Ruth Gogoll: Wie Honig so süß

Ein Fortsetzungsroman in 250-Wörter-Abschnitten (Warum?)

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Kapitel 16

»Die Naht ist nicht in Ordnung.« Emmas Augenbrauen zogen sich tadelnd zusammen. »Trenn das noch mal auf und mach es richtig.«

»Ja, Miss.« Das Mädchen knickste. »Sofort, Miss.« Sie zog sich schnell mit der Uniformjacke, die Emma beanstandet hatte, an ihren Arbeitstisch zurück.

»Sei nicht zu streng mit den Mädchen, sonst werden wir mit der Lieferung nie fertig.« Siobhan blickte sie etwas strafend, aber mit zuckenden Mundwinkeln, die sich fast schon in ein Schmunzeln verwandelten, an.

»Meine Mutter hätte die Naht direkt vor meinen Augen aufgerissen und gar nichts gesagt«, erwiderte Emma. »Und ich hätte mich in Grund und Boden geschämt. Außerdem«, sie seufzte, »will ich nicht, dass man sagt, O’Shea’s liefert schlechte Qualität.«

»Das tut niemand«, beruhigte Siobhan sie. »Mit der ersten Lieferung waren sie doch sehr zufrieden.«

Ein leicht stolzes Lächeln überzog Emmas Gesicht. »Ich habe auch jede einzelne Uniform kontrolliert, bevor sie rausging. Nächtelang.«

»Ich weiß«, sagte Siobhan. »Und es hat sich gelohnt. Der zweite Auftrag ist noch größer als der erste.«

»Ja, die Armee wächst und wächst.« Emma nickte. »Sie haben nicht damit gerechnet, dass sie verlieren könnten. Bull Run hat sie überrascht. Die drei Monate sind um, aber der Krieg ist noch lange nicht vorbei.«

Siobhan machte ein nachdenkliches Gesicht. »Denkst du manchmal daran, dass Billy dabeigewesen sein könnte? Niemand hat etwas von ihm gehört.«

»Ja.« Emma lehnte sich zurück. »Ein paar von den Mädchen hier warten auch noch auf Nachricht von Verlobten, Brüdern, Cousins.« Sie ließ ihren Blick über die große Lagerhalle schweifen, in der sich ein Arbeitstisch an den anderen reihte. »Manchmal bin ich fast froh, dass Ian nicht mehr lebt. Dass ich das weiß. Diese Ungewissheit –«

»Maggie sieht aus, als ob sie seit Wochen nicht geschlafen hätte.« Siobhan ließ ihren Blick zu Maggie hinüberschweifen, die fast wie in Trance in der Ecke stand. »Wenn du sie nicht genommen hättest, hätte sie wohl keinen Job mehr. Mrs. Mitchell war nicht bereit, das zu akzeptieren.«

»Mrs. Mitchell weiß nicht, wie das ist«, bemerkte Emma mit zusammengebissenen Zähnen. »Ihr Sohn ist schon wieder da, weil er sich freigekauft hat. War wohl doch nicht das große Abenteuer, das er sich erhofft hatte.«

Siobhan gab ein hohles Geräusch von sich. »Er dachte wahrscheinlich, es wäre ein großer Spaß, so eine Art Picknick. Hast du gehört, dass die feinen Leute von Washington tatsächlich in ihren Kutschen rausgefahren sind, um bei der Schlacht zuzusehen? Als ob es ein Theaterstück wäre.«

»Ja, und dann haben sie die Straßen verstopft und Chaos verursacht, als die Armee auf dem Rückzug war.« Emma nickte. »Die haben wirklich keine Ahnung.«

»Woher sollten sie auch?«, erwiderte Siobhan schulterzuckend. »Hier gab es noch nie Krieg.«

»Manchmal frage ich mich –«, setzte Emma an, brach aber sofort wieder ab.

»Was?«, fragte Siobhan.

»Ach nichts.« Emma schüttelte den Kopf. »Wir müssen uns auf unsere Arbeit konzentrieren, sonst werden wir nicht fertig.«

Siobhan warf ihr einen nachdenklichen Blick zu, beugte sich dann jedoch wieder über den Stoff, an dem sie genäht hatte.

