Ruth Gogoll: Wie Honig so süß

Ein Fortsetzungsroman in 250-Wörter-Abschnitten (Warum?)

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Auf einmal griff Francie auch mit ihrer zweiten Hand nach Emmas Arm. »Ich glaube«, sie schnappte nach Luft, »es ist wirklich am besten, wir gehen zurück.«

Francies Gesicht sah so bleich aus, als hätte jemand plötzlich weiße Farbe darüber gekippt.

Automatisch legte Emma ihren Arm um sie. »Denkst du, du schaffst es noch?«

Es war, als ob Francie in ihrem Arm erstarrte, ihre letzte Kraft zusammennahm, wie um sich dagegen zu wehren, zu Boden zu sinken. »Ja«, flüsterte sie, allerdings sehr schwach. »Wenn ich einfach einen Schritt nach dem anderen mache, schaffe ich es schon.«

»Das glaube ich kaum.« Emma musterte sie von oben bis unten. »Du kannst nicht mal mehr einen Finger heben. Ich wusste, es war keine gute Idee.«

»Ich . . .«, Francie straffte ihre Schultern, »schaffe es schon«, behauptete sie erneut. Sie wollte losgehen.

Emma hielt sie fest. Francie hätte ohnehin kaum einen Meter hinter sich bringen können. »Warte«, sagte sie und winkte einem Jungen, der gerade pfeifend und Steinchen kickend die Straße entlangstreunte. »He, du! Lauf in das Haus dahinten, das mit den grünen Fensterläden, und sag dem Kutscher, er soll uns hier abholen kommen.«

»Das . . . ist . . . nicht . . . nötig«, protestierte Francie, aber so kraftlos, dass man sie kaum hören konnte.

»Eins hat sich nicht geändert.« Emma lachte leicht, während sie Francie weiter stützte und ihren ohnmächtigen Versuchen loszugehen mühelos entgegenwirkte. »Du bist genauso stur, wie du es schon immer warst. Wenn du nicht so schwach wärst, würde ein kühler Blick von dir alle zu Salzsäulen erstarren lassen.«

Als ob sie diese Vermutung bestätigen wollte, wandte Francie ihr plötzlich ihr Gesicht zu, und ihre Augen hatten für einen kurzen Moment wieder diesen Smaragdschimmer, der alles durchdringen konnte.

»Miss Emma! Was Sie tun da?« George kam laut rufend den kurzen Weg die Straße heruntergelaufen. »Alles in Ordnung?«

»Nicht so ganz«, erwiderte Emma. »Bring Miss Francie zurück ins Haus. Sie hat sich mit dem Spaziergang doch ein wenig übernommen.«

»Ich brauche . . . nur . . . ein bisschen . . . Ruhe.« Francie widersprach immer noch. »Dann kann ich allein . . . gehen.«

»Wenn Miss Emma sagen, Sie zu schwach zu laufen, Sie zu schwach zu laufen«, bestimmte George und nahm sie einfach auf seine Arme, wie er es schon einmal getan hatte. »Miss Emma wissen, was gut sein. Sie gehorchen.«

Bei dieser Anweisung musste Emma laut lachen. »Sei nur vorsichtig mit solchen Aussagen, George. Wenn Miss Francie wieder gesund ist, wirst du sehen, dass sie nicht zum Gehorchen gemacht ist.«

»Das nicht mein Problem«, versetzte George trocken, »sondern Ihrs.«

Sie hatten bereits wieder die Gartenpforte erreicht. Wofür Francie eine halbe Stunde gebraucht hatte, das hatte George mit seinen langen Schritten in fünf Minuten geschafft.

»Da könntest du recht haben, George.« Emma nickte nachdenklich, während Mary bereits die Tür öffnete, um sie hereinzulassen. »Du weißt gar nicht, wie sehr.«

Kapitel 23

Eine Woche später hatte Emma schon fast das Gefühl, als wäre es immer so gewesen. Sie und Francie im selben Haus, Emma ging zur Arbeit, Francie ruhte sich aus, gewann ihre alte Spannkraft zurück, und wenn Emma nach Hause kam, aßen sie gemeinsam, unterhielten sich mit einem Glas Wein vor dem Kamin. Wie ein altes Ehepaar.

