Ruth Gogoll: Wespennest

»Wusste ihr kleiner Sohn nichts darüber?« Monika blickte sie fragend an. »Wenn öfter mal ein Mann da war, hätte er es doch mitbekommen.«

Renni atmete seufzend durch. »Er hat so etwas erwähnt, weshalb wir dann die Nachbarn befragt haben, aber er ist eben noch ziemlich klein, und die Nachbarn haben nichts gesehen. Anscheinend hat Janina Fellbach sich sehr bemüht, diesen Mann von ihrem Sohn und auch von ihrem sonstigen Umfeld fernzuhalten. Er war nicht oft da, aber wenn er da war, hat sie den Kleinen immer rausgeschickt.«

Monika hob die Augenbrauen, sagte aber nichts.

»Nein«, beantwortete Renni die unausgesprochene Frage. »Sie war keine Gelegenheitsnutte. Das hätten die Nachbarn bestimmt mitgekriegt. Das Haus ist sehr hellhörig. Und dann wäre es ja auch nicht nur ein Mann gewesen.«

»Das hätte ich auch bei der Untersuchung gesehen«, bestätigte Monika ernst. »Man sieht es immer, wenn eine Frau in diesem . . . Beruf arbeitet.«

»Klar«, sagte Renni. »Außer sie hätte gerade erst angefangen, aber das glaube ich wie gesagt nicht. Sie hätte das Geld sicherlich gut gebrauchen können, aber so verzweifelt war sie nicht. Sie hatte einen Job und sie hatte ihren Sohn, um den sie sich kümmern musste. Das war ihr ganzes Leben.«

Mittlerweile waren sie im Gebäude angekommen, und ihre Wege trennten sich.

Mit einem kurzen Winken verabschiedete Monika sich auf die Treppe, die nach unten führte. »Falls noch was ist, gebe ich dir Bescheid«, kündigte sie an. »Aber wie gesagt denke ich nicht, dass da noch große Überraschungen zu erwarten sind. Ich weiß nicht, ob er zu ihr gekommen ist, um sie umzubringen, aber auf jeden Fall war er dann sehr effizient dabei, es zu tun. Er war nicht in Panik. Er hat sie kaltblütig ermordet.«

»Du denkst also nicht, dass es derselbe Täter sein könnte wie bei Emmi Kaiser?«, hakte Renni nach.

»Das habe ich nicht gesagt«, erwiderte Monika und verschwand dann mit schnellen Schritten nach unten.

»Sehr aufschlussreich«, murmelte Renni unzufrieden vor sich hin. Aber sie wusste auch, dass sie Monika nicht dafür verantwortlich machen konnte. Die meisten Täter hinterließen nun einmal keine Visitenkarte.

Und außer dass sie beide Frauen waren, hatten die Opfer Emmi Kaiser und Janina Fellbach auch nichts gemeinsam gehabt. Was allerdings nicht gegen ein und denselben Täter sprach, der beide umgebracht haben konnte. Leider jedoch auch nicht dafür.

»Na, wie war dein Mittagessen?«, begrüßte Ingo sie, der ebenfalls gerade durch die breite Tür hereinkam. »Meins ist ausgefallen, aber dafür habe ich etwas entdeckt.«

»Ach ja?« Renni blickte ihn aufmerksam an.

»Janina Fellbachs Mutter kassiert eine Menge Mücken für den Tod ihrer Tochter. Sie hatte eine Lebensversicherung auf sie abgeschlossen, die jetzt ausgezahlt wird.« Er stand da wie ein Hund, der ein Kunststück vorgeführt hat und nun eine Belohnung dafür erwartet.

Für ein paar Sekunden war Renni völlig perplex. »Was?«, fragte sie dann. »Hatten sie sich nicht jahrelang nicht gesehen?«

»Ja . . .«, bestätigte Ingo gedehnt. »Aber Janina Fellbach war noch sehr jung. Ihre Mutter hatte die Versicherung abgeschlossen, bevor ihre Tochter volljährig war.«

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