Emma tat dasselbe. Im Gegensatz zu Mrs. Mitchell, die schon lange keine Nadel mehr in die Finger genommen hatte, konnte sie es sich nicht leisten, nur herumzusitzen und zuzuschauen. Sie brauchte eigentlich mehr Näherinnen als sie hatte auftreiben können.

»Maggie!« Siobhan sprang mit einem Schrei auf und lief zu der Ecke hinüber, in der Maggie eben noch gestanden hatte. Jetzt war nichts mehr von ihr zu sehen.

Emma reagierte verzögert, weil ihre Gedanken abgeschweift waren, sah in die Richtung, in die Siobhan lief, reckte den Hals und stand dann erst auf. Einige der anderen Mädchen hatten sich bereits zu Siobhan gesellt, und als Emma an der Stelle ankam, sah sie, dass Maggie wohl ohnmächtig geworden war.

Siobhan hockte neben ihr und klopfte auf ihre Wangen, die bleich und eingefallen schienen, und rief ihren Namen. »Maggie. Maggie, komm schon. Komm, mach die Augen auf.« Sie blickte auf und hob die Augenbrauen, als sie Emma mit fragendem Gesichtsausdruck über sich sah. »So etwas habe ich mir schon gedacht.«

Emma runzelte die Stirn. Sie verstand nicht.

»Sie ist schwanger«, setzte Siobhan fort. »Von Billy.«

»Schwanger? Von Billy?«, echote Emma ungläubig. »Aber sie ist doch erst –«

»Fünfzehn«, ergänzte Siobhan. »Und er ist siebzehn. Er hat bestimmt gelogen, als er sich bei der Armee beworben hat, sonst hätten sie ihn gar nicht genommen.« Sie seufzte. »Im fruchtbarsten Alter. Alle beide.«

»Ach du meine Güte«, sagte Emma. »Maggie . . .« Bisher hatte sie sich keine Gedanken darüber gemacht, aber wenn sie sie sich gemacht hätte, wäre Maggie die letzte gewesen, bei der sie an eine Schwangerschaft dachte. Und Billy der letzte, den sie sich als Vater vorstellen konnte.

»Sie wollte nichts sagen. War sehr verschlossen«, meinte Siobhan. »Aber die Anzeichen waren unverkennbar. Ihr war dauernd schlecht. Bis eben hatte ich gehofft«, sie atmete tief durch, »dass ich mich geirrt hätte.«

»Schöne Bescherung«, sagte Emma, während ihr Blick über Maggies halb liegende, halb an die Wand gelehnte Gestalt schweifte. »Ob ihre Familie es schon weiß?«

»Ihre Mutter hat neun Kinder, sie wird es wissen.« Siobhans Bemühungen, Maggie aufzuwecken, hatten Erfolg. Maggies Lider flatterten. »Sie hat gerade selbst noch eins bekommen.«

Langsam öffnete Maggie die Augen. »Was . . . was . . .?«, stammelte sie schwach.

»Bleib einfach noch ein bisschen sitzen«, wies Siobhan sie an und half ihr, sich etwas höher an die Wand zu schieben. »Ist gleich vorbei.«

Maggie musterte für einen Moment die auf sie gerichteten Gesichter, dann senkte sie schamhaft den Kopf.

»Du bist nicht die erste, die das durchmacht, und du wirst nicht die letzte sein.« Siobhan seufzte. »Die Männer haben ihren Spaß, und wir Frauen haben die Last. So wird es wohl immer bleiben.«

»Maggie geht es gut«, warf Emma ein und sandte einen aufmunternden Blick in die Runde. »Zurück an die Arbeit. Wir haben noch viel zu tun heute.«

Mit scharrenden Füßen begaben die Nähmädchen sich an ihre Tische zurück.

Emma hockte sich neben Siobhan, die immer noch eine stützende Hand auf Maggies Schulter gelegt hatte. »Du hast immer noch nichts von Billy gehört?«, fragte sie Maggie.

Maggie schüttelte zögernd den Kopf. »Er kann nicht sehr gut schreiben«, flüsterte sie.