Wenn sie so dasaßen, beobachtete Emma Francie oft ganz versonnen, weil sie gerade in dieser scheinbaren Selbstverständlichkeit kaum glauben konnte, dass Francie zurückgekommen war, dass sie tatsächlich nur einen Meter entfernt von ihr saß.

Tagsüber fiel es Siobhan hin und wieder auf, dass Emma nicht so konzentriert war wie sonst, dass ihre Gedanken abschweiften, und sie lachte darüber. »Ich brauche dir noch nicht einmal einen Penny für deine Gedanken zu geben, ich weiß schon, was du denkst. Oder eher«, sie zwinkerte, »an wen.«

»Ist das so offensichtlich?« Emma lächelte.

»Was anders könnte es sein, das dich so sehr von allem ablenkt?«, fragte Siobhan. »Das habe ich vorher noch nie erlebt.« Sie hob die Augenbrauen. »Außer damals, am Anfang, als ich noch nicht wusste, dass du –«

»Ja, es ist wirklich manchmal so wie am Anfang«, bestätigte Emma gedankenverloren, »obwohl es damals niemals so war. Nicht mal im entferntesten.« Sie schüttelte den Kopf. »Dass sie jetzt in meinem Haus ist, davon hätte ich nie zu träumen gewagt.«

»Schon dass du überhaupt ein Haus hast, ist ein Traum.« Siobhan schlug mit der Hand durch die Luft. »Niemand außer dir hätte das geschafft. Als wir bei Mrs. Mitchell in der Nähwerkstatt saßen, mit zerstochenen Fingern, hat nicht eine von uns an so etwas gedacht. Außer dir.«

»Ich auch nicht.« Emma lachte. »Alles, was ich wollte, war ein besseres Zimmer, in dem ich nähen konnte.«

»Na, das hast du ja jetzt.« Bewundernd klopfte Siobhan ihr auf die Schulter. »Sogar mehrere davon. So viele, dass du Francie eins abgeben konntest.«

Kaum hatte Siobhan das gesagt, erschien ein Bild vor Emmas innerem Auge, wie es in der ersten Nacht gewesen war, wie Francie dort im Bett gelegen hatte, völlig erschöpft. Wie sie sich neben sie gelegt hatte.

Nichts in der Art war seitdem passiert. Nicht dass Emma nicht daran gedacht hätte, mehr als einmal. Aber Francie schien nie daran zu denken, es schien ihr nicht einmal flüchtig in den Sinn zu kommen, sie hatte alles vergessen.

Emma seufzte entsagungsvoll auf.

»Was hast du?«, fragte Siobhan. »Ich dachte, nun hättest du alles, was du immer wolltest.«

»Alles?« Zweifelnd hob Emma die Augenbrauen. »Kann man wirklich je alles haben?«

»Meinst du das philosophisch?« Siobhan schüttelte irritiert den Kopf. »So kenne ich dich ja gar nicht.«

»Ich kenne mich auch bald nicht mehr.« Emma stand auf und ging zur Tür, lehnte sich dagegen, um hinauszusehen. »Francie und ich . . . wir . . . wir leben zusammen wie Schwestern.« Von ihrer eigenen Aussage überrascht lachte sie auf. »Nein, nicht wie Schwestern. Mit Katie war es nie so friedlich.« Beinah verzweifelt wandte sie sich an Siobhan zurück. »Wird sie sich je erinnern? Wird sie wissen, was zwischen uns war? Wird sie es wieder wollen?« Sie hob ihre Schultern und ließ sie dann müde fallen. »Ich weiß es nicht.«

Siobhan kam zu ihr und betrachtete sie fast mütterlich. »Niemand weiß das«, sagte sie leise und tröstend. »Man kann nur hoffen.«

»Ich würde so gern etwas . . .«, Emma presste ihre Hände zusammen, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten, »tun! Herumsitzen und Nichtstun macht mich verrückt.«

