALDI. Kassiererin.« Sie machte einen unzufriedenen Eindruck. »Wir dürfen nicht mal aufs Klo, ohne den Chef zu fragen. Ein besseres Alibi gibt es wohl kaum.«

Das musste Renni zugeben. »Wann haben Sie da Schluss?«, fragte sie nach.

»Um eins. Aber dann muss ich noch abrechnen«, erklärte Janina Fellbach. »Meistens schaffe ich es nicht vor halb zwei zum Kindergarten. Die sind jedes Mal sauer, weil sie eigentlich um eins zumachen.«

Dann hatte Janina Fellbach ein unumstößliches Alibi. Renni klappte ihren Block zu. »Vielen Dank«, sagte sie. »Das wär’s fürs erste.«

»Fürs erste?« Janina Fellbach riss die Augen auf. »Ich habe Ihnen alles gesagt. Mehr weiß ich nicht. Ich habe Klaus so gut wie nie gesehen, wir haben nur telefoniert.«

Renni nickte. »Sie müssen Ihre Aussage noch unterschreiben. Könnten Sie dafür bitte ins Präsidium kommen? Morgen Nachmittag, nach der Arbeit?«

Janina Fellbach verzog missmutig das Gesicht. »Wenn’s denn sein muss.«

»Es wäre sehr nett von Ihnen«, erwiderte Renni lächelnd. Sie musste die Frau ja nicht unnötig reizen. Vor allem jetzt, wo sie wusste, dass sie als Täterin – wahrscheinlich – nicht in Frage kam.

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