Sollte sie darauf jetzt antworten? Michelles Augen öffneten sich etwas vor Erstaunen. »Ähm . . .«, startete sie einen Versuch, aber es fiel ihr wirklich nichts ein.

Vermutlich war das sowieso nicht ihre Entscheidung. Danela hatte das schon entschieden.

»Im Interesse unserer Zusammenarbeit hier in der Firma halte ich das für besser«, fuhr Danela da schon fort und bestätigte damit Michelles Vermutung. »Ich halte es überhaupt für besser, wenn wir das hier als Stunde null betrachten. Wir haben uns heute erst kennengelernt.«

»Haben wir?«, stammelte Michelle verwirrt.

»Sie müssen doch einsehen . . .«, Danela beugte sich über ihren Schreibtisch vor und kam dadurch Michelle näher, sodass es fast schien, als wollten ihre Augen in sie eindringen, »dass eine andere Lösung nicht praktikabel ist.«

Nicht praktikabel. Was auch immer das heißen sollte. Auf jeden Fall hieß es nicht das, was Engelchen vorgeschlagen und Michelle sich gewünscht hatte. Ganz und gar nicht.

Eiseskälte kroch durch ihre Adern und ließ sie zittern. Gina hatte recht gehabt. Für Danela war das alles nur ein Spiel gewesen. Nichts Ernstes. Und nun wollte sie Michelle dazu bringen, es genauso zu sehen.

Aber das konnte sie nicht. »Danela . . .«, flüsterte sie. »Ich habe ununterbrochen an dich gedacht.«

Mit einer fließenden Bewegung lehnte Danela sich zurück. »Und dann tauche ich hier als deine neue Chefin auf.«

Anscheinend hatte sie nun doch beschlossen, es beim Du zu belassen. Zumindest, wenn sie allein waren.

»Ja.« Michelle atmete tief durch. »Das war eine Überraschung.«

»Für mich auch«, sagte Danela. Ihre Augen nahmen Michelle in den Blick, als wollten sie sie vermessen. »Und nun müssen wir damit klarkommen. Denkst du, du schaffst das?«

Dass sie selbst es schaffen würde, schien sie nicht infrage zu stellen.

»Ich weiß nicht.« Langsam schüttelte Michelle den Kopf. »Als du mich dort auf der Dachterrasse alleingelassen hast . . .« Sie schluckte. »Verstehst du denn nicht? Seitdem habe ich mich jede Sekunde gefragt, warum du das getan hast.« Sie senkte ihren Blick zu Boden.

Eine ganze Weile war es still. Als wäre die Zeit stehengeblieben.

Da Danela nichts sagte, hob Michelle endlich wieder den Kopf. »Du willst mir keine Erklärung geben?«

Danela, die anscheinend völlig regungslos dagesessen hatte, schürzte die Lippen. »Nein«, erwiderte sie.

Michelle hätte heulen können. Nicht mal ein Tut mir leid? Gar nichts? Sie atmete tief durch und versuchte, sich zu beruhigen. »Weißt du eigentlich, wie erbärmlich ich mich gefühlt habe?«, hauchte sie mit nur mühsam hervorgeholter Energie, die sie ihre letzte Kraft kostete. »Wie verletzend es für mich war, so zurückgelassen zu werden?«

Wieder war es eine Weile still, dann sagte Danela: »Das wollte ich nicht, Michelle. Dich verletzen. Bestimmt nicht.«

In Michelle arbeitete es. Was Gina gesagt hatte, was Danela jetzt sagte . . . »Für dich war das nichts, oder? Es hatte keine Bedeutung«, brach es aus ihr heraus.

Die lange Pause, die zwischen ihnen jetzt schon die Regel zu sein schien, ließ sie jedes kleinste Geräusch wie eine Explosion wahrnehmen.

Als auf Danelas Schreibtisch eine Schere, die knapp an der Kante auf einem Kästchen gelegen hatte, das Gleichgewicht verlor und mit einem dumpfen Geräusch auf den Tisch fiel, wäre sie fast von ihrem Stuhl hochgesprungen, so erschreckte es sie.