»Er wird bald zurückkommen«, tröstete Siobhan. »Jetzt kann der Krieg ja nicht mehr lange dauern.«

Emma dachte, dass Siobhan das nur sagte, um Maggie zu beruhigen, denn es wurden immer mehr Männer als Soldaten eingezogen. Die Armen mussten gehen, die Reichen konnten sich mit ein paar hundert Dollar vom Dienst freikaufen wie Jimmy Mitchell, aber es gab keinen Grund anzunehmen, dass die Kämpfe so bald beendet sein würden wie zuerst geglaubt.

»Ich komme gleich«, sagte Siobhan, die Emmas Unruhe bemerkte. »Ich will nur sicher sein, dass sie nicht gleich wieder umkippt.«

»Schon gut.« Emma stand auf. »Ich kann hier aber wohl nicht viel helfen.«

»Nein, kannst du nicht.« Siobhan schüttelte den Kopf. »Sie muss sich nur noch ein paar Minuten erholen. Etwas Wasser wäre vielleicht gut.«

Emma nickte, ging rasch hinaus vor das Gebäude und pumpte Wasser in einen Krug.

»Emma.« Francie kam über die Straße auf sie zu.

Fast hätte Emma den Krug fallengelassen, weil sie so überrascht war. Dann überzog ein freudiges Lächeln ihr Gesicht. »Francie«, sagte sie leise, weil gerade niemand in der Nähe war und sie deshalb wagte, Francies Vornamen zu benutzen. »Was tust du denn hier?«

»Ich habe so lange nichts von dir gehört«, sagte Francie, ließ den Sonnenschirm auf ihrer Schulter, dass er wie ein Sichtschutz wirkte, und beugte sich zu ihr.

»Tut mir leid. So viel Arbeit«, entschuldigte Emma sich. Ihr ganzer Körper sehnte sich nach Francie, aber hier auf der Straße konnten sie sich nur unschuldig unterhalten, obwohl der Glanz in Francies Augen zu etwas anderem einlud.

»Nun, da du nicht mehr bei Mrs. Mitchell bist, kann ich dich noch nicht einmal mehr zu einer Anprobe ins Haus bestellen«, stellte Francie bedauernd fest. »Ich trage keine Uniformen.«

Emma lachte leise. »Die würden dir auch gar nicht stehen.« Sie spürte, wie sich der Schalk in ihr meldete, und beugte sich noch näher zu Francie. »Das, was du jetzt trägst, bringt deine Figur viel besser zur Geltung.«

Ein bezauberndes Rosa überzog Francies Gesicht. »Ich würde dich so gern küssen«, flüsterte sie.

Nur schwer konnte Emma sich gegen dasselbe Verlangen wehren. Ihre Haut kribbelte so sehr, dass sie sich gewünscht hätte, Francie würde etwas dagegen tun. »Bereust du jetzt, was du hier getan hast?«, fragte sie, während sie das Wasser aus dem Krug ausschüttete, als wäre es nicht gut, und erneut pumpte, um ihr Verweilen auf der Straße nachvollziehbar zu machen.

»Nein.« Francie lächelte etwas schief. »Irgendeinen Vorteil muss es ja schließlich haben, mit Thomas Morgan verlobt zu sein.«

Die Erwähnung von Thomas Morgan jagte einen unangenehmen Schauer über Emmas Rücken. »Vielleicht hätte ich dir nichts von meinen Schwierigkeiten erzählen sollen«, erwiderte sie mit einem Anflug von Schuldbewusstsein.

»Doch, das war schon in Ordnung«, widersprach Francie schnell. »Ich bin froh, dass du es getan hast und ich helfen konnte.« Ihre Augen wurden noch eine Spur dunkler. »Wenigstens das«, wisperte sie. »Wenn wir uns sonst schon nicht sehen.«

»Oh, Francie . . .« Emmas Knie wurden weich, und sie hatte Sorge, ob sie überhaupt noch die Kraft haben würde, den Krug hineinzutragen.

