Ruth Gogoll: Wespennest

»Was natürlich etwas dauert.« Monika schürzte die Lippen. »Bis du all deine ehemaligen Liebhaberinnen durchgegangen bist, hätte sie ein bisschen länger warten müssen.«

»Du übertreibst«, sagte Renni. Sie wollte noch etwas hinzufügen, aber dann plötzlich blieb sie stehen. »Bernadette!«, stieß sie atemlos hervor. »Das war Bernadette Ernst!«

»Wie bitte?« Monika starrte sie entgeistert an. »Und du hast sie nicht erkannt?«

»Sie hat eine neue Verkleidung«, erklärte Renni, während sie wieder losging, schon fast anfing zu laufen. »Aber ihre Augen . . .«

»Das musst du der Fahndung melden.« Monika versuchte mit ihr Schritt zu halten, blieb aber ein wenig zurück.

Erneut blieb Renni stehen, zog ihr Handy heraus. »Kann ich ja auch von hier machen.« Sie suchte schon die Nummer in ihrem Verzeichnis. »Sie hat die ganze Zeit neben uns gesessen«, murmelte sie dabei fassungslos. »Und ich habe es nicht gemerkt. Am Anfang, als wir kamen, dachte ich –« Sie brach ab, weil sich nun jemand auf der Nummer gemeldet hatte. »Bernadette Ernst ist in Klein Venedig!«, rief sie in den Hörer. Dann beschrieb sie die Verkleidung und wo genau sie die Flüchtige gesehen hatte, obwohl sie da wahrscheinlich schon längst nicht mehr war, sagte nickend »Okay« und legte wieder auf. »Schöner Mist«, fügte sie hinzu. »Sie hat es darauf angelegt. Und ich sitze daneben wie eine Idiotin!«

»Was wäre passiert, wenn du versucht hättest, sie festzunehmen?«, fragte Monika mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Keine Ahnung.« Renni atmete tief durch. »Wenn sie sich gewehrt hätte, weiß ich nicht, was passiert wäre. Sie ist sehr gut trainiert.«

»Das hätte ich gern gesehen.« Monika schmunzelte. »Ich glaube, ich muss doch mal zu deinem Training mitkommen.«

»Ich dachte, du stehst nicht so auf Muskeln?«, fragte Renni erstaunt.

»Generell nicht«, bestätigte Monika immer noch schmunzelnd. »Aber in deinem Fall mache ich eine Ausnahme.« Überlegend zog sie die Augenbrauen zusammen. »Denkst du, sie ist uns gefolgt? Dir?«

Renni schüttelte den Kopf. »Sie war schon da, bevor wir kamen. Wahrscheinlich wollte sie einfach nur mittagessen.«

»Muss ja auch mal sein.« Monika nickte. »Selbst wenn sie auf der Flucht ist.«

»Ich hätte zwar gedacht, dass sie sich dann nicht in ein Restaurant setzt, sondern sich eher ein Brötchen aus dem Supermarkt holt, aber ja«, bestätigte Renni. »Muss auch mal sein.« Ihre Gedanken versuchten Bernadette Ernsts Verhalten einzuordnen. »Das heißt«, fuhr sie geistesabwesend fort, »sie hat ihr Ziel noch nicht erreicht. Wenn sie sich so gemütlich in ein Lokal setzt, ist sie auf keiner heißen Spur.« Sie seufzte. »Genauso wenig wie ich.«

»Vielleicht solltet ihr euch mal zusammentun«, bemerkte Monika leicht spöttelnd.

»Was hat die Autopsie von Janina Fellbach erbracht?«, fragte Renni zurück.

Monika zuckte die Schultern. »Nichts Besonderes. Falls du dir davon Aufschlüsse erhoffst, wirst du wahrscheinlich keine kriegen. Sie war eine junge Frau in einem körperlich guten Zustand, die ein Kind geboren hat. Was wir ja schon wissen. Schwanger war sie nicht.« Sie machte eine kleine Pause. »Und sie hatte auch keinen Sex in der Nacht, bevor sie gestorben ist.«

Rennis Gedanken wanderten weiter. »Dann war der Mann, der bei ihr war, vermutlich nicht ihr neuer Freund. Kein enger Bekannter. Nicht auf diese Art eng jedenfalls.«

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