Ruth Gogoll: Wespennest

Nun schnappte Ingo heftig nach Luft, als hätte ihm plötzlich jemand den Boden unter den Füßen weggezogen.

Renni hätte fast gegrinst, unterdrückte es aber. »Da kann ich Ihnen nur zustimmen«, sagte sie. Sie runzelte die Stirn. »Hing es denn auch mit der Therapie zusammen, dass Klaus Fellbach sich plötzlich wieder so heftig mit seiner Frau um das Sorgerecht gestritten hat?«

Giuanna Gygli seufzte. »Leider verstehen auch die Patienten unser Verhältnis nach einer Weile oft falsch. Sie denken, es hat eine Zukunft, obwohl es von vornherein zeitlich begrenzt ist. Darüber haben wir immer wieder gesprochen.« Sie verzog leicht das Gesicht. »Klaus wollte mich heiraten, und da ich keine Kinder bekommen kann, wollte er seinen Sohn mit in die von ihm geplante Familie aufnehmen. Das habe ich immer wieder versucht, ihm auszureden, aber er hatte sich sehr darauf versteift, dass er, wenn er ›wieder als Mann funktioniert‹, das Familienleben haben wollte, das er mit seiner Frau nie hatte. Dass das auch an ihm gelegen hat, konnte ich ihm bislang nicht klarmachen. Soweit waren wir noch nicht.«

»Sie haben sich so gut verstanden, dass er meinte, eine gemeinsame Familie würde funktionieren? Obwohl es eine Art . . . Geschäftsbeziehung war?« Renni merkte, dass ihr Bild von Klaus Fellbach immer vollständiger wurde. Offenbar war er trotz seines sehr bodenständigen Berufes ein Mensch gewesen, der die Realität manchmal einfach ausgeblendet hatte.

»Es war eine therapeutische Beziehung«, korrigierte Giuanna Gygli. »Die wird zwar bezahlt, aber die Klienten empfinden sie nicht unbedingt als eine Geschäftsbeziehung. Das ist oft das Problem.«

»Kann ich mir vorstellen.« Renni dachte nach. »Würden Sie aus Ihrer Erfahrung heraus annehmen, dass Klaus Fellbach einer Frau gegenüber die . . . nun, sagen wir einmal . . . nicht auf seine Sicht der Dinge einging, hätte gewalttätig werden können?«, fragte sie dann. »Um das zu bekommen, worauf er meinte, ein Anrecht zu haben? Immerhin war er seiner Frau gegenüber im Sorgerechtsstreit auch nicht zimperlich.«

»Das war etwas anderes«, sagte Giuanna Gygli. »Aber was Sie da andeuten . . . Vergewaltigung oder so etwas . . . das würde ich für unwahrscheinlich halten. Zumal er zum Geschlechtsverkehr schon lange nicht mehr in der Lage war.«

»Er könnte zu anderen Mitteln gegriffen haben«, sagte Renni. »Einem Messer zum Beispiel. Und mit großer Wut zugestochen haben. Gerade weil er zum Geschlechtsakt nicht mehr in der Lage war.«

»Alles möglich.« Giuanna Gyglis Blick wanderte kurz zur Decke, als würde sie über diese Möglichkeit nachdenken. »So etwas kommt vor.« Ihr Blick kehrte zu Renni zurück. »Aber sehen Sie . . . Er hat versucht, so viele Frauen wie möglich anzumachen, damit niemand auf den Gedanken kam, dass er gar nicht . . . konnte. Das war sein Ventil. Alle sollten ihn für einen sehr männlichen Mann halten. So sah er ja auch aus. Er war eher derjenige, der die Frauen dann sitzengelassen hat, nicht umgekehrt. Sie hätten wahrscheinlich alles für ihn getan.«

Wenn es nicht um Sex gegangen war, hatte das vielleicht auch auf Emmi Kaiser zugetroffen, dachte Renni. Dann hatte Klaus Fellbach wirklich keinen Grund gehabt, sie umzubringen.

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    »Er könnte zu anderen Mitteln gegriffen haben«, sagte Renni. »Einem Messer zum Beispiel. Und mit großer Wut zugestochen haben. Gerade weil er zum Geschlechtsakt nicht mehr in der Lage war.«

    Dienstag, 10. Juli 2018 9:34

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