»Ja.« Siobhan lächelte verständnisvoll. »Dafür bist du nicht der Typ. Du willst die Dinge anpacken und ändern, nicht abwarten.«

»Ist das denn so falsch?«, fragte Emma verzagt, was so wenig zu ihr passte wie Herumsitzen und Nichtstun. »Darf ich mir nicht einmal Gedanken machen?«

»Gedanken machen darfst du dir so viel, wie du willst«, meinte Siobhan resolut, »aber das ändert überhaupt nichts. Hast du dir schon mal überlegt«, sie senkte den Kopf zur Seite, »dass du sehr wenig zu Hause bist? Du arbeitest die ganze Zeit. Da ist abends dann kaum noch Gelegenheit, euch wieder besser kennenzulernen. Möglicherweise sieht Francie das auch als Gleichgültigkeit deinerseits an. Dass du nur darauf wartest, dass sie dein Haus wieder verlässt. Habt ihr je darüber gesprochen?«

Fast hätte Emma die Augen so weit aufgerissen, dass ihre Augäpfel herausgefallen wären. »Du glaubst, das könnte sie denken?«

Siobhan zuckte die Schultern. »Ich weiß nicht, was sie denkt. Ich kenne sie nicht. Aber ich weiß, was ich denken würde, wenn jemand so wenig Zeit wie möglich mit mir verbringt.« Sie lächelte. »Nicht unbedingt, dass ihm etwas an mir liegt.« Ihre Augenbrauen hoben sich fragend. »Hast du ihr schon mal erzählt, was zwischen euch war? Es auch nur angedeutet?«

»Nein.« Emma schüttelte den Kopf. »Ich wollte sie nicht . . . drängen.«

»Sehr nett von dir«, bemerkte Siobhan amüsiert, »aber vielleicht nicht das, was sie erwartet. Oder was ihre Erinnerung zurückbringt.«

»Und?« Emma hob ratlos die Hände. »Was soll ich jetzt tun?«

»Schon interessant«, stellte Siobhan fest. »Im Geschäft weißt du immer, was du tun musst. Im Privaten scheint das nicht so zu sein.«

»Irgendwie hast du recht.« Emmas Mundwinkel zuckten. »Du kennst mich einfach zu gut.«

»Wie wäre es, wenn du jetzt nach Hause gehst und mit ihr sprichst?«, schlug Siobhan vor. »Oder küss sie einfach. Vielleicht erinnert sie sich dann.« Sie grinste.

»Du meinst, wie Dornröschen?« Das brachte Emma zum Lachen. »Ich glaube nicht, dass ich der geborene Märchenprinz bin.«

»Wenn überhaupt, die Prinzessin«, sagte Siobhan. »Auch wenn das vielleicht besser zu ihr passt.« Sie lächelte Emma zuversichtlich an. »Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Das solltest du am besten wissen.«

»Das ist wahr.« Emma runzelte die Stirn. »Aber wenn . . . wenn sie . . .«

»Wenn sie von nichts mehr weiß, sehr überrascht ist und dich zurückstößt, weißt du wenigstens, woran du bist«, erklärte Siobhan seufzend. »Wenn auch nicht so, wie du es gern hättest.«

In Emma kämpften verschiedene Kobolde gegeneinander an. Sie schienen sich ganz schön gegenseitig zu knuffen, dass sie es fast spürte. »Aber es könnte nur sein, weil sie sich eben . . . nicht erinnert«, wandte sie ein. »Nicht weil sie es so will.«

»Hast du das mit dem Kopf entschieden?«, fragte Siobhan zurück. »Brauchtest du dazu deinen Verstand? Oder . . .?«

»Ich habe es einfach gefühlt.« Emma begann zu lächeln. »Dazu braucht man keinen Kopf, keinen Verstand, kein . . . Gedächtnis.«

»Würde ich auch sagen.« Siobhan grinste schon wieder. »Geh nach Hause.«


Als Emma aus der Kutsche stieg, mit ein paar Stoffproben im Arm, die sie Francie zeigen wollte, weil sie fand, dass diese Muster und Farben ihr gut stehen würden, konnte sie den eleganten Rotfuchs nicht übersehen, der den ebenso eleganten Zweisitzer zog, der vor ihrer Haustür stand.