Als hätten sie sich abgesprochen, wanderten ihre Blicke in die kleine Gasse neben der Lagerhalle. Langsam drehte Emma sich um und schlenderte hinein, Francie schaute sich noch einmal unauffällig auf der Straße um, ob jemand sie beobachtete, und folgte ihr dann, als wäre es ein reiner Zufall, dass sie hier abbog.

Die Gasse wurde sogar noch schmaler, je weiter man hineingeriet, denn sie führte eigentlich nirgendwo hin.

Die hohen Wände der umgebenden Häuser ließen kaum Sonne herein, und es herrschte ein schummriges Zwielicht, auch wenn eigentlich hellichter Tag war.

Fast am Ende angekommen drehte Emma sich um.

Sorgsam hatte Francie mittlerweile den Sonnenschirm eingeklappt, mit dem sie in dieser Enge schon fast hängengeblieben wäre wie damals in der Werkstatt, und trat zu ihr. »Emma . . .«, flüsterte sie.

In der geradezu intimen Beleuchtung fingen sich Schatten in ihren Augen, die den Eindruck erweckten, als würden sie flackern, als würde eine irisierende Unruhe sie daran hindern, sich auf einen festen Punkt zu konzentrieren. In Wahrheit schaute sie Emma jedoch unverwandt an.

Emma hatte sich an die Wand zurückgelehnt und konnte ihren Blick ebenso wenig von Francie wenden. Sie streckte eine Hand nach ihr aus. »Komm her«, hauchte sie. »Komm zu mir.«

Als Francie wie hypnotisiert von ihrem Anblick zögerte, stieß Emma sich leicht von der Wand ab und drückte Francie mit ihrem Gewicht gegen die gegenüberliegende Hausmauer.

Francie seufzte auf und schloss die Augen. »Wenn ich dich doch nur ohne die ganzen Kleidungsstücke spüren könnte«, wisperte sie sehnsuchtsvoll.

Emma spürte eine Hitze in sich hochschießen, als hätte die Sonne sich auf die Erde herabbegeben und strahlte sie aus nur ein paar Metern Entfernung an. »Ja«, seufzte sie ebenso wie Francie. »Das wünsche ich mir auch.« Ihre Lippen fuhren zärtlich über Francies Gesicht, suchten ihren Mund.

Nicht nur aus ihren Worten konnte man entnehmen, dass Francie nur darauf gewartet hatte. Ihr ganzer Körper drängte sich Emma entgegen, als ob es keine andere Richtung mehr gäbe, in die er sich bewegen könnte.

Wie miteinander verschweißt konnten ihre Münder nicht voneinander lassen. Es war, als atmeten sie gemeinsam aus derselben Quelle, und ihr Atem wurde im Gleichtakt schwerer und schwerer.

Emmas Hände glitten an Francies Taille auf und ab. Sie spürte das enge Korsett, das sie daran hinderte, Francies Körper in all seiner Weichheit genießen zu können. Frustriert seufzte sie auf.

»Ich weiß«, flüsterte Francie. »Du musst zu mir kommen. Bitte . . .«

»Ich möchte so gern . . .« Während Emmas Lippen sanft an Francies zupften, umarmte sie sie fest und zog sie an sich. »Aber ich kann hier nicht weg. Ich bin sogar nachts hier, um die Arbeit der Mädchen zu kontrollieren. Das ist leider nötig.«

»Ich verstehe manchmal nicht, warum du das tust«, hauchte Francie. »Obwohl ich versuche es zu verstehen.« Ihre Lippen pressten sich leidenschaftlich auf Emmas, und ihre Zunge drang dazwischen, war heiß wie ihr Verlangen. »Ich vermisse dich so.«

Emma brauchte Francies Hitze gar nicht, um ihre eigene zu spüren. Am liebsten hätte sie sich alle Kleider vom Leib gerissen und Francies gleich mit. »Ich dich auch«, flüsterte sie, schob ihren Unterleib gegen Francies, spürte aber nur ihren Reifrock, der wie eine Festung Francies lieblichste Teile beschützte. »Ich liebe schöne Kleider«, bemerkte sie unzufrieden, »und wie du darin aussiehst, aber im Moment hasse ich sie.«

Francie lachte leise. Ihre Erregung war ihrer Stimme deutlich anzuhören. »Du hast doch schon mal –« Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Du warst doch schon mal unter meinem Rock«, hauchte sie und wurde bei der Erinnerung knallrot.