»An diesem Abend hast du mir gegeben, was ich brauchte.« Danelas Stimme klang emotionslos. »Und ich hatte gehofft, dass das für uns beide galt. Ich hatte es vorausgesetzt. Weiter habe ich nicht gedacht.«

»Weiter hast du nicht gedacht?« Das alles war so eine Enttäuschung für Michelle, dass ihre eigene Stimme so leise klang, dass man sie kaum hören konnte. »Seit diesem Abend hast du nie mehr an mich gedacht?«

Ratlos hob Danela die Hände in die Luft. »Was erwartest du, Michelle? Dass ich dir sage, dass ich mich verliebt habe? Das habe ich nicht.« Erneut beugte sie sich vor, und ihre dunklen Augen erschienen plötzlich wie ein Tor zu einer unheilvollen Welt. »Das tue ich nicht.«

»Das tust du nicht.« Michelle schluckte. »Nie?«

»Nie«, bestätigte Danela. »Beruhigt dich das? Dass es nichts Persönliches war? Es hatte nichts mit dir zu tun.«

Es hatte nichts mit mir zu tun. Wie konnte so etwas . . . so etwas Schönes und Intimes nichts mit den Menschen zu tun haben, die daran beteiligt waren? Das war für Michelle unvorstellbar.

»Und was sollen wir jetzt tun?«, fragte sie kraftlos.

Danela machte erneut eine Geste mit den Händen, hielt sie vor sich mit den Handflächen nach oben über den Tisch. »Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder wir trennen uns endgültig, oder wir vergessen das Ganze und arbeiten zusammen. Ab Stunde null. Wie ich sagte.«

Michelle fühlte, wie ihre Augen heiß wurden. Sie musste fort von hier, sonst würde sie gleich in einen Weinkrampf ausbrechen.

»Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht?«, hauchte sie und fühlte sich dabei völlig ohnmächtig. Den Mächten des Schicksals ausgeliefert. Und dieses Schicksal hieß Danela.

Die schüttelte den Kopf. »Meines Erachtens nicht.« Eine Weile sah sie Michelle an. »Der Abend ist anders gelaufen, als wir es uns wohl beide gedacht haben, Michelle.« Ihre Augen funkelten im einfallenden Sonnenlicht, als sie sich vorbeugte und Michelle näher betrachtete. »Aber ich wollte dich ganz sicher nicht verletzen oder demütigen. Das lag mir wirklich fern.«

Die Tränen würden gleich herausstürzen wie Wasserfälle. Aber Michelle konnte nicht anders. Sie musste noch etwas sagen.

»Aber du hast es getan«, flüsterte sie. »Du hast mir den Boden unter den Füßen weggezogen.«

Wieder lehnte Danela sich zurück, wodurch sie die Distanz zwischen sich und Michelle vergrößerte. »Das wird mir langsam klar«, gab sie zu. »Aber an der Vergangenheit kann ich nichts ändern. So leid es mir tut.«

»Es tut dir leid? Es tut dir wirklich leid?« So etwas wie Hoffnung keimte in Michelle auf.

Mit einem langen Finger deutete Danela zum Fenster hinaus.

Auf einmal musste Michelle schlucken, als sie an den Abend dachte, an dem Danela mit dem Finger in den Himmel gezeigt und anschließend so wunderbare Dinge getan hatte. Sie spürte die Röte, die in ihre Wangen schoss.

»Tut es dem Vogel da draußen leid, dass er fliegen kann?«, fragte Danela. »Denkt er darüber nach, dass andere es nicht können?«

Michelle fiel die Kinnlade herunter. »Ich bin ein Vogel, der nicht fliegen kann?«

»Aber nein.« Anscheinend amüsierte Danela Michelles Reaktion, denn ein leises Lächeln schlich sich in ihre Mundwinkel. »Im Gegenteil. Du hast hervorragende Bewertungen und offenbar ein großes Potenzial. Du kannst fliegen. Oder könntest es lernen. Das ist ein Grund, warum ich dich hier nicht verlieren möchte.«

In Michelles Kopf wirbelten Gedanken, Bilder, Gefühle durcheinander. »Du willst also nicht, dass ich kündige?«

»Nicht, wenn du das nicht willst«, sagte Danela.

Entgeistert starrte Michelle sie an. Wie soll ich es ertragen, ihr jeden Tag zu begegnen, ihr nah zu sein . . .

Ihr Blick verfing sich in Danelas braunen Augen, die sie jetzt ruhig beobachteten, sie nicht drängten. Doch keine Spur des Verlangens lag mehr darin.

Das kann ich nicht, dachte Michelle. Das halte ich nicht aus.

»Du kannst es dir ja noch überlegen«, bot Danela an. »Ich will dir nicht kündigen, und ich will auch nicht, dass du kündigst. Ich bin der Meinung, dass zwei erwachsene Frauen eine solche . . .«, sie hüstelte, »Situation anders lösen können. Aber ich will dir natürlich auch nicht im Weg stehen, wenn du andere Vorstellungen hast. Es ist ganz allein deine Entscheidung.«

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