Unzufrieden zog sie die Augenbrauen zusammen. Sie hätte Elliott Edwards nicht sagen sollen, dass Francie bei ihr wohnte.

Obwohl alles in ihr dazu drängte, ins Haus zu stürmen, hielt sie sich zurück und versuchte die letzten Meter so damenhaft wie möglich zurückzulegen.

Mary öffnete ihr wie immer die Tür, und sie drückte ihr die Stoffproben in die Hand. »Würden Sie das bitte in mein Nähzimmer hinaufbringen? Danke.« Dann schaute sie sich um, als würde sie das gar nicht interessieren, und fragte: »Wo ist Miss Francie?«

»Im Empfangszimmer«, gab Mary Auskunft. »Sie hat Besuch.«

Emma nickte. »Ich habe Mr. Edwards’ Kutsche schon gesehen.« Bewusst langsam, um ihre Erregung nicht zu zeigen, zog sie Hut und Handschuhe aus und drückte sie Mary ebenfalls in die Hand. »Trinken sie Tee?«

»Ja.« Mary nickte. »Möchten Sie etwas anderes?«

»Nein, nein.« Emma schüttelte den Kopf. »Tee ist in Ordnung.« Sie lächelte etwas abwesend und wandte sich der Tür zum Empfangszimmer zu, das direkt neben der Treppe lag.

Während Mary hinaufstieg, um die Sachen, die Emma ihr übergeben hatte, nach oben zu bringen, zögerte Emma, das Zimmer zu betreten. Endlich gab sie sich einen Ruck und öffnete die Tür.

Francie saß auf dem Canapé, elegant einen Finger abspreizend, während sie ihre Teetasse zum Mund führte. Ihr gegenüber saß Elliott Edwards, ebenfalls eine Teetasse in der Hand, aber weit vorgebeugt, als wäre er gerade dabei gewesen aufzustehen und sich neben Francie aufs Sofa zu setzen.

In selben Augenblick, als Emma hereintrat, wandte Francie ihr das Gesicht zu, als hätte sie schon gespürt, wer es war, und lächelte. »Wir haben Besuch«, sagte sie. »Mr. Edwards ist vorbeigekommen.«

»Das sehe ich«, erwiderte Emma etwas steif, denn in ihr stieg Ärger hoch beim Anblick dieser trauten Szene, die sie offenbar unterbrochen hatte, und ihr wurde heiß. Worüber hatten Francie und Elliott gesprochen? Hatte er ihr einen Antrag gemacht? War es schon soweit?

»Guten Tag, Miss O’Shea.« Elliott stand höflich auf und stellte seine Tasse auf dem kleinen Tisch neben sich ab. »Wie geht es Ihnen?«

Vielleicht besser, nachdem ich dir auf die Nase gehauen habe, dachte Emma. »Gut«, sagte sie und zwang ihren Gesichtsausdruck, nicht zu viel von dem zu zeigen, was sie empfand. »Und Ihnen?«

»Sehr gut, danke.« Er lächelte sein jungenhaftes Lächeln, das so einnehmend und sympathisch war.

Wovon Emma im Moment aber nichts wissen wollte. Ihr wäre es lieber gewesen, ihr hätte eine ekelhafte Fratze entgegengestarrt, die sie hassen konnte. Natürlich ging es ihm gut. Er rechnete sich Chancen bei Francie aus, und wer wusste, wie weit er schon gekommen war?

»Setz dich doch«, sagte Francie und beugte sich leicht zur Kanne auf dem Tisch vor. »Tee?« Sie wartete Emmas Antwort gar nicht ab, sondern goss ihr eine Tasse ein. »Wieso kommst du schon so früh? Ist irgendetwas im Geschäft passiert?« Mit fragender Miene reichte sie Emma die Tasse.

Emma ging zu ihr, nahm die Tasse, setzte sich aber nicht. Sie war viel zu unruhig dazu. Irgendwie hatte sie das Gefühl, sie wollte sprungbereit sein, als ob sich eine Gefahr im Raum befände, der sie sich unvermutet würde stellen müssen.