Für einen Moment stutzte Emma. »Ja, aber das war . . .«, sie schaute zweifelnd die schmale Gasse entlang zur Straße hin, »in deinem Zimmer.« Doch auch wenn sie Einwände hatte, fühlte sie gleichzeitig, wie Francies Idee von ihr Besitz ergriff.

»Ja . . .« Francie seufzte und wand sich in Emmas Umarmung. »Ich weiß.«

»Wahrscheinlich wird niemand hier hereinschauen«, sagte Emma. Auch ihre Stimme zitterte und hatte ein ganz raues Timbre. »Aber wenn uns jemand entdeckt . . .«

»Wird dich niemand sehen, weil du ganz unter meinem Rock verschwunden sein wirst.« Erneut drängte Francie ihre Zunge zwischen Emmas Lippen. »Aber du musst es nicht tun, wenn du nicht willst«, keuchte sie schon fast verloren in der Welt des Begehrens.

Auch Emma spürte, dass ihre Widerstandskraft – die ohnehin nur eine Ausgeburt ihrer Vernunft war, die zur Zeit nicht viel Bedeutung hatte – schwand. Ihre Augen bohrten sich in Francies glühenden Blick, und langsam glitt sie an ihr hinunter.

Sie hörte, wie Francie für einen Augenblick die Luft anhielt, und schon warf sie sich ihren Reifrock über die Schultern und wurde fast ohnmächtig von Francies überwältigendem Duft, den der Rock gefangenhielt.

Ihre Hände glitten an Francies von den Pantalettes bedeckten Schenkeln entlang nach oben zu ihrem Schritt, der frei zugänglich zwischen den beiden Beinteilen lag. Sie spürte Francies Zittern und hörte einen spitzen Schrei, gedämpft von all den Stoffmassen, unter denen sie nun fast begraben war.

Ihre Finger tasteten nach der Nässe, und als sie sie gefunden hatte, ersetzte sie ihre Finger durch ihre Lippen.

Francie musste sich die Hände auf den Mund pressen, denn Emma hörte nichts mehr, aber es ging wie ein Schlag durch Francies Körper, als Emma sie so intim berührte. Da sie ohnehin nichts sehen konnte, schloss sie die Augen und genoss das weiche, samtige Gefühl, als ihre Zunge Francies erwartungsvolle Venuslippen teilte, um einzudringen.

Das Zittern in Francies Schenkeln nahm zu, und Emma drückte Francie mit der ganzen Kraft ihrer Schultern gegen die Wand, damit sie nicht den Halt verlor. Ihre Zungenspitze drang kurz ein, dann glitt sie zurück und kreiste um die kleine harte Kugel, die bei jeder Berührung anzuschwellen und noch härter zu werden schien.

Auch wenn Francie jeden Laut zu unterdrücken versuchte, übertrug sich ihr gepresstes Stöhnen von Haut zu Haut auf Emma, und die stöhnte selbst in Francies weit geöffneten Venusmund hinein, dass es fast aus der Höhle widerhallte, in der sich das Geräusch fing.

Je schneller Emmas Zunge wurde, desto mehr verkrampften sich Francies Schenkel, bis sie endlich ganz erstarrte und ein Beben durch ihren ganzen Körper lief, als würde sie von einer riesigen Hand durchgeschüttelt.

Emma lächelte in sich hinein, als Francies Nektar sich so sehr vermehrte, dass er über ihre Lippen floss. Sie leckte und saugte lustvoll so viel sie konnte in sich hinein, streichelte zärtlich Francies immer noch zitternde Schenkel und wartete darauf, dass sie sie loslassen konnte, um unter ihrem Rock hervorzugleiten.

»Kann ich Ihnen helfen, Miss? Geht es Ihnen nicht gut?«

Eine Männerstimme ließ sie mitten in der Bewegung erstarren.

