Ruth Gogoll: Wespennest

»Und Sie haben ihm geholfen, das zu bekommen, was ihm angeblich versprochen worden war?«, fragte sie. »Oder haben Sie ihn davon überzeugt, dass er kein Anrecht darauf hätte?«

»Oh, ich denke, jeder Mensch hat ein Anrecht darauf.« Giuanna Gygli ließ ihre langen Wimpern fast wie einen Vorhang heruntersinken und schaute sie wie mit einer Art Schlafzimmerblick an. »Ein Anrecht auf Glück. Ganz egal, was er darunter versteht.«

Da musste Renni den Kopf schütteln. »Nein«, widersprach sie. »Nicht, wenn er damit das Glück anderer zerstört. Kein Mensch hat ein Anrecht auf Kinderpornographie.«

»Nein, natürlich nicht!« In einer entsetzten Geste hob Frau Gygli ihre Hände mit den langen, roten Fingernägeln in die Luft, als wäre es ein Warnschild. »Es gibt Grenzen, da bin ich mit Ihnen ganz einer Meinung. Aber so war Klaus nicht. Er hatte große Probleme mit sich selbst, die seinem Glück im Wege standen. Daran habe ich mit ihm gearbeitet.«

»Wie?«, fragte Renni. »Das haben Sie uns immer noch nicht gesagt.«

Frau Gyglis Mundwinkel zuckten. »Weil es sehr schwierig ist, das zu erklären. Die meisten Menschen verstehen es falsch.«

Ingo holte Luft, um etwas zu sagen, aber Renni hob abratend eine Hand, weil sie sich schon vorstellen konnte, dass sein Kommentar nicht nützlich sein würde, denn er war genau der Typ, der vieles von dem, was mit Giuanna Gygli zusammenhing, missverstehen konnte.

»Glauben Sie mir«, sagte Renni. »Ich bin nicht erst seit gestern bei der Polizei. Ich habe schon eine ganze Menge gesehen. Mehr, als mir lieb ist. Wenn ich etwas falsch verstehe, bin ich gern bereit, es mir von Ihnen erklären zu lassen.«

Es war, als ob sich ein imaginärer Minutenzeiger ganz langsam über ein imaginäres Zifferblatt schöbe und Frau Gygli darauf wartete, dass er die nächste Minute erreichen würde, bevor sie sprach. Dann nickte sie. »Na gut«, sagte sie. »Ich arbeite als Sex-Ersatzobjekt. Und ich bin in dieser Funktion als Therapeutin zugelassen. Als Heilpraktikerin.«

Die Luft, die er anscheinend die ganze Zeit angehalten hatte, strömte wie ein rauschender Fluss aus Ingo heraus. »Wie bitte?« Dann lachte er. »Also doch Prostitution. Er hat Sie dafür bezahlt, dass Sie mit ihm schlafen. Deshalb war er halb ausgezogen, als wir ihn fanden. Das war der Tag, an dem Sie Ihren ursprünglichen Termin mit ihm hatten. Er hat Sie erwartet.«

Giuanna Gygli, die solche Reaktionen ganz sicher gewöhnt war und sich darüber nicht mehr aufregte, nickte bestätigend. »Das kann gut sein«, sagte sie. »Aber mit Prostitution hat die Arbeit einer Therapeutin als Sex-Ersatzobjekt nichts zu tun. Klaus Fellbach war, wie es im Volksmund etwas unzutreffend heißt, impotent. Er war so verkrampft, dass sein Körper ihm normalen Geschlechtsverkehr nicht mehr erlaubte. Diese Verkrampfung zu lösen war mein Auftrag. Über Gespräche, aber auch über Berührungen oder gewisse Aufgaben, die er zu erfüllen hatte.«

»Klasse!« Ingo klatschte in die Hände. »Was musste er tun? Vor Ihnen herumkriechen und Ihnen die Füße küssen?«

»Ingo!« Renni blickte ihn scharf an.

»Das ist schon in Ordnung.« Die ungewöhnliche Zeugin, die ihr gegenübersaß, lachte fast. »Ich sagte ja, die meisten verstehen es falsch. Insbesondere Männer«, sie warf einen geradezu mütterlich tadelnden Blick auf Ingo, »sind in dieser Hinsicht sehr eindimensional. Das war auch ein Teil von dem Problem, das Klaus hatte.« Sie holte Luft. »Und gerade ich kann das sehr gut verstehen. Viele Männer glauben, ein Leben ohne Penis existiert nicht. Deshalb ist es gut, dass ich ihnen sagen kann, aus eigener Erfahrung, dass es darauf nicht ankommt.«

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