»Nein.« Sie schüttelte den Kopf und nahm einen Schluck von ihrem Tee, in der Hoffnung, das würde sie beruhigen, was es allerdings nicht tat. »Ich dachte nur«, ihre Mundwinkel hoben sich unbestimmt, »wir könnten vielleicht ein paar Stoffproben anschauen, die ich mitgebracht habe. Für neue Kleider für dich.«

»Ja, das ist besser im Tageslicht«, stimmte Francie zu. »Wenn du sonst kommst, ist es ja oft schon dunkel.«

»Das passt ja hervorragend«, stellte Elliott strahlend fest. »Dann werden Sie doch sicherlich einmal Zeit für einen Ausflug haben während des Tages.«

Da er immer noch stand, konnte Emma ihm direkt ins Gesicht blicken, und er sah so harmlos aus, dass es fast unmöglich erschien, ihm zu unterstellen, dass er tatsächlich etwas anderes meinen könnte als nur einen Ausflug.

»Darüber hatten wir gerade gesprochen, bevor du kamst«, erklärte Francie, die nun als einzige noch saß und deshalb sowohl zu Elliott als auch zu Emma hochschauen musste. »Vielleicht könntest du dich ja auch einmal von der Arbeit freimachen und mitkommen.«

Das würde Mr. Edwards bestimmt nicht gefallen, dachte Emma grimmig. So hat er sich das nicht gedacht. »Vielleicht«, erwiderte sie vage.

»Ich würde mich freuen, Miss O’Shea.« Elliott nickte ihr freundlich zu.

Ja, sicher. Emmas Sarkasmus wuchs. Als Siobhan sie nach Hause schickte, hatte sie sicherlich nicht damit gerechnet, dass Emma hier so etwas erwarten könnte.

Und sie selbst hatte sich auch etwas anderes vorgestellt. Während der Fahrt hatte sie darüber nachgedacht, was sie Francie sagen wollte, wie sie ihr schonend beibringen konnte, dass sie nicht nur gute Freundinnen waren. Aber wie sollte sie das in Gegenwart von Elliott Edwards?

»Dann darf ich Sie morgen zu einer Ausfahrt abholen?«, fragte Elliott hoffnungsvoll mit einem Blick auf Francie. »Am frühen Nachmittag vielleicht?«

Es schien, als ob Francie zögerte. Ihr Blick schweifte zu Emma, verharrte dort kurz, als ob er auf etwas wartete, dann wandte sie sich zu Elliott zurück. »Sehr gern«, beschied sie ihm lächelnd. »Ich komme viel zu wenig aus dem Haus. Es würde mich freuen, mal wieder ein bisschen mehr von der Stadt zu sehen.«

Elliott trat beglückt zu ihr und küsste die Hand, die sie ihm reichte. »Dann verabschiede ich mich jetzt und überlasse Sie Ihren Stoffproben.« Er lachte leicht. »Und freue mich auf morgen.«

»Meine Verehrung, Miss O’Shea«, nickte er sich leicht verbeugend Emma zu, als er an ihr vorbeiging und den Raum verließ.

Ganz kurz schloss Emma die Augen. Sie hatte das Gefühl, in ihr wäre so eine Spannung angewachsen, dass sie die Teetasse mit ihren Fingern hätte zerdrücken können. Fast zitternd stellte sie sie auf dem Tisch ab.

»Ist doch etwas passiert?«, fragte Francie besorgt. »Du siehst so angespannt aus.«

Es war so wundervoll, wie sie dort auf dem Sofa saß, der Rock des Kleides sich um sie bauschte, als säße sie auf einem Thron – sie trug eines von Emmas Kleidern, aber jetzt erst stellte Emma fest, dass sie es wohl eher für Francie genäht hatte als für sich selbst, denn es waren genau Francies Farben. Es stand ihr viel besser als Emma –, und Emma wollte nicht, dass irgendetwas dieses Bild störte. Sie hätte Francie ewig anschauen können.

