Ruth Gogoll: Wespennest

»Ehrlich gesagt stellen wir hier die Fragen«, erinnerte sie Frau Gygli an Zweck und Ziel dieses Treffens. Sie lächelte durchaus freundlich, aber gleichzeitig auch sehr bestimmt. »Auf die wir auch Antworten erwarten.« Sie hob die Augenbrauen. »Sie haben uns immer noch nicht gesagt, welche Art von Therapie Sie mit Klaus Fellbach durchgeführt haben.«

»Wissen Sie . . .« Giuanna Gygli richtete sich auf ihrem Stuhl auf, hob sehr elegant das lange linke Bein, das sie über das rechte geschlagen hatte, an und wechselte die Position der Beine aus, indem sie nun das lange rechte über das linke schlug. »Klaus hat sich niemals damit wohlgefühlt, Klempner zu sein. Und doch konnte er sich nicht vorstellen, irgendetwas anderes zu tun, etwas anderes zu sein. Das hat ihn – neben anderen Dingen – sehr verunsichert.«

Beinah hätte Renni die Augen gerollt, aber so weit wollte sie denn doch nicht gehen. Diese Frau Gygli hatte in der Tat ein Talent, einer Antwort auszuweichen.

»Ja, ist es denn wahr!« Ingo nahm Renni das Augenrollen ab beziehungsweise steigerte es noch, indem er sich quasi gleich auf die Schenkel schlug, auch wenn er es in Wirklichkeit nicht tat. Trotzdem wirkte es fast so. »Der Klempner-Philosoph!«

Wieder wandte Giuanna Gygli sich mit einer direkten Frage an ihn, aber da er vor lauter Überraschung nach vorn auf Rennis Schreibtisch zugekommen war – auch um diese Frau, die ihm ein verblüffendes Erlebnis nach dem anderen bescherte, ansehen zu können –, musste sie sich dazu nun nicht mehr umdrehen und konnte ihre elegante Filmstarpose beibehalten. »Haben Sie sich noch nie gewünscht, etwas anderes zu sein als ein Polizist? Jemand anderer?« Sie hob ihre sorgfältig gestylten Augenbrauen nur leicht, aber das hätte jeden kleinen Jungen in Angst und Schrecken versetzt.

Ingo auch.

Renni sah es und übernahm wieder, denn es schien, als wäre sie dieser überwältigenden Frau doch etwas mehr gewachsen als ihr ansonsten mit Frauen recht lockerer Kollege. Aber das hier war eben nicht die Art Frau, die er gewöhnt war. »Es gibt überhaupt keinen Grund anzunehmen, dass ein Klempner nicht auch Philosoph sein kann«, erklärte sie ziemlich entschieden in Ingos Richtung. »Und vermutlich«, ihre Mundwinkel zuckten verdächtig, obwohl sie sie im Zaum zu halten versuchte, »haben viele Frauen ihn dafür sogar noch mehr geschätzt.«

Geradezu fassungslos starrte Ingo sie für einen Moment an. Wahrscheinlich zerbröckelte nun seine letzte Zuversicht, je eine Frau zu finden, die ihn so akzeptieren könnte, wie er war.

In seine Fassungslosigkeit hinein antwortete Giuanna Gygli: »Genauso war es. Was er gesucht hat, war, etwas zu fühlen. Einmal hat er sich auf ein Balkongeländer im zehnten Stock gestellt und hinuntergeschaut, in der Hoffnung, das würde ihn etwas fühlen lassen. Und er wusste noch nicht einmal, was das war. Wo war das Außergewöhnliche, die Aufregung, das berauschende Lebensgefühl?« Ihre Mundwinkel verzogen sich auf eine undefinierbare Art. »Er dachte, er hätte ein Anrecht darauf. Das wäre ihm versprochen worden.«

»Geht’s noch?« Ingo schüttelte fast so den Kopf, als wollte er sich von einem Alptraum befreien.

Renni hingegen kam der Gedanke, ob Klaus Fellbach auf seiner Suche nach dem berauschenden Gefühl, das er nicht finden konnte, eventuell so weit gegangen war, einen Mord zu begehen. Den Mord an Emmi Kaiser.

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