Sie spürte, wie Francies Ladymodus sofort ansprang. Wenn sie eins von frühester Kindheit an hatte üben müssen, dann das. Beherrschung, Haltung. Ihre Knie zitterten immer noch, aber sie hielt sich mit aller Macht aufrecht und tat, als wäre nichts geschehen.

»Es geht mir gut«, antwortete sie mit einer Stimme, der wirklich nichts mehr von dem anzumerken war, was sie noch vor einer Minute beschäftigt hatte. Die Hitze war wie fortgeweht, es klang eher nach Eis. »Vielen Dank, Sir. Ich brauche keine Hilfe.«

Emma wusste, dass sie sich jetzt unter Francies Rock nicht bewegen durfte, auch wenn sie ihr gern geholfen hätte. Ihr brach der Schweiß aus bei der Vorstellung, was geschehen konnte, wenn man sie hier entdecken würde. Eine Lady durfte sich schon sehr vieles erlauben, aber auch nicht alles. Und eine irische Näherin würde für dasselbe Verhalten wahrscheinlich geteert und gefedert und schmachvoll aus der Stadt getrieben.

»Darf ich Sie nach Hause begleiten?« Die Männerstimme kam näher. »Haben Sie sich hier zu den Lagerhäusern verirrt?«

Instinktiv hielt Emma die Luft an, als sie spürte, wie der Mann bis auf ein paar Schritte an Francie herantrat.

Francie wandte den Kopf, was sich über ihre Röcke auf Emma übertrug. Gleich darauf wurde ihre ganze Gestalt von einem Ruck noch ein Stück weiter aufgerichtet. »Wie können Sie es wagen? Ich verirre mich nie.«

Trotz der angespannten Situation musste Emma lachen, was sie sofort wieder unterdrückte, damit die Bewegung unter dem Rock sie nicht verriet. Das war ihre Francie, wie sie leibte und lebte. Wahrscheinlich sprühten ihre Augen jetzt grüne Funken.

»Oh verzeihen Sie, Miss Cunningham, ich habe Sie nicht sofort erkannt.« Der Mann verbeugte sich leicht vor Francie, wobei sein Hut ihren Rock streifte und Emma berührte, was er glücklicherweise jedoch nicht bemerkte. Wie konnte er auch irgendetwas so Ungewöhnliches oder sogar Ungeheuerliches vermuten? »Ich habe Sie auf dem Ball der Morgans bewundert. Wir sind uns auch kurz vorgestellt worden, aber daran werden Sie sich nicht mehr erinnern.« Seine Stimme lächelte. Er schien ein freundlicher Mensch zu sein.

»Doch, natürlich, Mr. . . .?«

»Edwards«, warf der Mann zuvorkommend ein. »Elliot Edwards. Zu Ihren Diensten, Miss Cunningham.« Nun beugte er sich offensichtlich vor und küsste Francies Hand.

Emma hatte große Bedenken, dass er ihr versehentlich auf den Fuß treten würde, denn noch kleiner konnte sie sich nicht machen.

»Ich hoffe, Sie erlauben mir zu sagen, dass ich Thomas Morgan sehr beneide«, fügte Elliot Edwards galant hinzu. »Ich möchte nicht aufdringlich sein.«

»Nein, das . . .«, Francie räusperte sich, »das sind Sie nicht.«

Emma konnte geradezu spüren, wie Francie fieberhaft überlegte, wie sie diesen höflichen jungen Mann loswerden konnte. Die Konventionen gestatteten da wenig Spielraum. Normalerweise hätte sie ihm jetzt zugestehen müssen, sie nach Hause zu bringen, aber das konnte sie aus nachvollziehbaren Gründen nicht tun.

»Ich kann Sie aber unter keinen Umständen hier alleinlassen.« Seine Stimme klang tatsächlich besorgt. Doch auch sein Interesse an Francie schwang dabei mit. »Das ist keine gute Gegend.«

»Für viele, die hier arbeiten, ist sie gut genug«, erwiderte Francie schnippisch.

Er lachte leicht überrascht auf. »Sie sind eine erstaunliche junge Lady.«

»Weil ich eine eigene Meinung habe?«, fragte Francie herausfordernd zurück.