Zwar hatte sich die Spannung in ihr ein wenig abgebaut, aber die Ankündigung, dass Elliott morgen wiederkommen und Francie mitnehmen würde, hing über ihr wie ein Damoklesschwert. Sie wusste, es sollte nur ein Ausflug sein, im hellen Licht des Tages, in der Stadt, wo viele andere Leute um sie herum sein würden, aber trotzdem würde er mit Francie allein sein, würde ihr – wenn er das beabsichtigte – seine Liebe gestehen können oder was immer er wollte. Falls er das nicht schon heute getan hatte.

»Wie lange war Mr. Edwards hier?«, fragte sie und versuchte das Beben in ihrer Stimme zu unterdrücken.

»Oh, eine halbe Stunde vielleicht«, antwortete Francie völlig unbefangen. »Es war eine nette Abwechslung. Sonst bin ich ja immer allein.« Sie verzog die Mundwinkel. »Außer wenn Katie mich mit ihrer Gegenwart beehrt. Aber ich habe das Gefühl, sie mag mich nicht.«

Sofort fühlte Emma Schuldgefühle in sich aufsteigen. »Es tut mir leid, dass ich mich so wenig um dich kümmere«, entgegnete sie zerknirscht. »Ich merke manchmal gar nicht, wie schnell der Tag vergeht. Es ist immer so viel zu tun.«

Francie lächelte. »Du warst schon immer ein Arbeitstier.«

»Ja, wahrscheinlich kann ich mir das nicht so schnell abgewöhnen«, gab Emma zu. Dann stutzte sie und starrte Francie verblüfft an. »Was hast du da gerade gesagt?«

Francies Lächeln brach zusammen.

Sekundenlang war es vollkommen still um sie herum, so dass man eine Feder hätte zu Boden fallen hören können.

»Du weißt, dass ich . . . schon immer . . .« Emma schluckte. »Woher weißt du das?« Ein zögerndes Lächeln schlich sich in ihr Gesicht. »Du erinnerst dich an . . . früher?« Ihr wurde heiß und kalt. Auf einmal stürzte sie zu Francie hinüber und warf sich vor ihr auf die Knie. »Du erinnerst dich an mich? An uns?« Zitternd umfasste sie Francies Hände, die sie vor sich in den Schoß gelegt hatte, und drückte sie. »Du weißt wieder, was war?«, fragte sie atemlos mit weit aufgerissenen Augen.

»Ich . . .« Francie räusperte sich, schaute weg, schaute Emma wieder an, räusperte sich erneut. »Ich habe es immer gewusst.«

»Was?« Emmas Augen konnten sich nicht weiter öffnen, um ihrer Verwunderung Ausdruck zu verleihen, aber hätten sie es gekonnt, hätten sie es getan.

Francie legte den Kopf in den Nacken, atmete tief durch, entzog Emma ihre Hände, blickte zum Fenster hinüber und stand auf.

Als sie sich ein paar Schritte von ihr entfernte, blieb Emma wie angewurzelt auf dem Boden sitzen. Nur ihr Blick folgte Francie verstört. »Was . . . was meinst du damit?«, stotterte sie.

Mit verschränkten Armen stand Francie da, den Rücken Emma zugewandt. Sie blieb stumm.

»Francie?« Emma sprang auf. »Francie!« Sie lief zu ihr hinüber und blieb hinter ihr stehen. »Was soll das heißen: Ich habe es immer gewusst?«

Ein tiefer Seufzer entrang sich Francies Brust. »Ich wollte vieles vergessen, aber ich konnte nicht«, antwortete sie.

Emma kamen sofort wieder ihre Vermutungen in den Sinn, Thomas Morgan, der Francie etwas angetan hatte, vielleicht sogar ein Kind . . . »Aber . . . aber . . .«, stammelte sie. »Warum hast du nichts gesagt? Die ganze Zeit, die du hier bist?«

»Wie du dich vielleicht erinnerst, wollte ich gleich am ersten Tag wieder gehen«, sagte Francie. »Aber leider«, sie gab ein hohles Geräusch von sich, »bekam ich kein Kleid.«

»Mary hatte völlig recht, dir keins zu geben. Du warst viel zu schwach«, erklärte Emma. »Du hättest nirgendwo hingehen können.«

»Ich wollte nur in unser Haus.« Francie atmete tief durch. »Dort hätte ich niemanden gestört.«

»Ganz allein? In dem Zustand, in dem du warst?«, fragte Emma. »Und hier«, sie lächelte zärtlich, »hast du auch niemanden gestört.« Sanft legte sie ihre Hände auf Francies Schultern und spürte, wie Francie zusammenzuckte.

