Ruth Gogoll: Wespennest

»Lassen Sie mich gefälligst los!« Eine ziemlich schrille Stimme drang von draußen herein. »Ich bin herbestellt!«

Auch wenn die Stimme kreischiger klang, als sie sie in Erinnerung hatte, erkannte Renni sie sofort. »Entschuldigen Sie«, sagte sie, stand auf und ging zur Tür. »Wollten Sie zu mir?«, fragte sie in den Gang hinaus.

»Natürlich!« Janina Fellbachs Stimme kam näher, weil Renni ihrer Kollegin, die sie wohl hierher begleitet hatte und dann hatte aufhalten wollen, zunickte, dass sie den Weg freigeben konnte. »Sie haben doch gesagt, ich soll kommen, um meine Aussage zu unterschreiben. Ob ich Zeit habe oder nicht«, warf sie noch wie eine Schlammpfütze hinterher. »Das ist Ihnen ja egal!«

»Es dauert nicht lange«, versicherte Renni ihr. »Kommen Sie doch herein.« Sie trat zurück und lud Janina Fellbach mit einer Handbewegung in ihr Büro ein.

Kaum durch die Tür erstarrte Frau Fellbach jedoch, als wäre sie gegen eine Wand gelaufen. »Sie . . . Sie . . . Sie sind doch . . . Sie sind das . . . das Flittchen, mit dem Klaus rumgemacht hat!«, stieß sie atemlos hervor, während sie Giuanna Gygli anglotzte, als wäre sie ein Mondkalb mit zwei Köpfen. »Was will die hier?« Ihr Kopf ruckte zu Renni herum, und ihre Augen blitzten sie wütend an.

Als ob sie das alles gar nicht gehört hätte, ging Renni an ihr vorbei wieder auf ihren Schreibtisch zu, nickte Giuanna Gygli freundlich zu und sagte: »Wir sind glaube ich hier fertig, Frau Gygli. Würden Sie vielleicht mit meinem Kollegen hinausgehen, damit er Ihre Aussage mit Ihnen durchgehen kann?«

Sie warf einen Blick auf Ingo und ignorierte dabei sein Augenrollen, das ihr wohl sagen sollte, dass er sich lieber mit Janina Fellbach unterhalten hätte, während Renni sich mit dieser für ihn höchst herausfordernden Frau Gygli beschäftigte.

Giuanna Gygli stand auf, aber in diesem Moment stürzte Janina Fellbach sich auf sie und versuchte ihr buchstäblich die Augen auszukratzen. »Du . . . Du . . . wolltest mir meinen Sohn wegnehmen!«

Allerdings hatte sie körperlich keine Chance gegen Giuanna Gygli, die nicht nur erheblich größer war als sie, sondern auch viel stärker. Und sie ließ sich von diesem Angriff auch gar nicht erschüttern. Vielleicht war es nicht das erste Mal, dass sie eine Ehefrau traf, die glaubte, sie wollte ihr ihren Mann wegnehmen. Ganz gelassen hob sie nur leicht die Arme, um die Attacke abzuwehren. »Nein, das wollte ich nicht«, sagte sie ruhig. »Das war die Idee von Klaus. Und er ist ja nun tot.«

Noch einmal versuchte Janina Fellbach auf sie einzuschlagen, aber dann schien sie zu verstehen, was Giuanna Gygli gesagt hatte – und noch etwas anderes. Ihre Mundwinkel sanken abschätzig nach unten. »Du bist ja noch nicht mal ’ne richtige Frau«, stellte sie fest und trat zurück. »Du bist ’n Mann!«

»Nicht mehr«, erwiderte Giuanna Gygli trocken. »Und eigentlich war ich das nie.« Ihre Mundwinkel zuckten, während sie Renni zunickte und mit Ingo zusammen das Büro verließ.

»Ist das denn die Möglichkeit!« Janina Fellbach starrte ihr nach, stemmte auf einmal die Hände in die Hüften und begann geradezu hysterisch zu lachen. »Klaus und ’n Mann! Das gibt’s ja nicht!«

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