Ruth Gogoll: Wespennest

»Davon hat sie am Telefon nichts gesagt, als ich sie gefragt habe, ob sie sich um ihren Enkel kümmern könnte.« Renni schüttelte verständnislos den Kopf. »Mit dem Geld könnte sie das doch.«

Ingo gab ein hohles Lachen von sich. »Aber noch viel besser findet sie es bestimmt, wenn sie das Geld für sich allein ausgeben kann.«

»Davon bin ich überzeugt«, murmelte Renni.

»So eiskalt, wie sie ist, könnte sie ihre Tochter selbst umgebracht haben, um das Geld zu kassieren.« Ingo verschränkte die Arme vor der Brust. »Oder der Mann war es, der ihre Tochter besucht hat. Im Auftrag der Mutter.«

»Puh!« Renni atmete tief durch. »Ein bezahlter Killer? Also langsam entwickelt sich dieser Fall in Dimensionen, die ich ihm nie zugetraut hätte.«

»Vielleicht war sie es ja auch selbst. Um Geld zu sparen«, ließ Ingo seiner Phantasie weiter freien Lauf. »Sie könnte sich als Mann verkleidet haben. Die Nachbarn haben nicht viel gesehen, nur einen Schatten. Wir haben alle nur vermutet, dass es ein Mann war, weil Janina Fellbach ein paar Mal Besuch von einem Mann hatte.«

»Und weil Monika das gesagt hat«, wandte Renni ein, während sie auf ihrer Lippe herumkaute. »Monika irrt sich nicht so leicht. Oder ist Janina Fellbachs Mutter so stark wie ein Mann?«

Man sah richtig, wie Ingo sich ein Lachen zu verbeißen versuchte, aber er schaffte es nicht. »Vielleicht sogar stärker«, sagte er endlich grinsend. »Sie macht schon seit Jahren Bodybuilding. Sie sieht aus wie . . . na ja, wie die eben aussehen.«

»Bodybuilding?« Dieser Tag hielt wirklich eine Menge Überraschungen bereit, dachte Renni. »Du hast sie besucht?«

»Hmhm.« Ingo nickte. »Und ich kann dir sagen, ich war froh, als ich da wieder raus war. Die hat Hanteln in ihrem Wohnzimmer liegen, damit könnte sie einen Elefanten erschlagen.«

»Ach du meine Güte«, sagte Renni. Dann legte sie nachdenklich eine Hand ans Kinn. »Janina Fellbach wurde aber nicht erschlagen, sondern erstochen. Mit einem einzigen Stich ins Herz. Kommt mir etwas untypisch vor für die Mutter, so wie du sie beschreibst.«

»Mag schon sein«, gab Ingo zu, während sie gemeinsam zu ihrem Büro gingen. »Aber wenn ich je jemanden kennengelernt habe, der in sein eigenes Spiegelbild verliebt ist, dann diese Frau. Ihre ganze Welt dreht sich nur um sie selbst. Daneben hat niemand anderer Platz.« Er lachte. »Im wahrsten Sinne des Wortes. Sie hat so ein breites Kreuz, das keiner neben ihr durch die Tür gehen kann.«

»Kann ich mir denken«, sagte Renni. »Aber wie kam sie dann dazu, so eine Versicherung abzuschließen? An ihrer Tochter lag ihr doch anscheinend überhaupt nichts.«

»Einer ihrer Bodybuilding-Kumpel ist Versicherungsvertreter«, erklärte Ingo. »Und für sie war – oder ist – er wohl auch noch etwas mehr. Der hat ihr eine Menge Versicherungen aufgeschwatzt, unter anderem auch diese. War wohl mehr ein Zufall. Wenn ich das richtig sehe, ist sie in jeder Hinsicht ziemlich überversichert.«

»Was es nicht alles gibt . . .« Renni schüttelte den Kopf und betrat ihr Büro. »Damit hat sie dann also ein Motiv. Hätte ich nie vermutet. Wie bist du auf den Gedanken gekommen, das zu überprüfen?« Sie nahm ein paar Blätter vom Schreibtisch, die anscheinend während der Mittagspause eingetrudelt waren, und überflog sie schnell.

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