»Außer Katie«, erwiderte sie. »Sie hasst mich.«

»Katie ist nur an Leuten interessiert, die sie ausnutzen kann.« Emma lachte leicht. »Bei dir war nichts zu holen.«

»Ich . . . ich . . . Emma . . .« Unglücklich drehte Francie sich zu ihr um. »Es tut mir so leid. Ich habe mich so geschämt.« Sie senkte den Kopf.

Da waren sie wieder, die Bilder in Emmas Kopf, weshalb Francie sich geschämt haben könnte. »Es war nicht deine Schuld«, sagte sie leise. »Er hat dir das angetan.«

»Woher weißt du das?« Francie blickte sie erstaunt an. »Ich dachte, nur im Süden wüssten sie über meinen Stiefvater Bescheid.«

»Dein . . . Stiefvater?« Das warf Emma fast um. An den Stiefvater hatte sie nie gedacht. Dabei war er die ganze Zeit im Haus gewesen. Seit Francie ein kleines Mädchen war . . . »Dieser Schuft.« Heftig presste sie die Kiefer zusammen. »Wenn ich den in die Finger kriege . . .«

»Das wird dir schwerfallen«, versetzte Francie nüchtern. »Er ist tot.«

Emma legte ihre Arme um Francie und zog sie zu sich heran. Was für ein Gefühl das war, sie endlich wieder an sich drücken zu können . . . Ihr Herz klopfte laut. Als ob sie sie gleich wieder verlieren könnte. »Gut für ihn«, flüsterte sie und versuchte es nicht wie ein Knurren klingen zu lassen. »Ich hätte ihn nicht so leicht davonkommen lassen.«

»Du kanntest ihn doch gar nicht.« Francie wirkte irritiert. »Was hast du gegen ihn?«

»Was ich . . .« Emma schob Francie etwas von sich, um ihr ins Gesicht blicken zu können. Ihre Augenbrauen hoben sich verblüfft. »Was ich gegen ihn habe? Er hat dir wehgetan. Er hat dich –« Sie konnte es nicht aussprechen. »Er hatte Schlimmeres verdient als den Tod.«

Geringschätzig verzog Francie die Lippen. »Er hat mich nicht gemocht. Er fand mich . . . lästig, weil alles, was er wollte, das Geld meiner Mutter war. Er wollte mir nichts davon abgeben«, meinte sie. »Aber außer dass er mich ignoriert und mir immer das Gefühl gegeben hat, er wollte mich nicht in seinem Haus – im Haus meiner Mutter – haben, hat er mir eigentlich nichts getan. Meine Mutter war schlimmer. Sie hat mir das Gefühl gegeben, ich wäre nichts wert, ich könnte nichts richtig machen, ich müsste dankbar dafür sein, wenn ich noch irgendeinen buckligen Ehemann finde.«

»Er hat dir . . .«, Emmas Stirn runzelte sich tief, »nichts getan? Warum bist du dann verschwunden?«

Trocken lachte Francie auf. »Ja, das . . . hatte schon etwas mit ihm zu tun.« Sie trat einen Schritt zurück, drehte sich zur Seite und legte ihre Hände ineinander, rang sie fast.

»Du bist vor ihm geflohen?« Aus dem Durcheinander in ihrem Hirn versuchte Emma irgendeinen Strohhalm herauszuziehen. »Weil er nun doch etwas von dir wollte?«

»Nein, nein.« Francie schüttelte den Kopf. »Du bist auf dem völlig falschen Dampfer. Ich bin nicht vor ihm geflohen, sondern mit ihm.«

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