Ja, genau, unterhaltet euch noch ein bisschen, dachte Emma und hätte fast geseufzt, wenn es ihren Standort nicht verraten hätte. Ich habe hier ja sonst nichts zu tun. Ihre Muskeln verkrampften langsam von der immer gleichen Haltung, die sie nicht verändern konnte, und sie hatte Angst, dass sie bald gezwungen sein würde, sich zu bewegen. Bitte, Francie, lass dir was einfallen! Schick ihn weg! Am liebsten hätte sie es laut gerufen, aber das war ihr verwehrt. Sie biss sich auf die Lippen. So hatte sie sich ihren Aufenthalt unter Francies Rock nicht vorgestellt. Ganz und gar nicht.

Elliot Edwards hatte ein paar Sekunden geschwiegen. Vermutlich hatte er Francie ungläubig gemustert, denn das, was sie gesagt hatte, hatte er wohl noch nie von den Lippen einer jungen Dame aus gutem Hause gehört. Die hatten normalerweise keine eigene Meinung, und wenn sie sie hatten, behielten sie sie für sich, weil es für eine Lady nicht schicklich war, sich mit nicht-fraulichen Gedanken wie dem Unterschied zwischen arm und reich zu beschäftigen oder gar einem Mann zu widersprechen.

»Tatsächlich, Sie sind erstaunlich«, bekräftigte er hörbar amüsiert. »Schon auf dem Ball dachte ich, dass Sie anders sind als all die anderen, die dort tanzten. Sie haben es nicht genossen.«

Auch wenn sie es nicht sehen konnte, wusste Emma, dass Francie jetzt höchst indigniert die Augenbrauen hob.

»Wie kommen Sie darauf?«, erwiderte sie kühl mit einem Klang in der Stimme, der jeden, der ihr Wort zu bezweifeln wagte, in eine Ameise verwandelte.

»Was erlauben Sie sich?«

»Ich erlaube mir . . .«, er unterbrach sich und verbeugte sich wieder leicht, »Sie nach Hause zu bringen. Meine Kutsche steht gleich da vorn an der Straße.« Wahrscheinlich wies er mit einem Arm dorthin.

Wenn Francie nicht so eine wohlerzogene Dame gewesen wäre, wäre ihr jetzt auch der Schweiß ausgebrochen. Nach allen Regeln der Etikette musste sie mit ihm gehen. Es gab keinen Grund, das abzulehnen. Wenn ein Mann eine Frau beschützen wollte, konnte sie sich nicht dagegen wehren.

»Das ist sehr nett von Ihnen, Sir«, erwiderte sie, »aber . . .«, Emma spürte, wie sich jede Faser in Francie anspannte, »ich muss Sie bitten«, sie senkte schamhaft den Kopf und flüsterte kaum hörbar, »mich noch für einen Augenblick allein zu lassen.«

Wenn er ein wohlerzogener junger Mann war, was er offensichtlich war, musste er jetzt knallrot anlaufen, denn normalerweise sprachen Damen in Gegenwart von Herren niemals über irgendwelche dringenden körperlichen Bedürfnisse. Das war absolut tabu. Jede Dame würde sich in Grund und Boden schämen, überhaupt zuzugeben, dass sie körperliche Bedürfnisse hatte. Francie überschritt mit einer solchen Bitte die Grenzen des Anstands um Meilen, und das hatte er ganz sicher nicht erwartet.

Er stotterte »Selbstverständlich. Bitte entschuldigen Sie mich« und zog sich eilig zur Straße zurück.

»Schnell.« Francie trat hastig zur Seite, so dass Emma unter dem Rock auftauchte. »Wir haben nicht viel Zeit.«

Da eines ihrer Beine eingeschlafen war, hatte Emma etwas Mühe aufzustehen und verzog das Gesicht. »Ich dachte schon, du wirst ihn nie mehr los.«

Francie atmete tief durch. »Wer konnte das ahnen? Ich dachte, ich breche zusammen. Aber das durfte ich nicht. Dann hätte er mich bestimmt hochgehoben und –«

»Ja, das wäre nicht gut gewesen.« Emma musste tatsächlich fast kichern. »Was für eine Situation.«

Auch Francie unterdrückte das erleichterte Lachen, das aus ihr herausbrechen wollte. Ihre Mundwinkel zuckten nur. »Aber jetzt wird er mich nie wieder darauf ansprechen. Das wäre zu peinlich, nach dem, was ich eben gesagt habe.« Sie errötete leicht. »Mein Gott, ich hätte nie gedacht, dass ich je so etwas sagen würde. Meine Großmutter würde sich im Grabe umdrehen, wenn sie das gehört hätte. Sie wäre lieber im Boden versunken als das zu tun.«

»Du hattest keine andere Wahl«, beruhigte Emma sie. Sie hätte gern noch mehr getan, aber das verbot sich von selbst.

Francies Augen verharrten einen langen Moment zärtlich auf Emmas Gesicht. »Leider muss ich jetzt gehen.«

»Ich weiß.« Emma hätte sie am liebsten noch einmal in ihre Arme gerissen, aber auch wenn es unwahrscheinlich war, hätte der junge Mann zurückkommen können.

Francie blickte zur Straße, beugte sich dann vor und presste einen heißen Kuss auf Emmas Lippen. »Es war wunderschön«, hauchte sie. »Bitte, komm zu mir, sobald du kannst.« Dann raffte sie ihre Röcke und rauschte zum Ausgang der Gasse davon.

Emma blieb bewegungslos zurück und schaute ihr nur nach. Was hätte sie dafür gegeben, jetzt mit ihr gehen zu können, sich nie mehr von ihr trennen zu müssen. Aber das war unmöglich.

Sie riss sich zusammen und atmete tief durch. Mit energischen Schritten ging sie zum Brunnen zurück und nahm den Wasserkrug auf.

Sie würde eine Möglichkeit finden, Francie zu besuchen.

Ihr ganzer Körper kribbelte bei der Vorstellung.

Dort würde sie niemand stören.

Kapitel 17

»Oh nein, Emma! Wo soll ich die alle unterbringen?« Siobhan riss entsetzt die Augen auf und stöhnte gequält.

»Du schaffst das schon«, lächelte Emma sie zuversichtlich an. »Wir brauchen sie. Wir haben viel zu viel Arbeit und viel zu wenig Leute.«

»Wem sagst du das?« Siobhan stöhnte erneut, aber diesmal schon in einem schicksalsergebenen Ton. Sie wusste, dass sie Emma nicht daran hindern konnte, alles durchzusetzen, was sie wollte, und sie bewunderte sie ja auch dafür. Aber manchmal fragte sie sich wirklich, wie sie das alles schaffen sollten. Nicht jeder hatte Emmas Energie. »Wo treibst du die nur immer auf?« Sie schüttelte ungläubig den Kopf. »Alle anderen jammern, dass niemand mehr zu finden ist jetzt in Kriegszeiten.«

»Man muss nur wissen, wo man suchen muss.« Emma blinzelte spitzbübisch. »Sie sind frisch von Ellis Island.«

Siobhan lachte auf. »Na, uns hätte es mal so gut gehen sollen . . . Ein Job, kaum dass sie amerikanischen Boden betreten haben.«

»Tja.« Emma zuckte die Schultern. »Die Zeiten haben sich geändert.« Sie warf einen Blick in die hintere Ecke des Lagerhauses.

»Ja, ja, schon gut. Ich finde noch ein paar Stühle, damit sie anfangen können«, seufzte Siobhan. »Aber du . . .«, sie betrachtete Emma besorgt, »musst auch mal schlafen.«

»Schlafen? Was ist das?« Emma hatte zwar dunkle Ringe unter den Augen, aber sie ignorierte das einfach. »Braucht man das?«

»Ja, das braucht man. Deshalb . . .«, Siobhan schob sie entschieden hinaus, »schnappst du jetzt mal ein bisschen frische Luft.«

»Siobhan!«

»Keine Widerrede. Du hast mal gesagt, ich habe mich wie eine Mutter um dich gekümmert, und jetzt bestehe ich darauf, dass du eine brave Tochter bist und mir gehorchst.«

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